Manfred Chobot

 

 

 

(Wien, Österreich)

 

 

Porsche

 

Ich habe mir einen Porsche zugelegt, rot und endlich einmal ein super Auto. Wegen Erledigungen fahre ich durch die Gegend. Die Einfahrt in die Gartenanlage ist schmal, ein Schrebergarten, wo gesiedelt wird. Dennoch muss ich einen Parkplatz finden, was sich als völlig unmöglich erweist. Gegenüber den LKWs bin ich eindeutig im Nachteil. Da es sich nur um einen kurzen Besuch handelt, abstelle ich meinen roten Flitzer hinter dem Gittertor. Allesamt sind die Häuser ebenerdig. In dieser intimen Häuseransammlung wird sich wegen meines Parkens kein Skandal ergeben, denn die Gesetzeshüter sind auf diesem Grundstück außer Kraft gesetzt.

Dennoch ergibt sich nach der Grillparty, dass ich zur Seite fahren muss, um die Einfahrt freizugeben. Ich rangiere mich durch die Engstellen, immerhin bin ich ein Könner, was das Fahren betrifft. Im Straßenverkehr bin ich allemal bestens unterwegs. Das Rangieren erweist sich als Millimeterarbeit, sodass ich die Außenspiegel einklappe. Auf diese Weise lässt sich mein Porsche durchzwängen. Später entdecke ich für ihn einen geeigneten Abstellplatz.

Beruhigt schließe ich mich abermals den Mitgrillern an. Meine Frau beklagt, dass die Steuer für den Porsche tausend Euro monatlich beträgt. Diesbezüglich bin ich entspannt und bestehe darauf, mir auch einmal etwas zu leisten und in diesem Fall auf gewohntes Sparen zu verzichten. Mein roter Porsche ist nämlich eine Pracht, zudem lässt er sich hervorragend steuern. In Zukunft werde ich mich in der Innenstadt nicht mehr um Parkverbote kümmern, sie geflissentlich ignorieren.

(15. 1. 2012)

 

 

Künstler-Altersheim

 

Bei dem Ausflug zu einem idyllisch gelegenen See mit optimalen Möglichkeiten zum Wassersport, Surfen und Schwimmen, ist die Landschaft waldig, bis knapp an die Wasseroberfläche hängen Äste, mithin ein See, wie man ihn sich nur erträumen kann. Vor dem Abschied und Aufbruch werden Fotos aller Beteiligten gemacht. Zumal darauf bestanden wird, dass alle auf den Bildern verewigt werden, muss ich in die Knie gehen und mich in die Bildmitte begeben, andernfalls fände sich für mich kein freier Platz.

Dadurch in Eile geraten, breche ich Hals über Kopf auf, denn ich bin zu einem Besuch in ein Altersheim für Künstler und Schriftsteller eingeladen. Alfred Hrdlicka trägt einen grünen Steirerhut, was mir höchst verwunderlich erscheint, zumal ich eine derartige Kopfbedeckung an ihm niemals zuvor gesehen hatte. Er verhält sich mir gegenüber ziemlich muffelig, spricht kaum ein Wort, wobei ich keine Ursache eruieren kann, weshalb er sich derart wortkarg verhält. Seine Kunst erweist sich gleichfalls höchst eigenwillig, indes scheint er auf seinen Steirerhut besonders stolz zu sein. Offenbar will er mich loszuwerden und schlapft schweigend in den Speisesaal, als hätte er Schwierigkeiten mit dem Gehen. Allerdings vermute ich, dass er überhaupt keinen Hunger verspürt, was ich ihm auf den Kopf zusage. „Ich weiß, Du bist nicht hungrig“, rufe ich ihm nach. Seine Frau Angelina ist weder in seiner Nähe noch sonst irgendwo zu entdecken. Wie immer ist Friederike Mayröcker schwarz gekleidet und äußerst reserviert in ihrer Kommunikation. Die Absenz von Ernst Jandl an ihrer Seite irritiert mich. Ob sie mit Hrdlicka kommuniziert, bleibt mir verborgen, da die Tür zum Speisesaal verschlossen ist. Freudig stelle ich die Anwesenheit von Sabine Gruber fest, die hier anscheinend seit einiger Zeit aus und ein geht. „Ich kann Dich beruhigen“, sagt sie, „wie mir scheint, verblüfft Dich meine Anwesenheit, ich bin eine Besucherin genau wie Du.“ Gemeinsam verlassen wir für dieses Mal das Sanatorium.

(7. 1. 2012)

 

 

Thailand überleben

 

In Thailand waren wir auf einem See unterwegs, paddelten mit Booten. Da nunmehr hungrig, agieren wir in der Küche, nachdem wir vorerst frische Früchte und Gemüse eingekauft haben. Gemeinsam schneiden und zerkleinern wir die Bestandteile des Essens. Jeder von uns hat eine Tätigkeit zu erfüllen. Ich werke mit Salatblättern, die mir zugeteilt wurden.

