Kerstin Hensel

 

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SCHLEIFEN

 

„Die Juden müssen weg!“

Mit diesen Worten forderte Malermeister Schauerte seinen Lehrling Krischa auf, die immer wieder hervortretenden Flecken an der frischgestrichenen Wand zu entfernen. Doch wollten jene Stellen, die wie ölige Augen Widerstand blinkten, die Farbe einfach nicht aufnehmen. Sie zeigten sich stur, abweisend gegenüber Krischa, der für seine Gesellenprüfung übte.

„Die Juden müssen weg!“

Meister Schauerte griff zum Schleifpapier. Er demonstrierte ein letztes mal, wie man Senkstellen Unebenheiten Fugen  glattschmirgelte, um so die Fläche für eine regelmäßige Farbaufnahme gefügig zu machen. Dann befahl der Meister:„Schleifen!“

Krischa rubbelte gehorsam an den widerspenstigen Flecken, tränkte den Pinsel mit Farbe und wünschte, der nächste Tag möge schon überstanden sein. Längst war Feierabend, als sich die Wand endlich fehlerfrei präsentierte. Die Farbe hatte vollständig gedeckt.

„Und?“ fragte Krischa erwartungsvoll.

„Nasen!“ rief Meister Schauerte, auf herabgelaufene erstarrte Farbtropfen zeigend, „mit solchen Nasen treibste mich in’ Ruin!“

 

Am nächsten Tag holte Meister Schauerte seinen Lehrling am verabredeten Treffpunkt ab, um ihn an jenen Ort zu schaffen, an dem Krischa sein Gesellenstück  vollbringen sollte.

Die Villa auf dem Thüringer Hopfenberg, in der vor einem Jahr noch das Ministerium seinen Sitz hatte, war grau, in abgeschlagenem Putz. Trotz der Räude zeigte sie Würde und strahlte bereits mit neuen Fenstern. Abel Wurstacker, der Alteigentümer, hatte sie zurückerworben.

„Was hatt’n dich jebissen?“ fragte Meister Schauerte seinen Lehrling, der mit fahlem Gesicht das Gebäude anstarrte.

„Vater“, flüsterte er.

Meister Schauerte meinte: „Der hilft dir jetzt auch nicht.

Die Prüfungskommission der Handwerkskammer hatte Krischa folgende Aufgabe zugeteilt: das komplette Vorrichten des Großen Salons, an den Wänden anilinblaue Tapete, die Decke Lichtocker, der Stuck alabasterweiß.

„Denk dran: ‘n Maler fängt immer von oben an.“

Diesen Satz gab der Meister dem Lehrling mit, bevor er ihn allein ließ.

Villa Wurstacker. Prüfungsbeginn. Krischa schleppte Tapetenrollen, Werkzeuge, Farb- und Kleistereimer ins Innere des Gebäudes. Er mochte sich kaum umsehen, so unheimlig war ihm. Die Diele strömte schweren melancholischen Geruch aus. Stockfleckig blühten die alten Tapeten. Das Parkett,frevelhaft mit braunem Lack überstrichen, ächzte. Wo einst Bilder von Staatsmännern hingen, zeigten sich blinde Flecken. Der Salon. Leer, mit gewölbter Decke. Hier hatte der Schreibtisch gestanden. Als wollten sich die Wände aus ihrer Vergangenheit schälen, hingen Tapetenfetzen herunter. Die Fenster, vom Bauherrn sakral nachempfunden, schützten schwere Außenjalousien vor Eindringlingen und fremden Blicken.

In der Mitte des Salons stand ein Konzertflügel. Er stand dort, als sei er der erste, der das neue Reich besetzen durfte: ein glänzender schwarzer Seraphim, der, drohend in seiner Kostbarkeit, alles verbat, was an Staub und Schmutz auf ihn niederkommen sollte.

