Margarete Groschupf

 

 

 

(DEUTSCHLAND)

 

 

 

Komm, Herr Jesus, Sei unser Gast

 

„Der Vater schneidet den Braten an,“ schrieb mein Bruder. Das stimmt, der Vater schneidet den Braten immer an, aber er kann es überhaupt nicht. Die Geflügelschere von meinem Großvater wird an seinen Platz gelegt, er stopft sich eine große Serviette in die Halsweite, die Unterlippe quillt vor und auf geht’s. Mutter und Großmutter sehen kopfschüttelnd zu und können noch ein paar mal zwischen Esszimmer und Küche hin- und herlaufen, Kartoffelschüsseln, Rotkohl, Pfeffer und Salz holen. Der Wein ist natürlich auch Männersache, darum hat die Mutter ihren Mann zwei Stunden vor dem Essen darauf hingewiesen, sich jetzt um das Getränk zu kümmern und zehn Minuten davor wird sie ungeduldig. Er müsse sofort in den Keller gehen, jetzt sei schon die Sauce fertig. Aber der Mann hat Hunger und ist auf diesem Ohr taub. Er bringt schließlich eine Sorte, die sie beim Vertreter gemeinsam ausgesucht haben und liest das Etikett laut vor, ganz stolz.

Er schneidet den Braten an. Nimmt eine Gänsekeule in die linke Hand und die Schere in die rechte und schnippelt los. Der Großmutter kommt ihr Instinkt entgegen und hilfreich dreht sie die Bratenplatte von rechts nach links, so kann er wenigstens mit dem rechten Arm über die Gans greifen, die Keulen staken dann nach links heraus, und das Kind, das rechts neben dem Vater sitzt, kriegt den Ellenbogen nicht mehr ins Gesicht. Weil alle Hunger haben, dauert es ziemlich lange. Wenn die Mutter noch die Nerven hat, die Essteller vorzuwärmen, ist es gut, aber das geht fast nicht, denn die Gans nimmt ja für sich den Backofen in Anspruch und es ist ziemlich umständlich, für acht Leute die großen Teller vom guten Geschirr auf der Wohnzimmerheizung auszubreiten. Zumindest der Servierteller fürs Fleisch müsste warm sein. Aber während die Teller noch ein bisschen warm sind, kühlen sie ab, wenn der Vater den Braten anschneidet. Sein Vater nämlich hätte gewusst, wie die Gliedmaßen so eines Tieres strukturiert sind, er liebte Vögel in der Natur und studierte ebenso die gebratenen auf dem Tisch. Mutters Vater konnte es ganz ohne Anstrengung, denn er aß Gans oder Pute, Huhn, Ente oder manchmal auch Taube so gern, dass er auch beim Kochen half und wusste, in welchen Abständen man den Bratensaft abnehmen und Wasser über das Tier gießen musste, so dass die Haut schön kross würde. Er schnitt intuitiv und geschwind und ebenso wurde gegessen. Dazu liebte er guten, trockenen Wein, Rotwein zur Pute, Weißwein zur Gans. Sein Vater wiederum war Pastetenbäcker, der konnte es auch.

Was mein Vater nun dazu zu sagen weiß: „Ne Jans isn komischen Vogel, für dreie zu viel und für viere zu wenig,“ denn das hat sein Vater auch immer gesagt.
Mein Vater muss mit an sehen, wie die Bratenplatte herumgereicht wird – nein, es beginnt bei ihm. Er ist der Mann, er bekommt zuerst, meine Großmutter gibt ihm vier große Brustteile auf und drei kleine Fetzen sucht er sich noch dazu. Die Kinder wollen natürlich Keulen, zwei Keulen auf fünf Kinder ist schlecht und es geht danach, wer am bescheidensten wartet oder wer sich daran erinnert, dass er im letzten Jahr keine Keule hatte oder wer sowieso schlecht isst. Die Mutter erklärt den Verlierern, dass dieses Bruststück ganz besonders köstlich ist, mit so einer zarten und knusprigen Haut, und wer an einer Keule knabbert, braucht nicht daran zu denken, wie langweilig so blöde Brustteile sind, auch weil sie mit Messer und Gabel gegessen werden müssen. Äpfel aus der Füllung sind noch ganz gut. Schlimm ist es, wenn einer keinen Rotkohl mag, dann kriegt er deswegen keine Keule. Das trifft auf meinen Bruder zu. Es geht noch zu machen, dass er sich zwei Löffel nimmt, viel Apfelmus darauf, und wenn das runtergegessen ist, nimmt ihm schnell eine Schwester den kalten Kohl weg, wenn gerade niemand guckt. Die Mutter guckt dann auch weg, damit der Vater nichts merkt. Alle zu trösten heißt es: „An der Gans ist noch viel dran!“ Und das Noch-nicht-Skelett geht erst mal wieder in den Backofen.
Als alle sich mit Kartoffeln angefüllt haben und der viel zu süße Wein herumgegangen ist – aber der Wein war doch köstlich, nur vielleicht ein wenig zu fruchtig-mild, eher etwas zu Salzgebäck abends – kommen die Gespräche auf, die Weihnachten vermieden werden sollen: „Wer macht die Küche?“ Und es riecht noch fünf Stunden nach dem Braten und der Sauce, die schmeckt, solange sie heiß ist.

Später wird aus dem Fett Schmalz gewonnen. Der Vater kriegt davon Furunkel, aber er isst es trotzdem gern. An zuviel Essen ist noch niemand gestorben, im Gegenteil.

 

 

 

 

Manche Mädchen sehen eigentlich ganz gut aus

 

I.
Ulf Müller war meine erste Liebe. Als ich ihn wieder traf, waren wir beide elf. Meine Mutter kennt seine Mutter seit der Schwangerschaftsgymnastik, seit wir bei ihnen im Bauch waren. Darum hat Ulf auch einen Tag vor mir Geburtstag. Dann gibt es noch Eva Kügler, die zwei Wochen vor mir Geburtstag hat.

Wir haben Schokolade geschmolzen, Eva und ich, als Ulf kam. In kleinen Plästiktöpfchen haben wir auf der Heizung herumgeschmaddert; es war wunderbar. Küglers hatten eine ganz alte Wohnung mit alten Heizungen, darum ging es gerade so gut. Ulf kam und guckte in die Töpfe, er fand es eklig.

Dann saßen wir am Tisch und haben « Mensch ärgere dich nicht » gespielt. Ich habe Ulf die ganze Zeit lang angeguckt. Ich habe nur zu ihm hingesehen, unentwegt. Er hat zurück geguckt. Ich konnte nicht glauben, daß jemand ein so schmales Gesicht haben kann und so schöne Augen. Jede Minute habe ich dann von ihm geträumt, jeden Tag. Hannover, wo Ulf wohnte, war für mich die schönste Stadt. Viel schöner als Hamburg. Ganz am Anfang wohnten wir auch in Hannover.

Die Fotos aus der Zeit sehe ich mir im Babyalbum immer mal wieder an. Damals hatte ich eine ganz junge Mutter und ganz runde Augen. Auf einer Spieldecke am See lag ich auf dem Rücken und streckte die Beine auseinander. Ich habe gestrahlt und ich war glücklich.
Ein Bild gibt es, auf dem sind wir ein Jahr alt, Eva und ich. Wir ritten auf Elefanten, die aus Stein waren, Eva sah ganz anders aus als ich, mit einem breiten Gesicht und dunklen Haaren. Ich hatte eine frische Begeisterung nach vorne. Meine Haare wehten zurück; der Elefant war ja trotzdem aus Stein.

