Jürgen Brühn

 

Jürgen Bruhn

 

(Deutschland)

 

 

 

Wohin treiben wir?

 

 

Die durch den marktwirtschaftlichen Wachstums- und Verschwendungsprozess ausgelöste Entwicklung hat selbstzerstörerische Qualität. Das extreme ständige Wirtschaftswachstum mit seiner eingebauten Obsoleszenz in dem historisch gesehen kurzen Zeitraum seit der Industriellen Revolution belastet die natürlichen Produktions- und Ressourcengrundlagen der Erde in einem Ausmaß, dessen Auswirkungen schon kurzfristig – im Hinblick auf Regenerationsmöglichkeiten der Rohstoffe und das ökologische Gleichgewicht – eindeutig erkennbar sind.

 

Der neue Bericht an den Club of Rome unter dem Titel „2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“, verfasst 2012 von Jorgen Randers und vierzig Co-Autoren weist auf die Unmöglichkeit hin, ständig unbegrenztes Wirtschaftswachstum bis zur Jahrhundertmitte auf unserem Planeten fortzuführen. Der Bericht erkennt aber auch, dass eine praktische, eingreifende Politik gegen diesen Raubbau an der Natur kaum vorhanden ist. Im Gegenteil: Dieser Prozess wird durch die Wachstums- und Wettbewerbsfähigkeits-Besessenheit der Wirtschaftseliten noch verschlimmert.

 

Deshalb, so Randers und seine Co-Autoren, müssen wir uns vom „Wachstumskapitalismus verabschieden“, wenn wir und nachfolgende Generationen überleben wollen. Denn wir sind nur noch „vierzig Jahre von einem auf uns zukommenden energetischen und ökologischen Desaster entfernt“. Nach dem Jahre 2052 wird der Treibhauseffekt, die Abgabe von CO2-Emissionen in die Atmosphäre, ein Niveau erreichen, das der Erde einen „irreversiblen Schaden“ zufügen wird, nämlich eine Erderwärmung, die die angepeilte Zwei-Grad-Celsius-Grenze bei weitem übersteigen und mindestens 3 bis 4 Grad Celsius betragen wird. Das aber bedeutet mit aller Sicherheit ein Ansteigen der Ozeane von bis zu 3 Metern, ein Schmelzen der Pole, eine Überschwemmung der Küstengebiete und vieler bewohnter Inseln, einhergehend mit großen Bevölkerungswanderungen ins Inland der Kontinente und Hungersnöten. Um das zu verhindern, müsste der „Weltlevel des CO2-Ausstoßes bis 2052 um 50 Prozent (auf der Basis der Emissionen von 1990) verringert werden.“

 

Jorgen Randers, Mitherausgeber der 1972er-Studie „Die Grenzen des Wachstums“, wie auch seine Mitarbeiter glauben nicht, dass die Regierungen der Welt schnell genug handeln werden, um dieses Desaster zu verhindern. Im Gegenteil: Sie sagen voraus, dass die Regierungen erst handeln werden, wenn die Klimakatastrophe bereits eingetroffen ist oder wenn sie vor der Tür steht. Denn die Katastrophe wird nicht wie ein plötzlicher „Big Bang“ auftreten, sondern durch eine „große Zahl kleiner Unheile“.  Während die Regierungen also zu spät eingreifen werden, werden die transnationalen Konzerne, Banken und Versicherungen erst recht nichts dagegen unternehmen wollen, denn es wird ihnen schwer fallen, sich auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz und soziale Verantwortung einzustellen. Sie werden vielmehr weiterhin versuchen, bei ihren alten Paradigmen Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu verbleiben. Die Voraussagen der 2052-Studie sind, gelinde ausgedrückt, düster. Schon jetzt bräuchten wir 1,5 Planeten, um unseren Lebensstil aufrechtzuerhalten. Die Menschheit sei schon heute über das Ziel ihrer Tragfähigkeit hinausgeschossen. Jorgen Randers nennt das „Overshoot“.