Krischa hatte gelernt: das Instrument abdecken. Er rollte Plastikfolie auf. Im selben Moment öffnete sich die Salontür. Herein trat ein Mädchen, sechzehn Jahre, mit fuchsig glänzendem Haar und rotem Samtkleid. Sie setzte sich stracks auf den Schemel vor dem Flügel und öffnete den Deckel über der Tastatur.

„Entschuldigen Sie“, sprach Krischa, „aber ich habe hier Prüfung.“

„Ich auch“, entgegnete das Mädchen.

Wie ein Schrat stand Krischa vor ihr; müde, schlecht rasiert, stinkend nach Rauch und Schweiß. In dem Moment spannte sich ihr magerer, wie von keiner menschlichen Nahrung genährter Körper. Sie öffnete drei Knöpfe des Kleides und rief mit gereizter Stimme:

„Prüfung! Immerfort Prüfung! Üben, Karoline Wurstacker! Vor allem die Übergänge. Pling plang plong. Du willst doch eine Künstlerin werden! Du bist doch eine Auserwählte! Ja, das bin ich, Mama. Ja, das bin ich, Paps. Sechs Stunden täglich. Wir müssen das ganze Leben lang lernen. So steht es in unserem Gesetz. Lernen. Vor allem die Übergänge. Vom Adagio zum Presto! Finger geschmeidig halten. Wenn du nicht gut bist, Karoline, bist du nichts. Pling plang plong. Appassionata! Les Adieux! Adagio cantabile molto!“

Sie hielt kurz inne, betrachtete mitleidig den Prüfling und fuhr fort:

„Ach, das kannst du nicht wissen. Sechs geschmeidige Stunden. Sonate H-moll. Da erstes Präludium. Davon verstehen Leute wie du nichts. Rondo allegro miserabolo facto! Es ist wirklich süß, daß du nichts weißt. Das ist meine Prüfung. Jeden Tag Prüfung. Die Übergänge, wie ich sie hasse! Warum störst du mich?“

„Muß den Kasten abdecken.“

Das Mädchen lachte glockenhell auf: „Kasten! Er denkt, ein Flügel ist ein Kasten! Göttlich! Was für ein göttlicher Dummkopf!“

Krischa spürte, wie ihm Zorn zu Kopfe stieg. Er warf die Plastikfolie auf den Boden, stellte die Leiter an die Wand und begann, die Tapete abzureißen. Als hätte der historische Kleister nur darauf gewartet, endlich seiner Aufgabe ledig zu werden. Die Fetzen raschelten zu Boden, wirbelten Staub auf. Das Mädchen schlug erst mit den Handflächen auf die Tasten und dann den Deckel zu.

„Einverstanden“, sprach Karoline mit plötzlich veränderter Stimme.

Sie erhob sich vom Klavierhocker und begann, dem Lehrling bei seiner Arbeit zuzusehen. Wie er das ranzige Zeug anpackte! Wie er sich dem Dreck hingab, ohne Empfinden, ohne genialischen Ton. Wie dreist er ihren Raum besetzte und die gleiche Luft atmete wie sie!

„Du bist ekelhaft“, sprach Karoline.

Stück für Stück ratschte die Tapete zu Boden.  Putzgrieß legte sich auf den Flügel. Karoline  warf ihr Haar in den Nacken, ging mal auf die, mal auf jene Seite des Salons. Sonderbare Töne waren in ihr aufgekommen. Vor Krischa, der von keinem prestissimo eine Ahnung hatte, dem Schweiß das Hemd durchfeuchtete, der nach Staub Farbe Tabak stank, grauste ihr.

Als die morsche Wandverkleidung gelöst und in Müllsäcken verstaut war, stellte sich Karoline vor Krischa. So nah, daß ihr der Ekel einen erregenden Schmerz zufügte.

„Sie wünschen?“ fragte Krischa, wie er es gelernt hatte.

Karoline berührte ihn, indem sie an seine Brust stupste.

„Ich muß weitermachen“, sagte Krischa.

