Manfred Chobot

 

 

 

(Österreich)

 

 

das spiel vom tod

 
entlang der spirale
des treppenhauses
rutschte ich am geländer
der schmiedeeisernen brüstung
vom dachboden
vier stockwerke ins erdgeschoß
genoss das schwindelgefühl des spiels
mit vergnügen
die tiefe zu meiner rechten störte nicht
und ich hob den hintern bei jedem knopf
des handlaufs
der die rutschpartie alle paar meter unterbrach
damit das hindernis bewältigt werden konnte
an einen sturz
vom dachgeschoß bis ins parterre dachte ich
keinen moment solange das gleichgewicht
auf meiner seite
bis mich die haushälterin meiner eltern beobachtete
und meinem vater
von meinem kindlichen vergnügen berichtete

hättest mich totgeschlagen bloß
dieses eine mal weil du meinen
tod gefürchtet hast im angesicht
der dich mir näher brachte
hat mutter eingegriffen

 

 

 

 

 

 

abrechnung

 
wenn ich mir nicht mehr anders
zu helfen wußte
machtlos
gegen erlittene ungerechtigkeiten
ohnmächtig vor zorn und hilfloser wut
kletterte ich auf einen sessel
stand auf dem eßtisch auf zehenspitzen
ein langes lineal in der hand
ohrfeigte ich fluchend
die wangen des kruzifixes
je nach schwere des delikts
schlug ich gezählte male zu

danach hatten wir einander nichts mehr vorzuwerfen

als ein stück von jesus abbrach
flogen meine heimzahlungen auf
die hand des vaters schlug zurück

 

 

 

damals

 
damals als die mutter
durchgedreht hat
war mir zu heulen
alles niederfetzt und runtergerissen
am liebsten wäre ich gestorben
auf der stelle
habe mir ganz fest gewunschen
wie ein zauberer sagen zu können
„simsalabim –: jetzt!“
und alles wäre mit einem schlag
ganz anders geworden

damals hab ich das erste mal bemerkt
wie schön das grün der fliesen
in der hauseinfahrt

 

 

 

lehrziel

 
als bub hat man mir erklärt
ich müsse hartes brot essen
damit ich ein männliches gesicht bekomme
mit ausgeprägten kaumuskeln

inzwischen habe ich gelernt
hineinzufressen kauen verdauen
die zähne zusammenbeißen
so manches hinunterschlucken

 

 

 

für meinen sohn

 

mit dir möchte ich
die welt neu bauen
steine umschichten
die realität erneuern
weiß nicht ob dir
lieber die wirklichkeit
als spielball anbieten
oder die phantasie

 

 

 

 

 

 

 

 

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Manfred Chobot, 1947 in Wien.

Von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe „Lyrik aus Österreich“. Redakteur der Literaturzeitschrift „Podium“ (1992 bis 1999) und „Das Gedicht“ (1999 bis 2002). Zuletzt erschienen: Reise nach Unterkralowitz, Roman (Limbus 2009); Der Tag beginnt in der Nacht – Eine Erzählung in Träumen (Sonderzahl 2011); Schmäh ohne, aber echt – Wiener Satire und Humor aus 100 Jahren (Hg. mit Gerald Jatzek, Edition MoKKa 2011); Die Wunderwelt durch die ich schwebte – Literarische Träume (Hg. mit Dieter Bandhauer, Sonderzahl 2011); Versuch den Blitz einzufangen, Roman (Limbus 2011); Der Hund ist tot, Grätzelgeschichten (mit Beppo Beyerl und Gerald Jatzek, Löcker 2012); Der Wiener Brunnenmarkt (Fotos: Petra Rainer, Metro 2012); gefallen gefällt, Gedichte (2012).

www.chobot.at

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