 

Einer seiner Co-Autoren, der US-amerikanische Ökonom Herman Daly, schlussfolgert: „Wird die Menschheit zur Vernunft kommen und bewusst Wirtschaftswachstum schrumpfen lassen, um unseren Planeten zu retten? Ich glaube nicht! Wir haben schon heute die Grenzen wirtschaftlichen Wachstums erreicht, aber wir wissen es nicht – oder wollen es nicht wissen. Denn Wachstum ist unser Idol und seine Anbetung zu beenden ist ein Anathema“.

 

Der neue Report an den Club of Rome, erstellt von 40 hervorragenden Geo-, Klima-, Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern, wähnt uns im zweiten Teil dieses Jahrhunderts vor dem Abgrund („we will live like cliffhangers“), wenn wir die Wachstumszuwachsraten so weiterlaufen lassen wie bisher. Die negativen Auswirkungen, so behaupten die Autoren, werden verheerend sein, denn wir stoßen z.B. jedes Jahr „zweimal so viel Treibhausgase aus wie Wälder, Meere und unser Klima absorbieren und vertragen können“.

 

Die kein Kohlendioxid ausstoßenden, unendlich und überall vorhandenen erneuerbaren Energien Sonne, Wind und Wasser werden – so scheint es – nicht rechtzeitig genug eingesetzt, um die Klimakatastrophe durch die Treibhausgase erzeugenden fossilen Energieträger Kohle, Öl und Erdgas zu verhindern. Grund: Die fossilen Energien werfen noch immer immense Profite ab.

 

Außerdem werden wesentliche Ressourcen, die de Grundlagen unseres Produktionsprozesses bilden, wie Silber, Zink, Quecksilber, Schwefel, Blei, Wolfram, Zinn, Kupfer, Nickel, Platin, Phosphatgestein, Mangan, Eisenerz, Bauxit, Indium und sowieso wenig vorhandenen Edelmetalle wie Neodym, Dysprosium, Terzium etc, in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ausgereizt sein.

 

Die Erschöpfung der irdischen Rohstoffe und der Zusammenbruch des planetarischen Ökosystems werden nicht aufzuhalten sein, wenn wir uns nicht ändern, wenn wir mit unbegrenztem Wachstum, Verschwendung, Vermüllung und geplanter Kurzlebigkeit so weitermachen, statt auf Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und Recycling zu setzen. Die Ausbeutung der Ressourcen hat die Erde in einen anderen, vom Menschen veränderten Planeten verwandelt. Und dem stehen dadurch nach 2050 hohe Konzentrationen von Treibhausgasen, versauerte, mit Plastik vermüllte Ozeane, überflutete Küsten, mit Pestiziden und Herbiziden vergiftete Böden entgegen.

 

Es ist schwierig vorauszusagen, ob wir auf diesem geplünderten Planeten im zweiten Teil dieses Jahrhunderts ohne Gewalt, Hungersnot und Bürgerkriege überleben werden. Die Kombination aus Ressourcenerschöpfung und Zerstörung der Ökosysteme bedroht unsere Zivilisation und könnte eine ausweglose Situation schaffen. Denn die Menschheit holt – vor allem als Folge des Bergbaus – seit dem Zweiten Weltkrieg jährlich über 10 Milliarden Tonnen Material aus dem Erdboden, sie verwertet „alle 88 Elemente“, die es in der Erdoberfläche gibt. So werden Struktur und Zusammensetzung der Erdoberfläche und der Atmosphäre verändert. Dabei verschwinden Rohstoffe nicht nur, sondern einige – wie Kohle, Öl, Erdgas, Uran – verursachen Klimakatastrophen und Unfälle in Atomkraftwerken und ihren Endlagern.

 

Die globale 2052-Prognose verteidigt die 1072er Club-of-Rome-Studie „Grenzen des Wachstums“ gegen ihre Kritiker, die der Studie Panikmache vorgeworfen hatten. 40 Jahre später sehen beinahe alle Autoren von „2052“ kaum noch eine Chance, schwindende Ressourcen zu ersetzen, zu recyceln oder ihren Verbrauch nachhaltig zu reduzieren. Es sei denn, die große Politik – die UNO oder die vier Weltmächte USA, EU, China und Russland – könnte/würde regulierend in den globalisierten Wachstumskapitalismus eingreifen. Das aber, so scheint es, glauben die Autoren zwar nicht ernsthaft, doch es ist ihre Hoffnung.

