Jürgen Bruhn

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Highway 66  »

 

Jazy Begay dachte, wenn er über Cochiti Pueblo reiten würde und dann durch den ausgetrockneten Rio Salado· würden sie große Schwierigkeiten haben, ihn zu verfolgen. Aber dann zweifelte er, vielleicht hatte er nicht genau bedacht, dass sie Jeeps hatten und Hubschrauber. Doch dann sagt e: er sich, dass  der Rio Salado für Jeeps ungangbar wäre. Für sein Pferd, das er bei Coblars Ranch gestohlen hatte, war das ausgetrocknete, steinige Flussbett kein Hindernis. Er hatte sich in Coblars Corral ein geschecktes, junges Pferd ausgesucht, ein Apaloosa, wie seine Leute es nannten. Und es machte ihm Spaß, es ohne Sattel zu reiten. Selbstverständlich würde er es zuhause in der Reservation abliefern, und sein Vater würde es dann mit dem Zug zurückschicken lassen. Er war davon überzeugt, dass er es in zwei Tagen bis zur Navajo_Reservation schaffen würde. Er hatte genug Verpflegung für das Pferd und für sich organisiert.

 

Er hatte es einfach nicht mehr aushalten können in dem Indianer-Internat von Santa Fe. So weit weg von seinen Eltern, von seinen Leuten, von seiner Reservation. In der großen Stadt Santa Fe konnte man nicht leben wie zuhause, zu viele Weiße, zu viele Autos gab es da. Und die weißen Lehrer misshandelten sie, und sie durften nur englisch sprechen. Wenn sie beim Indianisch-Sprechen erwischt wurden, warf man sie in einen Keller, und sie einen Tag lang keine Nahrung. Zwar lebten über 200 indianische Kinder im Indianer-Internat von Santa Fe, aber sie waren nicht von seiner Reservation, sie waren keine Navajos. Sie waren Lakota, Cheyenne, Schwarzfüße, Mandan, Krähen, Arapahos, Kiowas, Utas, Schoschonen und kamen aus Montana, Wyoming, South Dakota, North Dakota, Colorado, Texas. Er war der einzige aus seiner Reservation in der Nähe von Gallup, New Mexico.

 

Damals, vor beinahe drei Jahren, als er acht Jahre alt gewesen war, als die Kommissare vom Bureau of Indian Affairs zu ihrer Reservation gekommen waren, um die achtjährigen Navajos für die Internatsschulen abzuholen, hatte er seinem Vater sagen hören: Das machen sie bewusst so. Sie wollen unsere Kinder weit weg von der Reservation bringen, um sie von ihren Leuten zu entfremden. Sie wollen Weiße aus ihnen machen. Sie sollen keine Indianer mehr sein. Sie machen das sehr klug, hatte sein Vater noch hinzugefügt: Sie behaupten: Schule ist Fortschritt, selbst für Indianer.

 

Er hatte oft über diese Worte seines Vaters nachdenken müssen. Jetzt verstand er sie, und er musste seinem Vater recht geben. Jedenfalls hatte er sich entschieden. Er wollte wieder zurück zu seinen Eltern, zu seinen Leuten.  Er wollte kein Weißer werden. Er hatte nichts gegen die Schule. Aber warum konnten sie die Schule nicht in die Reservation bauen? Warum

konnten sie nicht indianische Lehrer haben?

 

Nachmittags hatten sie seine Flucht bemerkt. Im Indianer-Internat von Santa Fe waren sie Fluchtversuche gewöhnt. Der Direktor benachrichtigte das Sheriffs-Department und die Armee. Das Sheriffs-Department stellte einen Jeep zur Verfügung, die Armee einen Hubschrauber. Sie kannten natürlich die Richtung zu seiner Reservation. Sie lag an der Grenze von New Mexico und Arizona, zwischen Shiprock und Gallup. Es war die größte Navajo-Reservation im Südwesten. Immerhin hatte er ihnen vier Reitstunden voraus. Er war jetzt auf der Höhe von San Luis und Cabezon. Er hatte den Rio Salado durchritten. Er hatte sich einen genauen Plan ausgearbeitet. Er wollte bis zum Abend den Arroyo Leon erreichen. Dort am Big Hole konnte das Pferd saufen. fressen und sich verschnaufen. Er konnte dabei auch etwas essen und trinken. Sie konnten beide Kraft sammeln. Sie waren durch felsige Überhänge vor jeder Sicht geschützt. Es war ein guter Plan für eine Rast, dachte er.

 

Am Big Hole wollte er bis zum Dunkelwerden warten und dann die ganze Nacht durchreiten. Nachts, so dachte er, würden sie ihn niemals fangen können, und er konnte eine weite Strecke hinter sich bringen. Er kannte die Gegend gut, er war hier ein paarmal mit seinem Vater gewesen. Er wusste, dass der Arroyo Leon auf den Navajo Pfad führte, Er wollte dann den alten Navajo-Pfad kreuzen, der jetzt U.S. Highway 66 hieß!

