Jürgen Bruhn

 

 

 

(Deutschland)

 

 
HEIMKEHR

 

Im Frühsommer kehrte Horst Hansen aus Kalifornien zurück.14 Jahre hatte er dort drüben gelebt. Nur wegen zweier Todesfälle war er während dieser Zeit nach Hamburg zurückgekommen. Aber Heimweh hatte er oft gehabt. Nun war er zurück. Für immer? Er wusste es nicht. Er konnte sich für immer nicht vorstellen. Das erste, was er sehen wollte, war das Viertel, in dem er geboren und aufgewachsen war, wo sie sich als Jungs rumgetrieben hatten.

 

Also fuhr er eines Morgens mit dem Bus die Max-Brauer-Allee hoch nach Altona, stieg an der Haltestelle Gerichtstraße aus, spazierte in den Rainweg, in dem während des Krieges ihr Klassenlehrer Herr Reinhardt, den sie den alten Soldaten genannt hatten, gelebt hatte. Im Rainweg hatten sie gegen andere Straßenmannschaften Fußball gespielt. Der Rainweg, stellte er fest, war noch immer mit Teer asphaltiert, wie damals im Juli 1943, als sie mit ihrem Klassenlehrer viele Anwohner während des Feuersturms mit Stangen aus dem brennenden, glühenden, phosphorverseuchten Teer herausgezogen hatten.

 

Seine alte, im wilhelminischen Stil erbaute Schule stand noch immer an der Gabelung von Rainweg und Einunddreißiger Straße. Aber der Rainweg hieß jetzt Harkortstraße und die Einunddreißiger Haubachstraße, benannt nach Theodor Haubach, einem Widerstandskämpfer gegen Hitler und den Nationalsozialismus. So stand es auf einem Straßenschild. Er fand, dass das Schulgebäude noch genau so aussah wie damals. Es waren jetzt Ferien, der Schulhof war leer, und die Fenster der Kellerräume, in denen sie bei Bombenalarm Zuflucht gesucht hatten, waren weit geöffnet.

 

Er schlenderte weiter den Rainweg runter und bemerkte, dass auf dem Gelände des im Feuersturm abgebrannten Güterbahnhofs, auf der linken Seite des Rainwegs, wenn man von der Schule her kam, hohe Gräser, Sträucher und Bäume wuchsen. Aber er konnte noch die Schienenstränge und die Prellböcke aus dem grünen Durcheinander hervorlugen sehen. Er ging unter der Eisenbahnüberführung hindurch und genau an der Stelle vorbei, wo der Bahndamm eine scharfe Biegung hin zum Güterbahnhof machte, wo die Züge damals langsamer fahren mussten, und wo sie nach dem Krieg auf die fahrenden Güterzüge gesprungen waren, um ihre Familien mit Kohlen und Lebensmittel zu versorgen.

 

Hier blieb er einen Moment lang stehen, um sich zu erinnern. Doch ununterbrochen bretterten Autos an ihm vorüber, zerrütteten seine Gedanken. Und er ging weiter, überquerte die Stresemannstraße, die in der Nazizeit und noch danach Schlageterstraße geheißen hatte. Dann stand er auf dem Sonderburger Platz, der nun in Kaltenkircher Platz umbenannt worden war. Der Sonderburger Platz hatte für ihn eine besondere Bedeutung. Hier hatte er sich am 26. Juli 1943, dem zweiten Tag des Feuersturms, mit seiner Mutter in den unterirdischen Luftschutzbunker gerettet, dessen eiserne Umzäunung noch immer über den Sonderburger Platz hervorragte.

 

Nach dem Krieg hatte sie oft mit den Mädchen an der eisernen Umzäunung Liebesball gespielt. Ja, das hier war sein Viertel. Jetzt schossen Erinnerungen in ihm hoch, Bilder tauchten aus seinem Innersten empor. Er war zuhause. Er setzte sich auf die eiserne Bunkerumzäunung, schaute über den Sonderburger Platz und musste an Karin Behrmann denken, seine erste Liebe, die blonde, schöne Karin, die klüger als sie alle gewesen war. Sie hatte direkt gegenüber vom Sonderburger Platz an der Ecke Oeverseestraße gewohnt. Während des Feuersturms wurde sie mit ihrer Familie ausgebombt und anschließend irgendwo nach Bayern evakuiert. Er hatte sie nie wieder gesehen.