Im Keller hatten wir ein Besucherzimmer. Dort habe ich manchmal mit dem Nachbarssohn gespielt. Zwischen den vergilbten Büchern suchten wir eins, das hieß: « Meine Süße ». Ein Vater erzählt da, was er mit seiner Tochter unternimmt.

Wenn meine Oma über Nacht blieb, habe ich mit ihr im Kellerzimmer geschlafen. Dann hatte ich die besten Träume. Im Traum habe ich Ulf Müller geheiratet, und für alle war es etwas Besonderes, weil es ja eine Kinderhochzeit war. Viele kamen in die Kapelle vom WaIdfriedhof, wo die Trauung stattfand. Ein anderes Mal träumte ich, daß Ulf mich küßt, zwei Mal, auf den Mund. Im Kellerzimmer konnte ich immer wieder in diesen Traum hineinschwimmen. Manchmal schnarchte meine Oma. Dann sagte ich: « Ruhe! », da hat sie aufgehört. Sie fing wieder an, und hat es doch jedesmal auf meinen Befehl hin eingestellt.

Ich habe Ulf Müller bei sich zu Hause besucht. Er hatte keine Geschwister. Dafür ein sehr großes Zimmer für sich alleine, und ein Teil war nur von der elektrischen Eisenbahn ausgefüllt.

Ulf Müller hatte eine Mutter mit rot-braunen Haaren. Sie war sanft und hatte viel Zeit. Schmal und hübsch saß sie in der Straßenbahn, als sie mich vom Bahnhof abholten. Auf dem Bahnhof zog ich eine Schublade von einem Getränkeautomaten und bekam sofort eine Dose Brause. Die Mutter deckte zum Frühstück den Tisch besonders hübsch, und wir haben wie Könige gesessen und konnten uns Eier oder Marmelade oder Wurst aussuchen, wie wir wollten. Ich fühlte mich emporgehoben in eine andere Welt, bis ich wieder nach Hause kam.

Weil Ulf Müller keine Geschwister hatte, sagten die Leute bei uns: « Er ist ein Einzelkind! », als ob er eine Krankheit hätte. « Die Eltern sollte man schlagen, » fand eine Freundin von meiner Mutter, und Ulf hörte das. « Sollte man nicht, » hat meine Mutter geantwortet. Sie kannte die Geschichte, daß die Mutter von Ulf noch einmal ein Kind bekommen hat. Das ist am fünften Tag gestorben, und Ulf hat damals acht Tage lang geheult. Ein riesiges Glück war für Ulf aufgeflackert, als sie alle dieses Baby erwarteten und er ja den Bauch auch schon immer angefaßt hatte. Dann ist Ulf fast in Stücke zerfallen, und seine Mama traute sich nicht, noch einmal ein Baby zu versuchen.

Ich bin gerne zu Ulf gefahren. Meine Schwester war auch schon bei ihm gewesen. Wir guckten aus seinem Fenster auf die Straße und spritzten aus Arztspritzen Wasser auf die Leute. Müllers wohnten im vierten Stock und ich platzte vor Aufregung, wenn jemand auf der Straße was abkriegte, sich umdrehte und uns nicht entdecken konnte. Daß man auf solche Ideen kam!

Meistens habe ich mit Ulf « Mau-Mau » gespielt. Das ist ein ruhiges Karten-Auflege-Spiel.
Ein anderes Spiel, das wir spielten, hieß « Schlafanzug-Ausziehen ». Wir saßen in unseren Betten und zogen uns die Schlaganzug-Oberteile aus so schnell es ging, um die Wette. Ulf sagte dann, daß meine Schwester ihm erzählt hätte, bei mir wäre der Busen schon ein bißchen gewachsen.

Er hat mich auch öfter zu Hause besucht, in den Ferien. Weil er wieder abfuhr, war unser Bahnhof für mich der traurigste Ort der Welt. Im Bahnhof ist auf eine Wand ein riesiges Bild mit Schäfern und Heidschnucken gemalt worden, dunkle braune Farben, das fand ich gleich mit traurig. Ulf und ich schüttelten uns kurz die Hand, er mußte ja schließlich in den Zug einsteigen.

Von den anderen in der Nachbarschaft wurde Ulf Müller « Milchgesicht » genannt, weil er aus einer großen Stadt kam und weil sein Gesicht so schmal war. Er hätte sich auch rote Bäckchen rubbeln können, aber das ist ja Quatsch.

Jeden Tag ging ich um sechs zum Bauern Milch holen, wenn Ulf da war, natürlich auch. Er schob den Kinderwagen von meiner kleinen Schwester. Er konnte das aber nicht so gut, der Kinderwagen ist vorne über gekippt. Das Baby ist nicht rausgekullert, aber hat maßlos geschrien, und mir waren die Knochen zu Hause noch ganz eisig vor Schreck.

Ulf Müller kam auch zu meiner Konfirmation. Das war sehr wichtig für mich. Ich staunte, daß er überhaupt kommen durfte, weil er ja katholisch ist. Sogar zur Kirche ging er mit.
Ich wollte, daß wir beide im Kellerzimmer schliefen. Da standen die beiden hohen weißen Betten um die Ecke. Wir könnten uns dann im Schlaf an der Hand halten. Es müßte klappen, die Arme so weit auszustrecken, daß sie ein Dreieck bilden. Meine Mutter hat es verboten. Ich habe gedacht, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Ich habe getobt, das Verbot war ein schwarzes Loch. Aber ich wußte genau, es war nur, weil meine Mutter nicht wollte, daß seine Mutter denkt, bei uns ist es nicht wie bei anständigen Leuten. Ich mußte dann oben schlafen, er kam nach unten.

Ich habe meine Tage bekommen. Sofort habe ich verstanden, was diese braune Schmiere war und es meiner Mutter gesagt. Sie hat mir auf dem Weg vom Badezimmer zur Eßdiele den Arm um die Schulter gelegt und gesagt: « Du bist jetzt eine Frau. » Es war ernst, aber komisch. Dann hat sie bei sich im Schrank gewühlt und Sachen dafür gefunden. Ein Höschen mit einer Plastikschlaufe vorne und einer anderen Schlaufe hinten. Dann hatte sie noch Binden, also Wattestücke, die in lange Stoffnetze eingezogen waren. Die langen Netzenden zog man durch die Schlaufen. Ich war sehr stolz. Dann hat es mir aber furchtbar weh getan, im Sitzen drückte das Plastik gegen meinen Bauch und die Haut darunter. Ich konnte es kaum aushalten.

Als Ulf Müller kam, habe ich dies getragen und einen gestreiften Synthetikschlafanzug darüber, den wir geerbt hatten. Ich weiß nicht, ob er modern war, ich hatte vorher noch nie so einen gehabt. Irgendwas war unter das Bett im Keller gefallen und ich habe mich flach auf den Bauch gelegt, um es zu holen. Dabei hat bestimmt hinten diese Watte hochgeguckt. Ich war ja stolz darauf, er konnte es ruhig sehen.

Meine Oma führte einen Spruch im Munde: « Dreizehn Jahr und sieben Wochen, ist der Backfisch ausgekrochen. » Es war genau der Tag, an dem ich zum ersten Mal meine Tage gekriegt habe.

Ich hatte an dem Tag zufällig meine Oma im Bus getroffen. Sie erkannte mich zuerst überhaupt nicht. Zu Hause faßte sie mir an die Waden und sagte: « hart wie Eisen », und daß ich wirklich wie ein Teenager ausgesehen hätte. Bei dem Wort wußte ich nicht, ob man es nicht eigentlich Tee-Nager aussprechen sollte, aber warum jemand am Tee nagen soll, habe ich auch nicht verstanden. Ich trug an dem Tag Feinstrumpfhosen und neue Schuhe. Meine Mutter und ich hatten so besonders schmale Füße, daß uns keine normalen Schuhe paßten. Wenn wir mal ein Paar fanden, nahmen wir sofort beide die gleichen. Diese Winterhalbschuhe waren grau und braun mit einem durchgehenden Keilabsatz wie bei alten Omas.

