Katarina Botsky

 

 

(Deutschland)

 

 

 

AUSKRIEG

 

 

An den öden Straßenecken der kleinen Stadt, in der man immer Zeit gehabt hatte zu leben, und in ihren engbrüstigen Schaufenstern klebte überall der Mobilmachungsbefehl – auf blutfarbenem Papier – gegen Rußland. Und dort – wer gute Augen hatte, konnte sie sehen – lag die große russische Grenze. So nahe war sie der kleinen Stadt. Vor den verstörten Gesichtern der Kleinstädter brannten die blutroten Zettel an den Straßenecken und in den Schaufenstern, wo sie auch gingen und standen. Sie arbeiteten auch, immer die roten Zettel vor Augen. Sie saßen mit gefalteten Händen in ihren stillen Gärten und sahen überall große blutfarbene Stellen in der Luft, und dahinter, dahinter die dunkle russische Grenze. In kleinen Trupps standen sie auf dem einsamen Marktplatz und schluckten wortkarg an ihrer Angst. Ihre bequemen Kleider verrieten nicht das fröstelnde Zittern ihrer Glieder. Mit mäßig großen, braunen Pappkartons und riesengroßer Begeisterung waren ihre Söhne bereits dem Ruf des Kaisers gefolgt. Aber auch viele, viele Väter waren dabei, ihre Pappkartons zu rüsten.

Die Kirchenglocken riefen. Bittgottesdienst. In ihren Alltagskleidern stürzten die Kleinstädter zu Gott. Die ganze Stadt entleerte sich in die Kirche. Gleich einem trüben Strom floß es aus allen Gassen in sie hinein. Immer die roten Zettel vor Augen, staute sich die Menge vor dem dunkel verhängten Altar. Es wurde mehr geschrien als gesungen: «Ein’ feste Burg ist unser Gott» … Währenddem jagten schon die Kosaken über die Grenze und in die Stadt hinein, und donnerten an die Kirchentür. Die Bajonette aufgepflanzt standen sie plötzlich um die Kirche herum, und ihre langen Haare wehten finster im Winde. Kreischend verlangte die Gemeinde ein Wunder von Gott zu ihrer Errettung. Ein deutsch sprechender russischer Offizier trat an den Pfarrer heran und forderte ihn ohne Unfreundlichkeit auf, der Einwohnerschaft mitzuteilen, daß sie die Stadt sofort zu räumen hätte. Und sie wären keine Barbaren und würden niemand etwas zuleide tun, der sich nicht widersetzte. Auch könne mitgenommen werden, was jeder tragen könnte. Nur die Männer sollten als Gefangene zurückbleiben.

Die Kosaken musterten die leichenfahl heraustaumelnden Scharen langsam, langsam, langsam finster vom Kopf bis zu den Füßen. Eine Frau fiel unter diesen Blicken um und war tot. Durch die Tür hörte man noch die bebende Stimme des Pfarrers: «Der Herr schütze euch und behüte euch. Der Herr lasse sein Antlitz über euch leuchten und schenke euch seinen Frieden.»

Als ob die Hände Gottes selbst sie leibhaftig zurückgestoßen hätten, während sie zu ihm riefen, so zerschmettert wankten die Verbannten noch einmal in ihre Häuser zurück. Die Frauen packten ganz sinnlos Nichtigkeiten zusammen; die Männer harrten in dumpfem Entsetzen ihres dunkeln Schicksals. Die Luft war schwül und trübe. Die Nachmittagssonne versteckte sich; es begann zu regnen. Es regnete lauter und lauter. Lauter und lauter weinten auch die Packenden in den Häusern. Man sah alte Frauen auf den nassen Höfen stehen und mit emporgewandtem Gesicht, tatenlos, Choräle singen, wobei ihnen der Regen erbarmungslos das Gesicht zerpeitschte. Eine arme Witwe versuchte vergebens ihre Katze im Teich zu ertränken, um sie dadurch vor Quälereien zu erretten. Die Katze schrie was sie konnte, und die Witwe weinte und jammerte mit ihr. Ein alter Mann übernahm das Henkersamt an vielen Tieren, die zurückbleiben mußten. Vorwiegend waren es bejahrte Hauskatzen. Er tat es für zehn Pfennige das Stück, indem er das betreffende Tier ganz einfach an den Hinterbeinen ergriff und mit dem Kopf an die Mauer schlug. Den Hühnern und den Schweinen in den Ställen wurde in wahnsinniger Hast soviel Futter hingeschüttet als da war. Und nun war es auch schon Zeit. Kurze unverständliche Befehle erklangen auf den Straßen. Hinaus! Hinaus! Rauh wurden die Familien auseinander getrieben.