 

Im Jeep saßen der Sheriff und zwei Hilfssheriffs. Im Jeep hatten sie über Funk Verbindung mit dem Hubschrauber der Armee. Im Hubschrauber saßen der Pilot und zwei Unteroffiziere. Sie waren mit Pumpguns bewaffnet. Der Sheriff sagte über Funk: Dieser verdammte Navajo-Bastard ist uns zu weit voraus. Wir werden ihn heute nicht mehr erwischen, wenn ihr ihn nicht sichtet, bevor es dunkel wird.   Sie mussten mit dem Jeep einen Umweg um den Rio Salado machen, rumpelten über tiefe Sandwege und felsiges Geröll und verloren Zeit. Sie fluchten. Die Armeeleute im Hubschrauber hatten sich schon zweimal gemeldet, sie hatten den Indianerjungen nicht entdecken können.

 

Als Jazy Begay die San-Mateo-Berge erreichte und dann in den Cibola-Wald ritt, wusste er, dass es nicht mehr weit war bis zum Arroyo Leon. Er tätschelte den Nacken seines Pferdes. Es hatte ausgezeichnete Arbeit geleistet. Er fing an, dieses Pferd in sein Herz zu schließen und suchte nach einem Namen, denn er glaubte, so besser mit dem Pferd reden zu können. Dann hörte er knatternde Geräusche in der Luft. Und er wusste, es war ein Hubschrauber. Sie waren auf seiner Spur. Sie würden ihn also doch noch vor der Dunkelheit kriegen. Er würde seine Leute nicht wiedersehen?

 

Er stieg vom Pferd runter und führte es in ein hohes, dichtes Manzanita-Gebüsch hinein. Der Armee-Hubschrauber drehte Kurven über dem Cibola-Wald. Er kam näher und näher, kreiste ein paarmal über seinem Gebüsch, und er bekam es mit der Angst zu tun. Sein Pferd wurde nervös, wollte ausbrechen. Er musste es mit aller Kraft an sich ziehen, hielt ihm die Nüstern zu, damit es nicht wieherte. Der Hubschrauber hing tief über seinem Manzanita-Versteck, er wirbelte die Äste und Blätter durcheinander. Aber sein Pferd gehorchte, es verriet ihn nicht.

 

Er blickte nach oben durch den Wipfel und sah die drei Soldaten im Hubschrauber. Ihm war, als konnte er zwei von ihnen berühren, wenn er seinen Arm nach oben ausstrecken würde, denn sie ließen an den offenen Seiten des Hubschraubers ihre Füße rausbaumeln. Und er erkannte, wie sie nach vorn zum Piloten gestikulierten, und sie fuchtelten mit ihren Gewehren herum. Aber dann Spirale sich der Hubschrauber hoch und flog davon. Zuerst glaubte er noch, entdeckt zu sein. Sie würden ihn sicherlich gleich festnehmen. Doch die Hubschraubergeräusche entfernten sich mehr und mehr. Als er sie nicht mehr hören konnte, verließ er das Manzanita-Gebüsch, stieg aufs Pferd und ritt langsam durch den Cibola-Wald.

 

Als er aus dem Cibola-Wald ritt und den Knick des Arroyo Leon erreichte, brach die Dunkelheit herein. Die Hubschraubergeräusche kamen nicht zurück. Er wusste, er hatte es geschafft. Er verspürte eine unbändige Freude darüber, dass er dem Indianer-Internat und den weißen Verfolgern eins ausgewischt hatte. Vorsichtig ritt er jetzt über die rollenden Hügel auf der linken Seite des Arroyo Leon. Das Big Hole konnte nicht mehr weit sein. Es brachte ihm großen Spaß, im Halbdunkel durch die Wildnis zu reiten. Er fühlte sich frei und unverfolgt. Dieses Land hatte früher den Navajos gehört. In der Dämmerung erkannte er den von Wolken umkreisten San Francisco Peak, den heiligen Berg der Navajos.

 

Bald würde er in der Reservation der Dene sein, wie die Navajos sich in ihrer eigenen Sprache nannten. Dene, das bedeutete soviel wie das Volk. Navajos wurden sie von den Mexikanern genannt, und die Amerikaner hatten es übernommen. Er erinnerte sich an die Geschichte, die seine Mutter ihm, als er ein kleiner Junge gewesen war, über die Yeibichai-Tänzer und den heiligen San Francisco Peak erzählt hatte. Am heiligen Berg, hatte sie erzählt, wurden früher unsere Toten begraben. Und die Yeibichai-Tänzer tanzten jedes Jahr zu Beginn des ersten Herbstfrostes am heiligen Berg und sangen dazu den Nachtgesang, um von Yeibichai, dem Gottvater, für unsere Toten ein gutes Leben im Jenseits zu erbitten.

