Lisa Palmes

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Henryk Grynberg: Unkünstlerische Wahrheit

 

 

 

Rezension

 

 

 

Lesung und Gespräch mit dem Übersetzer Lothar Quinkenstein

und Magdalena Marszałek, Professorin für Slavische Literatur-

und Kulturwissenschaft an der Universität Potsdam

Berlin, 7. November 2014

© Foto: Jörg Becken

 

 

 

Unkünstlerische Wahrheit ist ein Band von elf Essays, die im Laufe von zwanzig Jahren entstanden sind und in Absprache mit Henryk Grynberg aus den beiden Sammelbänden Prawda Nieartystyczna [Unkünstlerische Wahrheit; Wołowiec 2002] und Monolog polsko-żydowski [Polnisch-jüdischer Monolog; Wołowiec 2003] zusammengestellt wurden.

 

Grynbergs literarische Sprache ist das Polnische. Dennoch definiert der 1936 in Warschau geborene und seit 1967 in den USA lebende Schriftsteller sich bewusst weder als polnischer noch als jüdischer Schriftsteller, sondern sieht sich „wie eine Brücke“ zwischen zwei Orten. Henryk Grynberg ist ein unermüdlicher Chronist. „Mein Thema ist der Schmerz, der größte, den ich kenne […]“, schreibt er 2002 im Essay „Wir, die Juden aus Dobre“. „[M]ein wichtigstes Thema […] sind jene, die ums Leben kamen in der Verzweiflung, dass niemand sich an sie erinnern wird. Ich tue es ohne Unterlass. Und ständig muss ich wachsam sein, denn man versucht, sie ein zweites Mal zu vernichten, versucht, selbst ihren Tod noch zu töten. Das darf ich nicht zulassen. Ich bin erschöpft. Schreibe nur, was geschrieben werden muss, aber das schon ist entsetzlich viel, und es wird nicht weniger, sondern mehr.“ Gegen das Vergessen schreibt Grynberg an, seit ihm seine Lehrerin 1946 als Hausaufgabe eine Arbeit über die Menschen aufgab, die den Frühling nicht mehr erlebten. In seinen Essays beleuchtet er das Thema Holocaust sowohl von sehr persönlicher als auch von geschichtlicher, politischer und religiöser Seite, stellt den Bezug zum Leben bekannter Persönlichkeiten wie Janusz Korczak oder Adam Mickiewicz her, bündelt und positioniert das Werk anderer Schriftsteller. Das „entsetzlich Viele“, über das er schreiben muss, bändigt Grynberg mit klarer, eindeutiger Stimme, unermüdlich ordnend und einordnend. Jeglicher Verwässerung von Tatsachen, jeder Beschönigung, Umschreibung, Relativierung, Ästhetisierung setzt er die Festigkeit seines Ausdrucks und die schlichte Benennung entgegen. Um ein Beispiel zu nennen: Im Essay „Dieses Schicksal haben Menschen den Juden bereitet“ (1984) erinnert er uns mit der simplen Zahlenangabe daran, dass 99% der in den Vernichtungslagern getöteten Menschen Juden waren, was die Große Allgemeine Enzyklopädie des PWN-Verlags bereits in den 1960er Jahren geschrieben habe (worauf übrigens das Zentralkomitee der Partei den Verlag abmahnte und dieser ein „korrigierendes“ Supplement herausgeben musste). Diese Zahl belege, dass der Holocaust kein „Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen sei, als welches er bei den Nürnberger Prozessen bezeichnet wurde, sondern ein Verbrechen gegen die Juden, kein Schicksal, das „Menschen den Menschen“ (Nałkowska), sondern das – wie im Titel bereits formuliert – „Menschen den Juden bereitet“ haben.