„Der Kunde ist König, nicht wahr?“

„Vorschrift ist Vorschrift.“

„Sag, daß ich deine Königin bin.“

Jetzt hielt Karoline die Hand des Lehrlings in der ihren, knetete dessen Finger, dachte daran, daß diese nie die Tasten eines Flügels…

„Laß mich“, sprach Krischa, aber er sagte es so leise, daß er es selbst nicht verstand.

Die Königin ließ Krischas Hand los.

Ihre Finger, eben noch der Musik zugewandt, griffen den Jungen. Einfach so, indem sie seine Latzhosen abtastete.

„Soll ich dich durch die Prüfung fallen lassen?“

Vor Krischas Augen flirrte die Luft. Dann tat er was die Königin von ihm verlangte: beide Hände tauchte er in den Farbeimer und hob sie heraus: zwei ockergelbe Tatzen, die ihm nicht mehr gehorchten. Karoline dirigierte Krischas Finger an die Wand, wo er sie auf den Putz drückte, schmierige, fünfstrahlige Zeichen, die in langen Nasen nach unten ausliefen. Nur in der Mitte, wo Krischas Handtellerwölbung die Wandfläche nicht ganz erfaßte, blieben farblose Stellen.

Sie schlug abermals den Deckel des Flügels auf, hämmerte auf den Tasten, kreischte con furore von ihrer Lust. Während Krischa auf Karolines Geheiß die Leiter erkletterte, klingelte ihr Mobiltelefon. Karoline hielt es ans Ohr, verdrehte die Augen und flötete:

„Ja, Paps, alles in Ordnung. Der Salon ist renoviert. Von einem richtigen Künstler. Ja, Paps, wie ich es mir gewünscht habe. Geübt habe ich auch. Vor allem die Übergänge. Ich hab dich lieb. Und nein, mir fehlt nichts, mir doch nicht, Paps.“

Zu Krischa sagte sie: „Komm.“

Er stand auf der Leiter unterm Himmel. Sterne! hatte Karoline befohlen. Zehn mal zehn Strahlen. Krischa tauchte seine Hände in Farbe, patschte Tatzensterne gegen die Wände, wieder, wieder, bis ihm heiß wurde. Dann wünschte Karoline: „Alles rot.“

Krischa drückte purpurne Abtönpaste in das Ocker, eine ganze Tube, so daß die Farbe bräunlich versaute. Ihm kamen die Tränen. Karoline rieb sich an dem Jungen, und in ihm wurde jede Zelle, jeder Nerv verrückt. Da drückte er eine zweite Tube Rot auf den Pinsel und malte. Genau auf die alabasterweiße Stuckrosette in der Mitte der Salondecke. Purpurn pastös stand der Stern und glänzte.

Sie schlug die Tasten mit den Fäusten. Herrlich wütend, daß der Flügel zitterte und die Töne in der farbfeuchten Luft des Salons zerdonnerten. Dann sprang sie wieder auf, faßte Krischa an der Hand, zog ihn mit sich. Krachend schloß sich die schwere Schiebetür hinter ihnen.

Karoline stieß die neben dem Salon befindliche Tür auf.

„Mein Schlafzimmer!“

Krischa erblickte das rosenfarbene Bett der Königin, um ihr gleich darauf nachzustolpern, besoffen von Farbe Sternen Musik.

„Und das“, rief Karoline mit überschnappender Stimme, „ist mein Wohnzimmer, das da drüben die Galerie und im Keller…“

„Im Keller?“

Krischas Folgsamkeit verlosch für Momente. Er behauptete, da seien früher schreckliche Dinge geschehen. Vater hätte ihm als Kind oft damit gedroht, daß er ihn zu den Kellerviechern sperre. Wenn er nicht artig sein würde.

„Richtig“, meinte Karoline, und sie hauchte lächelnd: „artig muß man schon sein, Lieber.“

Sie küßte Krischa auf den Mund. Taub vor Glück folgte er seiner Kundenkönigin durch den düsteren Leib des alten Ministeriums, das jetzt wieder Villa war und auf Renovierung wartete. Komm! sagte Karoline.

