Margarete Groschupf

 

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

Am Meer

 

 

 

 

 

 

 

Personen:

Der Junge, M.
Der Betreuer
Das Mädchen in der Wohngruppe
Sozialarbeiterin
Schulpsychologin
Psychologe
Schulleiter
Rechtsanwalt
Zitator
Zitatorin

 

 

1. Akt

Sound: Wellen, Gischt, Brandung, Möwen in der Luft schreien

 

Der Junge M.:
Der Himmel hängt wie ein nasses Tuch über dem Wasser, dieses Meer, das endet nicht da hinten, das macht weiter. Ich mache auch weiter, ich gucke das an. Ich warte auf ein Ende. Ich zähle nicht die Tage, ich warte auf die Stunden, die vergehen. Ich bin hier allein, allein ist die einzige Möglichkeit.
Sie denken, wir sind ihre Gefangenen. Ich habe nicht gesagt, wann ich wieder komme, ich bin einfach weg. Und dann soll ich abrechnen. Der Fahrradverleih ist nicht billig, ich muss 9 € pro Tag zahlen und nun ist das Rad schon den 2. Tag bei mir, aber was sollte ich denn machen, gestern Abend war es einfach zu spät, sie hatten schon zu und ich habe das Rad wieder mit nach Hause genommen. Nach Hause ist ein komisches Wort. Ich habe gar kein zu Hause.
Ich fahre zum Strand, ein weißer Streifen, der zieht sich vor der Ewigkeit hin, und da sitze ich und ich merke, dass die Sonne mich anfasst und mir die Haut braun macht. Ich habe meine Mama gefragt, ob das gut ist. Die Haut ist jetzt trocken, die Pickel sind weg. Wenn ich zurück gehe, sehe ich wieder das blutige Bett. Das Kopfkissen ist ganz verfleckt, ich habe im Schlaf gekratzt. Mein Kopf platzt von alleine auf.
Die Sonne könnte meine Freundin sein. Sie packt mich ein in ihr Licht. Kleine Kinder malen immer Strahlen und ein Gesicht, ich lege mich auf den Sand. Einfach weil ich sonst nichts tun kann. Ich bleibe liegen. Mein Rücken berührt die Erde, diese kleinen Hügel von Sand, und dann habe ich es im Hals, das Scheuern der kantigen Steinchen, die Kristalle von Strandpartikeln. Kleine glitzernde Dinger. Schön, wenn man eine Lupe hätte. Sie beißen mich.
Das Wasser beißt auch, schlägt richtig zu. Drei mal bin ich draußen gewesen, bis zu den Wellenbrechern geschwommen, das tun nur sehr wenig Leute um diese Jahreszeit. Es war so kalt, das ich aufgepasst habe, ob ich noch atmen kann, dass ich nicht plötzlich einen Krampf bekomme, gleichmäßig, das ist die Aufmerksamkeit, immer wieder ein Atemzug, langsam und tief und gleichmäßig, dazu müssen die Arme ihre Arbeit tun, ich habe jede Kraft, ich mache weiter, ich pflüge das Wasser, ich ziehe die Luft durch den Mund und ich verheddere mich nicht, ich bin kein Fisch, da ist kein Netz, ich ziehe meine Bahn wie die Möwe, aber ich bin im Wasser, es ist saukalt, schneidend kalt, es greift mich an wie ein Schabernack, der mich ärgern will, aber ich bin stärker. Ich habe mich an die Wellenbrecher gehalten, mich brechen sie nicht, ich weiß, wie weit ich hier gehen kann.
Sie haben hier Leute, die zu weit gegangen sind, das ist es, darum sind wir hier, Gefangene, die wieder kommen müssen, die nicht klar kamen. Dass ich hier falsch bin, haben sie eigentlich gleich verstanden, aber wenn ich es jetzt sage, werden sie wütend. Ich habe nichts anderes gesagt als das bislang.
Ich will so wenig wie möglich mit ihnen zu tun haben.

Da liegt ein Fisch, ein toter Fisch. Die Haut hat ein mattes Silber, die Augen sind glasig, blöde, vergeblich, ein Klumpen Leben, das vorbei ist, ein Produkt der Natur, ein Versuch Lebewesen, aber es hat kapituliert. Das Meer war stärker oder der Wind, der ihn an Land getrieben hat. Warum hat er nicht aufgepasst? Man wird mitgeschwemmt, man kommt in einen Sog, es reißt einen weiter, schließlich weiß man nicht, was geschah. Und man möchte atmen, man braucht Luft zum Leben, der Fisch braucht Wasser zum Atmen, da läuft das irgendwie anders, die haben Kiemen, die brauchen kein Asthma, um auf sich aufmerksam zu machen. Als ich mal so gekeucht habe, kamen gleich fünf Sanitäter, da saß ich aber schon ruhig auf dem Bett, mein Vater hatte einen Wutanfall gehabt, als ich nicht zur Schule gehen wollte. Ich war so lange in der Dusche, er dachte, ich mache mich über die ganze Welt lustig, ich wollte nur ruhig duschen, er hat an der Tür geruckelt, hat sie aufgekriegt, da war ich gerade dabei, mich abzutrocknen, er hat mich gepackt, ich dachte, ich spinne, er hat mich geschüttelt, da fing ich an zu heulen und dann hat es nur noch gerasselt im Brustkorb, ich habe gehechelt, sie haben den Notarzt gerufen.

Der Strand ist ein bisschen wie eine Welt, wie eine normale Welt. Da sind Menschen, die mit Kindern lang laufen. Es sind Familien, ganz normale Leute, sie gehen so rum, sie kaufen ihren Kindern nachher eine Apfelsaftschorle. Sie binden den Kleinen eine Mütze über die Ohren, bücken sich herunter und sorgen dafür, dass der Wind den Ohren nicht weh tut. Sie haben ihre Kinder lieb. Und die Kinder laufen einfach hin und her und nehmen sich Algen und ziehen die rum und schmeißen sie wieder weg, wenn sie nicht länger wollen. Sie machen das einfach, und sie kümmern sich nicht drum, einfach so, wie es gerade geht und ich mache meine Augen zu. Ich weiß, da sind einfach Menschen, die ein normales Leben haben. Sie sehen mich überhaupt nicht, das stört mich nicht.

Ich mache die Augen so zu, bis ich in die Erde rutsche. Ich falle durch die nächste nasse Schicht im Boden, da ist ja dieser Strand, darunter wird es feucht, dunkler und dann kommt irgendein Ton, ein Mutterboden, klebrig, rot, fruchtbar. Man kann Bäume pflanzen, oder man kann Ziegel draus brennen, das müsste man untersuchen, eins von beiden, ich gehe in diese Schicht und darunter sind wieder Steine, richtig große Felsen, aus denen die Insel auch besteht, ich könnte eine Höhle finden tief unter der Erde. Ich lasse die Augen zu, bis die Sonne sich ärgert. Aber komischerweise ist sie echt verträglich, die Sonne kriegt keine schlechte Laune, wahrscheinlich bin ich für sie ein harmloser Fisch. Die Sonne sorgt für mich, aber bleibe allein.
Ich hatte eine Arbeit geschrieben für die Schule über den Mann, der am Meer steht, der hinaus sieht, er war gepflegt gekleidet, er sah über viele Felsen, das war so ein Blick mit viel Rot am Himmel, das Bild ist berühmt, ich wollte einfach wissen, was der Mann denkt, und sie haben damals auch Sorgen gehabt um die Welt. Der Mann hat das bestimmt alles im Kopf gehabt und wollte sich Kraft holen da draußen, er hat auf den Himmel geguckt, der so bunt rumgetobt ist, weil er das wohl durfte. Wer könnte denn schon dem Himmel irgendwas verbieten? Und was der Himmel tut sind ja auch bloß Reaktionen von Lichtwellen, die sich brechen, Farbreflexe, die entstehen. Es ist die Physik des Universums, Farbe kommt vom Brechen der Lichtwellen, aber es ist auch da, ein Ungeheuer aus Kraft, das mit dem Mann sprach. Nun habe ich was ganz Komisches im Internet gelesen, diese Felsen, die so berühmt sind wie das Bild, ich glaube, es ist die reinste Pilgerstätte auf der Insel geworden, diese Felsen sind plötzlich abgestürzt und ins Meer gefallen. Da war niemand, auf den sie drauf geknallt sind, ist auch egal, so Felsen tun schließlich völlig, was sie wollen, aber sie sind auf und davon, keiner konnte sie halten, sie haben sich frei gemacht. Sie waren da 3000 Jahre und sie haben die ganze Insel berühmt gemacht, ich habe ein Plakat geklebt für die Schule und natürlich war ein Foto von den Kreidefelsen auf Rügen dabei, das habe ich in einem Reiseprospekt gefunden, und plötzlich muss es da ganz anders aussehen, die Kreidefelsen haben sich gedacht, ihr könnt mich mal, der ganze Tourismus ist darauf eingestellt, aber die tun, was sie wollen, ist denen doch egal, ob die Touristen extra für sie dorthin kommen. Die haben auch eine Gewalt, der niemand trotzen kann.