 

Über allem, was Grynberg schreibt, steht ein Leitsatz: Beim Holocaust handelt es sich um ein nie dagewesenes, keinen Vergleich zulassendes Phänomen, um „die unmenschlichste Erfahrung auf diesem Planeten“, um einen grundlegenden Wandel der Conditio humana in eine Conditio inhumana – eine Entwertung des menschlichen Lebens gegenüber den Dingen.

 

Bei der Erinnerung und Bearbeitung dieser unmenschlichsten Erfahrung kommt der polnischen Literatur – als der Literatur des Landes, das zum Schauplatz und größten Leidtragenden dieser Erfahrung wurde – eine besondere Rolle zu. Darüber schreibt Grynberg im längsten Essay in diesem Band, der für mich die meisten Erkenntnisse beinhaltet: „Der Holocaust in der polnischen Literatur“ (1984). Die polnische Holocaust-Literatur übertreffe in ihren Errungenschaften die meisten anderen Literaturen und könne sich mit der jüdischen messen. Eine Vorreiterrolle haben für ihn Tadeusz Borowski und Zofia Nałkowska – solange sie einfach die nackte und bloße Wahrheit festhalten. Nur so lasse sich der Holocaust überhaupt beschreiben; alle Vergleiche, Kommentare, Verallgemeinerungen, jede künstlerische Verarbeitung und Ästhetisierung stehe der Erfassung seines Wesens entgegen. Ein wenig erinnert mich dieser Gedankengang an Adornos vieldiskutierte Äußerung, es sei unmöglich, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Vielleicht nannte Adorno hier das Gedicht, weil man es quasi als „Kristallisation des Ästhetischen“ bezeichnen könnte? Was das Schreiben betrifft, wäre Grynberg wohl anderer Meinung. Die Literatur nach dem Holocaust, schreibt er, müsse sich nicht zwangsläufig nur mit dem Holocaust befassen. Dennoch: „[D]ie Welt nach Auschwitz besitzt andere Dimensionen, andere Bezugspunkte, und jede ernstgemeinte Literatur sollte das im Blick behalten“. Das Schreiben, die Literatur sind unbedingt notwendige Maßnahmen gegen das Vergessen. Der nackten und bloßen Wahrheit entspricht die nackte und bloße, unverkünstelte, kommentarlose Darstellung: Die „unkünstlerische Wahrheit“ ist das, was bleibt. „Universalisierung ist ein unverzichtbarer Aspekt großer Literatur und Kunst, angesichts dieser so gänzlich neuen Erfahrung sind nicht mehr große Literatur und Kunst das Anliegen, sondern die Wahrheit – und zwar in ihrem unkünstlerischen Sinne.“

Grynbergs bündelnde und ordnende Essays sind ein wichtiger Leitfaden durch die Holocaust-Erinnerung, der dank Lothar Quinkensteins einfühlsamer und sorgfältiger Übersetzung nun auch auf Deutsch zugänglich ist. Zwar schreibt der Autor: „Auf die Frage, ob ich nicht englisch schreiben könnte wie andere, antwortete ich, dass das wohl möglich sei, doch auf Polnisch kann ich es wie kein anderer. Darin besteht die Definition des Schriftstellers (und zugleich die Unmöglichkeit der Übersetzung)“ – von dieser Unmöglichkeit ist hier jedoch nichts zu spüren. Grynbergs Essays haben „ihren“ Übersetzer gefunden, der sie dem Leser durch zahlreiche ausführliche Erläuterungen und ein zusätzliches Nachwort sehr nahe bringt.

