Jürgen Jankofsky

 

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Die Thermen des Caracalla

 

Virusartig hatte sich mir der Gedanke eingeschlichen, auch jenseits des alltäglich Erfahrbaren nur Banales finden zu können. Dabei war mir die Gier, hinter Geheimnisse zu kommen, letztlich stets Antrieb gewesen, schlicht weiter und weiter zu machen. Andererseits kamen mir neuerdings im­mer wieder die Thermen des Caracalla in den Sinn:

Eher zufällig war ich eines frühen Samstag morgens in dieses weitläufige, fast menschenleere Ruinenareal geraten, erwartete ich hier doch nichts was mich berühren, was mich angehen könnte. Schier unfassbar schien mir dann aber was sich an Gewimmel und Lebensfreude in erhabenen Alabas­ter-, Marmor- und Basaltbädern, prächtigen Säulen-, Ruhe- und Sporthallen anhand dieser monumentalen Trümmer pro­jizieren ließ, unglaublich dass dies alles wie selbstverständ­lich jedem Römer, ob arm ob reich, offen stand bis es die Vandalen (sic!) als nutzlos zerstörten.

Unsicher allerdings bin ich mir, weshalb mich die Thermen des Caracalla anhaltend beschäftigen. Meines letzten gro­ßen Erstaunens oder deren Symbolkraft für verheerende Blindwütigkeit wegen? Oder abgründig – da beides mir nun unaufhaltsam zusammengehen will? Apokalyptisch?

 

 

 

Stuttgart, 8. Juli 2005

 

Alt fühlte ich mich plötzlich. Alt inmitten einer großen Open-Air-Menge auf dem Schlossplatz. Alt im Sinne von einsam, völlig einsam, übrig geblieben; niemand mehr da, der wüsste wer man ist. Dabei war das Konzert kraftvoll, ja belebend, Salsa fuerte. Und all die Selbstdarsteller mit ihren Hüten und Kappen, Ketten und Ringen, Foto-Handys und Designer-Brillen, Piercings und Tattoos ließen mich bestenfalls leise lächeln. Nicht sicher war ich mir jedoch, ob ich das Ganze nicht einfach ausschalten konnte, klack; alles nur noch virtu­ell…

 

 

 

Mai 2005

 

Seltsam, dass ich kaum noch beobachte wie sich die Ge­gend meiner Alltage verändert, da ich doch jahrzehntelang über diese Regionen (als sich hier nämlich nichts mehr zu verändern schien) schrieb. Offensichtlich bewegen mich nur noch Fernen. Warum? – Weil ich dort Strukturen noch nicht durchschaue? Mich als Kontrast wieder erkenne (someti­mes)? Doch noch Neugier spüre? Also hoffe?

 

 

 

 

 

Makadi Bay, 4. Juni 2005

 

Als wir aus dem Pool kommen ist die Französin mit ihren stillen Zwillingen von den Nachbarliegen verschwunden und es richten sich lärmend Engländer ein. Wird jemand bemer­ken, wenn wir hier nicht mehr sind? Warum auch.

 

 

 

Doppelkopf

 

„Heb ab!“, fordert Heinz, doch Bernd will erzählen, dass sich ein alter Bekannter jüngst totgesoffen habe. „Und wie geht’s dir?“, fragt mich der Dicke. „Geht so“, sagte ich und berichte von der Bandscheibenoperation Eichis, der hier schon mal aushalf, wenn sich einer von uns nicht so recht wohl fühlte, die Abfolge unserer vierteljährlichen Herrenabende –immer schön reihum- aber keinesfalls in Frage gestellt werden durfte. „Nun gib endlich!“, drängelt Heinz. Der Dicke will al­lerdings wissen, wer mit zum sechzigsten Geburtstag unse­res ehemaligen Klampfers kommt. „Wann isses bei dir ei­gentlich so weit?“, frage ich. Der Dicke winkt ab und Bernd mischt neu.

 

 

 

Mulisch schreibt

 

Da schließlich alles unsinnig ist, das ganze Le­ben und die ganze Welt, macht nur noch das Unsinnige ei­nen gewissen Sinn. Und ich erkenne seine Konstruktion, doch auch (möglicherweise, da ich seit einiger Zeit auf der Suche, nach solch einem Satz, solch einer Bestätigung war und dies selbst nicht zu formulieren vermochte, nicht zu for­mulieren wagte), dass ich wohl nicht der Autor meines Le­bens bin, eher noch eine Figur, die eben das artikuliert, um alltägliches Handeln, um ihre Existenz schlechthin zu recht­fertigen, irgendein Jemand, der nur Sinn in einem Roman macht, bestenfalls. Wenn alles absurd ist, so ist innerhalb dieses Absurden ausschließlich das Absurde nicht absurd. (ebd.)