Ich gehe nachher zurück und dann muss ich auf mich aufpassen. Ich denke jetzt nicht daran. Ein alter Mann zieht seine kaputte Jacke um sich herum, der traut sich nicht mehr ins Wasser, der hat sich mit den Elementen schon genug angelegt, glaube ich. Seine Schuhe sind offen und trotzdem kommt er voran. Der lebt wohl hier draußen. Wo man hier schlafen kann? Da gibt es einen Baum wie ein Wahrzeichen, eine schiefe Tanne, eine einzige große Sache an der Böschung, die von weitem zu sehen ist. Eigentlich sieht es schön aus, dass da ein Baum sich gehalten hat gegen alles andere, vielleicht haben sie die anderen geköpft, gekillt, abgeholzt, aber der eine durfte bleiben, weil er so viel Charakteristik entwickelt hat, den mussten sie einfach ernst nehmen. Ich glaube, der Mann liegt nachts in dessen Schutz.

 

 

 

2. Akt:

Sound: dumpfe Musik, Türenknallen, Autos auf der Straße

 

Betreuer:
Tag, kannst Du mal bitte die Tür hinter Dir schließen? Weißt Du was, ich bin gekommen, um heute was mit Dir zu machen, Du weißt das ganz genau, wir waren doch verabredet. Wo bist Du gewesen?

M.:
Ich hatte noch das Fahrrad von gestern und da habe ich mich eben noch mal drauf gesetzt und plötzlich war ich am Wasser und da bin ich halt geblieben und jetzt bin ich wieder da und habe das Fahrrad abgegeben. Hier ist die Quittung, es sind 18€. Die habe ich ausgelegt.

Betreuer:
Ach so, und du denkst, das geht jetzt von alleine? Daß wir hier ein Adventsservice sind, die Wünsche werden erfüllt, wie sie dir so ins Gehirn rieseln? Wir haben heute vor, das Haus zu putzen, auch das weißt Du, und du gehst gefälligst jetzt hoch und fängst bei deinem Zimmer an. Fegen, wischen, und dann ist es dein Part, hier den Flur und die Treppe zu machen. Wenn du nicht weißt, wie das geht, dann kann dir Yvonne das noch mal zeigen, Seife steht in dem kleinen Raum neben der Kellertreppe.

M.:
Mein Zimmer hat eine Luke, es ist ja gar kein Fenster, es ist ein ewiges Dämmerlicht in diesem Kasten. Die Bässe wummern durch die Wand, die Typen hören so beschissene Musik, ich kann das keinem sagen. Mein Handy hat eine Geräuschunterdrückung, am Telefon kommt nichts rüber. Diese stumpfsinnigen Beats machen mich wahninnig. Dann die Autos, wusch, wusch, wusch, wir sind an einer Straße. Es gibt Wiesen und dann das Meer, aber dieses Haus ist einfach billig, gerade, ein Kasten aus einem Fertigteillager, kleine blöde Zimmer. Und dann ein Plattenbau zur anderen Seite, wie Perlen auf der Schnur die Fenster, einfach gleichmäßig, gerade, Massentierhaltung. Kaninchenställe. Eine Front, an der nichts zu sehen ist. Zu Hause haben sie die Platten modernisiert, da gibt es wenigstens Farbe dran, angemischte Pastelltöne, irgend so ein Versuch zur Fröhlichkeit, ein bisschen rosa, hellgrün. Dann sieht es so aus, als wäre es doch eine Menschenwürdigkeit.
Immer achte ich drauf, dass das Außen nicht in meinen Körper dringt, außen für außen, in der Straßenbahn habe ich noch Glas und Metall um mich, wenn ich daran vorbeifahre, aber ich halte meine Augen nach innen, es gibt eigentlich nichts zu sehen.
Aber ich konnte nicht atmen, man muss ja atmen, ich war voller Staub innen drin, die Luft ist vermischt mit allem, wie will man das noch filtern. Ich habe ein Foto gemacht von meinem Papa, ganz nah dran, wie er so auf dem Strand liegt, mein Handy ist einfach total gut, ich habe seine Nase von unten angepeilt, ein Makrofoto gemacht, die Haare sind alle nass und verklebt in seinen riesigen Nasenlöchern. Nie Natur macht das perfekt, dass sie den Leuten Haare in die Nasenlöcher pflanzt, damit der Dreck hängen bleibt. Eine Schleuse für innen und außen, aber es reicht einfach nicht.

Mädchen: (klopft an Zimmertür)
Kommst du jetzt mal? Du bist der letzte, jetzt muss die Treppe noch gemacht werden, weißt du eigentlich, dass du dran bist? Erst fegen, kapiert? Und leer das Kehrblech nicht wieder im Papierkorb im Wohnzimmer aus, dann kannst du was erleben. Du machst das jetzt, alles klar?

M.:
Kannst du deinen beschissenen Mund mal halten? Was kann ich dafür, dass dein Leben blöd gelaufen ist? Misch dich nicht bei mir ein!

Dieses Gesicht, jetzt habe ich es ihr mal gegeben. Die huscht immer nur so um die Gänge, ich weiß ja, was mit ihr los ist, die freut sich, dass sie hier ist, ein Fluchtort, hier kommt ihr Vater nicht mehr an sie ran. Dieses hässliche betretene Gesicht, da muss man auch mal was gegen setzen. Erst war noch eine hier mit dem Baby, da sah das Baby genauso aus wie sie, klein und dick und total dumm. Die haben mich fertig gemacht, weil ich auf der Treppe laut war, ich hätte Rücksicht nehmen sollen, ich will auf solche Leute nicht Rücksicht nehmen, ich mag solche Leute nicht. Den Scheiß-Eimer nehme ich und da tue ich Wasser rein und das lasse ich dick und seifig über die Treppe fließen und wer drauf ausrutscht, hat selber schuld. Man müsste mit dem Eimer voll Wasser an der Tür Schmiere stehen und wenn sie kommt, dann los, ein Watsch ins Gesicht.

Sozialarbeiterin:
Er hat seine Rolle in der Gesellschaft noch nicht gefunden.

Psychologe:
Er ist bedroht von seelischer Behinderung. § 35a.
Sie geben aber eigentlich den 35a eurer Beziehung. Irgendwann wird er ein Mädchen durchbumsen und Graffiti sprayen und dann ist er erwachsen.

Sozialarbeiterin:
Er hat seine Rolle in der Gesellschaft noch nicht gefunden.

 

 

 

3. Akt

 

M.:
Meine Klassenlehrerin war morgens früh schon schlecht gelaunt. Sie kam rein und schimpfte. Immer topp angezogen, ihre Haut so ganz braun und dann die hellen Haare offen, immer viele Ringe, sie spreizt die Finger so komisch, wenn sie an der Tafel was erklärt. Aber platzt einfach, kommt an mit dieser Wut. Eigentlich tut sie mir Leid, dass sie kein Gefühl für sich selbst hat.