 

II
Sie hießen « die Clique ». Sie kamen jeden Tag nach der Schule zu uns. Wir saßen dann auf dem Bett im Zimmer meiner Schwester und haben uns alles aus der Schule erzählt. Die Jungs gingen in ein Jungengymnasium, wir in ein Mädchengymnasium. Meine Schwester allerdings wiederholte eine Klasse und konnte dann in eine andere Schule gehen, die fast gegenüber unserer Straße lag und neu gegründet war. Weil ich ein Jahr zu alt war, hatten sie keine Klasse für mich, sie bauten ja von unten auf. Also war meine Schwester auch mit Jungs in einer Klasse.
Die Clique bestand aus den Jungs der Nachbarschaft. Sie hießen Manni, Lude, Axel, Martin. Auch Hanne. Aber eigentlich kamen nur Manni und Lude jeden Tag. Martin übte Querflöte. Wenn wir Milch holten, gingen wir manchmal auf dem Weg zum Bauern bei ihm vorbei, er wiegte sich mit langen Schritten, den Kopf sehr weit seitlich geneigt, in seinem Zimmer auf und ab. Sein Zimmer war mal eine Garage, darum lag es zu ebener Erde und wir konnten unbemerkt zugucken.

Mittags traf sich die Clique in unserer Eßdiele. Dort war ein großer Tisch. Sie setzten sich nicht, standen herum und stützten dabei ihre Ellbogen auf den Tisch. Meine Mutter schlief nebenan im Wohnzimmer, ihre Füße ragten völlig über das Sofa hinaus, aber sie wollte immer dort schlafen. Weil wir zu laut redeten, schrie sie hinterher herum. Natürlich hatten wir auch ein Elternschlafzimmer, aber da wollte sie nie Mittagsschlaf halten. Und wenn sie nachts schlief, ließ sie dort immer die Tür offen.

Manni stand an der Wand, hatte ein dunkelgrünes Hemd an, er hob die Arme über den Kopf und unter seinen Armen war alles schwarz. Lude sagte: « Peinliche Schwitzflecken“. Manni hatte große rote Kreise im Gesicht, mit gelbem Punkt in der Mitte. Manchmal war es auch nur ein gelber, hoher Punkt.

Wir fuhren oft Fahrrad. Die Jungs fuhren, die Mädchen schmissen sich in der Fahrt hinten auf den Gepäckträger. Ich hatte die Angewohnheit, immer bei Manni hinten drauf zu sitzen. Ich zog meine Finger rechts und links durch die Gürtelschlaufen seiner Hose. Er hatte einen olivgrünen Cordanzug, – eines Tages hatte seine Mutter ihm den in der Stadt gekauft und seitdem trug er ihn nur noch. Wir fuhren durch den Kurpark, Manni griff mit seiner nassen, schwitzigen Hand meine, ich zog meine Hand aber weg. Er tat es noch einmal, ich zog meine Hand wieder weg, ohne zu überlegen. Am Abend standen wir bei unserer Schaukel herum und ich sagte, daß ich mich heute zweimal daneben benommen hatte. Ein paar Tage später fragte er mich, ob ich mit ihm spazieren gehen möchte. Von uns aus führte der Weg zum Friedhof zwischen zwei Feldern durch. Links lag die neue Schule, hinter dem Friedhof kam der Wald. Auf dem Weg zum Friedhof legte Manni seinen Arm um meine Schulter. Ich ließ diesmal die Hand dort liegen. Plötzlich blieb Manni stehen und küßte mich auf den Mund, in den Mund, ich ließ es geschehen.

Mein Bruder hatte gesehen, wie Lude meine Schwester geküßt hat: « auf die Nase! ». Meine Schwester hatte ihr Zimmer neben der Eßdiele, sie brauchte nur ihr Fenster zu öffnen und er konnte sie von der Terrasse auf leicht treffen. Meine Schwester trug eine silberne Brille, Lude hatte eine mit schwarzem Balken drauf und eine sehr schmale, zarte Nase.

Im Englischunterricht hatten wir den Ausdruck « how often » und ich saß durch Zufall neben Maria. Sie flüsterte mir zu: “How often have you been kissed by a boy? », ich schrieb ihr
auf einen Zettel « 17 », ich hatte genau mitgezählt. Es waren immer diese großen, langen Küsse. Er sagte, ich solle auch mal anfangen. Da fing ich an, Es war immer in meinem Zimmer. Mein Zimmer war im Keller und meine Oma regte sich schrecklich auf, daß er nach unten kam, obwohl mein Bett oft nicht gemacht war. Aber mit dem Bett hatte das alles gar nichts zu tun.

Einmal standen wir im Kellerflur, umarmten und küßten uns wieder auf diese Weise. Seine eine Hand zog sich von meinem Rücken aus auf meinen Bauch und wollte höher. Ich tat die Hand wieder weg. Manni sagte: « Ich liebe dich! ». Ich sagte: « Ich finde, das ist ein bißchen zu viel. » Ich war damals dreizehn, vielleicht war es deshalb. Am nächsten Abend fand ich einen zusammengefalteten Brief von ihm auf meinem Fensterbrett, den er durch´s Fenster geschoben hatte. Darin stand: „Ich kündige dir hiermit meine feste Freundschaft und nehme meine Worte von gestern Nachmittag zurück. Ich war nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, sondern der Leidenschaft verfallen. Manni. » Ich las den Brief fünfmal durch und riß ihn in hundert Teile. Aber dann überlegte ich mir, daß er ein sehr gutes Dokument für die Zukunft sein könnte und holte alle Schnipsel wieder aus dem Papierkorb heraus, legte sie passend auf einen Briefbogen und klebte sie fest. Als ich Manni wiedersah, er stand bei den Nachbarn an der Sandkiste herum, warf ich ihm einen tiefschwarzen, schleierigen Blick zu. Auf diesen Blick hin ist er wiedergekommen. Wir waren dann wieder zusammen.

Meine Oma hat mich eingeladen, mit ihr in die holländische Tulpenblüte zu fahren. So habe ich im Bus neben ihr gesessen zwischen all den alten Leuten, es ging eine knappe Woche. Meine Oma wäre sonst so alleine gewesen.

Sie unterhielt sich während der Fahrt mit mir über alles in meinem Leben. Sie nannte meinen Freund « Streuselkuchen“ und fand das sehr lustig. Sie meinte natürlich seine Pickel im Gesicht.

Ich hatte mir ein Paar kleine holländische Holzschuhe gekauft, wie sie sie früher trugen mit dicken Wollsocken darin und spielte mit diesen Holzschuhen die ganze Zeit. Ich strich mir das glatte Holz über das Gesicht und die Lippen, es war gut abgeschliffen, darunter faserig rauh.

Meine Mutter hat Manni mal geboxt. Das kam völlig überraschend und plötzlich. Alle Jungs standen bei uns in der Eßdiele und meine Mutter wollte auf einmal zeigen, daß sie such noch da ist, oder daß sie in Wirklichkeit ein Cowboy ist. Sie holte aus, nachte eine Faust und knallte Manni die Handkanten in den Oberarm. Es tat ihm noch drei Tage danach weh. Er war reichlich schockiert. Wenn meine Mutter mit mir geboxt hat und ich auch Fäuste gemacht habe, hat sie « Ffotolotötchen“ gesagt, meine Hände sind sehr viel kleiner und schmaler als ihre und ich konnte natürlich nicht so zuschlagen. Ich kam nicht gegen sie an. Sie freute sich darüber und hat mir auch nie beigebracht, so Handstand an der Wand zu machen, wie sie es zu jeder Zeit vormachen konnte.