 

 

 

09.02.2006, Stau zwischen Hermsdorf und Triptis

Vage kam mit gestern in den Sinn mal was zu schreiben, wie sehr mir langsam klar wird, dass mir wohl immer weniger Ausweichchancen bleiben, nicht mehr beliebig viele Hinter­türchen offen stehen ect. pp. Sollte ich morgen im Stau ste­hen, dachte ich, denke ich mal konkreter drüber nach. Statt­dessen verfluche ich nun, verfluche ich immer wieder auch nur im Leisesten einen Stau als Möglichkeit imaginiert zu ha­ben und kann elementare Blitzeis-Ewigkeiten lang nichts, absolut nichts anderes tun.

 

 

 

 

 

 

Halberstadt, 28.09.06

 

Horizonterweiterung (immens) dank John Cages Regie: as slow as possible – so tönt das längste Stück Musik weltweit hier. Genial. 639 Jahre vor der Jahrtausendwende jubelte im Ort erstmals eine Orgel auf, bis ins Jahr 2639, bis die letzte Pfeife in St. Burchardi verbraucht/verhaucht sein wird, soll Cages Organ²/ASLSP noch klingen: as slow as possible. Ir­gendwie hatte ich schon vergessen, dass es noch Zukunft gibt.

 

 

 

 

 

 

Steinach

 

Großvaters Schwester lebte hier, Tante Mari. Ich war vier oder fünf als wir sie besuchten. Meine erste Urlaubsreise, ja. Und so wenig ich mich erinnere, was ich erlebte damals, bin ich mir sicher, dass mir bei der Heimfahrt erstmals bewusst wurde: etwas Schönes ging unwiederbringlich vorbei.

Heute (in Thüringen auf Tournee) wähle ich zwischen zwei Terminen eigens einen Umweg, um mal wieder in dieses Tal zu kommen. Dann aber zweifele ich, ob es mir als Kind nochmals schmerzen würde, diesen Ort zu verlassen, halte am Ende nicht mal mehr an hier.

 

 

 

Zoo Leipzig, 5. August 2005

 

Bisschen gewagt oder deplatziert vielleicht diesen Text (der mir wie alle notizartigen alles andere als belanglos, von vornherein symbolschwanger aufkommt), mit Eltern und Frau von Käfig zu Käfig schlendernd, gerade hier austragen zu wollen. Keine Ahnung aber, wie eine einmal aufgezischte Idee zu bremsen, geschweige denn zu unterdrücken wäre, zumal wenn dein Vater sich plötzlich vor Übelkeit krümmt. Gut, das ging alsbald vorbei und es schien ihm dann peinlich (wobei sein Bemühen, witzelnd alles ungeschehen zu ma­chen, mir die Wortfindung nicht eben erleichterte). Warum waren wir überhaupt hier? Mit der Tochter wie mit der Enke­lin hatte ich auf diesen Wegen unbeschwerte Stunden erlebt (meine ich mich zu erinnern, so fern, so unerreichbar sie uns nun auch sind). Und natürlich liefen einst auch meine Eltern mit ihrem Sohn, mit mir an der Hand hier. Schließt sich so ein Kreis? War das mein Ansinnen, meine Hoffnung – einan­der seitdem zugefügten Schmerz zu neutralisieren? Unseren Frieden zu finden, wenigstens den? Abschied nehmen zu können, langsam? Nein, diesen Text bringe ich nicht zu Ende, weder hier noch andernorts. Noch nicht.

 

 

 

Brüssel, 28. März 2009

 

Ob lähmendem belgischen Regens, mehr noch aber mangels Zeit, will es mit partout wieder nicht gelingen, nach Waterloo zu gelangen. Trost vielleicht, dass dies schicksalhaft sein könnte.

 

 

 

 

Ende 2008

 

Nie radierte ich mehr Namen, mehr Nummern aus meinem Telefonbüchlein (Entfremdung, Pleiten, Tod). Und so rubble ich mir mählich die eine und andere Seite aus der Klebung. Bis letztlich das Ganze (Lose) nicht mehr taugt.

 

 

 

Ende 2008 (3)

 

Keine Frage, solider, schlanker, klüger, gerechter möchte man werden. Wer aber hoffte nicht insgeheim, dass wenigstens manches so bliebe, wie es ist.