Schulleiter:
Verwahrlosung, ich hätte jetzt nicht gewagt, dieses Wort in den Mund zu nehmen, aber da Sie es so sagen. Ein junger Mensch, man kann zusehen, wie ein Lebensweg gegen den Baum gefahren wird. Eine vielversprechende Laufbahn, er hat doch was auf dem Kasten, das sagen alle Kollegen, da ist Potenzial, ganz deutlich, ganz klar.
Einen Sozialarbeiter haben wir an dieser Schule nicht, das brauchen wir nicht, wir sind ein Gymnasium. Aber er muss jetzt dringend den mittleren Schulabschluss machen, dafür setze ich mich ein. Den Brief an die Bürgermeisterin will ich gerne schreiben.

Sozialarbeiterin:
Er hat seine Rolle in der Gesellschaft noch nicht gefunden.

M.:
Mein Handy ist silbern und sehr schön. Es ist elegant, es liegt schwer in der Hand, mit der Zeit wird es ein bisschen warm. Die Kamera ist am besten. Das Handy ist alles, was ich habe, ich habe ein Plastikfolie darauf geklebt um die Glasscheibe zu schützen, die wirft ein bisschen Falten, lose Luftlöcher, das Handy will ja auch atmen. Sie haben mich in meiner Klasse darum beneidet, die Dummköpfe, als ob es darum geht. In der anderen Klasse fanden sie es schön, weil es schön ist, weil die Technik perfekt ist. Aber es stürzt manchmal ab, das dürfte nicht sein. Abstürzen ist ein fauler Trick. Kneifen, mein Handy darf nicht kneifen.
Der Himmel hat diese Farben, ich weiß nicht, woher die kommen, rosa und weiß, es sind Schlieren wie aus dem Tuschkasten, der Wind treibt die Wolken hoch und dann geht die Sonne unter, aber die Sonne schafft das nicht, die wird von den Wolken aufgehalten, die Wolken spielen mit der Sonne, werfen sie hin und her, bis sie ganz verteilt wird am Horizont, sie spielen mit dem Licht fangen und dann kommt ein Zweig aus einem Baum, der noch keine Blätter hat und will sich ein bisschen Sonne nehmen. Ein Ast streckt sich ganz weit vor, damit er sich einen Schlag Licht um den Finger wickelt und so verteilt sich die ganze Sonne überall in der Luft, aber falls sie runterfällt, sind die Wiesen da, ganz grüne Wiesen und die Sonne würde nicht wirklich hart fallen. Die würde aufgefangen werden, die würde sich ausruhen können, sich danach auch wieder aufrappeln können. Das weiß ich doch. Das fotografiere ich einfach. Ich fotografiere auch einen Baum, den Bach dahinter und immer wieder einen anderen Himmel, jeden Tag einen neuen Himmel.
Ich hole mir einen Döner, meine Oma hat mir ja Geld geschickt, ich trinke Cola dazu. Sie werden mir das Geld aber nicht wiedergeben.

Sozialarbeiterin:
Laut schulpsychologischem Gutachten ist von einer kombinierten Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen und einer Angst- und depressiven Störung auszugehen.
Bei M. handelt es sich um ein Kind, welches eine komplexen und hohen Hilfebedarf hat. Ohne diese komplexe Hilfemaßnahme besteht die Gefahr einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Fähigkeit zur Integration in die Gesellschaft. Eine enge Zusammenarbeit und ein abgestimmtes Handeln von Jugendhilfe, Schule, Elternhaus, Einrichtung und Psychologie sind notwendig, um M. in seiner weiteren Entwicklung zu fördern und zu stärken.
Es besteht eine Kindeswohlgefährdung.

M.:
Mein Betreuer erklärt mir, dass die Russen sich den einen Teil von Deutschland genommen haben, weil sie pleite waren nach dem Krieg, da war ein riesiges finanzielles Defizit, sie haben das Land leergeblutet, das sowieso schon leer war, um ihr Loch zu stopfen. Und für den Rest des Landes galt der Marschallplan, da haben die Alliierten Geld reingesteckt, das wurde der Westen. Die Westmächte haben aus dem Westteil des Landes den goldenen Westen gemacht. Der Westen war schon immer Golden. Neulich habe ich wirklich eine Frau getroffen, die kommt aus Amerika, und sie hat von ihrem Opa erzählt, dass er in den Westen gezogen war, dort im Sand gewühlt hat, und im Staub der Wüste Gold gefunden hat. Nach vier Jahren kam er zu seiner Familie zurück, und alle waren reich! Das gibt es doch tatsächlich! Das ist doch kein Quatsch. Aber das gab es nicht in der DDR, das gab es im Westen. Und dann gab es Sprichwörter, die sagen

Zitator:
Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

M.:
Man muss ja nicht auf jedes Sprichwort reinfallen, ich war an der Westküste, nicht von Amerika, aber von Deutschland, und da hat es geglänzt. Ich hätte das nicht für möglich gehalten.

Sozialarbeiterin:
Frau P. fokussiert ihre familiären Auseinandersetzungen sehr auf eine unzureichende Schulbildung und ein sozial benachteiligtes Milieu. Da Frau P. keine Schule in Berlin finden konnte, die den Ansprüchen von M. genügen würde, gab sie M. für eine Woche ins Internat nach St. Peter-Ording. Das habe der ganzen Familie gut getan und M. habe sich dort sehr wohl gefühlt.
Nach Überprüfung durch den Fachdienst und einem Gutachten durch den schulpsychologischen Dienst konnte festgestellt werden, dass M. einen hohen therapeutischen Bedarf aufweist, den das Internat in St.Peter-Ording nicht abdecken kann. Um das Ziel St.Peter-Ording zu erreichen, wurde von M. und seiner Mutter sehr viel Engagement gezeigt. Sie aktivierten unzählige Fachkräfte, die Stadträtin und die Bürgermeisterin.
Das mangelnde Problembewusstsein und die mangelnde Problemakzeptanz von Kindesmutter und M. lassen nicht erwarten, das sich ihr derzeitiges Verhalten in absehbarer Zeit maßgeblich verändert.
Ambulante Hilfen und auch St. Peter-Ording sind derzeit nicht geeignet, um beschriebenen Risiken in der Entwicklung von M auszuräumen.

M.:
Nur wenn ich ans Internat zurück gedacht habe, konnte ich wieder Fotocollagen machen: ich habe dieses Stadtbild genommen und eine Explosion in den Himmel gesetzt. Das kann ein Plattencover sein, ja, oder ein Poster, es sind drei Ebenen im Bild, die Wirklichkeit und der Schrecken und die Schönheit. Ich musste ganz viel für mich allein sein, damit ich wieder diese Erinnerung fühlen konnte und dann eine Idee, die so schwach in mir hoch kam, ernst nehmen würde. Und das Ergebnis war gut.

Sound: Straßenlärm

M.:
Schon wenn ich mir einen Döner kaufe, merke ich den Unterschied. Ich kenne die verschiedenen Döner-Läden in Berlin ganz genau, den bei uns meide ich wie die Pest, die Typen sind da eiskalt, reine Routine, absolut kein Gefühl. Nur eine Station weiter und das ist schon ganz was anderes, der spielt so rum mit seinem Messer, wenn er das Fleisch absäbelt und dann wird das Gemüse lieb angeguckt und ich weiß, dass die da die Kräutersoße am besten machen. Die machen das einfach irgendwie anders, mehr mit Joghurt, nicht so viel Mayonnaise, die sehen mich immer so an, da weiß ich, dass sie mich wieder erkennen.
Und hier habe ich mir einen Döner geholt und das war anders. Ich wusste schon kaum noch, wie man so eine Bestellung aufgibt, wie man das sagt. Also, ich habe schon gesagt, dass ich einen Döner will, aber es war, als ob jemand in mir das gesagt hat, dass ich höflich war, als ob ich, wenn ich normal spreche, nicht einen Döner bestellen darf, als ob ich dann keinen kriegen soll, als ob ich hier nicht mehr ich bin. Ich habe den Döner auch bekommen und niemand hat den Unterschied gemerkt, ob ich rede, wenn ich ich bin, oder wenn ich so tue, als ob ich nett sein will. Dann bin ich es eigentlich nicht. Vielleicht sollte ich ein Fischbrötchen essen und keinen Döner, aber ich wollte doch einen.