Der Keller. Sorgsam von den Genossen geräumt, bevor sie selbst das Haus verlassen mußten. Ein paar Stühle standen herum, Schälchen mit verklumptem Rattengift, sonst nichts. Keine Akten mehr. Keine Viecher.

„Du mußt üben“, sprach Karoline.

Ihre Stimme hallte im Keller: Ühm! Ühm! Ühm!

Karoline wartete auf den verwunderten Ausdruck in Krischas Gesicht. Dann plauderte sie von Übergängen, die von Oben nach Unten führten; von hohen Tönen zu niederen Trieben. Sie plapperte kindlich, gleichsam in hysterischer Not, sich selbst nicht gewachsen zu sein. Krischa besoff sich an ihrer Stimme.

Das Salpetersalz an den Wänden berührte die Königin und meinte, so würde sie sich ihr Schlafzimmer vorstellen, tapeziert mit blauglitzerndem Shagreen aus echter Rochenhaut!

Entsetzlich! dachte Krischa und er sagte: „Schön.“

Diesmal war er es, der Karoline weiterführte. Hinter einen Bretterverschlag, wo er Sicherheit vermutete. Ins Dunkel hinein stürzte das Paar, fiel gegen irgendwelches Gerümpel, das nachgab und mußte in der aufsteigenden Staubwolke lachen.

Sie hatten die Rollen nach oben in den Salon geschleppt.

Was für ein Fund: Tapeten aus versunkener Zeit. Späte Siebziger Jahre, schätzte der Malerlehrling. An den Rändern war das Papier durch Feuchtigkeit zerfressen, doch aufgerollt präsentierte es noch immer sein vordringendes Muster: der gelbliche Hintergrund mit Rhomben Rocaillen Rosetten aus lilafarbenem Velours, großflächige, ineinandergreifende Arabesken, rokokoartig schwellend, volkstümlich mäandernd und jeden sichtbaren Freiraum ergreifend. Nicht nur Vaters Zimmer im Ministerium, auch sein  privates Wohn- und Schlafzimmer zierten damals solchart Tapeten.

Das erinnerte Krischa. Das marterte sein Gedächtnis. Karoline strich erregt über das scheußliche Muster der historischen Fundstücke.

Plötzlich befahl sie ein Ende. Mit einem mal brach sie das Spiel ab. Sogar das Leuchten ihres Haares stellte Karoline ein. Sie müsse jetzt zu ihrem Papa. Er würde sie am Abend bei ihrem Auftritt in die Philharmonie begleiten, erklärte sie. Krischa sagte, daß er sie nicht verstehen könne. Er hätte doch all ihre Wünsche erfüllt. Er nannte sie Königin. Sie nannte ihn Schwachkopf Idiot Dilettant.

Er wußte nicht, was er wirklich tat. Es war leicht für ihn, das Mädchen an den Haaren zu packen und es an sich zu ziehen. Er küßte Karoline, daß ihr Angst wurde. Er wußte nicht, was er wirklich tat. Der Eimer mit dem Tapetenkleister stand neben dem Flügel. Krischa zwang Karoline in die Kniee. Sie plärrte wie ein Kind. Ihr Mobiltelefon klingelte. Sie ging nicht ‘ran. Krischas Küsse hatten das Mädchen plötzlich verstummen lassen. Mein Stern, nannte er sie. Sie verspottete ihn nur noch mit den Augen. Er tauchte Karolines Kopf in den Eimer. Erst Stirn Augen Nase, dann tiefer, bis auch Hals und Haare vom Kleister gesättigt waren. Krischa zog Karolines Kopf wieder aus dem klebrigen Brei, sah ihn golden glänzen. Dann wiederholte Krischa den Vorgang. Bis der Stern erloschen war. Krischa wußte nicht, was er wirklich getan hatte.