Es regnete nicht mehr. Ein Mond, so groß und rot, wie niemand ihn noch je gesehen zu haben glaubte, stieg, erschreckend, am falben Himmel empor. Über eine mürbe Holzbrücke ging es aus der Stadt heraus. Tief unter der Brücke rauschte ein grauer Strom, das Spiegelbild des Monds wie eine Blutlache im Schoß. Eine finstere Gerberei stand unten allein am Wasser. Felle hingen rings um sie herum zum Trocknen aus. Wie Bahrtücher wehten sie in der Dämmerung und rochen nach Tod und Verwesung. Während ein großer Teil der Vertriebenen in die umliegenden Dörfer floh, entwich eine kleine Schar auf den abseits gelegenen Friedhof. Auf dem Friedhof glaubten diese Frauen bleiben zu dürfen. Und wenn nicht, so wollten sie hier bleiben und sterben. Sie wollten schon auf ihrem Friedhof sein, wenn die Kugeln der Feinde sie trafen.

Und doch stürzten alle einen Augenblick in rasendem Entsetzen zurück, als ihnen in einem der dämmrigen Gänge des Friedhofs der Anblick des Todes entgegentrat. Wie eine Vogelscheuche aufgestellt sahen sie die alte Friedhofsfrau, tot, mit ihrem Besen in der Hand an einem Baume lehnen. Sie trug noch die Brille auf ihrem vertrockneten Gesicht, auch blickten ihre Augen noch durch die Gläser. Aber wie?! Teuflisch schadenfroh schienen die verschwimmenden Augen der Erschossenen den Fliehenden zuzurufen: Nun kommt die Reih an euch! … Und es war so düster auf dem Friedhof. Schwarz war die Luft unter den Bäumen. Wie bläuliche Schädel leuchteten die großen Blüten blauweißer Hortensien auf den Gräbern. Es roch nach Rauch; es flammte schon in der Stadt. Eine der Frauen brach in hysterisches Schreien aus, als sie neben einer Bank ein rotes Ballnetz liegen sah – das Ballnetz ihrer Enkelin mit gelben und grünen Bällchen. Die hatte das Kind, hier, vor wenigen Tagen verloren. Vor wenigen Tagen. Vor tausend Jahren schien es ihr, in einer anderen, herrlichen Welt. Es war nicht mehr derselbe Mond, den sie über den brennenden Häusern schweben sahen. Es war auch nicht mehr ihr Friedhof, auf dem sie sich befanden; es war ein Vorhof der Hölle. Auf Knien lagen die Frauen und flehten die Toten an, sie zu sich zu holen, vor den Kosaken. Sie umklammerten die Hügel und wollten in sie hinein. Schon hörten sie die Tritte der Feinde. Schon waren sie entdeckt. «Schießt, schießt!» riefen sie den Verfolgern zu. «Aber schnell! schnell!» Doch die rauhen Stimmen der langhaarigen Männer befahlen ihnen nur, den Friedhof zu verlassen. Wie herrenlose Hunde wurden die Todbereiten in die Nacht hinausgetrieben.

Strahlend ging die Sonne auf. Ihr Glanz ergoß sich mit derselben Pracht über friedliche Wasser wie über verbrannte Städte. Auf einsamen Wegen irrten vertriebene Menschen umher. Erschöpft lagen sie in den Chausseegräben und flehten die Besitzer vorüberhastender Fuhrwerke an, sie mitzunehmen. Es ratterten viele Gefährte vorbei; meistenteils Leiterwagen, hoch mit Betten bepackt, auf denen die fliehenden Besitzer Platz genommen hatten. Vielköpfige Familien lagerten auf den dicken bunten Federbetten. Manche weinten, doch die meisten brüteten tränenlos vor sich hin. Mit klagendem Gebrüll rasten wildgewordene Viehherden zwischen den Fuhrwerken hindurch. Wie einst die Kinder Israel zogen die unglücklichen Ostpreußen mit ihren Kindern und ihren Viehherden in die Fremde. Doch viele, viele hatten nur winzige Bündel in den Händen; die einzige Habe, mit der sie entkommen waren. Eine riesengroße Frau mit rotem Kopftuch trug einen Kindersarg unter dem Arm. Der Sarg umschloß ihr kostbarstes Gut und war alles, was sie vor dem Feind gerettet hatte. Stolpernd trottete sie zwischen Kühen und Ochsen und sprach laut mit dem toten Kind. Am Horizont flammte ein steiles Feuer zum blauen Himmel auf. Dort brannte ein großes Gut. Der Feind hatte das Gutshaus bis zum Dach voll Stroh gestopft, darum brannte es wie eine riesige Stichflamme. Ringsumher schwelten eingeäscherte Ortschaften. Schwarz wie Schatten jagten Heimatlosgewordene durch brennende Dorfstraßen. Aus der Ferne hörten sie die Soldaten singen:

Die Vöglein im Walde,

sie sangen so wunder-wunderschön:

in der Heimat, in der Heimat,

da gibt’s ein Wiedersehn …

Es fand ein großer Aufmarsch von Truppen in den verwüsteten Gegenden statt. Hier sollte eine Schlacht geschlagen werden. Stetig wie Wogen wälzten sich die grauen Soldatenscharen der Grenze zu. Mit einer Begeisterung und einer Todesverachtung zogen sie dem Feind entgegen, die unübertrefflich waren. Wenn Begeisterung die Brust zersprengen könnte, so wären die meisten dieser Soldaten daran zugrunde gegangen. Die stumme Parole hieß: Bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Denn der Feinde waren so viele. Das Schlachtgelände glich bald einem vollen Getreidefeld. Die Krieger waren die Halme und die Maschinengewehre die Schnitter, die diese Halme automatisch heruntermähen sollten. Der Tod hatte keine Sichel mehr; er dirigierte die Maschinengewehre.

Der Kampf begann. Ein Krachen und Zischen, ein Donnern und Rattern ging durch die Luft. Feuer und giftige Dünste folgten. Im Qualm sah man zerrissene Leiber fliegen. Die Geisterkrallen des Entsetzens packten auch die tapfersten Herzen bei diesem Höllenlärm und Höllenbild. Bis das Auge sich wieder klärte, bis der Arm sich wieder straffte beim Gedanken ans Vaterland. Bald stürmten die Germanen auf die Slaven los. Voran die Jäger mit Gesang. Schon dem Jenseits verfallen schoß noch mancher Arm die Büchse ab, und mancher ritt, der Todeswunde nicht achtend, mit gläsernen Augen weiter. Die Parole hieß: Bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Der Feind stand so dicht, daß seine Toten nicht fallen konnten. Ganze Blöcke toter Leiber standen, aufrecht festgeklemmt, zwischen Lebenden. Nur die Köpfe hingen schlaff von den Rümpfen herab. Und der Himmel bekam eine so seltsame Beleuchtung. Unsichtbare Hände schienen eine fahle Leinwand über dem Schlachtgelände auszuspannen. Eine Sonnenfinsternis begann. Wohl den meisten wurde es traurig zu Mute unter diesem sterbenden Licht. Jeder wünschte wenigstens noch so lange zu leben, bis die Sonne aufs neue wie immer schien. Aber zahllose fielen, ehe die Sonne wie immer schien. Brechende Augen sahen vergebens zum Himmel empor; es wurde immer dunkler, immer dunkler. So mancher Verwundete fühlte sich schon in einer andern Welt in dieser geisterhaften Beleuchtung; so mancher Sterbende hielt das Brüllen der Geschütze inmitten dieser Dämmerung schon für den Aufruhr des Jüngsten Gerichts. Die toten Feinde, die so dicht standen, daß sie nicht fallen konnten, wackelten mit den Köpfen unter dem Dröhnen der Kanonen. Dieses Wackeln glich einem verzweifelten Kopfschütteln über die Ströme Bluts, die sich ringsherum ergossen. Es war vielleicht das Grausigste, was man je gesehen hatte unter einer erlöschenden Sonne.

Wehe den Urhebern dieses Krieges! Die Gefallenen werden sie des Nachts in ihren Träumen überfallen, und ihr Ringen mit ihnen, ihr Ringen mit Legionen blutiger Schemen wird gefährlicher sein als jedes auf Schlachtfeldern.