Sozialarbeiterin:
Er hat seine Rolle in der Gesellschaft noch nicht gefunden.

M.:
Ich muss zurück, aber dann sind die anderen da, und ich gehe in mein Zimmer und ich rede mit niemandem, und die Bässe wummern durch die Wand, diese beschissene Musik, und als ich mittags um zwölf geduscht habe mit dem Handy laut, da haben sie gemotzt, diese Schwachköpfe und dann ein Tattoo „Fuck you“ – so ein Scheiß, und dann haben wir einen Film gesehen, den ganzen Tag läuft RTL, die Betreuer gucken mit und die eine versichert dann gleich schuldbewusst, zu Hause würde sie aber ein anderes Fernsehprogramm sehen. Jedenfalls war es ein Film und da kam eine Liebesszene vor, und da stellt dieser Schwachkopf ab, mit dem Kommentar, solche Schnulzen wollen wir nicht sehen. Weil er so gestört ist, dass er keine Gefühle aushalten kann! Die Betreuer, das wird mir hier klar, sind genauso verunsichert wie die Leute in der Wohngemeinschaft. Auch dass sie immer „Jugendliche“ sagen, kotzt mich an, wir sind doch Kinder.
Wenn wir Auto fahren, muss sofort das Radio angemacht werden, irgendein blöder Sender mit Reklame und Musik, Hauptsache, es ist nicht leise und ruhig, und man kann die eigene Stimme innen nicht hören. Die können sich alle selbst nicht fühlen, wie meine Lehrerin.
Wir haben ja die Klassenfahrt gemacht, meine Mutter war mit, und da haben die wohl in einem Zimmer zusammen gewohnt und die Lehrerin hat meiner Mutter erzählt, wie sie früher in Italien in der Modebranche gearbeitet hat. So kann man sich ja die braune Haut und dieses Styling gut erklären. Dann kam sie nach Deutschland, hat in einer Werbeagentur in Düsseldorf einen coolen Job gehabt, aber plötzlich kam ein Angebot aus Marzahn von diesem Gymnasium und es war eine Stelle lebenslänglich, auf Leben und Tod, also eine Verbeamtung, das hat sie dann genommen, da hatte sie ja ausgesorgt, sie hat nach zwei Monaten alle Zelte abgebrochen und ist in die fremde Stadt Berlin gezogen. Sogar um die Ecke von der Schule gewohnt, die volle Dröhnung! In einer 1-Zimmer-Wohnung! Da kommt man auf den Trichter, woher ihre schlechte Laune stammt. Jeden Tag das gleiche. Keiner hört zu, total flach, diese Vokabelreihen und so ein Scheiß, alles auswendig zu lernen. Sie hat es eigentlich selbst kapiert und damals auf der Fahrt auch gesagt, eine Sprache muß man im Land lernen und üben, Trockentraining hat überhaupt keinen Zweck und trotzdem unterrichtet sie Italienisch und kassiert ein sattes Gehalt und hat jetzt richtig gesotten schlechte Laune. Kaum einer macht die Hausaufgaben, wir lachen in der letzten Reihe die ganze Stunde. Sie hat einen echten Wutanfall gekriegt, als ich mich geweigert habe, den einen Satz fünf mal abzuschreiben, ich habe es nur zwei mal gemacht und hatte keinen Fehler drin.

Sozialarbeiterin:
Die Lehrerin beschreibt M. in ihrem Bericht wie folgt: Er habe große Probleme, sich an Regeln und Arbeitsanweisungen zu halten. So sind die Hausaufgaben zwar da, doch ohne Berücksichtigung der Aufgabenstellung. Seine Mitschüler reagieren zunehmend negativ auf M’s Unzuverlässigkeit und Fehlverhalten. M. spiele in Gesprächen seine Fehltage/Fehlstunden und die täglichen Auseinandersetzungen zu Hause herunter. Er sage deutlich, dass er professionelle psychologische Hilfe nicht nötig habe. Es würde ausreichen, wenn die Schule sich ändert.

Zitator:
Die Aufgabe des Lehrers ist präzis: er hat zu unterrichten, und zwar einen bestimmten Stoff, in einer bestimmten Zeit, an bestimmte Kinder. Der Erfolg seiner Tätigkeit ist kontrollierbar. Jederzeit ist feststellbar, ob die Schüler den zum Prüfungstermin fälligen Stoff beherrschen. Der Lehrer wird durch Prüfung seiner Schüler geprüft. Die Verhältnisse liegen hier denkbar erfreulich, einfach, klar, übersichtlich. (…)
Die Diskrepanz zwischen dem Drängen des Körpers und dem Widerwillen, der Ahnungslosigkeit, der Angst des Ich erzeugt dann jene widerspruchsvollen, genialischen oder idiotischen Wirbelstürme der Seele, die wir Pubertät nennen, die bis weit in die Zwanzigerjahre hineinreichen, oder aber nach kurzer Zeit erwachsenem Frieden, von Wirbelköpfen als Philisterium beschimpft, weichen können.
(Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung) – nicht lesen!

 

 

 

3. Akt:

 

M.:
Ich kann meine Mutter nicht aushalten.
Sie kommt rein in mein Zimmer, damals war es so, sie kam also rein und hatte ihre Augen weit aufgerissen. Wie ein Schreckgespenst, erschrocken von irgendetwas, wie gejagt. Ich habe gesagt: du vibrierst. Sie hat gezittert, ganz ohne Grund.
Sie kam viel zu oft rein, sie hatte einen Vorwand, ich soll essen kommen, irgend ein Quatsch, sie konnte es nicht so lange in ihrem Zimmer aushalten und hat mich gebraucht zum Ablenken. Darum kam sie rein und ich wollte sie nicht sehen. Ihre Augen waren so weit und so offen, wie farbiges Glas bei einer Puppe. Da setzt man die Augen extra ein und kann sie auch einzeln kaufen. Meine Mutter steht da und zittert. Ich weiß nicht, was das soll, ich will, dass sie wieder raus geht, ich will, dass sie mir nicht zu nahe kommt, sie kann sie nicht riechen. Ich sage zu ihr, fass mich bloß nicht an. Ich will nicht, dass sie mit mir spricht: sie ist verrückt, ihre Gedanken sind wirre, ihre Gedanken laufen mit meinen durcheinander, es ist dann wie aufgewühlter Sand in mir, irgendwas stimmt da nicht, aber ich weiß nicht, was. Sie soll nichts sagen, ich dränge sie raus. Am besten sie bleibt überhaupt in der Tür stehen,
keinen Schritt weiter, halt. Hier ist ein Hochsicherheitstrakt, ich bringe mich doch nur in Sicherheit. Mit Gewalt, das muss sein. Sanft kann man da gar nichts erreichen. Das Spiel ist verloren, bevor es anfängt, und ich weiß nicht, wo ich gerade stehe. Ich weiß nicht, ob ich schon am Verlieren bin, das ist ja das Schlimme.
Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück, der Computer ist meine Welt, da kenne ich mich aus. Ich kenne mich auch in dieser Wohnung aus. Ich habe eine Arbeitsteilung durchgesetzt, jetzt funktioniert meine Mutter ganz gut. Ich drücke ihr auf, den Staubsauger zu leeren, wenn es sein muss, das muss andauernd sein, ich kann diesen Dreck nicht leiden, sie soll das gefälligst machen, ich bin allergisch, ich halte es nicht aus, wenn das Zeug aus der Mülltonne zurück staubt. Ich werde davon krank, ich bin ja schon krank.
Ich sauge die Wohnung, sonst komme ich nicht zur Ruhe. Ich muss das tun. Sie tut es ja nicht.