Plötzlich ruft jemand: „Feuer! – Es brennt am Herd.“ Liebend gern möchte ich mir den Brandherd ansehen, doch die Köche bestehen darauf, dass wir uns alle in Sicherheit bringen, da eine Besichtigung zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu gefährlich erscheint. Wahrscheinlich feuerlöscht bereits jemand. Die Gefahr, dass das Feuer außer Kontrolle gerät, scheint jedenfalls vorerst gebannt, dennoch besteht sie latent und permanent.

Weshalb wir uns in ein Nebenzimmer zurückziehen. Abzuwarten erweist sich vorerst als optimale Lösung. Unerwartet fällt das Licht aus, was die Kocharbeiten erschwert. Jedenfalls trachten wir, zum Teil jeder für sich, von irgendwoher ein wenig Licht zu ergattern, damit unser Vorhaben erfolgreich sein kann, bis die Feuerwehr eintrifft und feststellt, dass inzwischen das Haus in Flammen steht. „Vollbrand“, ruft der Feuerwehrchef. Jetzt gilt es zu retten, was noch zu retten ist. Ich verzichte auf meinen Laptop, mir gelingt es, bloß die externe Festplatte an mich zu nehmen. Alles andere ist verloren.

An der Seite des Kochs winde ich mich Wendeltreppen hinunter. Wir müssen so schnell wie möglich ins Freie gelangen. Wie einen Teddybären drücke ich meine Festplatte an die Brust. Wogegen Gewand und Kunstwerke zurückbleiben. Schade darum. Wie konnte der Brandherd mit unverminderter Gewalt das Haus zerstören? Mir bleibt der Kochvorgang unverständlich.

(18. 5. 2011)

 

 

Jelinek

 

Zufällig treffe ich auf der Straße Elfriede Jelinek. Wir spazieren mitsammen ein wenig durch die Umgebung und passieren einen Eissalon. Da ich daran nicht vorbeigehen mag, kaufe ich mir einen Eisbecher in dem hübschen und neueröffneten Salon. Unterdessen erzähle ich Jelinek, dass ich schon zwei- oder dreimal von ihr geträumt habe. Wobei es tatsächlich nur einmal war, allerdings ist ein wenig Beschönigen gestattet, denke ich mir. Noch bin ich mit meinem Eisbecher nicht am Ende, als wir neuerlich an einem Eisgeschäft vorbei gehen. Dadurch ergibt sich eine gute Gelegenheit, einen Vergleich bezüglich Geschmack und Konsistenz des Eises anzustellen. Der Eisverkäufer fragt, ob ich eine Tüte oder einen Becher möchte. Ich erkläre ihm, dass es Stanitzel und nicht Tüte heißt und ich selbstverständlich einen Becher will, währenddessen ich schleunigst meinen vorher gekauften Becher auslöffle. Dieses Eis schmeckt etwas anders als das vorige. Ein wenig befällt mich ein schlechtes Gewissen, dass ich andauernd Eis esse, anstatt mich um Elfriede zu kümmern. Was sie aber offenkundig nicht stört, denn sie erzählt mir ausführlich von ihrem neuen Roman.

(10. 2. 2012)

 

 

Anreise nach München

 

Eine ziemlich umständliche Busfahrt mit mehrmaligem Umsteigen bringe ich hinter mich, bis ich den Hauptbahnhof erreiche. Von dort sollte ich einen Zug nach München finden. Um von einem Bahnsteig zum anderen zu gelangen, muss man Treppen hoch und wieder hinab steigen. Damit ich meine beiden Koffer nicht laufend mit mir herumschleppen muss, ersuche ich eine Gruppe von Leuten, es dürfte sich um eine Wohngemeinschaft handeln, ob sie auf meinen roten Koffer aufpassen könnten. Da ich noch einen zweiten, dunkelgrünen Koffer mitführe, füge ich auch dieses Gepäckstück hinzu, immerhin ist es egal, ob sie auf einen oder auf zwei meiner Koffer Obacht geben.

Schleunigst muss ich einen Fahrkartenschalter finden. Da mir die Abfahrtszeiten nicht geläufig sind, auch nicht die Geleise, von denen die Züge abfahren, erfordert mein erster Schritt, den Auskunftsschalter aufzusuchen. Mir wird mitgeteilt, dass ein Zug nach München erst um 19 Uhr abfährt, was mir höchst unangenehm ist, ergibt sich dadurch für mich ein stundenlanges Warten, obendrein treffe ich erst spät in der Nacht ein. Unverhofft stellt sich jedoch heraus, dass ein Zug bereits in fünf Minuten den Bahnhof verlässt. Das sollte zu schaffen sein, zumindest darf ich nichts unversucht lassen.