 

Er verließ den Sonderburger Platz, durchquerte nacheinander die Parallelstraßen Oeversee- und Holtenaustraße und spazierte dann die Stresemannstraße Richtung Holstenstraße runter, klapperte sein ganzes Viertel ab. Er schaute in die Hauseingänge und in die Treppenhäuser hinein, starrte auf die Namensschilder, suchte nach Namen wie Heilhoff, Fingerdo, Bahmling, Isendahl, Sterninske, Wulff. Aber er fand sie nicht. Was bildest du dir ein, warf er sich vor, bist so lange fort gewesen, kommst nach so langer Zeit zurück und verlangst, dass man hier auf dich wartet. Und er begriff: Hier war das Leben auch weitergegangen, und er war nicht dabei gewesen. Etwas später ging er in den Holstenbahnhof hinein, löste im Automaten eine S-Bahn-Fahrkarte und stieg die Stufen zum Bahnsteig hoch.

 

Die S-Bahn hielt, die Türen öffneten sich, und er stolperte in einen Wagen hinein, blieb im Vorraum stehen und musste an Big Sur und Monterrey denken, an die Freunde und Kollegen, die er in Kalifornien zurückgelassen hatte. Ob er sie jemals wiedersehen würde? Zwei Stationen später, am Dammtorbahnhof, stieg er aus. Es war ein warmer Frühsommertag. Die Sonne knallte auf das Fensterglasdach des Bahnhofs. Er schritt die Stufen zur Bhnhofshalle hinunter, ging an den Kiosken und Imbissbuden vorüber, verließ die Halle und überquerte den Theodor-Heuss-Platz, der auch zu seiner Zeit schon so geheissen hatte. Nur hielten hier jetzt Busse statt Straßenbahnen. Die hochgewachsenen Kastanienbäume auf der gegenüberliegenden Moorwiese standen in voller Blüte. Es sind dieselben Bäume wie vor 14 Jahren, dachte er. Er fand, die Stadt roch gut, und ihre Straßen waren in einem grünen Blättermeer eingebettet.

 

Als er vor drei Wochen mit dem Flugzeug aus London kommend auf Hamburg zugeflogen war, sah er seine Stadt von oben aus, als befände sie sich in einem riesigen Wald, mit einem langgezogenen silbernen Streifen darin, das war die Elbe. Er hatte einen Fensterplatz gehabt und konnte sich an der Elbe und seiner alten Stadt nicht sattsehen. Er erkannte Blankenese, Övelgönne, Neumühlen, Altona, den Hafen, den Michel, die Blohm & Voss-Werft. Bilder aus alten Zeiten tanzten in seinem Bewusstsein herum. Und er musste an die Worte seiner Mutter denken, die sie ihm in einem Brief mitgeteilt hatte: Wie kannst du Hamburg bloß solange verlassen? Das wird sich noch einmal rächen. Er hatte immer angenommen, dass sie es nicht so ernst gemeint hätte, denn sie war eine lebenslustige Person gewesen.

 

Er marschierte die Rothenbaumchaussee zur Hallerstraße hoch. Seit zwei Wochen wohnte er im Grindelviertel, im zweiten Stock eines stuck- und säulenverzierten Jugendstilhauses. Es war eine gemütliche Dreizimmerwohnung mit hohen Decken und einem alten, noch funktionsfähigen dunkelgrünen Kachelofen. Er hatte sich in Antikläden Möbel gekauft, die seiner Meinung nach zu der Wohnung passten. Und er glaubte, er würde sich darin wohlfühlen. Aber bisher hatte er es in der Wohnung nicht aushalten können. Schon morgens, nachdem er die Zeitung gelesen und das Frühstück gegessen hatte, verließ er die Wohnung, lief in der Stadt herum, fuhr mit dem Bus oder der U-Bahn an die Elbe oder in sein altes Viertel. Abends blieb er im Grindelviertel, wo es jetzt viele Kneipen und Restaurants gab, man konnte draußen sitzen wie in Kalifornien, essen und trinken, sich unterhalten und den vorbei stolzierenden Studentinnen nachschauen.