Sozialarbeiterin:
Zu Hause gäbe es immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen Frau P. und ihrem Sohn. Er beschimpfe sie „Du bist so brutal und dumm wie ein Schwein.“ Frau P. fühle sich in den Momenten überfordert und es komme zu Streit und Handgreiflichkeiten.
Nachts würde Frau P. von M. geweckt, da er nicht schlafen könne. Sie solle sich an sei Bett setzen, bis er eingeschlafen wäre. Es gab eine Polizeieinsatz, da M. seine Mutter in der Wohnung eingeschlossen hatte.
M. selbst gibt an, dass alles gar nicht so schlimm wäre. Ihn nerve nur, dass seine Mutter die Wohnung verwahrlosen lassen würde. Er fühle sich ständig gezwungen, Ordnung zu schaffen und Staub zu saugen. Er würde sich ein etwas strukturierteres Leben wünschen.
Frau P. hält ihren Sohn für einen Ordndungsfanatiker. Für ihn müsse nach außen hin alles in Ordnung sein.

Sound: Computerspiele, Geballer

M.:
Ich weiß nicht, wo sie ihr Gehirn hat, wenn sie was kocht. Ich weiß aber vorher, dass ich eine Handvoll Salz drüber streuen muss, sonst schmeckt es nach gar nichts.
Es ist direkt, als ob sie überhaupt nicht da ist. Sie macht derartig bescheuerte Dinge, wie weggetreten. Wir haben zusammen eine Bratpfanne gekauft, eine schöne neue Bratpfanne, die innen schwarz beschichtet ist, damit man kein Fett braucht. Und sie stellt die in den Herd!
Na gut, da ist sie aus dem Weg, aber dann macht sie den Grill an und vergisst die ganze Sache. Die Pfanne schmort in dem Grill, da hat sich der Deckel aufgelöst, der hübsche schwarze Plastikknopf oben drauf ist geschmolzen, halb kaputt steht das teuere Teil nun in der Küche rum, wird praktischerweise direkt auf dem Herd aufbewahrt. Die ganze Sache ist derartig sinnlos und wir haben die Pfanne so sorgfältig zusammen ausgesucht, die war nicht billig! Jedes Mal, wenn ich das Ding sehe, kriege ich das Kotzen. Und ich muss hier auch noch auf das Geld aufpassen.

Schulpsychologin:
Die Probleme zwischen ihm und seiner Mutter hätten sich in letzter Zeit verstärkt, er versuche sich ihr zu entziehen, da er sich meistens von ihr genervt und sich schon allein durch ihre Anwesenheit belastet fühle. Inzwischen habe er große Einschlaf- und Durchschlafprobleme, so dass er morgens früh kaum noch aufstehen könne.

M.:
Ich erlaube meiner Mutter überhaupt nicht mehr, irgendwas für mich zu kochen, ich habe einfach das Vertrauen verloren, das es was werden könnte. Sie kauft jetzt Pizza oder Schlemmerfilet, das kommt in die Röhre. Wie oft habe ich ihr schon gesagt, sie soll nur zum Anheizen den Grill nehmen und dann runterschalten! Ich verwalte meine Mutter wie meinen Computer – man muss wissen, welche Knöpfe man bei ihr drückt, aber sie funktioniert irgendwie schlechter. Sie funktioniert chaotisch, da sind Kabel gerissen. Bei ihr mache ich es mit Gewalt, beim Computer nicht. Beim Spiel bin ich geschickt, extrem geschickt, ich bin gefürchtet und berüchtigt, ich lege die Soldaten um, reihenweise, bin ja extrem auf der Hut, dann baller ich los. Total auf Zack. Mit mir lässt sich nicht spaßen. Ich merke, tagsüber sind kranke Schüler und Arbeitslose dabei, die Profis unter den Erwachsenen kommen nachts. Das sind die Schlauen, richtig intelligente Leute. Wir zocken stundenlang, jawohl, das ist eine Kunst, da liegt auch eine Eleganz drin: In der Art, wie man es macht, zeigt sich der Charakter. Ich lerne Englisch dabei, ich bin richtig gut.
Meine Klassenlehrerin hat eine Datei auf ihrem Stic „M. Computersucht“ – als ob ich süchtig wäre, alle in der Klasse spielen doch gleich viel wie ich.
Seit ich hier bin, habe ich kein Mal am Computer gesessen, im Kellerraum gibt es einen, ich gehe nicht ran.
Die Klassenlehrerin hat mir eine 5 ins Zeugnis geknallt, jeder weiß, dass die Zensur nichts mit mir zu tun hat, das sind alles Zufälle. Ich bin nicht hingegangen, als wir die Arbeiten geschrieben haben, dafür haben sie mir eine 6 gegeben, in Mathe habe ich ‚ne 5 im Zeugnis! Ich mache allen in der Stunde vor, wie es geht in Mathe, da riefen sie im Chor „Und du hast ´ne 5 im Zeugnis!“ Wir haben so gelacht, was hat denn Schule mit Wirklichkeit zu tun?
Drei Fünfen, Versetzung gefährdet, meine Mutter hat nicht geschimpft, sie weiß ja, was los ist, es ist einfach derartig langweilig in der Schule, ich lerne mehr, wenn ich zu Hause bleibe.

Sozialarbeiterin:
Ein großes Problem sieht Frau P. darin, dass M. sich in der Schule nicht wohl fühle. Er sei sehr sensibel und er sei dort unterfordert. Die Schule beschreibt sie als kalt und unpersönlich. Sie habe bereits mehrere Gespräche mit der Lehrerin geführt. In diesen Gesprächen habe sie laut Aussagen der Lehrerin bemängelt, dass es keine Hausaufgabenbetreuung und keine zusätzlichen Lernangebote außerhalb des Unterrichts gäbe. Zudem sei das Gymnasium zu leistungsorientiert.

Schulleiter:
Gemäß § 62 des Berliner Schulgesetzes spricht die Klassenkonferenz aufgrund eines anhaltenden Erziehungskonfliktes und daraus resultierendem mehrfachen unentschuldigten Fehlens, das zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung der ordnungsgemäßen Unterrichts-und Erziehungsarbeit führte, einen mündlichen Tadel aus.

Der Schüler ist mehrfach unentschuldigt vom Unterricht ferngeblieben und hat sich mehrfach unentschuldigt verspätet. Es handelt sich hierbei um ein wiederholtes schweres Fehlverhalten, auf das der Schüler sowie die Erziehungsberechtigte schon im vergangenen Schuljahr hingewiesen wurden (siehe Schülerakte). Aus diesem Grund entschied die Klassenkonferenz des Weiteren die Androhung eines schriftlichen Verweises gemäß §63 auszusprechen.

Falls es nach einem Verweis weiterhin zu Verstößen gegen die Schulpflicht kommt, droht eine Schulversäumnisanzeige.

Schulpsychologin:
Aus Sicht der Kindesmutter resultieren die Beziehungsproblem zwischen ihr und ihrem Sohn vorrangig aus den Auseinandersetzungen über den prinzipiellen Schulbesuch des Sohnes. Die Probleme des Schulbesuchs sind grundsätzlicherer Art, als dass sie sich durch einen Schulwechsel innerhalb der Region lösen ließen.
M. wünscht sich ein neues Zuhause und eine andere Schule. Nach dem einwöchigen Probeaufenthalt in einem Internat wünsche er sich, dort zu wohnen und die Schule besuchen zu können.
In der bei uns durchgeführten Persönlichkeitsdiagnostik zeigt sich eine starke Aversion gegenüber der Schule im Sinne einer Projektion aller Schwierigkeiten auf die Schule, die M. mit der Schule hat.

M.:
Ich gucke mir die Steine am Strand an und ich sehe, wie sie glitzern und in ganz feinen Farbabstufungen alle miteinander verwandt sind.