Am meisten hat sie allerdings bei Cowboyfilmen gelacht, sie saß dann mit angezogenen Beinen auf dem blauen Lehnstuhl im Wohnzimmer und wieherte wie ein Pferd. Mein Opa kam immer sonntags. Sie saßen im Wohnzimmer, er rauchte Zigarre. Um fünf Uhr wurden die blauen Vorhänge zugezogen und « Shilow Ranch » begann. Die Stimmung im Wohnzimmer war das Ende der Welt. Ich weiß nicht, was mein Opa dachte, wenn er meine Mutter so erlebte. Aber vielleicht war es ihm auch am wichtigsten, daß im Garten schöne Blumen wuchsen. Den Garten hat meine Mutter nur für ihn gemacht, damit er sie lobt und mit ihr zufrieden ist. Die Kerbelsuppe hat sie auch nur- für ihn gemacht, der Kerbel wuchs neben dem Kompost und war für mich das Widerlichste überhaupt.

Gegenüber unserer Schule wurde der zweite Teil der neuen Schule gebaut, die Realschule, darunter ein Atomkrankenhaus. Wir sind immer auf Baustellen herumgelaufen. Meine Eltern haben sehr gerne halbfertige Hauser besichtigt und den Entwurf dann beurteilt. Die kleinen Jungs pinkelten im Atomkrankenhaus in Bierflaschen, um die Maurer zu ärgern. Es gab eine Rangordnung unter den Jungs, die großen haben sogar mal eine Zeitung herausgegeben, « Der Bericht“, sie wurde meiner Schwester zum Geburtstag geschenkt. Darin wurde diskutiert, wer von den kleineren Jungs wohin mit dürfte, z.B. zur Geburtstagsparty meiner Schwester. Ich war jedenfalls einmal mit Lude unten, eigentlich heißt er ja Ludwig. Wir hatten zur Beleuchtung nur Streichhölzer und eine Taschenlampe, man sah trotzdem gar nichts. Die Kleinen waren schon vorgelaufen. Da hat er mich geküßt, seine weiche glatte Haut war vollkommen zu riechen und seine Brille war auch noch da, aber es ging trotzdem. Wir gingen Hand in Hand, meine Schwester konnte es nicht merken. Meine Schwester hat einmal eine Schönheitsbewertung vornehmen lassen: sie bekam von Lude für ihr Aussehen eine 1-2, ich bekam von Lude eine 2+. Da wußte ich ja, daß er mich auch gerne mag. Ich konnte das mit Lude gar nicht glauben, aber es geschah immer öfter.

Wir haben alle zusammen Sylvester gefeiert in der Garage von Martin, die jetzt sein Zimmer war. Die Mutter von Martin hatte Nudelsalat gemacht, es gab such Wein und Sekt. Wir haben alle ziemlich viel getrunken. Viele waren wir nicht, nur die Clique. Schließlich lag ich mit Lude auf dem Bett und knutschte. Martin hatte eine heraus hängende ; Hand von mir gefunden und küßte sie ab, Martin sagte wieder und wieder zu Lude: « Laß sie mir doch auch mal! », aber ich war nie besoffen genug, um den Unterschied zwischen Martin und Lüde nicht zu merken. Als Mitternacht kam, erschienen Martins Eltern mit einer neuen Sektflasche. Da hatte ich schon den Garten und den Flur im Keller vollgekotzt. Mir ging es nicht gut. Ich lag schließlich allein auf dem Bett und probierte trotzdem den Sekt von den Eltern. Die andern haben mich am Ende nach Hause gebracht, wir wohnten ja alle nebeneinander. Sie gingen am nächsten Tag noch einmal zu Martin, Aufräumen helfen. Martin hatte da wohl sehen das meiste alleine geschafft und muß ziemlich geschimpft haben wegen der ganzen Kotze. Ich habe viele Jahre lang keinen Wein und keinen Sekt mehr getrunken, Nudelsalat schon gar nicht gegessen.

Meine Mutter wollte, daß wir die Stachelbeeren früh pflückten. Nicht dann, wenn sie reif sind, also gelb und saftig, sondern vorher. Sie würden wohl matschig werden durch das Einkochen oder der Tortenboden suppt durch, wenn man Stachelbeerkuchen bäckt. Im August war es sehr schön, zwischen den Johannisbeersträuchern zu hocken und Rispe nach Rispe abzuknipsen, stundenlang. Aber bei Stachelbeeren, dann noch im Juni, muß man vorsichtig zwischen die Dornen greifen und jede einzelne ist ziemlich klein. Meine Schwester und ich saßen da und taten, was wir sollten. Die Jungs kamen und sahen uns in unserem Los. Manni wollte uns füttern. Er nahm eine Beere T sie war natürlich ganz hart und drückte sie mir gegen die Zähne. Ich zuckte weg, er nahm wieder eine und preßte sie von vorne auf die Vorderzähne, ganz hart.

Ich war krank, lange krank. Ich bin in der Nacht aufgewacht mit trockenem zugeklebtem Hals, alles rauh und hart auf der Zunge. Wenn keine Brause mehr da stand, mußte ich mich irgendwie nach oben schleppen. Manchmal gab es noch ausgeleierte Reste von Brause, aber nicht immer. Meine Mutter und ihre Freundin hatten keine Lust, sich um mich zu kümmern. Mein Zimmer war ja auch das einzige im Keller und da kamen sie nicht so aus Zufall vorbei.

Als es mir besser ging, kam Maria zu Besuch. Sie war mit Leuten spazieren gegangen und sagte, sie hätten « heiße Ware » gefunden. Ich dachte, « heiße Ware » sind Zeitschriften für erwachsene Männer. Erst wollte sie mit der Sprache nicht heraus – es war etwas anderes. Der Fund war kurz hinter dem Friedhof, neben dem Weg, wo das Feld nach rechts offen liegt. Es waren Briefe, die Manni von einer Freundin bekommen hatte. Er hatte sie dorthin geschmissen, warum, weiß kein Mensch. Von einer Freundin hatte er sie – von seiner Freundin. In den Briefen stand: « Vielen Dank für das Weihnachtsgeschenk, ich habe mich in Gedanken bei Dir mit einem langen Kuß bedankt. » Solche Sachen standen in den Briefen.

Ich ging zu Manni rüber. Ich weiß nicht mehr, was ich wollte, vielleicht ihm einen Brief von mir geben. Seine Mutter öffnete und sagte: « Manni ist auf dem Klo! ». Er war dort wirklich sehr lange. Ich stand in seinem Zimmer, es roch komisch bei denen zu Hause und ich sah auf Mannis Schreibtisch das Foto von dieser Freundin. Manni kam aus Mannheim, wie der Name fast schon sagt, und dort lebte auch diese Freundin. Sie trug auf dem Bild einen Minirock und wadenhohe Hackenstiefel.

Später habe ich Manni mal auf dem Rückweg von der Schule auf der Straße gesehen, da hat er noch am selben Tag bei mir angerufen.

Einmal haben sich Manni und Lude in der Telefonzelle gestritten, Manni wollte Lude rausdrücken, da ist Lude durch das Glas geflogen und hat sich den Arm gebrochen und ausgerenkt. Er lag im Krankenhaus mit einem Gewicht hinter der Hand und seine Mutter hat mit meiner Mutter darüber gesprochen, daß dieser Kontakt nicht so gut ist.