 

Nach den Recherchen der 2052-Studie gehen wir einem selbstproduzierten Kollaps entgegen. Der malaysische Wirtschaftswissenschaftler Chandra Nair kritisiert in der Studie den „fast religiösen Glauben des Westens und Chinas an Wirtschaftswachstum und freie Märkte“ und fordert eine von der UNO kontrollierte, weltweite Regulierung von Märkten, Wachstum, Konsum und Verschwendung, damit die Erde den Menschen erhalten bleibt. Am Ende des 2052-Reports schreibt der Herausgeber Jorgen Randers: „Bitte helft, unsere Voraussagen falsch werden zu lassen. Zusammen können wir eine viel bessere Welt schaffen“.

 

Randers hofft also noch auf ein Wunder in der mittleren Zukunft. Doch der Kapitalismus muss zu seinem Ende kommen. Und so schreibt er: „Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus überleben wird über die nächsten 40 Jahre. Nur der Name wird bleiben“. Die Konzerne und Banken, so glaubt er, könnten am Ende noch von den Regierungen gezwungen werden, ihre Performance nicht nur nach Wachstum und Gewinn auszurichten, sondern ebenfalls auf Nachhaltigkeit und Sozialverantwortlichkeit. Es ist eine schöne Hoffnung. Denn die Politik ist heute schon zum Kellner des Kapitals verkommen.

 

Wie konnte es zu dieser Welt-Situation kommen? Wie konnte es zu solchen düsteren Prognosen angesehener Wissenschaftler kommen? Und das nach tausend Jahres Bedarfsdeckungsprinzip? Seit der Industriellen Revolution, die im gleichen Zuge exponentielles Wirtschaftswachstum und exponentielles Bevölkerungswachstum entstehen ließ, unterwirft das kapitalistische Wirtschaftssystem Mensch und Natur einem historisch einmaligen Ausbeutungsprozess, dessen Ertrag u.a. in den hohen Wachstumsraten besteht.

Die kapitalistische Marktgesellschaft verselbständigte das ökonomische System, brach aus dem traditionellen gesellschaftlichen Zusammenhang heraus und unterwarf alle anderen gesellschaftlichen Strukturen und Lebensbereiche der Ökonomie. Im Verhältnis von Politik und Ökonomie verursachten diese tiefgreifenden Veränderungen eine Umkehrung der Dominanzbeziehungen. Das traditionelle Primat der Politik  wurde vom Primat der Ökonomie abgelöst. Die Politik wurde zum Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft.

 

Im Zusammenhang von rigoroser Ausbeutung von Mensch und Natur einerseits und Wachstum und Technologieerneuerung andererseits erkennen wir die zentrale historische Funktion des Kapitalismus bis hin zum zukünftigen vollautomatisierten Kapitalismus, der dann „seine“ Arbeiter in den Fabriken nicht mehr benötigt und sie „freisetzen“ wird, weil die Kosten des Produktionsfaktors Arbeit bedeutend höher sind als der Einsatz immer neuerer Technologien (Roboter, Computer, Sensoren etc.).

 

Das Hauptmerkmal dieses Systems liegt in der Suche nach immer neuen Renditequellen, nach immer neuen Absatzmärkten – zu erreichen durch ständige Produktion neuer Konsumgüter, neuer Technologien – mit einhergehender früher Obsoleszenz oder Verschrottung der vorherigen Generation von Produkten und Technologien. Das Ganze ist ein Prozess immerwährender Erneuerung, geplanter Obsoleszenz, enormer Verschwendung und Zerstörung von Ressourcen und Natur. Oder, wie es der austro-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph A. Schumpeter ausdrückte; „Der Prozess der schöpferischen Zerstörung ist für den Kapitalismus das wesentliche Faktum, …das unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus verändert und revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“