 

Aus

Krähendemmärung

Novellen

Elsinor Verlag

 

 

 

Die Krähendämmerung

 

 

Im Winter 1929, der so kalt war wie der jahrelange Winter vor der Götterdämmerung, im «Fimbulwinter» 1929 flüchteten sich die Waldtiere zu den Menschen, und die Krähen horsteten auf den alten Friedhöfen östlicher Städte. Dort hatten sie auf manchem Friedhof mehr als ein halbes Hundert Nester in die hohen Bäume gebaut und harrten, krächzend, ihres Schicksals. Wenn die Sonne lachte, war es ganz gemütlich in den so hoch gelegenen Krähenburgen, doch wenn der eisige Fimbulmond durch die Äste sah, dann wurde so mancher Krähe das Herz von der Kälte zusammengepreßt, und sie verlor das Gleichgewicht, wenn sie sich, nach Luft ringend, auf den Rand des Nestes flüchtete, und stürzte in die Tiefe. Im eisigen Schweigen der Nacht schliefen die Friedhöfe im Mondlicht, und dann und wann fielen todesreife Krähen von den Bäumen. Ein dumpfes Aufschlagen … wieder Stille. Die Krallen des Fimbulwinters leerten so manches Nest. Es währte indessen nicht lange, und die Nester hatten wieder ihre Krähenpaare. Unter frohem Gekrächze reinigten sie die alten Wohnstätten, glaubten ein langes Leben vor sich zu haben, sahen des Nachts den Mond kommen, so blau, so gleichgültig, so eises-, todeskalt – sahen ihn manchmal nur einmal kommen und nie wieder; denn sie sahen nichts mehr.

Auf einen Friedhof, neben einer kurzen Straße, kam jeden Tag eine schlanke Dame mit einer umfangreichen Tüte unter dem Arm zu den hungernden Vögeln. Anfangs mochte sie die Krähen sehr viel weniger als die andern Vögel; doch mit der Zeit – sie waren so klug, so zutraulich, erinnerten so drollig an alte Marktfrauen, wenn sie dastanden und schimpften, was sie ausgiebig taten – kurz und gut: es entstand ein richtiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Dame und den Krähen. Sie grüßten sie sogar, wenn sie den Friedhof betrat, durch freudiges Flügelschlagen, ja, sie erkannten und grüßten sie sogar außerhalb des Friedhofs. Eine Krähe rief der andern einen kurzen frohen Laut zu, wenn sich die Wohltäterin dem Futterplatz näherte. Bald schimpften sie auch nicht mehr nach der Mahlzeit, liefen der Dame nur wie Hunde nach und baten ganz melodisch um mehr. Wenn sie, winkend, die volle Tüte schwang, begann ein Sausen in der Luft, daraus wurde eine dunkle Wolke, die sich erst über dem Frauenkopf schaukelte, dann im Kreise zur Erde niederging und sich in trippelnde Gestalten auflöste, die gierig zu schlingen begannen.

Längs allen Plätzen und durch alle Straßen, überall zogen sich starre Schneehügelketten hin, die immer höher wurden. Das ständige Wachsen des Schnees und der Kälte (wie sollte das enden?) ließ manchmal ein kurzes Entsetzen durch die Herzen aller Kreaturen flattern. Die Sonne trug so oft einen weißen Schleier vor dem Gesicht, als ob sie nicht sehen wollte, wie das Getier in den Wäldern zugrunde ging; doch der Mond sah es groß und blank mit an, schwermütig grinsend. Eine Angst, eine Angst ging durch die Nächte, die riesengroß war, wenn sie auch lautlos schrie. Unaufhaltsam kroch sie mit den Schneehügelketten weltein. Die Angst ist das stärkste Gefühl, und mehr noch als Liebe und Hunger erfüllt sie die Welt. Die Menschen waren gut zu den Tieren im Fimbulwinter, denn die Angst war das Seil, das alle Kreaturen in diesem Winter miteinander verband. Die Tiere trauten den Menschen wieder. Die Krähen fraßen der Dame aus der Hand, und sie hob noch manche starre Krähe auf, ihr hübsches Gefieder betrachtend, und nahm sie zur Erwärmung unter ihre Pelzmäntel; doch sie war immer schon tot, auch wenn ihre Augen blank offen standen. Der Frost hatte zu tief und zu grausam gebissen. Es sah so aus, als ob es nie mehr Frühling werden würde. Und es wurde doch Frühling. Die Angst wich. Das Seil, das alle Kreaturen miteinander verbunden hatte, lockerte sich. Schon begann ein wildes Hacken und Schaufeln und Scharren in den Straßen, wo man den Winter, schmetternd, auf die Kehrichtwagen lud.