 

Meister Schauerte sowie die Herren der Handwerkskammer  erschienen in der Villa Wurstacker gegen sechs Uhr abends. Krischa empfing sie schon vor der Salontür.

„Alles paletti?“ fragte der Meister mißtrauisch.

„Bis auf’n paar Nasen“, flüsterte Krischa.

Er lächelte. Er fühlte sich leer und leicht.

 

Ende.

 

 

Immer bereit

 

Auch sieht sie schwarze Federn auf dem Kopf des Regierenden, wodurch es mit ihr nicht besser wird und aus ihr herausbricht, wie aus geöffneten Arterien, hell zuckend, ein Impuls, für den sie nichts kann, den sie von ihrem Vater, dem Prothesenbauer Helfried Hommola geerbt hat, der am Tag ihrer Geburt im Jahre Einundsechzig eine Kasperpuppe bastelte, Zeitungsschnipsel mit Knochenleim, geformt und gefedert, bunt bepinselt, ein Hallodri der dem Seppel auf den Nischel haut, dem Polizisten oder dem König oder dem Krokodil, das sah Babette, und ihr erster Atemzug war ein glucksendes Geräusch, das den Vater entzückte, doch Mutter Laura wurde schwermütig nach Babettes Geburt, es steckte zu viel harte Arbeit in ihr, der Köchin in der Großküche der Volkspolizei, das Lachbaby Babette und der Mann, der, wo immer was fehlte oder kaputtging, eine Lösung parat hatte, irrwitzige Prothesen, die er erfindungsreich gegen den Mangel montierte, an Stühle mit gebrochenen Beinen, an die schiefhängende Küchenlampe, das zerbeulte Fahrrad und an Babettes amputierte Puppen, es war fantastisch und oft ein Vergnügen für alle, die mit Helfried Hommolas Kunst in Berührung kamen, doch Laura raffelte mit unerschütterlichem Ernst Gemüse für den Brei, für das Kind, dessen glucksendes Lachen ihr auf die Nerven ging, weil es so viel vom Vater hatte und nichts von ihr, bis Babette in den Kindergarten kam und Laura wieder in großen Kesseln das Essen für die Polizisten, sie sagte Polizeier, rührte, erleichtert, wenn auch mit lädierten Bandscheiben, die Helfried nicht reparieren, nicht ersetzen konnte, und manchmal kicherte Babette über das komische Gehumpel der Mutter, da gab es eine Schelle hinter die Ohren, das war nicht komisch, aber im Kindergarten war Schlagen verboten, so daß die Tanten andere Strafen ersannen, vor allem für die Tochter der Köchin, die jedes mal, wenn sie mit den Kindern im Kreis auf den Töpfchen hockend den plätschernden Bächlein lauschte,laut aufkreischte, so daß manche Kinder erschrocken weinten, andere aber mitlachten, da hieß es Eckestehen und Schämen, doch Babette schämte sich nicht, es schüttelte sie, erst leise wie unterdrückter Husten, dann wurde ihr Gesicht rot, dann platzte es aus ihr heraus, und die Kinder durften die Ungezogene in der einsamen Ecke nicht beachten, bis zur Spielstunde, als sie erlöst wurde und der Kasper Späße machte, als Lachen erlaubt war, doch die Puppenbühne hier hatte weder Polizisten noch Krokodil, nur einen König und eine dumme Ente, auch wurde denen nicht auf den Nischel gehauen, da blieb Babette mit ernstem Gesicht vor dem Theater sitzen, und ernst wurde es auch, als ihre Eltern von den Tanten zum Gespräch gebeten wurden, Babette sei oft albern oder aggressiv, weil sie immer kichert oder den Puppen Arme und Beine herausdreht, auch den Kopf, und sie steckt alles wieder verkehrt herum, Beine in Armlöcher, Arme in Beinlöcher, sie ist nicht bereit, sich in die Gruppe zu fügen, ihr fehle es an Erziehung, und Helfried Hommola, der für Fehlendes oder Kaputtes ein Händchen hatte, hörte