 

III
Wir gingen jeden Tag nach der Schule in die Stadt. Wir stellten die Fahrräder Am Sande ab, das ist ein Platz direkt in der Stadtmitte und dann gingen wie durch die Bäckerstraße. Die Stadt war eigentlich nicht größer, diese Straße und dann der Sand. Am Sande sah man, wer in der Stadt war, wir kannten die Fahrräder von allen Leuten. Die Leute standen alle bei Tschibo, drinnen und draußen. Durch Zufall war ich einmal bei Eduscho, ich sagte zu meiner Freundin: « Bei Tschibo sieht es aber gemütlicher aus », da zischte die Verkäuferin mit scharfer Stimme: « Dann gehen Sie doch zu Tschibo! ». Draußen standen die mit den Motorradhelmen in der Hand. Man wußte kaum, was man sagen sollte. Alle fragten, wo abends etwas los ist. So war es sonnabends.

Wir hatten sonnabends die letzten beiden Stunden Kunst. Das war ein guter Abschluß für die Woche. Das Licht fiel durch die hohen, schrägen Drahtgitter-Fenster in den Raum, und ich war sehr stolz, daß ich diesen Raum benutzen durfte. Danach hatte man in der Stadt so einen unförmigen Zeichenblock unter dem Arm. Ich habe einmal meine Hand gezeichnet im Kunstunterricht, die Hand lag links neben dem Block, wie sie so dalag war sie genau mit Bleistift auf mein Papier gekommen. Ein anderes Mal sollten wir Häuser in der Stadt abzeichnen, die alten Giebelhäuser. Ich bekam mein Haus zugeteilt und habe sehr genau die Tonziegel und Giebelfenster übertragen, aber ich hätte noch einige Male öfter hingehen müssen, um das Bild fertig zu malen und das ging nicht, weil bei uns zu Hause alles so durcheinander war.. Außerdem konnte ich den Zeichenblock kaum mit dem Fahrrad transportieren, Sonnabends kam ich spät aus der Stadt nach Hause, ich hatte keine Grenze und habe genau gemerkt, wenn ich jetzt nicht zu uns fahren könnte, würde ich verrückt. In der Stadt haben sich alle Leute so ordentlich benommen, die Einkaufstaschen hingen ihnen gerade am Arm herunter. Die Erwachsenen banden den Schal so überkreuz und klemmten ihn dabei mit dem Kinn fest. Bei uns lagen alle Schals und Mützen in einem großen Knäul auf der Garderoben-Kommode. Da gab es natürlich auch Gebrüll, das hat aber nichts genutzt. Meine kleine Schwester spielte mit meinem Bruder immer Tocker-Baby. Tocker war ein frecher Hund, der meinen Bruder anfiel .Beide sind dann auf dem Teppich in der Eßdiele rumgekugelt, man mußte sehr aufpassen, auf dem Weg zum Klo nicht auf sie zu treten. In der großen Diele gab es eine dunkelgrüne Wand, an der ein warmer Fleck war vom Kamin, der dahinter lang führte. Auch eine rauhe Steinwand und eine Holzdecke. Von meiner Kunstlehrerin hatte meine Mutter einen Batik-Baum gekauft, ganz groß, der hatte immer einen Herbst an der Steinwand. Die Küche war rundherum dunkelgrün, meine Mutter hatte das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gemacht. Der Küchenfußboden war rot, kleine süße rote Fliesen, die unter den Strümpfen rubbelten. Man ging immer durch die Terrassentür direkt rein, wer an der Haustür klingelte, war vom Mond.

Meine Freundin fiel einmal in der Stadt in eine Cola-Flasche. Ich war nicht dabei, es gab eine andere Clique, mit der ich erst nichts zu tun hatte. Plötzlich hieß meine Freundin dort Peggy. Es war nicht ihr Name, aber sie brauchte eine neue Form, damit man sie dort gut fand. Der Name stammte von Conny, einer aus unserer Klasse, die immer ein Gefolge hinter sich hatte. Conny trug dunkelroten Lippenstift, hatte sehr flache, eckige Schultern und total enge Hosen an. Peggy sagte zu Conny, daß sie sich fast in ihren Mund verirrt hätte. Der Mund war so ein Magnet, einfach so dunkel. Auf Connys Schultasche stand der Satz „Let`s spend the night together“. Es war ein Lied von den Stones. Unser Lateinlehrer hat es laut vorgelesen, er war ja auch Englischlehrer.

Als Peggy in die Cola-Flasche fiel, schnitt sie sich dabei die Sehne vom linken Mittelfinger durch. Der Finger wurde hochgebogen, stand also im rechten Winkel zur Hand und war vergipst. Peggy nannte den Finger Adalbert. Sie trug ihn sehr lange so hochgebunden. Später hatte sie eine kleine Narbe oben auf der Hand und konnte die Faust mit Adalbert nicht mehr ganz klein machen.

Ein Jahr danach nahmen wir im Biologie-Unterricht die Hand durch. Vorne auf dem Lehrertisch stand eine Hand ohne Haut, man sah die Muskeln und andersfarbigen Sehnen genau. Ich habe die Stunde mit Mühe ohne zu kotzen durchgehalten. Die nächste Sache war die mit den Kuhaugen, die wir sezieren sollten. Wir bekamen glibberige Bälle und mussten mit Besteck die Linse herausnehmen. Eigentlich war ich in der Familie dafür berühmt, dass ich in aufgeschlagene Eier so reinfassen konnte und mir dann das Eiweiß durch die Finger rinnen ließ, aber diese Kuhaugen habe ich nicht gemocht. Mir war übel wie beim Autofahren.

Manchmal fuhr ich mit Peggy zusammen zur Schule. Wir mussten uns zufällig getroffen haben, denn ich kam fast jeden Tag zu spät, sie eigentlich nicht. Vor der Ampel an der letzten Kreuzung sprachen wir über Achselhaare. Wir dachten beide, dass sich Erwachsener nur wahnsinnig voreinander ekeln könnten. Wir sollte man Haare unter den Armen von jemandem aushalten können?

Ich saß mit Peggy auf meinem Bett, und wir redeten darüber, wie gerne wir von den Jungs anerkannt sein würden. Auf unsere Schule gingen nur Mädchen. Es gab nur eine gemischte Oberschule in der Stadt und ich wusste genau, dass ich es nie verkraften könnte, dorthin zu gehen. Ich hatte zu viel Angst, dass sie mich in der Klasse nicht mögen würden; ich könnte mich dann auch gar nicht im Unterricht melden und irgendwas reden.

Peggy und ich sammelten Prospekte von den Motorrädern, die die Jungs fuhren: Kreisler, Zündapp u.s.w.. Mit sechzehn konnten sie den Führerschein dafür machen und taten es auch. Plötzlich hatte ich ein Wort dafür, wie die Jungs uns wohl fanden; « strick, strick! » Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, wir lachten uns kaputt. Wir lachten bis zur Besinnungslosigkeit. Wenn man strickt, ist man nämlich ganz tief im Bauch der Mama drin und zu Hause und weiß von der Welt überhaupt nichts. Wir haben schon in der Volksschule stricken gelernt, ich hatte allerdings schon von meiner Oma stricken gelernt, bevor ich Schreiber konnte; es war so ähnlich wie Küche saubermachen.
An einem Nachmittag las ich ein Buch, das ich zur Konfirmation bekommen hatte vor Lude’s Eltern. Es waren Geschichten von Sommerset Maugham, ich las einfach mal darin. Danach wusch ich mir die Haare und ging in die Stadt. Ich traf Peggy und Holger, Holger war ein großer, kräftiger Typ, dessen Eltern einen Bauernhof hatten. Er hatte vorstehende Vorderzähne und war blond. Peggy fand ihn toll. Ich setzte mich auf sein Motorrad und blieb da sitzen und war ganz ruhig.