Als ich meine beiden Koffer von der aufbewahrenden Wohngemeinschaft abhole, stellt sich heraus, dass der grüne Koffer völlig zerstört ist, voneinander getrennt liegen die beiden Kofferhälften in deren Wohnzimmer herum, vom Inhalt keine Spur. Um zu urgieren und die Aufpasser verantwortlich zu machen, bleibt mir keine Zeit, vielmehr überlege ich, was in diesem Koffer alles drinnen war, ob der Verlust zu verkraften ist und sich meine wichtigen Dinge eher im roten Koffer befanden.

Auf dem Bahnsteig herrscht ein Gedränge, viele Leute zwängen sich den Zug, etwas weniger am Kopf des Zuges, wo sich die erste Klasse befindet. Und ich finde einen Sitzplatz, wobei die Sitzplätze des Waggons merkwürdig angeordnet sind, doch wenigstens habe ich Platz, um mein überbordendes Gepäck zu verstauen. Sollte der Schaffner eine Aufzahlung fordern, werde ich diese Kosten hinnehmen, dafür gelange ich früher nach München.

Die Suche nach meinem Quartier erweist sich als schwierig, und das Zimmer entspricht weder den Ankündigungen noch meinen Erwartungen, zumal man von mir verlangt, es mit anderen Leuten zu teilen. Mir bleibt keine Alternative, denn das Hotel liegt zentral und ich möchte mir ersparen, jeden Tag von der Peripherie den Bus oder die Schnellbahn zu frequentieren. Umziehen kommt somit vorerst nicht in Betracht.

Die gemeinsame Benützung der Dusche stört mich weniger, vielmehr die Tatsache, dass sämtliche Mitbewohner meine Privaträume passieren, um in die Küche zu gelangen. Gelegentlich passiert es, dass einer bei mir hängen bleibt und mir ein Gespräch aufdrängt.

Gewillt, dieser Belästigung zu entgehen, besuche ich das städtische Museum, in dem die Geschichte samt sämtlichen Wappen präsentiert wird. Obgleich die Räumlichkeiten des Museums großzügig angelegt sind, brauche ich Auslauf.

Ein Nebenfluss der Isar liegt hoch über dem Straßenniveau, Brücken überspannen das betonierte Kanalbett. Genau betrachte ich die Brücken, ihre Widerlager ebenso wie die Spannweite. Zahlreiche Hundebesitzer benützen die Gegend als Laufstrecke ihrer Vierbeiner, manche joggen selbst vor, hinter oder neben ihren Hunden.

Etliche Bauwerke der Innenstadt würden dringend einer Renovierung bedürfen. Eine Art Labyrinth führt zu einer Galerie. Die Bausteine sind auffällig rosafarben. Bei meinem ersten Versuch gerate ich in eine Sackgasse, sodass ich umkehren und einen zweiten Versuch starten muss. Die Galeristin Marion M. empfängt mich freundlich, obwohl sie extrem beschäftigt ist, mehr als ihre Mitarbeiterin. Ich äußere meine Einschätzung der Situation, was die Galeristin beeindruckt. „Sie können Dinge sehen, die anderen verwehrt sind.“ Ich verwahre mich gegen ihr Lob, dennoch insistiert sie, dass ich meine Hand auf ihren Bauch lege, um auch für sie eine Prognose abzugeben. Damit ich nicht unfähig erscheine, fühle ich mich in ihre Situation. Mit dem Ergebnis bin ich äußerst zufrieden. Auch die Galeristin ist beeindruckt von meiner Einschätzung.

(26. 4. 2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Manfred Chobot, 1947 in Wien.

Von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe „Lyrik aus Österreich“. Redakteur der Literaturzeitschrift „Podium“ (1992 bis 1999) und „Das Gedicht“ (1999 bis 2002). Zuletzt erschienen: Reise nach Unterkralowitz, Roman (Limbus 2009); Der Tag beginnt in der Nacht – Eine Erzählung in Träumen (Sonderzahl 2011); Schmäh ohne, aber echt – Wiener Satire und Humor aus 100 Jahren (Hg. mit Gerald Jatzek, Edition MoKKa 2011); Die Wunderwelt durch die ich schwebte – Literarische Träume (Hg. mit Dieter Bandhauer, Sonderzahl 2011); Versuch den Blitz einzufangen, Roman (Limbus 2011); Der Hund ist tot, Grätzelgeschichten (mit Beppo Beyerl und Gerald Jatzek, Löcker 2012); Der Wiener Brunnenmarkt (Fotos: Petra Rainer, Metro 2012); gefallen gefällt, Gedichte (2012).

Homepage: www.chobot.at

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