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Henryk Grynberg wurde am 4. Juli 1936 in Warschau geboren. Aufgewachsen ist er auf dem Dorf Radoszyna, das etwa 60 km von der polnischen Hauptstadt entfernt liegt. Die Familie floh vor der Deportation nach Treblinka und versteckte sich bei polnischen Bauern und in den umliegenden Wäldern. Als die Bedrohung immer mehr zunahm, die Verstecke immer unsicherer wurden, beschaffte der Vater der Mutter und dem älteren Sohn „arische Papiere“, mit denen sie nach Warschau fuhren. Ihr „Versteck“ war jetzt die falsche Identität. Als auch Warschau immer unsicherer wurde – nach dem Ghettoaufstand 1943 – floh die Mutter mit Henryk weiter in den Osten. Sie fanden, weiterhin unter falscher Identität, bei Bauern eine Unterkunft; die Mutter erteilte für Kost und Logis den Kindern des Dorfes im Verborgenen Polnischunterricht. Die Befreiung durch die Rote Armee erlebten nur Henryk Grynberg und seine Mutter. Sein Vater wurde 1944 von einem polnischen Bauern erschlagen; alle anderen Familienmitglieder wurden von den Deutschen ermordet. Sein Bruder „Buciek“ war eineinhalb Jahre alt.

 

Henryk Grynberg ist der „Chronist des Schicksals der polnischen Juden“. In seinem literarischen Werk bewahrt er die Erinnerung an die Toten der Shoah, in der Form einer Poetik, für die er den Begriff der „unkünstlerischen Wahrheit“ prägte. Doch reicht sein Schaffen zugleich weit in den zweiten Totalitarismus des 20. Jahrhunderts hinein. Thema seiner Texte sind immer wieder ebenso die stalinistischen Verfolgungen, denen während des Krieges oft polnische Juden zum Opfer fielen, die vor den Deutschen in die Sowjetunion flohen, sowie die manipulativ-repressive Politik der Volksrepublik, die mit den „März-Ereignissen“ von 1968 und der damit verbundenen massenhaften Emigration polnischer Juden ihren traurigen Höhepunkt erreichte. Als sich nach dem Junikrieg 1967 in den Ländern des Ostblocks der aggressive antiisraelische Stimmungsumschwung anbahnte, entschloss sich Grynberg, der damals Schauspieler an Ida Kamińskas Jiddischem Theater war, von einer Tournee durch die USA nicht zurückzukehren. Erst 25 Jahre später kam er zum ersten Mal wieder nach Polen – als Paweł Łoziński ihn für seinen Dokumentarfilm „Geburtsort“ gewonnen hatte, mit dem er an den zentralen Ort seines literarischen Werkes zurückkehrte, in das Dorf Radoszyna.

 

Grynbergs Werk, das bis zur Wende fast ausschließlich in Exilverlagen erscheinen konnte, erlebt zur Zeit in Polen zahlreiche Neuauflagen und erfährt eine breite literaturwissenschaftliche Rezeption. Auf Deutsch sind bisher erschienen: „Der jüdische Krieg“ (1972), „Kalifornisches Kaddisch“ (1992), „Kinder Zions“ (1993), „Drohobycz, Drohobycz“ (2000), „Unkünstlerische Wahrheit“ (2014). In Anthologien finden sich außerdem vereinzelt Gedichte sowie kürzere Auszüge aus dem essayistischen Werk.

 

 

 

 

 

 
Henryk Grynberg – « Bearing Witness Through Literature », The final program of the 27th Annual Holocaust Memorial Program at Oregon State University, 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

BIO Übersetzer

 

Lothar Quinkenstein, 1967 geboren in Bayreuth, aufgewachsen im Saarland. Germanist, Autor, Übersetzer, Kritiker. Lebte von 1994 bis 2011 in Polen. Seit 1999 tätig am Institut für Germanische Philologie der Adam Mickiewicz-Universität Poznań; seit 2012 Lehrtätigkeit im Rahmen der Interkulturellen Germanistik in Frankfurt/Oder bzw. Słubice.

 

 

 

Henryk Grynberg: Unkünstlerische Wahrheit

Herausgegeben von Liliana Ruth Feierstein

Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Lothar Quinkenstein,

durchgesehen von Katarzyna Śliwińska

Hentrich & Hentrich, Berlin 2014

 

www.hentrichhentrich.de/autor-henryk-grynberg.html

 

Articles similaires

Tags

Partager