Als ich noch in die fünfte und sechste Klasse ging, war ich in der Schule ziemlich unbeliebt. Meine Schwester und ich hatten damals von unserer Mutter Hosenanzüge aus Trevira 2000 bekommen. Rot waren sie, das Oberteil wie ein Minikleid mit dunkelblauem Kragen und goldenen Kröpfen. Meine Schwester ging damals noch auf meine Schule und kein Lehrer konnte uns auseinanderhalten.

Ich saß während der Pause auf meinem Tisch, da kniff mich ein Mädchen aus meiner Klasse mit aller Kraft in den Oberschenkel. Gaby, die ich damals noch nicht so gut kannte, stieß mir auf dem Flur ihre Hand in den Rücken und sagte; « bei dir wundere ich mich, wenn ich dich so anstoße, daß du dann nicht umkippst. » Ich war auch dünn damals. Jedenfalls saß ich neben einer Karin, neben der sonst niemand sitzen wollte. Wir sagten uns gegenseitig, daß wir aus dem Mund rochen oder daß unsere Fingernägel schmutzig waren. Sie hatte einen hellroten gerippten Synthetikpullover, den gleichen wie meine Schwester. Ich hatte das Modell in dunkelblau. Sie nahm dann Französisch und ich Latein.

In der Schule wurde es ab der siebten Klasse besser, weil ich Reiten ging. Einige andere taten das auch. Wir saßen in der Pause immer auf den breiten Holzfensterbänken im Flur und besprachen die tückischen Situationen, die es gegeben hatte. Ich war in Deutsch plötzlich gut; es kam von allein, Ich verliebte mich in Nele, sie ging auch Reiten und wohnte da ganz in der Nähe. Bei denen zu Hause war es anders als bei uns. Jane war das jüngste Kind und ich ja das älteste. Neles große Schwester hatte ein Gedicht an der Tür von ihrem Zimmer: « Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind Töchter und Söhne der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir. Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken, denn sie haben Ihre eigenen Gedanken. » Nele liebte ein Buch, das sie mir lieh, es hieß « Die grüne Wolke » und war von einem, der diese Geschichte den Kindern in einer besonderen Schule in England erzählte.

Janes Zimmer war auch grün, rundherum dunkelgrün gestrichen, eine Wand war schräg, weil dort das Dach verlief. Sie hatte viele rot-weiß-karierte flache Schaumstoffkissen, wie man sie in der « Brigitte » bestellen konnte. Das wäre bei uns nicht vorgekommen. Einmal machte ich einen Witz, daß ich eine neue Freundin hätte, da meinte ich aber nur die Zeitschrift, die so hieß.

Sie hatten einen großen Keller, in dem es Sessel und riesige Körbe mit Wollknäulen gab. Alles war lose und bunt, man hätte sich irgendwo hinsetzen und losspielen können. Das Elternschlafzimmer hing voller Kinderbilder. Nele´s Vater legte sich manchmal auf sein Bett und meditierte. Wenn man telefonieren mußte, ging man in das Elternschlafzimmer, denn dort stand das Telefon. Wenn der Vater gerade meditierte, tat man es trotzdem. Er hielt die Augen geschlossen. Nele`s Vater war Nervenarzt.

Der Garten war weit und mit üppigen Büschen umstellt. Im Baum hing eine geflochtene Kugel, wenn man in der saß, rückte die normale Welt ganz weit weg. Die Büsche und der Rasen hatten sich eine neue Ordnung ausgedacht, eine ganz gleichmäßige Ruhe.
Nele`s Mutter trug eine breite Haarrolle um ihr Gesicht herum und hatte ein weiches Lächeln, das immerzu auftauchte. Sie war fast genauso hübsch wie Nele, nur weicher und älter, auch weicher und älter und sanfter als meine Mutter. Jedenfalls war es für Nele ein Leichtes, Klamotten von « Graubner » zu bekommen. Das war ein Laden in der Stadt, der für uns zu teuer war. Nele hatte hellblaue, langärmelige Samt-T-Shirts und viele von den süßen Sachen, die man im Schaufenster sah. Neles Mutter nannte den Laden « Groschengrab ».

Zum Geburtstag bekam ich meinen ersten Pullover von « Graubner », ein enger, buntgeringelter Wollpullover. Kaum hatte ich ihn an, da machte meine Mutter Weihnachtsfotos von mir. Als wir meine Tante besuchten, die in einem Kloster wohnte» saß sie mit ihr am Kaffeetisch und sie besprachen die Bilder, es hatten ja alle aus der Verwandtschaft welche bekommen, beide fanden, daß mein Bild besonders hübsch sei, weil man meinen Brustansatz so genau sehen konnte.

Wir aßen im Kloster bei der Äbtissin zu Mittag und mußten uns sehr gut benehmen. Meine Tante sagte, daß ein Buch unter den Ellbogen halten müsse, so eng müssten sie an den Körper gewinkelt sein. Und der Rücken gerade! Und natürlich aufessen und die Schüsseln weiterreichen und immer « danke“ sagen. Mein Kopf war ganz leer davon. Wir waren vorbildlich, sagten sie.

Meine Tante hatte einen Spiegel in ihrer Wohnung, der einen ganz dünn machte. Immer mußte ich danach woanders prüfen, ob ich wirklich nur 20 cm breit war. Meine Schwester guckte zu, wie ich so vor dem Spiegel stand und sagte: « Ist doch komisch, manche Mädchen sehen eigentlich ganz gut aus, wirken aber überhaupt nicht auf Jungs. » Als wir am Abend zu Hause ankamen, man mußte ungefähr eine Stunde mit dem Auto fahren, rannte ich in den Wald hinter dem Friedhof und schmierte mir Erde vom Feld ins Gesicht.

In der Zeit danach nahm mich meine Mutter irr der Küchentür mittags in den Arm und sagte: „Aus dir wird bestimmt mal eine alte Jungfer. » Ich war ganz ernst die nächsten Tage, und meine Schwester ist zum Kirchentag gefahren. Extra blieb ich zu Hause, damit ich merkte, daß ich auch jemand bin. Als sie wiederkam, erzählte sie. wie sie einen Soldaten kennen gelernt hatte, und er hatte ihr sogar In die Hose gefaßt. Sie war sehr stolz und ich hatte es noch nicht erlebt.

Im Winter trug ich für draußen einen dunkelblauen Anorak mit einem hellblauen und einem roten Streifen von den Schultern bis zur Hand. Für darunter, damit ich warm genug bin, gab mir meine Mutter eine alte Fliegerjacke von meinem Großvater. Sie hatte Fell nach innen wie eine Weste und außen glänzenden, dunkelgrauen Stoff. Nur Peggy wußte von dieser Jacke und nannte sie vorsichtig « die Ekeljacke ». Wenn ich den Anorak in der Stadt offen trug, mußte ich höllisch darauf achten, daß die Ekeljacke nicht unter dem Reißverschluß vorguckte. Später nahm meine Mutter das Fell von der Ekeljacke heraus, drehte es nach außen und strickte hellgrüne Bündchen und Ärmel an. Ich mochte die Jacke dann immer noch nicht anziehen.

Gaby hatte mir einen Pullover von sich geliehen, den sie gestrickt hatte. Er war schwarz, hatte einen runden Kragen und ein plastisches Muster. Irgendwie hatte ich an dem Tag noch einen Blumenstrauß in der Hand und ging als ganz anderer Mensch durch die Stadt. Wir sahen plötzlich unseren Physiklehrer, wie er seine Frau hinter sich her zog, an der Hand. Immer wollte er sich in der Pause mit ans unterhalten, aber wir wußten nichts zu sagen. Da konnten wir uns nicht vorstellen, daß er eine Frau finden würde. Er hatte sehr schräge Falten quer über der Nase.