Hätten die Krähen sich ruhig verhalten, so hätte man sie hinter den immer dichter werdenden Schleiern der hohen Birken vergessen; aber ihre schreihalsigen Jungen sorgten leider dafür, daß man sie nicht vergaß, zumal schon der halbe Friedhof verschmutzt war. In jedem Krähennest saßen jetzt drei bis fünf Junge und wollten immerzu fressen und spektakelten deswegen den ganzen Tag. Es war den Alten anzusehen, wie sehr sie sich für die Jungen abplagten, wie sie voll Sorgen waren und immer an zu Hause dachten. Die große Nähe der Menschen – – –! Doch auf Böses von dieser Seite waren sie trotzdem nicht gefaßt. Und als einmal mittags ein Stein zu ihren Nestern emporgeflogen kam, hielten sie es nur für einen dummen Scherz.

Bald aber kamen den ganzen Tag Steine empor, und eines andern Mittags kam ein richtiger Steinhagel. Die Krähen verstummten bestürzt. Was hatten sie verbrochen? Denn was wußten sie davon, daß dieses ewige finstere «Krah –! Krah –! Krah –!» im lichten Frühling die Hörer rasend zu machen begann. Unheil –! Unheil –! gellte für die alte Angst der Krähenruf. Wildgewordene Hörer alarmierten die Feuerwehr gegen das Krähenvolk, als seine Brut zu fliegen begann.

Ein barsches Klingeln am nächsten Morgen in der Früh verkündete ihr Erscheinen. Wer schon auf war in der kurzen Straße, stürzte ans Fenster. Ein roter Wagen mit Schlauch und Leitern glitt vor die Friedhofstür. Die alten Krähen rissen besorgt die Augen auf. Was wollte dieses rote Ungeheuer? Warum hielt es dort? Das galt – womöglich – ihnen?! Ihre schwarzen Augen überblickten erst angstvoll das Nest, maßen dann die Höhe vom Nest bis zum Erdboden.

Die Tür flog kreischend auf. Plötzlich war sie sperrangelweit offen – aufgerissen von den schwarzen Riesen, die auf dem roten Ungeheuer gesessen hatten. Die Riesen standen herausfordernd in der Tür und blickten zu den Nestern empor. Die Krähen duckten sich ängstlich, erschielten aber doch, daß die Riesen die Leitern abluden und schwer damit näher kamen – zu den Bäumen. Es galt ihnen!! «Krah!!! Krah!!! Krah!!!» schrillte die Todesangst, schwarz und häßlich, durch die silberne Morgenstille.

Nicht genug die Mordgerüste –! Die Riesen schleppten auch noch eine endlose graue Schlange mit sich. Die entsetzten Vögel sahen nichts mehr von der Lieblichkeit des Frühlingmorgens, es war nur eine gräßliche Bläue für sie da, in der es ums Leben ging.

Jetzt – wurde das erste Mordgerüst aufgebaut – – – an einem Baum. In seiner Krone ging ein verzweifeltes Kreischen los. Manche Krähe verließ, fassungslos, das Nest, um fassungslos dorthin zurückzukehren. Ein zweites Mordgerüst wuchs empor … ein drittes … kam an welchen Baum? Viele Herzen stellten, zitternd, die Frage. Schon fiel die Entscheidung, und das Loskreischen der Bedrohten loderte in die Höhe. Schon klomm ein Riese auf der ersten Leiter empor, die Schlange über der Schulter. Die würde wohl in die Nester geschossen kommen. «Krah!!! Krah!!! Krah!!!» Gewalt! Mord! hieß das. Die Himmelsbläue schien schwarz zu werden, und darin saß so fettig die Sonne: eine andere Sonne. Mit ausgebreiteten Flügeln hockten die alten Krähen über ihren Jungen, das Gefieder gesträubt, die Schnäbel weit und wütend offen. Ihre Augen funkelten.