sich das Register der Straftaten an, lachte wie ein Donnergott, so daß Laura an seiner Statt der Tochter eine Schelle hinter die Ohren setzte, und es kam, daß Babette in Vaters Lachen einstimmte, und Mutter gab noch eine Schelle, und bald war Lachen und Weinen nicht mehr voneinander zu unterscheiden, wie das bei Kindern normal ist, und später in der Schule, als Babette bei den Pionieren war und den Gruß Seid bereit! – Immer bereit! lernte, kicherte sie beim Appell, in der letzten Reihe stehend, vor sich die Schulkameraden in blauen Hosen und weißen Strümpfen, dazwischen die Lehrer, und alles schien von hinten so lachhaft, fern jeden Auftrags, jedes Gebots, und Babettes Kichern steckte die Kinder neben und vor sich an, es pflanzte sich fort, und das Stillstehen verlor sich in haltlosem Gezappel, in einer  Lachwelle, kaum hörbar erst, dann herausfallend aus den Reihen der Schüler, und es traf Lehrer, die nichts dagegen unternehmen konnten, auch nicht, als der Direktor das freche Mädchen aus der letzten Reihe nach vorn holte und sie tadelte, zusätzlich mit Einträgen ins Klassenbuch, auch beim Elternabend, und Babette, von wachem hellen Verstand, wurde nur nach langen Diskussionen in die Jugendorganisation aufgenommen, weil sie dieses Kribbeln im Bauch spürte, es unhaltbar aus ihr herausströmte, beim Sportfest, beim Stillgestanden! beim Rührteuch! beim Wandertag, im Unterricht, vor allem wenn Helden das Thema waren, obwohl Babette den neuen Gruß Freundschaft! fehllos vollführte wie ihre Klassenkameraden, dennBabette war immer bereit, zu erfüllen, was man ihr auftrug, nur sah sie anders als die anderen, und steckte die Klasse an mit ihrem Blick, für den sie nichts konnte, und die Lehrer verzweifelten, genau wie Mutter Laura, deren Seele Jahr um Jahr mehr eindunkelte, auch versteifte ihr Rücken, sie wurde invalid geschrieben, doch dem erfindungsreichen Helfried, der alles und jeden wieder auf die Beine brachte, fiel in diesem Fall nichts ein, kein Krückstock half, kein aufmunterndes Spiel, kein Spott übers Schicksal, bis der Prothesenbauer plötzlich selbst starb, an einem schlichten einfallslosen Herzinfarkt, und da die geliebte Tochter auch diesmal nicht aus dem Lachen herausfand, sondern haltlos kreischte, durfte sie nicht mit zum Grab, stand sie in der Ecke des Hausflurs,  war nicht mehr bereit, nie wieder bereit, Lust beim Lachen zu empfinden, wenn dem Fahnenappell wegen ihr die Befehle ausgingen, die Helden zusammenbrachen oder die Lehrer, und so ging Babette später heimlich allein zum Grab, mit der heftigen Beschwerde, daß Vater sie verlassen habe, doch da vernahm sie aus der Tiefe ein Grummeln, als würde der Tote in seinem Zwerchfell, das sich nun regte, begraben sein, und Babette hörte Vaters Stimme Bist du bereit?  –  Immer bereit! schwor Babette, und da war es wieder, und das Leben ging weiter, mit einer Ausbildung zur Textilverkäuferin, wo der Lehrling lernte, Ware auszupreisen, die es nicht gab, da lachte Babette lauter, frecher als je zuvor, und die ganze Lehrzeit hindurch spottete sie über den altmodischen Kram oder den Mangel, den sie an den Kunden zu bringen hatte, da stimmten viele Leute in das Lachen ein, auch Jürgen, ein junger Mann, der bei ihr einen Anzug gekauft hatte, einen Anzug zum Heiraten, doch Babette verstand anfangs nicht, was der Kerl von ihr wollte, sie fand sein Angebot affig, Heiraten war etwas Abwegiges, vor