Sound: Wellenplätschern

 

 

 

4.Akt

 

M.:
Meine Mutter hat mir ein Buch geschickt, obwohl sie weiß, dass ich keine Bücher lese. Sie macht es einfach, sie schickt es mir her und ich bedanke mich nicht und lasse es links liegen. Meine Gedanken habe ich so oder so. Auf der Rückseite von dem Buch steht:

Zitator:
Ein Schulmeister hat lieber zehn notorische Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. Wer aber mehr und Schwereres von anderen leidet, der Lehrer vom Knaben oder umgekehrt, wer von beiden mehr Tyrann –

M.:
Bis hierher, das lese ich nicht, das springt mir ja richtig ins Gesicht. Das fragt der auch noch! Ich sehe nicht, dass die Lehrer leiden, sie haben ein sauberes Dasein, ein feistes Gehalt, sie haben überhaupt keinen Sinn mehr fürs Leben, ich vergifte mich ja schon in Gedanken. Ich lese das Buch bestimmt nicht. Neulich habe ich eins wirklich gelesen, das hat mir einer geschickt, den ich nur von der Stimme her kannte, „Der Alchemist“, ich habe die Gedanken schon selbst gehabt.
Ich mag auch meinen Namen nicht. Niemand sonst heißt so. Ich habe einen Namen, der eine hochtrabende Bedeutung hat – König des Lichts! Was ist das für eine Aufgabe, die ich da einlösen soll, ein Versprechen an die Menschheit, das ich aber nicht selber gegeben habe. Nach Weihnachten immer dieser Feiertag, in dem ich vorkomme und eine Rolle spiele, das ist mir sehr unangenehm. Die meisten Leute wissen nicht, wie man meinen Vornamen schreibt, und meinen Nachnamen erst recht nicht.
Wenn sie mir schon mein Land genommen haben, mein Zuhause, brauche ich auch kein Zepter, keine Krone. Ich habe meinen Computer, den beherrsche ich, aber regieren tue ich den nun ganz sicher nicht.
Da ist kein Zentimeter um mich herum. Nur diese Weite aus Luft mit einem Himmel, in den man Backförmchen schmeißen kann, wenn man klein ist und mit seinen Eltern am Strand spazieren geht. Ich war auch mal klein, ich war mit meiner Mutter in einem Haus für ein paar Wochen, wo Künstler arbeiten sollten, und ich war das einzige Kind da. Es gab eine Frau, die sich immer über mich geärgert hat, einmal habe ich auf dem Flur gelegen und geschrieen, ich Gesicht wurde ganz fahl, da war nur noch ein Leiden, das sich ohnmächtig ausbreitete, sie saß ohne Worte da und ich habe gebrüllt, was ich konnte. Später hat sie mich dann gestreichelt, hat mir die Haare aus dem Gesicht gestrichen, „Du Süßer“ gesagt, aber ich wusste, dass sie mich dort nicht wollte, und ich habe es ihr gegeben. Wir waren am Strand, da habe ich mich auf ihren Fuß gesetzt und bin einfach nicht mehr runter gegangen, ich war ein Kobold, mit dem sie geschlagen war, das war meine Strafe. Sie war Christophorus, falsch rum. Ich wurde zum Bleiklumpen, der Klotz am Bein, ich war so richtig böse. Und das Schöne war: Sie konnte nicht mit mir fertig werden! Ich war klein, aber so mächtig! Ich hatte eine tierische Gewalt über diese große dünne Frau, die da oben in den Wolken rumzappelte. Ich habe mich einfach festgekrallt an ihrer Hose, klein aber oho, sie konnte mich nicht abschütteln, sie ist mich partout nicht los geworden und war schon ganz verzweifelt.

Mit meiner Mama bin ich am Strand rumgelaufen, damals war Herbst, man konnte nicht mehr ins Wasser gehen, wir sind durch die untergehende Sonne getanzt, wir waren so glücklich, wir sind en bisschen rein ins Wasser, haben ausprobiert, ob die Hosen naß werden, ob die Wellen artig sind, und das Licht ist rosa geworden und grün und dann schließlich braun. Wir sind zurück gekommen und Mama hat mich immer schlafen gebracht. Aber am Morgen, das weiß ich noch, standen wir immer an der Bushaltestelle, eine ganz lange Straße die ganze Insel hoch, auf den Straßenschildern waren Elche, sie haben hier Angst, dass Autos in die Elche reinbrettern könnten, die schönen Geweihe zu Schrott fahren oder aus Wildschweinen Mus machen. Da ist eine Gewalt in der Welt, für die keiner was kann.
Vielleicht kann ich auch für meine Gewalt auch nichts, ich war der Bleiklumpen auf dem Fuß von der Frau mit den schwarzen Haaren, ich habe meine Zimmertür mit Messerstichen zersetzt, ich lache meine Lehrer aus, ich gehe nicht zur Schule. Ich habe schon lange keine Hausaufgaben mehr gemacht, ich weiß gar nicht mehr, wie Hefterführung geht. Ich habe meine Mama vom Bett getreten irgendwann, sie kam so belämmert an, ich weiß gar nicht mehr, warum. Jeden Abend habe ich sie gerufen, damit sie mir beim Einschlafen hilft, und dann sagt sie Sachen, die so bekloppt sind, so dermaßen daneben, dass ich nur noch die Wut gekriegt habe und zugetreten, sie ist bis zur Zimmertür auf dem Boden langgerutscht und hat geheult wie die letzte blöde Saftpflaume. So was soll eine Mutter sein – das ist nur Schwäche und ekelhaft. Sie soll tun, was ich sage, sie soll kommen, wenn ich es sage, aber sie soll keine Scheiße reden. Irgendwelche ganz dummen Sachen, auch wenn sie gerade geschlafen hatte. Ich kann doch nichts dafür, dass ich sie jetzt einfach brauche! Dass sie nun mal da sein muss, wenn ich einschlafen möchte. Ich will, dass sie ihren Arm um mich legt, dass sie zu mir ins Bett kommt. „Arm rüber“ habe ich früher immer gesagt, als ich klein war. Ich will eingekapselt sein in Wärme und Menschlichkeit, ich brauche doch auch jemanden, der mich festhält.

Sozialarbeiterin:

Nachts würde Frau P. von M. geweckt, da er nicht schlafen könne. Sie solle sich an sein Bett setzen, bis er eingeschlafen wäre. Es gab eine Polizeieinsatz, da M. seine Mutter in der Wohnung eingeschlossen hatte.

 

 

 

5. Akt

 

M.:
Meine Mama hat manchmal ein Nachthemd an, das hasse ich richtig. Das Ding ist lila, ziemlich lang und schmal und schmiegt sich so glibberig an ihren Körper, da hängen seitlich noch Bänder herunter, ich kann das Teil überhaupt nicht aushalten, ich schreie, wenn sie damit ankommt. Sie zieht jetzt vorsichtshalber immer einen Bademantel über, ich kriege ganz und gar zuviel, wenn sie mir nackte Beine vorführt, wenn sie nur eine Unterhose anhat, ich schreie und weiß jetzt, warum ich sie damals vom Bett getreten habe.
Ich habe mich auch gerächt: meine Mutter hat diesen Freund, den ich nicht leiden kann. Der ist dermaßen unsicher, dass er stottert, wenn er mir „Gute Nacht“ sagen will. Er weiß nicht, ob er mir die Hand reichen soll oder nicht, wenn er kommt. Er kann mir kaum ins Gesicht sehen, er prallt an mir ab, er hat gar keine Chance. Die letzte Nulpe. Meine Mutter lag mit diesem Menschen im Bett, ich war noch am Computer und schließlich wollte ich auch schlafen gehen. Ich habe die Zimmertür von denen aufgerissen, ihnen mit einer Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet und meine Mutter angebrüllt, sie soll zu mir rüber kommen. Sie hatte ja noch nicht mal Klamotten an – sie hat sich dann aufgerappelt, irgendwas übergezogen, was da wohl rumflog und war schließlich in meinem Zimmer mit den selten blöden Worten „Was ist denn das für ein Ödipus?“ Was redet die denn von Ödipus, hat denn die ganze Welt den Verstand verloren? Ich will auch nur mal eine Mama haben.

Ich kann nachts nicht schlafen. Ich liege wach, es wird fünf, dann schlafe ich doch ein und wenn meine Mutter mich morgens weckt, hat sie keine Chance, sie weckt mich wohl 5 x, aber ich kriege davon nichts mit, dann wache ich schließlich auf, es ist 12, ist doch klar, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Und irgendwann hat meine Mutter es aufgegeben, mir Entschuldigungen zu schreiben. Sie hat sich geweigert, das konnte ich ja auch verstehen, so viel Kopfschmerzen oder Angina habe ich ja nun auch nicht.