Die Schlange –! Die Schlange –! «Krah –!! Krah!!» Der Riese hob sie, die Zähne fletschend, hoch, und jetzt – spie sie das Verderben aus in Gestalt einer Wasserflut, die auf das Krähenpaar losstürzte, das, fauchend, die Köpfe aus dem Neste hing. Platsch – «krah –», platsch – «krah, krah –», platsch – platsch – platsch … Heruntergespült sauste die eine Krähe, rückwärts, vom Nest; doch unterwegs in der Luft fing sie sich selbst auf, von ihrer Verzweiflung unterstützt, schwankte auf den nächsten Ast und kehrte dann wieder zum Nest zurück, weil die Jungen vor Angst nicht fliegen wollten. Der «Riese» biß die Zähne zusammen, als er die «Schlange» abermals in das triefende Nest speien ließ. Wieder stürzte die eine Krähe ab und fing sich schon etwas tiefer auf. Mit gläsernen Augen trat sie zum zweitenmal die Reise nach oben an; kam aber nicht weit. Sie fand auch nicht mehr die Richtung, denn sie war blind geworden und ganz verstört. Wie im Traum taumelte sie über den Boden und suchte und suchte das Nest, immerzu zischend und die Federn sträubend. Ein «Riese» erschlug sie aus Mitleid. Der mit dem Schlauch spornte sich zu einer künstlichen Wut an und ließ den Wasserstrahl bald nach rechts, bald nach links gegen die Nester los, und es stob schreiend aus ihnen davon.

Die «Riesen» liefen die Leitern empor mit Beilen auf der Schulter. Jetzt sollten auch die Krähenburgen fallen. Mit dumpfen Hieben trennten und rissen sie die schwarzen Rundbauten von den Ästen, dann und wann, brüllend, die Augen schützend; denn es gab immer noch Krähen in diesem und jenem Nest, die sich mit dem Rest ihrer Kräfte zur Wehr setzten. Die an den Fenstern wichen zurück. So hatten sie sich das nicht gedacht –! Das dumpfe Schmettern der Beile ging manchem durch Mark und Bein. Die Nester segelten zerfetzt in die Tiefe, verloren unterwegs ihren Inhalt, soweit er nicht geflohen war, und fielen wie Unrat zur Erde. Es wurde öde und leer in den Baumkronen. Unten hockten im Wirrwarr, dumm und betäubt, schwächliche Krähenkinder und spiegelten sich todesbang in den Wasserlachen. Ein Wolfshund, der sich eingeschlichen hatte, beroch sie mißtrauisch und nahm ihnen spielerisch das Leben. Zwei alte Krähen umstrichen ganz tief den Schauplatz. Die tollkühnste stellte sich «dem haarigen Ungetüm mit dem feurigen Rachen». Ein rasender Wirbelkampf hub zwischen ihnen an. Federn stoben; das Wasser spritzte hoch. Der Hund verlor, heulend, ein Auge; die Krähe verlor stumm das Leben …

Auf dem Friedhof blieb ein anklagendes Schweigen, das die Sonne grell beleuchtete, und eine Fuhre Dung, die alles war, was von der Krähensiedlung erzählte.

Die geflohenen Krähen flogen weiter und weiter. Einige aber warfen sich mit ihren todmüden Jungen auf eine Reihe hoher Bäume und blieben dort regungslos sitzen. Heimatlose –! Sie starrten dem grauen Schiffe nach, das auf grauem Wasser in den Regen fuhr. Gern wären sie mit ihm gezogen, immer weiter fort von den Menschen, die ja doch grausam waren. Sie schlossen im Regen die Augen und fühlten dumpf die steinerne Unbegreiflichkeit des Lebens wie ein sinnloses Schaukeln in endlosem Raum.

Aus

Krähendemmärung

Novellen

Elsinor Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Katarina Botsky wurde am 4. August 1880 in Königsberg i. Pr. geboren und starb dort 1945 während der Einnahme und Besatzung der Stadt durch sowjetische Truppen. Zwischen 1911 und 1936 brachte die bekannte Zeitschrift Simplicissimus zahlreiche ihrer Novellen. Zudem veröffentlichte Botsky weitere Beiträge in anderen Zeitschriften sowie eigenständige literarische Werke.

 

https://www.freitag.de/autoren/mollnitz82/katarina-botsky-kraehendaemmerung
http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/katarina-botsky/kraehendaemmerung
http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/katarina-botsky/martin-a-voelker/in-den-finsternissen

http://das-blaettchen.de/2014/07/ostpreussische-angst-29500.html
http://www.elsinor.de/4.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Katarina_Botsky

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