 

 

 

 

 

 

Hier 2008

 

Und dann

wird, was wir weit

entfernt wähnten, unseren Alltag

verkarstet haben.

Und dann

werden wir gehofft haben, dass

alles nicht noch schlimmer wird.

Und dann

werden wir uns nicht

mehr erinnern können,

was heute war.

 

 

 

Brüssel, 28. März 2009

 

Ob lähmendem belgischen Regens, mehr noch aber mangels Zeit, will es mit partout wieder nicht gelingen, nach Waterloo zu gelangen. Trost vielleicht, dass dies schicksalhaft sein könnte.

 

 

 

Rosengarten, Ende Mai 2009

 

Schilder: Pilze pflücken verboten! allenthalben. Und selbst wenn es jetzt Trüffel gäbe, würde ich dem wahrscheinlich nicht zuwider handeln, nicht mal an verschwiegensten, heimlichsten Plätzen – weiß unsereins doch um die Allgegenwart alter Geschichten: Zack, hieb’s Schreibhand und Standbein weg. Nee. Laurin, das wäre zu blöd. Denn selbstredend stehe ich bei denen, die verzwergt werden, unermüdlich verzwergt von den Diskriminierern, den Machtprotzen, den Unersättlichen – zu offenkundig die Gründe der angehängten Unterentwicklungen allezeit. Keinesfalls also würde ich provozieren wollen! Wir dürfen einander nicht missverstehen, nicht verletzen, das stärkte, das erhöbe die wirklichen Gnome. Obgleich ich nicht verstehe, weshalb gemeine Maronen hier nun Edelsteinen gleichkommen. Oder sollte das Tarnung sein? Dann könnte ich wohl sogar hoffen Dich, Bruder Laurin, ungebrochen, unverzagt in der enrosadüra, im Alpenglühen auf weißem Hirschlein gegen die Gierschlunde, die Globalkolonialisierer anstürmen zu sehen? Keine Frage, das wäre mir mehr als einen Pfifferling wert, und meinen Eid drauf, dass ich’s glaubhaft verkündete.

 

 

 

Isenheimer Altar, Himmelfahrt 2010

 

Irre, dieses, den Antonius heimsuchende Gelichter, diese Fressen, diese Fratzen – Heiliges Feuer, Aussatz, Pest… Was meingott musst du gesehen haben, Mathis, was muss dich gequält haben? Und was würdest du heute malen – Banker statt bankerter Dämonen?

 

 

Carcassonne, 18. Mai 2010

 

Koeppen spottete zwar: Wenn man allein vor den festen Türmen steht, mag man sich als Troubadour fühlen, auch an Rapunzel denken, dass sie ihr Haar herunterlasse. Doch ich denke, leise zumindest hat selbst er hier das Rolandslied gehört.

 

 

 

 

 

 

Neujahr 2011

 

Klar beginnt’s wieder mit ’nem Rockkonzert, im Fernsehen nun natürlich. Und da die Bandscheibe zwickt, verkabele ich mich sicherheitshalber mit Reizstromdioden, werfe ’ne Schmerztablette ein und öffne ’ne Flasche Waldmeisterbrause. Auf ein Neues also!

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jürgen Jankofsky geboren am 19.Juni 1953 in Merseburg// Schulbesuch, Abitur// Chemiestudium (abgebr.)// Ausbildung zum und Arbeit als Berufsmusiker// Fernstudium am Literaturinstitut Leipzig// Mitarbeit im Literaturzentrum Halle u. zeitweise freischaffend// 1990-93 Stadtschreiber in Merseburg// 1994-99 Mitarbeit im halleschen Künstlerhaus 188// Leitung von Projekten u.a. für die Robert Bosch Stiftung Stuttgart// seit 2000 Geschäftsführer des Friedrich-Bödecker-Kreises Sachsen-Anhalt — Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS) und weiterer Autorenvereinigungen// Walter-Bauer-Preis 1996// Stipendium für Arbeitsaufenthalt in Kanada 1998// seit 2006 stellv. Bundesvorsitzender der Friedrich-Bödecker-Kreise

Mehr als 25 Bücher, etwa 50 Herausgaben, ferner Kinderhörspiele und -lieder, Prosa und Es­says in zahlreichen Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften, Sachbücher, Projektdokumen­tationen sowie Publikation zeitgeschichtlicher, kultur- und regionalhistorischer Schriften im In- und Ausland

 

 

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