 

Er musste an daheim denken, seine Mutter und sein Vater warteten auf ihn. Das spürte er. Am Big Hole angelangt, stellte er fest, dass noch genug Wasser drin war. Er hatte sich also nicht verrechnet. Er stieg vom Pferd runter, ließ es im Big Hole ausgiebig saufen und führte es dann unter die Felsüberhänge. Hier waren sie von außen geschützt. Hier würde sie keiner mehr erwischen. Er rieb dem Pferd den Schweiß ab und gab ihm zu fressen. Und er streichelte es. Er wusste, er hätte es ohne Manuelito, so nannte er es jetzt, nicht bis hier geschafft. Dann machte er weiter hinten in der Felsenhöhle ein kleines Feuer und bereitete sein Essen, das aus einer Dose Bohnen, Hackfleisch und Chili bestand. Er ließ es in der Pfanne rösten, denn so schmeckte es ihm am besten.Er aß Brot dazu und trank Wasser aus dem Big Hole.

 

Etwas später machte er sich noch Kaffee, und er war mit sich und seinem Plan zufrieden. Es hatte alles so geklappt, wie er es sich vorgestellt hatte. Verfolger gab es nicht mehr. Manuelito und er, sie hatten sie alle abgehängt. Deshalb ließ er das Pferd länger ausruhen, als er es ursprünglich geplant hatte. Auch er legte sich am Feuerplatz hin, wickelte sich in seine Wolldecken ein, um eine Weile zu ruhen. Schließlich wollten sie die ganze Nacht durch reiten.

 

Als das Feuer runtergebrannt war, stand er auf, knotete seine beiden Wolldecken zu einem Poncho zusammen, wusch die Bratpfanne im Big Hole aus, warf Sand auf die Feuer= stelle und bündelte seine Sachen. Dann hängte er sich den Poncho über, nahm sein Bündel auf, stieg aufs Pferd, sprach zu ihm, tätschelte seinen Nacken und ritt in die Nacht hinaus.

 

Es war eine herrliche, sternenklare Nacht durch die er ritt. Eine Nacht, wie er sie oft in der Reservation erlebt hatte, eine Nacht typisch für den Südwesten. Man konnte lange draußen sitzen und den Geschichten der Alten lauschen. Aber diese Nacht war doch ganz besonders. Er ritt von weither ganz allein auf einem sattellosen Pferd zu seinen Leuten. Und er ritt durch Wildnis. Hier gab es nirgendwo Städte oder Autos. Er fand, es war die glücklichste Nacht, die er bisher erlebt hatte.

 

Die Nacht war so klar, dass er deutlich erkannte, wie unterhalb des bewaldeten Bergrückens, über den er jetzt ritt, ein heller, breiter Streifen durch die Bäume schimmerte. Da unten, das wusste er von seinem Vater, zog sich der alte Navajo-Pfad entlang, oder wie die Weißen ihn nannten: Highway 66. Da musste er rüber. Das war der kürzeste Weg nach Hause.

 

Als er den Bergrücken runterritt , unter den Bäumen hindurch, musste er an daheim denken, an seine Leute, an die Geschichten der Alten.Er freute sich auf sein Reservationsdorf ChinIe, in dem viele Navajos, auch seine Eltern, noch in den achteckigen, lehmgetrockneten Hogans lebten. Und er versuchte, sich das alles vorzustellen. Er musste an die Sandmalereien seiner Leute denken. Sein Vater hatte ihm das Sandmalen beigebracht. Er hatte damals mit Kokonino- und Adobesand gemalt. Bald würde er es wieder tun können.

 

Dann war er unter den letzten Baumreihen hindurch unten auf dem Navajo-Pfad angelangt. Lichter blitzten von beiden Seiten auf, und sie blendeten ihn. – Dann war es zu spät. Das Pferd bäumte sich wild auf, warf ihn ab, ein Lastwagen überfuhr ihn, und alles war vorbei. Er hatte einen schnellen Tod gefunden. Auch Manuelito war nicht davongekommen.

 

 

 

www.laika-verlag.de/laika-diskurs/jürgen-bruhn-okkupierte-welt

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http://www.perlentaucher.de/buch/juergen-bruhn/stoertebecker.html

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jürgen Bruhn, geboren 1937, studierte Neuere Geschichte, Ökonomie und Soziologie an den Universitäten

Hamburg, Konstanz, Fresno und Berkeley. Jürgen Bruhn war Professor für Internationale Politik am Monterey Institute Of International Studies in Monterey, Kalifornien und an der California State University in Monterey Bay. Der langjährige Spiegel-Journalist ist derzeit als Publizist und Gastprofessor tätig. Im LAIKA-Verlag veröffentlichte er zuletzt im Oktober 2012 das Buch:

 

Okkupierte Welt. Wie der Kapitalismus das Leben bedroht und die Welt zerstört.

ISBN 978-3-942281-30-0

Preis: 19,80 € 136 Seiten

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