In der Einrichtung ist ein Neuer seit 3 Tagen, er ist ein Sonderschüler, aber er ist nett. Er ist dagegen, Frauen zu schlagen, er ist wie mein Freund aus der Grundschule, innerlich ganz ruhig und zutiefst ein friedlicher Mensch. Den mag ich gerne, aber ich kann nicht viel mit ihm reden. Meine Mutter quatscht mir in den Kram und sagt, ich soll mit ihm Fußball spielen, die soll sich nicht einmischen, ich spiele hier mit niemandem Fußball.

Ich kann meiner Mama nicht verzeihen. Ich traue ihr überhaupt nicht mehr. Als ich noch bei Papa gewohnt habe, war ich doch an einem Nachmittag bei ihr. Sie war ganz lieb zu mir und hat mir Kakao ins Zimmer gebracht und mir vorgeschlagen, dass ich doch dort schlafen könnte. Habe ich gemacht, habe mich drauf eingelassen, ich bin da geblieben. Und dann , was dann passiert ist, das kann ich bis heut nicht verstehen, ich habe da geschlafen und wollte am nächsten Morgen zur Schule gehen, ich bin ja damals doch wieder zur Schule gegangen, es hat wieder geklappt von Papas Wohnung aus. Papa hat mir jeden Morgen Kakao ans Bett gebracht und mich zur Schule hin gefahren in seinem Auto, und das Auto war groß und gemütlich und Papa ist gefahren und ich habe mich gut gefühlt mit ihm. Er hört schöne Musik bei der Fahrt, so ähnlich wie er sie auch spielt, wie rennende Männchen in einem fröhlichen Trab. Einmal stand ich mit meiner Mama auf dem S-Bahnsteig am Ostkreuz, bevor sie die alten schwarzen Eisenstangen weggenommen haben und ganz billiges silberne Blech hingetan haben. Wir standen da und haben im Dunkeln auf die Bahn gewartet, da fuhr ganz hinten eine andere S-Bahn über eine hohe Brücke, lauter beleuchtete Fenster, und es sah aus, wie wenn kleine Männchen sich jagen, sich aber nicht einholen können. Irgendwie ist Papas Jazz-Musik ähnlich wie diese Lichter, die Männchen, die da so rennen, trappelig, locker, schnell. Aber mein Papa ist so unruhig, er ist zu trappelig, er ist eigentlich selber ein Kind. Trotzdem war es in seinem Auto gut, wie ein Zuhause, eine Wohnung für uns zwei. Papa fuhr unbekümmert und schnell, und manchmal bin ich dann zu spät zur Schule gekommen, manchmal auch nicht. Papa hat mich oft zu spät geweckt, es ist ja nicht immer alles meine Schuld.
Als ich zu Hause geschlafen habe, in der Nacht, ist das Schlimmste passiert. Meine Mutter hat es im Hinterhalt organisiert. Sie ist so schwach, dass sie mir das nicht offen klar sagen konnte. Es war so, ich war gerade beim Anziehen, da kommt ein Taxifahrer. Er sagt, ich soll mitkommen. Ich springe aus dem Fenster. Ich renne zur Haltestelle. Dort kommt das Taxi an, meine Mutter sitzt drin, der Typ nimmt mir mein Handy weg. Sie entführen mich, sie fahren mich zu einer Klinik. Ich werde aufgenommen, ich schlafe dort einmal und am nächsten Tag kommt mein Papa und wir besprechen, dass ich wieder in meine alten Schule gehe. Also bin ich raus. Am selben Tag war noch ein Gespräch mit dem Jugendamt, dass ich nun beim Papa wohne. Das habe ich gemacht. So war das damals. Wie kann man nur so eine bescheuerte Mutter haben.

Rechtsanwalt:
Unsere Mandanten haben diverse von Ihnen empfohlene Einrichtungen besucht; leider musste festegestellt werden, dass diese den vorzeichneten Vorraussetzungen nicht entsprochen. Dies gilt auch für die Einrichtung in R. , in der sich M. zur Zeit zu Probezwecken aufhält. Insoweit stellen wir im Namen unserer Mandanten klar, dass kein Einverständnis dergestalt besteht. dass M. dort längerfristig weiter betreut wird. Eine vorübergehende Betreuung bis zur Klärung über den Antrag auf Kostenübernahme der Betreuung im Nordsee-Internat ist vorstellbar.
Im Namen unserer Mandanten bitten wir, nunmehr unverzüglich über den Antrag auf Bewilligung der Kostenübernahme einer Betreuung und Beschulung im Nordsee-Internat auf St.Peter-Ording (in rechtsmittelfähiger Form) zu entscheiden.

M.:
Sie nehmen mich wie einen Straftäter in Gewahrsam. Ich darf nicht weg hier. Das ist doch der Gipfel, und ich nehme es hin, wie den Plattenbau gegenüber, wie das Zischen der Autos durch die Fensterluke. Mein Papa kommt mit den anderen Kindern und wir wollen in eine Jugendherberge. Sie haben darüber gesprochen, extra eine Teamsitzung wegen mir gemacht und das Ergebnis war ein glattes Verbot! Keine Abwesenheit während der Probezeit! Als ob ich was geklaut hätte, als ob ich irgendwo eingebrochen wäre. In der Schule haben sie Hefte verteilt, sogar im Geschichtsunterricht bei der Klassenlehrerin „Information zur politischen Bildung“ – da standen die Grundgesetze schwarz auf weiß „Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar“. – ich habe keinen Schimmer, was jemand unter diesem Wort versteht, niemand hört mir zu, wenn ich was sage, sie hören es nicht, wenn ich die Geschirrspülmaschine später ausräumen würde, weil ich schlafen geh. Ich habe nichts verbrochen. Ich verstehe das nicht. Sie machen gruppendynamische Gespräche. Das ganze Gelaber geht dann darum, dass jemand mal zu laut auf der Treppe war. Wenn sich einer über den anderen beschwert, außerhalb von diesen Treffen, dann führen sie nicht etwa die beiden zusammen, dass sie lernen, das miteinander zu klären, dann kommt halt einer rein und petzt und der Betreuer blökt es beim nächsten Mal dem anderen ins Gesicht.
Ich mache mich zu, ich kann in mir den Ring ums Herz direkt sehen, wie eine Zange aus Draht, die ich in mir trage. Wenn ich mit meinem Betreuer rede, höre ich zu und nicke. Und deshalb mag er mich gerne, das ist der Witz. Aber wenn ich sage, dass ich hier weg möchte, hört er es einfach nicht. Wenn ich irgendeinen anderen Gedanken äußere, der ihm nicht gefällt, ignoriert er ihn. Alle Sätze sind Einbahnstraßen, ausgefahrene Wege von irgendeiner Pseudologik, die nicht rückwärts gegen zurechnen ist, wie es in jeder mathematischen Gleichung sein muss: man überprüft das Ergebnis durch die Gegenprobe. Der Divisor muß wieder multipliziert werden, dann muss man am Anfang rauskommen.
Ich bringe denen 4000€ im Monat, das Jugendamt hat gesagt, es kommt nicht auf das Geld an! Von dem Geld, das ich denen in einem Monat koste, können meine Mama und ich 4 Monate leben. Ich frage mich echt, wo das Geld bleibt, das die hier mich für mich kriegen. Vielleicht zahlen sie dieses billige hellhörige Schrotthaus damit ab, das erst 2 Jahre alt ist.
Die Betreuer sind mindestens so verunsichert wie die Bewohner, die lösen sich gegenseitig auf. Die Frauen reden ängstlich, die Männer spucken Steine aus, Prinzipien. Ich schlucke meine Gedanken runter, in meinem Bauch ist ein unverdaulicher Brei. Sachen, die ich erwidern sollte, aber sie verstehen mich nicht. Ich habe das ausprobiert, die ersten zehn Tage habe ich geredet, davon ist nichts angekommen, jetzt bin ich still. Meine Oma sagt, man soll Schnaps trinken, wenn man Verdauungsprobleme hat. Das wäre dann wohl der nächste Schritt

Zitator:
Wo immer also Gewissen Wissen hat und Wissen Gewissen, gibt es keine Philosophie, erst recht keine Verwirklichung der Philosophie ohne Kampf gegen die Entfremdung.
(Ernst Bloch: Pädagogica, Suhrkamp 1972) –nicht lesen!