Im Winterschlußverkauf hatte ich von « Graubner » einen roten Midi-Mantel bekommen, von Betty Barclay, einer sehr guten Marke. Er war Größe 36, aber er paßte mir schon. Ich konnte nur nicht darin mit dem Fahrrad zur Schule fahren, er war ja zu lang. Ich zog dafür die Ekeljacke an. Wir fanden auch ein grünes Kleid aus gestrickter Boucle´-Wolle mit auseinanderlaufenden Ziernähten auf der Brust. Es war mir etwas zu weit, aber es ging schon. Es sollte für die Konfirmanden-Prüfung sein. Ein anderes Kleid war Größe 38, meine Mutter fand, es war ein richtiges Jung- Mädchen-Kleid und kaufte es auf Vorrat. Es war mir noch viel zu groß. Es hatte große braune Flecke, einen Stehkragen und einen Ledergürtel aus losen Schnüren, ich habe es nie getragen, immer nur angeguckt. Als Sommerschlußverkauf war, habe ich meine Mutter auch in die Stadt gezerrt. Ich wollte unbedingt einen Blazer haben. Das einzige Schöne, das ich für den Sommer hatte, war ein roter, kurzärmeliger Pullover von ‘ »Graubner » der in der Mitte der Ärmel nur Knöpfe hatte, schräge, schmale Perlmutt-Blättchen. Ich wollte einen Blazer haben und wir fanden einen bunt gestreiften. Der hing auch im Kellerschrank, ich habe ihn zweimal getragen.
Dann habe ich meiner Mutter noch Schuhe mit Plateau-Sohle aus der Nase gezogen, sie waren braun-gelb gearbeitet, an sich flach, aber eben mit durchgehend dicker Plateau-Sohle, die sich beim Gehen nicht bog. Da rutschten dann meine Hacken hinten raus. Ich tat ein Klebepflaster hinein, das die Lücke auspolstern sollte, aber es half nicht, und jedesmal, wenn ich im Keller auf dem Weg zu meinem Zimmer an diesen Schuhe vorbei ging, hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Bei Peggy auf einer Geburtstagsparty zeigte ihre Mutter ein komisches Spiel: einer sollte sich eine Apfelsine unter das Kinn klemmen und sie an jemanden weitergeben in genau dieser Position, ohne die Hände zu benutzen. Peggy’s Mutter lachte dabei sehr. Ich fühlte mich gut an dem Tag, ich hatte eine türkise Bluse von meiner Schwester an und ein Seidentuch von meiner Konfirmation, auch in türkis. Es war erstaunlich, daß mir die Sachen von meiner Schwester so gut standen. Das Spiel von Peggy’s Mutter machte eigentlich Spaß. Ich wunderte mich bloß, daß fast alle mitmachten. Peggy’s Eltern hatten auch einen Partykeller. Dort gab es abgesägte Baumstümpfe mit Kunstlederbezug und viele Lampions. Wir machten wieder ein Spiel, Mini sollte mich dabei küssen. Er hieß so, weil er recht klein war, eigentlich war er nur dünn. Er hatte eine süße, zappelige Art zu tanzen, seine Finger schlabberten vor der Brust hin und her. Wir küßten uns also. Zwei Wochen später sagte er mir, daß er von diesem Kuß total frustriert gewesen sei. Das Wort « frustriert » lernte ich damals gerade.

Dann hatte ich Geburtstag. Ich lud die neue Clique ein und war maßlos nervös. Die Freundin meiner Mutter meinte, die Unterhaltung würde sich schon ergeben. Ich konnte mir das nicht vorstellen.

Erst war mein Zimmer voller pastelIfarbener Blümchen an der Wand, später kam ein zartes Grün auf Rauhfaser. Dazu ein rot-oranger Teppichboden und der Sekretär von meinem Großvater. Es paßte nicht für 16-jährige Jungs. Die Clique saß unten, jemand fand die Motorrad-Prospekte im Tischfach, peinlicher ging es nicht.

Meine Oma und meine Mutter hatten Brötchenhälften belegt, drei große Platten voll, und in den Vorratskeller gestellt. Der war genau neben meinem Zimmer, ab und zu ging ich mit jemandem hin, wenn ich die Unterhaltung zu anstrengend fand. Wir aßen dann ein paar Brötchen. Einer übernahm schließlich das ganze Gespräch, er fuhr immer mit geliehenen Motorrädern rum, die nicht angemeldet waren. Er reparierte sie für die Leute und schließlich hatten sie beide, er und die Besitzer, die Polizei am Hals. Diese Geschichten kamen aus ihm raus wie ein Radio, das man nicht abschalten kann. Der Abend war damit gerettet.

Am nächsten Tag war meine Mutter sauer, daß ich die Brötchen-Platten nicht angeboten hatte. Ich konnte nicht erklären, warum.

Meine Schwester war jetzt die Freundin von Mini. Er hatte sie geküßt, nachdem er mit mir so frustriert gewesen war, und so waren sie dann eben zusammen. Aber sie fuhr dann mit den anderen Geschwistern in ein Kinderheim, weil meine Mutter ins Krankenhaus mußte. Ich hatte mein ganzes Leben lang vor nichts so viel Angst gehabt wie davor, in ein Kinderheim geschickt zu werden. Ich war wohl groß genug und sowieso vernünftig, so daß ich zu Hause bleiben durfte. Das rechnete ich meiner Mutter hoch an.

Mini kam aus Gewohnheit zu uns, wir gingen auf den Dachboden. Das war schwierig, vom Flur aus mußte man mit einer Eisenstange an einer Klappe ziehen, die dann herunterkam. Auf ihrer Rückseite war erst die Leiter befestigt. Als meine Mutter hochschwanger war, ist sie mit einer Nachbarin einmal nach oben geklettert, der Mann der Nachbarin stand unten mit vorgestreckten Armen, um vielleicht eine dieser kreisrunden Frauen aufzufangen. Mit Mini kam ich natürlich leicht hoch. Wir sahen uns diese staubigen Schränke, Koffer und Spielsachen an, wollten gerade wieder runterklettern, da küßte er mich wieder. Er tat es einfach, obwohl er doch mit meiner Schwester zusammen war. Dann saßen wir unten am Eßtisch, und er raufte sich die Haare, weil er ihr immer noch keinen Brief geschrieben hatte. Sechs Wochen lang sollte meine Schwester im Heim bleiben.

Mir hatte sie geschrieben, daß sie dort zum Abendessen verschimmeltes Brot bekamen, und daß ein Mädchen in ihrer Gruppe, genau wie sie vierzehn Jahre alt, schon mit ihrem Freund geschlafen hatte. Selbstverständlich lasen immer meine Eltern alle Post an mich, und so erführen sie dies nun auch und schickten gleich einen Brief an die Heimleitung. Sie verlangten klipp und klar, daß dieses Mädchen aus der Gruppe entfernt wurde.