 

Wenn er spät nachts aus der Klippe, seiner bevorzugten Kneipe, kam und nach Hause spazierte, musste er an Kalifornien, an Big Sur und Monterrey denken. Er musste an die Wale denken, die an der Küste entlang nach Baja California, in Mexico, vorbeizogen und dprt ihre Jungen kriegten. Und man hörte weithin wie sie mit ihren mächtigen Hinterflossen das Wasser peitschten. Er dachte an die putzigen Seeottern, die im Küstengewässer auf dem Rücken liegend Abalonemuscheln knackten, an die brüllenden, plumpen Seelöwen, die auf den Landzungen faul herumlagen, an die pechschwarzen Kormorane, die im Sturzflug auf Fischfang gingen, an die großväterlichen, tiefschnabeligen Pelikane, die in ihrem Schnabelsack pfundweise Fisch verstauten, bevor sie ihn an ihre Jungen verteilten. Er sah vor sich den kristallklaren Sur River, der sich im Zickzack durch die Coast Range schlängelte. Er sah die über tausend Jahre alten alten riesigen Redwoodbäume, die zu beiden Seiten des Highway 1 standen, der durch Big Sur führte. Er musste an seine Begegnung mit einem Berglöwen in den wilden Santa Lucia-Bergen denken.

 

Big Sur und die Monterrey-Küste, das war die Gegend, die Henry Miller in seinen Erzählungen „Ein Teufel im Paradies“ und „Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch“ als Paradies auf Erden beschrieben hatte. Ein Paradies, das nach Millers Meinung die Menschen nur zerstören könnten, wenn sie sich dort mit ihrem Zivilisationsmüll, mit Klimaanlagen und Neurosen niederließen, wenn sie anfingen, dort Hochhäuser und Supermärkte zu bauen.

 

Es war das Paradies, das er nun verlassen hatte, um in seine alte Heimat zurückzukehren. Warum nur? Wollte er zu seinen Wurzeln zurück? Oder war er für das Paradies noch nicht reif genug gewesen? War es ihm zu langweilig geworden, weil dort nicht viel passierte, weil es dort zu friedlich war? Er kam zu keinem Schluss. Aber vielleicht, so beruhigte er sich, könnte man ja später, wenn man älter geworden war, wieder nach Big Sur ziehen.

 

Manchmal kam es ihm auch so vor, als wäre alles nur ein Traum, als wär er all die Jahre gar nicht da drüben in Kalifornien gewesen. Hatte er das alles wirklich erlebt? Oder war alles nur ein Trugbild, war das ganze nur ein böser Trick seines Bewusstseins? Sein Inneres gab darauf keine Antwort. Doch dann fiel ihm ein, dass er einen Haufen Fotos aus Kalifornien mitgebracht hatte. Und das war doch der Beweis, dass er da drüben gewesen war, dass er dort gelebt hatte, dass Big Sur tatsächlich existierte.

 

Eines Nachts kam er wieder spät aus seiner Stammkneipe, legte sich mit Klamotten aufs Bett. Er hatte zu viel Bier getrunken. Bevor er die Kneipe verlassen hatte, hatte er sich vom Wort das Telefonbuch geben lassen, hatte die Telefonnummern und Adressen seiner alten Freunde finden wollen. Aber er hatte sie nicht gefunden. Es gab keine Heilhoffs, Isendahls, Bahmlings. Fingerdos im Telefonbuch. Sie sind alle weg, sie sind alle verschwunden, vielleicht leben sie nicht mehr, aber vielleicht sind sie auch in eine andere Stadt gezogen, dachte er. Dann war ihm klar, dass er sie nicht wiedersehen würde. Und er fiel in einen tiefen Schlaf.

 

Er spazierte die Hallerstraße hoch, in den Grindelhof hinein und dann in die Grindelallee. Es regnete in Strömen, Die Dunkelheit brach herein, und die Straßenlaternen leuchteten auf. Vorbeifahrende Autos spritzten Wasserfontänen auf den Bürgersteig und durchnässten ihn. Es machte ihm nichts aus. Er ging einfach weiter. Am Ende der Grindelallee, kurz vor der Staatsbibliothek, schaute er ins Limerick hinein, wo es irisches Bier gab. Es kam ihm so vor, als ob jemand am Tresen zu ihm herüber gestikulieren würde. Aber es war ein Irrtum. Der Mann winkte einem anderen zu. Er ging wieder auf die Straße zurück, an der Staatsbibliothek vorbei und gab die Hoffnung nicht auf, jemanden zu treffen, den er kannte und mit dem er reden konnte. Schließlich war dies das Viertel, in dem er schon seit ein paar Wochen lebte.

