Kai Pohl

 

 

 

(Deutschland)

 

 

im fluß ist mein bett die nacht

ein träumendes vieh im gras ohne

denken an strom oder strömung

 

die nacht ist mein bett im fluß

rollt gestein ohne zutun des

wassers das ausbleibt seit jahren

 

mein bett rollt im fluß der nacht

die mich trennt vom strom der

gedanken wie vom strömenden gas

 

 

Rumi & Ebbe

 

Blut flutscht, da nichts hängenbleibt. Dir blüht

ohne Punkt und Komma

meine Liebe

über den Tag hinaus.

 

Der Spaten faltet den Torf,

die Narbe sprengt den Schorf, die Beule

mißt den Grat

an der Verzweiflung.

 

Der Sommer kommt mit dem Lachen eines Irren,

mit den Endlosgruben der Tiefbauer, mit den

Worten, die

du geworden bist;

 

dein Rumi wurde auch nicht

in einer Nacht gepanscht; die Dämmerung

steckt fest im Flusensieb. Umso sauberer der Akt,

desto perfekter die Tarnung.

 

Also kommt, ihr häßlichen kleinen Zwillinge

der Liebe, Verzweiflung & Täuschung,

oder wie man euch heißt. Kommt, und kommt wieder;

unser die Zweifel, unser die Täuschung, unser die Tat!

 

Kommt, Worte, kommt,

und wenn ihr euren Schwur milliardenmal

gebrochen habt; kommt und reiht euch ein,

auch wenn dies keine Karawane der Verzweiflung ist.

 

Die Stadt könnte ein Mirabellenhügel sein,

Pumpstation für Neigungen und Orgien,

ein Leihbehälter, fein

und verspielt; aber nein!

 

Ihr Worte, die ihr mit mir

in die Grube fallt, ihr seid doch auch bloß

Lückenfüller, Büßer ohne Glauben,

Wanderer, Feueranbeter, Götzendiener,

 

Außerirdische auf dem

Zeilensprung; Weltbehälter, die Atemnot leiden

in Wogen aus Gehorsam.

Große Töne! Große Scheine!

 

Hörigkeit,

die Sprache der für dumm Verkauften.

Falls Liebe ein Gewissen hat,

dann ist es ein gefallenes Gewissen.

 

Falls Liebe ein Gewissen hat, dann,

daß man von ihr nicht

essen kann (ein Körper aus Schönheit,

ein Wärmerest).

 

 

Allernächste Vorhaben und Pläne

 

für Max Pfeifer

 

 

Am Ende des Parks

den Hund Mondschein treffen.

Das Land versinken sehen

auf dem Heimweg. Rauchen

als Einverständnis mit der Erkenntnis,

 

selbst in Rauch und Asche aufzugehen.

Man hat mir von unglaublichen

Erfindungen berichtet — wohlan!

Die unglaublichste Erfahrung

ist noch gar nicht erfunden.

 

Während die Sonne weitermacht,

spielen die Gezeiten mit den Ufern,

als ginge es nicht um alles.

Der Mond nimmt ab und zu

eine seltsam schöne Farbe an.

 

Sein Bracklicht streicht um die Häuser

im globalisierten Dorf, dessen Karma

die Schöpfung von Geldnot zu sein

scheint. Manche Atome sind extra

aus der Vergangenheit angereist.

 

Sie hatten nicht im Traum geglaubt,

einmal »Atommüll« genannt zu werden.

Nun aber kommen oder gehen sie

kopflastig, abgefüllt einher.

Darum der Vorschlag:

 

Handhaben wir es wie jene, die

autonom sind, und halten

die Wundertüte geschlossen,

wenn ernsthaft die Gefahr

des Überfressens droht.

 

 

Das Universum in den Augen der Kröte

 

nach Andreas Weber

 

Nachts, wenn der Sternenstaub,

in die Betrachtung der Sterne versunken,

aus den Untiefen der Sölle kriecht,

 

ringen graue Hominiden mit dem Schlaf,

schwankend zwischen der Kälte des Alls

und der Wärme aus den Maschinen.

 

Am äußersten Rand

 

Irgendwo draußen, am äußersten

Rand der Peripherie. Im Park ist es

kühl, der Halbmond winkt kalt. Der Park

hieß früher der Wald. Zwei lagern warm

im Sack auf ’ner Bank, irgendwo

draußen, am äußersten Rand der Peripherie.

Da wackelt der Boden, da blinkt ein Hund,

da rieselt der Sand aus den Taschen.

Im Park ist es kühl, der Halbmond

winkt kalt. Der Park hieß früher der Wald.

Zwei lagern warm im Sack auf ’ner

Bank. Obdach heißt Himmelszelt.

 

 

An einer Kreuzung

 

nach Eberhard Häfner

 

An einer Kreuzung zwischen

Istanbul und Tegel, wo die Sprache

zur Sprache kommt, schlagen wir

eine Bresche

 

in die Zeit, deren

Blut den Abendhimmel färbt.

Die Wahrheit zu vermeiden,

ist ein harter Job.

 

 

Die Gegenwart überholt sich selbst

 

Während ich, an schnöder

Sonne sitzend, das fernöstlich

korrigierte Gedicht korrigiere,

 

kocht in der Küche der Mokka

über, den ich vergessen

hatte, auf den Herd zu stellen.

 

 

Am Lago di Como

 

crataegomespilus

grandiflora europa

an 1 abhang gebaut

 

vernunft verblüht im

magischen auge stern

licht über dem simplon

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Kai Pohl, * 1964, lebt in Berlin.

 

Herausgeber der Lyrikreihe Schock Edition, Redakteur der Literaturzeitschrift floppy myriapoda.

 

Letzte Veröffentlichung: Phantomkalender, 29 Gedichte, Distillery, Berlin 2011.

 

__________________________________________________________

 

Kontakt: k.pohl@pappelschnee.de

Articles similaires

Tags

Partager