Mini hat mich auch abends besucht. Er kam mit dem Motorrad. Ich drehte mir vorher die Haare mit der Lockenschere zu einer Schräge nach innen, malte mir die Lider hellblau und sah aus wie ein Traum in Pastell. Der Maler strich die Fußleisten und bewahrte die Ruhe. Ich wußte nicht, was ich mit Mini reden sollte. Es wurde gemunkelt, daß Mini ein Problem mit der Prostata hatte. Ich wußte es von Peggy, sie wußte es von den anderen Jungs aus der Clique. Aber Mini hatte nie länger eine Freundin gehabt. Wir legten uns auf meine karierte Bettmatratze, küßten uns und er griff mir mit einer Hand von oben in den BH. Es war eine Schwierigkeit, mit dem Arm durch den engen Halsausschnitt zu langen, aber so machten wir es. Einmal fragte ich ihn: „Warum machst du das eigentlich?“ Da sagte er: « Macht Spaß!“

Es ging sechs Wochen lang so, dann machte er Schluß. Er besprach alles mit meiner Schwester am Telefon. Ich hörte mit, quetschte mein Ohr so zwischen den Hörer und ihr Ohr, daß ich alles verstand, was er zu ihr sagte. Er sagte zu ihr: « Das Allerkomischste war, daß wir uns nie unterhalten haben.“ Das war mir schon klar, ich wußte eben nicht, was ich sagen sollte. Peggy erzählte mir natürlich, daß Mini total intelligent ist. Ich war voller Ehrfurcht und ich fand ihn auch süß, wenn er tanzte und sonst hatte er hübsche, weiche Hände und einen warmen Mund, blaue Augen, die hinter einer Falte etwas verschwanden.
Ich saß zu Hause viele Stunden auf dem Klo und träumte davon, wie ich jemandem etwas ganz Interessantes erzähle, der guckt mich aufmerksam an und Mini kriegt das mit, daß ich erstaunlich gute Sachen zu sagen habe. Und daß ich es mich eines Tages traue, ihm etwas zu sagen, was Kluges, ganz unerschrocken und gelöst. Ich konnte zwei Stunden hintereinander auf dem Klo sitzen und mir das ausdenken.

Meine Tante sagte, wir hätten so ein großes Haus und keine einzige gemütliche Ecke; das Klo war die einzige, man konnte so den Kopf an die Seitenwand der Waschmaschine lehnen.

Die Putzfrau kam einmal ins Badezimmer und sah mich da. Wir durften die Tür nicht abschließen, meine Mutter wurde dann wütend. Sie wollte manchmal nur kurz reinkommen und Dreckwäsche in den Bottich stopfen. Die Putzfrau kam nach einer Stunde wieder rein und sagte: « Du sitzt ja immer noch da! »

Wenn mein Vater herein kam und uns sah, schrie er: « Schämst du dich gar nicht? » Das kam vor, aber er ging selten in das Familienbadezimmer. Wir hatten daneben ein Gästeklo, das benutzte er, und es roch danach so unmenschlich, widernatürlich, daß wir auf Papas Klo schon gar nicht gingen. Allerdings ging da der Schlüssel leicht herum zu drehen. In vielen Albträumen habe ich mich vor dem Mörder, der mich verfolgte, dort versteckt, weil ich den Schlüssel herumdrehen konnte. In einem Traum stand meine Oma in der Küche und sagte dem Mörder, wohin ich gerannt war.

Die Putzfrau hatte selber ziemliches Pech auf dem Klo. Sie saß bei sich zu Hause auf dem Klo und angelte mit dem Fuß nach einem Latschen. Dabei brach sie sich das Bein zweimal. Ich habe sie mit meiner Mutter im Krankenhaus besucht. Zum ersten Mal war ich im städtischen Krankenhaus und hätte nicht gedacht, daß so viele Menschen in einem Zimmer liegen können. Die Putzfrau ist dann gestorben, an diesem Beinbruch.

Peggy sagte, daß sie bei uns erst einen unbefangenen Umgang mit dem Körper gelernt hätte. Wir gingen aufs Klo und duschten so hin und her und besprachen unsere Busen vor dem Spiegel. Wir hatten beide Rundbusen, und meine Schwester hatte einen Spitzbusen. Das ist die Form, wie es so wächst. Wir unterschieden auch zwischen Birnenpo und Apfelpo.

Als ich dreizehn war, kaufte mir meine Mutter in einem Miederwarengeschäft zwei Büstenhalter, damit der Busen nicht ausleiert. Ich brauchte Große AA. Diese Größe ist selten, weil es die allerkleinste Größe ist. In meiner Kabine öffnete die Verkäuferin den Vorhang und langte mit ihrer Hand auf meine Brust, um sie richtig ins Schälchen zu legen. Der eine von den beiden BHs paßte mir trotzdem nie, er war eben für Spitzbusen gemacht. Der andere war auch viel hübscher mit blauen Pünktchen.

Als ich mit Mini auf dem Bett lag, trug ich abwechselnd zwei BHst die ich von meiner Patentante geerbt hatte. Das war ein bißchen später und sie hatten eine andere Größe. Sie waren vollkommen synthetisch, aus Strickmaterial und mit einer dicken Quernaht vorne. Der eine war braun, der andere rosa. Die Naht sah bei jedem T-Shirt durch. Hinten gab es einen Haken, der durch zwei Schlaufen sollte, aber weil schon ein Loch im Gewebe war, schaffte er es immer nur durch eine. Ich nannte sie « die Dinger » und schmiß sie endlich irgendwann weg.

Im Sommer hatte ich allerdings einen Bikini in einem anderen Miederwarengeschäft gekauft, der pink war und aus Nickistoff. Hinten konnte man ihn als Kreuz binden oder wie normale Träger und dann quer. Es fiel sogar meinem Vetter auf, daß ich es mal so, mal so tat. Einmal kam Mini im Sommer mit dem Motorrad zufällig bei uns vorbei, und ich hatte gerade den Vorderrasen gemäht. Ich stand im Bikini vor ihm und er guckte auf mich drauf. Ich fühlte mich gut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Biographie MARGARETE GROSCHPUF

 

1958 in Hannover
1977 Abitur in Lüneburg
1977/78 Studium Generale am Leibniz Kolleg Tübingen
1978-1980 Studium der Germanistik und Erziehungswissenschaften in Tübingen
1980-81 Studium am Antioch College, Ohio, USA und Mitarbeit bei der Zeitung »Aufbau« in New York
1981-86 Studium an der Freien Universität Berlin, Magisterexamen
1982-87 Studium der Fotografie an der Hochschule der Künste
1982-84 Kunstgeschichtliche Führungen in der Akademie der Künste
1986-90 Dozentin an Volkhochschulen zu kulturgeschichtlichen Themen
1989 Stipendium der Stiftung Preussische Seehandlung
ab 1990 Freie Mitarbeit im Feuilleton des Tagesspiegel, der Tageszeitung, Zitty, TIP, RIAS, Radio Brandenburg, Feature-Sendungen DeutschlandRadio, für RIAS, Saarländischen Rundfunk,
Publikationen von Prosa und Lyrik in Der Alltag, Konkursbuch, tageszeitung, Züricher Wochenzeitung WOZ
1995 Geburt des Sohnes Melchior
1998 Stipendium der »Notgemeinschaft der dt. Kunst«
1999 Stipendium im Künstlerhaus Ahrenshoop
1999 Stipendium der Stiftung Käthe Dorsch
2000 Projektförderung durch das Kunstamt Hellersdorf

 

Bibliographie :
Produktion der CD »Meine Wiener Liebe«, Berlin 2000

Publikation literarischer Texte im Rundfunk:
« Die Erotik der Straßen von New York » Rias 1991
« Bordell Paradox » Deutschland Radio 1999

Veröffentlichungen in:
Konkursbuch, Tübingen:
« Wintertag » in ‘Reiz, Auge, Phantasie’ 1984
« Nachmittage » in ‘Mein heimliches Auge’ 1991

Der Alltag, Zürich:
« Pepsi zwischen Tür und Angel »
‘Männer und Frauen’ 1992

Züricher Wochenzeitung:
« Landeinwärts » 1990

Die Tageszeitung:
« Meine Großmutter » 1989
« Nach Weihnachten » 1989
« Sommertag » 1990
« Was ist ein Broiler? » 1990
« Kann denn Sünde Liebe sein? » 1989
« Nachruf auf den Sommer » 1989

Preise :
Zahlreiche Stipendien und Förderpreise

Beschreibung
Die Berliner Autorin Margarete Groschupf liest ihre Erzählung « Tragikomix ».

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