 

Dann schlug er die Richtung zur Verbindungsbahn ein, durchquerte den Sternschanzenpark und wandte sich schnell wieder aus dieser dunklen, unbelebten Gegend heraus. Hinter vdem U-Bahnhof Schlump wurden die Straßen wieder heller und belebter. Jedenfalls empfand er das so. Als er etwas später an den Grindel-Hochhäusern vorbei lief, begann es kübelweise zu regnen. Ein Sturm brach los, heulte durch die Straße, fegte Dachziegel von den Dächern herunter. Ein paar Meter vor ihm krachte ein Baum auf den Bürgersteig nieder. Das wärs gewesen, dachte er, der hätte mich erschlagen. Die Leute flüchteten jetzt in die Treppenhäuser oder in ihre Autos fuhren davon. Er ging allein durch den prasselnden Regen und den heulenden Sturm. Es gefiel ihm, allein gegen den Wolkenbruch anzugehen, sich dagegen zu stemmen. Er fühlte sich lebendig. Hier gab es eine Auseinandersetzung.

 

Es begann zu blitzen und zu donnern, und die Einschläge kamen immer näher. Als er in die Hoheluftchaussee einbog, fiel ihm ein, dass sein alter Studienfreund Herbert Vollmer früher an der Ecke Eppendorfer Weg gewohnt hatte. Sie hatten sich damals häufig getroffen. Als er vor seiner Haustür stand und auf die Namensschilder schaute, musste er feststellen, dass Vollmer hier nicht mehr lebte. Er erinnerte sich daran, dass es in der Winterzeit bei Vollmer immer warm und gemütlich gewesen war. Sie hatten oft bei einer Flasche Rotwein und Zigarren Schach gespielt und versucht, die Probleme der Welt zu lösen.

 

Er verließ Vollmers Haustür, überquerte den regenüberfluteten Eppendorfer Weg und fühlte, dass das Wasser in seinen Schuhen schwappte. Der Sturm fegte immer mehr Dachziegel von den Dächern herunter. Sie zersprangen vor und hinter ihm auf dem Bürgersteig. Er verstand nicht, warum sie ihn nicht trafen und marschierte achtlos geradeaus weiter, gelangte in den Lokstedter Steindamm und bemerkte, dass auf beiden Seiten entwurzelte Bäume quer über der Straße lagen. Er stieg über sie hinweg.

 

In der Kollaustraße stellte er fest, dass die Siele das Regenwasser nicht mehr schlucken konnten, sie spuckten es aus, es überflutete die Straße und drang in die Treppenhäuser hinein. Dann umkräuselte das dahinschnellende Wasser seine Gelenke. Und er erkannte im halbdunklen Zwielicht der Straßenlaternen, dass auf der Straße, auf den Bürgersteigen, in den Hauseingängen, überall nur noch Wasser war. Er spürte die reißende Kraft des Wassers, wenn er an Sielen vorbeikam. Unter seinen Füßen, an den Gelenken quirlte es, überall schoss es heraus, riss Unrat mit sich fort, trieb mächtig vorwärts, zwang ihn zu einer Gegenwehr. Und er konzentrierte sich ganz auf das Wasser.

 

Hinter der Eisenbahnbrücke bog er am Kollaufluß links in Richtung Niendorfer Gehege ab. Die Straße fiel hier steil ab. Das Wasser stieg. Er strauchelte. Der Sturm hätte ihn beinahe umgehauen. Reiss dich zusammen, befahl er sich. Und er straffte seine Glieder, schritt kräftig aus und fühlte, dass er der Wasserflut und dem Sturm gewachsen war.

 

Im Laternenlicht bemerkte er, dass die Straße, die er eingeschlagen hatte, auf einen Bahndamm zulief und noch weiter abfiel. Das Wasser stieg ihm jetzt bis zu den Kniekehlen. Buschwerk, Pappkartons, leere Dosen, Plastiktüten, Abfall raste in der Wasserflut an ihm vorüber und auf den Bahndamm zu. Er stemmte sich gegen den reißenden Strom, und er fühlte, dass er ihm überlegen war. Auf beiden Seiten der Straße endeten die Häuserreihen. Ich muss kurz vor dem Bahndamm sein, dachte er, an dem sich seiner Meinung nach alles stauen musste. Hier am Bahndamm musste die Wasserflut ihr Ende finden. Hier konnte es nicht weiter gehen. Er watete bis zur Brust im Wasser. Aber er bestimmte noch immer seine Schritte.