M.:
Früher bin ich mit meiner Mama spazieren gegangen in dieser Gegend, das war merkwürdig, sie wind an den Wiesen lang gelaufen, große Weiden sind es für Schafe, aber es gibt auch Kühe. Richtig komische Monster-Viecher mit riesigen Hörnern, aber wo wir wohnten, war eine Weide, darauf lag eine Kuh, die war einfach flach auf den Boden hingegossen, Hüftknochen, Wirbelsäule und Rippen sahen unglaublich staksig raus. Wir haben überlegt, ob wir den Bauern Bescheid sagen sollten, dass die Kuh tot ist. Am nächsten Tag lag sie immer noch da, am übernächsten auch, aber am vierten war sie aufgestanden und weggelaufen. Die Kuh hat von irgendwoher wieder Kraft gekriegt.

Zitatorin:
Man hatte einen Sündenbock nötig. Und nun hat mein Kind das Unglück gehabt, den Zöpfen im richtigen Moment in den Schuss zu laufen, nun soll ich, die eigene Mutter, das Werk seiner Henker vollenden helfen? – Bewahre mich Gott davor!
In der Korrektionsanstalt ist mein Kind verloren. Eine Verbrechernatur mag sich in solchen Instituten bessern lassen. Ich weiß es nicht. Ein gut gearteter Mensch wird so gewiss zum Verbrecher darin, wie die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehst. Ich bin mir keines Unrechts bewusst. Ich danke heute wie immer dem Himmel, dass er mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde einen rechtlichen Charakter und eine edle Denkungsweise zu wecken. Was hat er denn so Schreckliches getan? Es soll mir nicht einfallen, ihn entschuldigen zu wollen – daran, dass man ihn aus der Schule gejagt, trägt er keine Schuld. Und wär es sein Verschulden, so hat er es ja gebüßt.
(Frank Wedekind: Frühlings Erwachen, Köln 2008) – nicht lesen!

Zitator:
Es ist nicht klug, dass ich mich separiere. Alles hält mich im Auge. Ich muss mitmachen – oder die Kreatur geht zum Teufel. – – Die Gefangenschaft macht sie zu Selbstmördern. – Brech ich den Hals, so ist es gut! Komme ich davon, ist es auch gut! Ich kann nur gewinnen.
(Frank Wedekind: Frühlings Erwachen, Köln 2008) – nicht lesen!

M.:
Meine Mutter hat schon lange gewusst, wie ich heißen soll, das hat mir eine Freundin von ihr mal erzählt, seit sie 19 ist, weiß sie meinen Namen und den hat sie meinem Papa gesagt, als ich gerade acht Wochen alt in ihrem Bauch war. Das ist nun wirklich der Gipfel, ich spiele doch kein Theaterstück mit meinem Leben. Meine Oma schenkt mir ja immer einen Theatergutschein zum Geburtstag, ich dachte, ich spinne. Das Mädchen ist gestorben in dem Stück, so was würde mir nie passieren. Ich habe meine Albträume woanders. Die Welt hat sich wohl gewandelt, ich achte immer darauf, den Schal nicht zu knoten wie dieser Lehrer, er hat mich im Unterricht so angelächelt, ich kann dieses Lächeln, diese milden, milchigen Augen nicht vergessen. Ein schwuler Lehrer, man sieht es auf Youtube genau. Es verfolgt mich überall hin.

Sound: Telefonklingeln

Mein Papa hat angerufen. Sie haben Geld gesammelt. Sie kaufen mich frei! Sie zahlen Lösegeld an den Staat, ich bin ein Terrorist, das merke ich jetzt erst, ich bin einfach so teuer. Meine Freiheit ist eine reine Finanzfrage. Papa hat gefragt, ob ich mich denn nicht freue, dass ich jetzt ins Internat darf, ich fühle mich, wie wenn ich jeden Tag 50x mit dem Kopf gegen eine Mauer geschlagen bin, davon geht ja jedes Gefühl kaputt. Ich bin eine Aktie geworden, in die jeder investiert, die Verwandten und die Freunde von meiner Oma. Sie wollen später Ergebnisse sehen, das haben sie gleich gesagt, ich muss aus Dankbarkeit regelmäßig einen Rundbrief schreiben. Ich wollte, dass es meine eigene Sache ist, wie ich weiter mache, wenn ich aus dem Gefängnis entlassen bin. Zeugnis und all das, meine Sache, darüber rede ich nicht. Die Oma ist der totale Kontrollfreak, sie gibt klare Gebrauchsanweisungen, was ich zu ihr sagen soll, wann welcher Blumenstrauß.

Sound: Möwenschreien

Wir waren am Strand und der Strand war da nicht schön. An der Nordsee ist es eben völlig anders, es ist eine nasse Erde, die braun ist, und Wasser gibt es eigentlich nicht, ganz weit hinten, ewig nur fußtief. Papa hat ein Bild gemalt und ich habe meinen Kapuzenpullover in die Luft gehängt, der hat sich aufgebläht vom Wind, als ob ich zu meiner eigenen Puppe geworden bin, die jetzt waagerecht schwebt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Biographie MARGARETE GROSCHPUF

1958 in Hannover
1977 Abitur in Lüneburg
1977/78 Studium Generale am Leibniz Kolleg Tübingen
1978-1980 Studium der Germanistik und Erziehungswissenschaften in Tübingen
1980-81 Studium am Antioch College, Ohio, USA und Mitarbeit bei der Zeitung »Aufbau« in New York
1981-86 Studium an der Freien Universität Berlin, Magisterexamen
1982-87 Studium der Fotografie an der Hochschule der Künste
1982-84 Kunstgeschichtliche Führungen in der Akademie der Künste
1986-90 Dozentin an Volkhochschulen zu kulturgeschichtlichen Themen
1989 Stipendium der Stiftung Preussische Seehandlung
ab 1990 Freie Mitarbeit im Feuilleton des Tagesspiegel, der Tageszeitung, Zitty, TIP, RIAS, Radio Brandenburg, Feature-Sendungen DeutschlandRadio, für RIAS, Saarländischen Rundfunk,
Publikationen von Prosa und Lyrik in Der Alltag, Konkursbuch, tageszeitung, Züricher Wochenzeitung WOZ
1995 Geburt des Sohnes Melchior
1998 Stipendium der »Notgemeinschaft der dt. Kunst«
1999 Stipendium im Künstlerhaus Ahrenshoop
1999 Stipendium der Stiftung Käthe Dorsch
2000 Projektförderung durch das Kunstamt Hellersdorf

 

Bibliographie :
Produktion der CD »Meine Wiener Liebe«, Berlin 2000

Publikation literarischer Texte im Rundfunk:
« Die Erotik der Straßen von New York » Rias 1991
« Bordell Paradox » Deutschland Radio 1999

Veröffentlichungen in:
Konkursbuch, Tübingen:
« Wintertag » in ‘Reiz, Auge, Phantasie’ 1984
« Nachmittage » in ‘Mein heimliches Auge’ 1991

Der Alltag, Zürich:
« Pepsi zwischen Tür und Angel »
‘Männer und Frauen’ 1992

Züricher Wochenzeitung:
« Landeinwärts » 1990

Die Tageszeitung:
« Meine Großmutter » 1989
« Nach Weihnachten » 1989
« Sommertag » 1990
« Was ist ein Broiler? » 1990
« Kann denn Sünde Liebe sein? » 1989
« Nachruf auf den Sommer » 1989

Preise :
Zahlreiche Stipendien und Förderpreise

Beschreibung
Die Berliner Autorin Margarete Groschupf liest ihre Erzählung « Tragikomix ».

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