allem weil  Babette die Liebe noch nicht getroffen hatte, sondern nur Jürgen, der verdruckste Seppel, der Babette die Pest an den Hals wünschte, weil sie ihn, statt ihn ernst zu nehmen, ausgelacht hatte, und als im Herbst des Jahres Neunundachtzig französische Totenhemden als Herrenhemden verkauft wurden, gab es kein Halten mehr, und mit der Ausverkauf im Warenhaus kam eine andere Zeit für Babette, Laura kochte nicht mehr, wollte sich an nichts mehr erinnern, nicht mal an ihren eigenen Namen, und Babette pflegte sie, immer bereit, aber ohne ein Lächeln, ohne einen Impuls der Erleichterung, bis eine Anstalt Mutter aufnahm und Babette vom Arbeitsamt zur Gurkenernte beordert wurde, dort, im Feld, tat das Lachen weh, aber es hörte nicht auf, und Babette war beliebt unter den Erntehelfern, weil sie nichts so schwer nahm wie es war, aber das war ein Irrtum, auch weil sich die Zeit nach der Ernte schwer auf Babette legte, sie wollte immer bereit sein, verkaufen, irgendwo irgendwas, aber es war alles verramscht oder bestand keine Nachfrage mehr, und da Babette nichts zu verkaufen hatte, verkaufte man ihr etwas, einen unbekannten weißpulvrigen Stoff, der versprach, das Lachen zurückzubringen, und so war es in der Tat, Babette kostete den Stoff, es zerriß sie fast, trug sie in schlingernde  Höhen des Gelächters, ein halbes Jahr, in dem sie, frei zum Verkauf an jeden Seelenfänger, in der Fußgängerzone der Stadt hockte, bis sie der Winter zurück- und das Gelächter umschlug in ein stummes und blindes Pulsieren, das Babette nicht länger zuließ und am Grab des Vaters lauschte, ob das Zwerchfell noch zuckte, und es war Babette, als würde Vater aus seiner Tiefe heraus die Puppen tanzen lassen, für seine Tochter, der er diesen  Blick vererbte hatte, und so kam es, daß Babette auf dem Amt vorsprach, um für sich eine letzte Chance zu erbitten, und das Amt bot ihr einen Job als Garderobefrau im Ministerium an,  Babette war für alles und immer bereit, obwohl sie nicht damit gerechnet hatte, an so einem Ort Jacken und Mäntel feiner Leute zu rangieren, obwohl sie ahnte, daß es wieder so kommen würde, wie es immer kam, und sie nichts dagegen tun konnte, doch beim Karneval der Kulturen war es dann soweit, da erschien der Regierende mit einem buntberockten, von einer fernen Insel stammenden König, der an Babettes Garderobe stand und seinen Federschmuck abnahm, nachdem Babette, wie es ihre Pflicht war, greifen wollte, doch der König hatte anderes vor, er setzte dem Regierenden seinen Schmuck auf den Kopf, schwarze glänzende Federn mit goldenen Kielen, und in Babette gluckste eine Welle empor, die Gewalt ihrer Natur, die jeglichen Ernst auflöste, ihre Wellen ins Publikum trug, erst leise zurückhaltend, dann kichernd, auch sieht sie schwarze Federn auf dem Kopf des Regierenden, wodurch es mit ihr nicht besser wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kerstin Hensel

– geb. 1961 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)

– Krankenschwester, Literaturinstitut, seit 1988 als freiberufliche Schriftstellerin

lebt in Berlin

– Veröffentlichungen: Lyrik, Prosa, Dramatik, Essay

– zuletzt: „Lärchenau“, Roman 2008

             „Alle Wetter“, Gedichte 2008

(alle Luchterhand Literaturverlag)

Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und des P.E.N.

www.Kerstin-Hensel.de

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