 

Am Ende der rechten Häuserreihe rissen sie in den Parterrewohnungen die Fenster auf und riefen ihm zu, er dürfte nicht weitergehen, es wär zu gefährlich, durch den Bahndamm führte ein Tunnel, das Wasser stünde hoch im Tunnel, er müsste sofort umkehren, der Sog könnte ihn in den Tunnel hineinziehen, er könnte ertrinken. Er schaute zu ihnen hinüber, sah, wie sie wild aus den Fenstern gestikulierten, folgte aber nicht ihrem Rat, kehrte nicht um, stapfte weiter durch den Strom und erkannte, dass tatsächlich ein Tunnel durch den Bahndamm führte. Er hielt direkt auf ihn zu und verspürte den Wunsch, in den Tunnel hineinzugehen. Ihm war, als gäbe es darin eine Herausforderung für ihn.

 

Er musste mit den Armen rudern, um nicht von dem reißenden Strom in den Tunnel geworfen zu werden. Er hörte das Wasser im Tunnel gurgeln und bemerkte, dass der Strom alles Mögliche in ihn hineindrängte. Flaschen und Dosen klatschen aneinander und verursachten dabei seltsame Geräusche. Dann stand er unmittelbar vor dem Tunnel. Und der Sog warf ihn einfach um, zerrte ihn wie ein Polyp hinein in ein Wirrwarr aus sich stoßenden, aneinander reibenden zerborstenen Kisten, Pappkartons, Plastiktüten. Flaschen,Dosen, Ascheimerinhalten. Und auf der anderen Seite des Tunnels drängte derselbe Müll herein. Es gelang ihm, sich aufrecht hinzustellen. Mit rudernden Armen wandte er sich durch den Unrat hindurch, der sich im Tunnel, so fand er, ein Stelldichein gab. Er kam sich betrogen vor. Das war nicht die Herausforderung, die er erhofft hatte.

 

In der trüben Tunnelbeleuchtung erkannte er, dass er sich thronend mitten in einem Kabinett menschlicher Unbrauchbarkeiten befand, die der Sturm und der Wolkenbruch hier zusammengetragen hatte. Und es kam ihm so vor, als wär das alles hier für ihn vorbereitet worden, als wollte seine Heimatstadt ihm erzählen, dass man ihn nicht mehr brauchte, nicht mehr haben wollte, auf ihn verzichten könne, dass er hier nutzlos wär. Zuletzt dachte er, dass man ihn bestrafen wollte. Hatte seine Mutter nicht gewarnt, es würde sich noch einmal rächen, dass er Hamburg so lange verlassen hätte?

 

Von beiden Seiten strömte immer mehr Unrat in den Tunnel hinein, unaufhaltsam. Plastiktüten wickelten sich um seine Arme, als wollten sie ihn unter Wasser drücken. Wüten riss er sie runter. Er kam sich lächerlich vor. Aber dann hörte er sich sagen: Reiss dich zusammen, das hier ist nicht dein Platz, hier gehörst du nicht hin. Noch nicht! Hier musst du wieder raus, hier gibt es nichts fürt dich zu holen. Und er begriff, er musste sich dagegen auflehnen. Er durfte sich nicht unterkriegen lassen. Er fing an, sich aus diesem Abgrund herauszuwinden, stemmte sich gegen das stinkende Wasser an, warf eine auf ihn zuschwimmende Holzkiste beiseite. Dann wachte er auf und erfasste die Wirklichkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jürgen Bruhn, geboren 1937, studierte Neuere Geschichte, Ökonomie und Soziologie an den Universitäten

Hamburg, Konstanz, Fresno und Berkeley. Jürgen Bruhn war Professor für Internationale Politik am Monterey Institute Of International Studies in Monterey, Kalifornien und an der California State University in Monterey Bay. Der langjährige Spiegel-Journalist ist derzeit als Publizist und Gastprofessor tätig. Im LAIKA-Verlag veröffentlichte er zuletzt im Oktober 2012 das Buch:

 

Okkupierte Welt. Wie der Kapitalismus das Leben bedroht und die Welt zerstört.

ISBN 978-3-942281-30-0

Preis: 19,80 € 136 Seiten

 

 

www.laika-verlag.de/laika-diskurs/jürgen -bruhn-okkupierte-welt
http://www.lovelybooks.de/autor/J%C3%BCrgen-Bruhn/

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