 

Wir müssen uns heute fragen, ob unser Wirtschaftssystem mit unaufhörlicher schöpferischer Zerstörung der alten Strukturen und unaufhörlicher Schaffung neuer, schnell obsoletgehender Konsumgüter, mit ständig eingebauter Obsoleszenz in den Technologien, mit ständigem Wachstum und Verschwendung überleben und funktionieren kann oder ob es selbstzerstörerisch ist. Wenn es Letzteres ist, müssen wir es verändern, um nachkommenden Generationen eine Überlebenschance durch die Installation eines nicht verschwenderischen, nicht wachstumsbesessenen, nicht zerstörerischen, sondern nachhaltigen, überlebensfähigen Systems zu hinterlassen.

 

Das extreme, immer neue und künstliche Bedürfnisse schaffende und neue Renditequellen suchende Wirtschaftswachstumsyndrom mit seinem einhergehenden Ausstoß der klimazerstörenden Treibhausgase wird noch vor 2050 Mensch und Natur mit katastrophalen Folgen aus dem Gleichgewicht bringen, schreibt Hermann Scheer in seiner Studie „Der Energetische Imperativ“. Der alternative Nobelpreisträger warnt, dass die – zumindest in Deutschland – bis 2050 geplante Umstellung fossiler Energien auf erneuerbare Energien 30 Jahre „zu spät“ kommen wird. Ein sofortiger, vollständiger Wechsel (in den nächsten 10 Jahren) zu den erneuerbaren, kein Kohlendioxid ausstoßenden Energien ist für Scheer der „letztmögliche Ausweg“, um eine Klimakatastrophe in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts zu verhindern. Jedes versäumte Jahr ist für ihn ein verlorenes, um eine dauerhafte, lebens- und umwelterhaltende Energieversorgung der Menschheit zu gewährleisten.

 

Sollte die Politik uns dabei nicht helfen wollen/können, muss die Zivilgesellschaft auf das Mittel eines totalen weltweiten zivilen Ungehorsams zurückgreifen. Wenn wir uns in naher Zukunft nicht im gewaltfreien Widerstand gegen den Raubtierkapitalismus, gegen die Zerstörung des Lebens auf der Erde durch den alles in sich hineinfressenden Moloch der unbegrenzten Wachstumswirtschaft der Gefahr staatlicher Repressionen aussetzen wollen, können wir morgen schon im Müll, in der Klimakatastrophe durch den weiteren uneingeschränkten Einsatz fossiler Energien umkommen. Diese Einsicht legitimiert uns geradezu, das Mittel des zivilen Ungehorsams zu benutzen, sei es durch Steuerboykott, Wahlboykott, Konsumverweigerung, Produktstreik, Produktumstellung, Generalstreik, Volksentscheide, Desinvestment-Kampagnen etc.. Dieser Weg wird vielleicht für einige von uns durch die Gefängnisse gehen, aber nicht für die Millionen, die sich gewaltfrei wehren werden.

 

 

Hamburg, im August 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Jürgen Brühn, geboren 1937, studierte Neuere Geschichte, Ökonomie und Soziologie an den Universitäten

Hamburg, Konstanz, Fresno und Berkeley. Jürgen Bruhn war Professor für Internationale Politik am Monterey Institute Of International Studies in Monterey, Kalifornien und an der California State University in Monterey Bay. Der langjährige Spiegel-Journalist ist derzeit als Publizist und Gastprofessor tätig. Im LAIKA-Verlag veröffentlichte er zuletzt im Oktober 2012 das Buch: Okkupierte Welt. Wie der Kapitalismus das Leben bedroht und die Welt zerstört. O

ISBN 978-3-942281-30-0

Preis: 19,80 € 136 Seiten

http://www.amazon.de/Hamburg-Kaputt-J%C3%BCrgen-Bruhn/dp/343452584X

www.laika-verlag.de/laika-diskurs/jürgen -bruhn-okkupierte-welt

http://www.lovelybooks.de/autor/J%C3%BCrgen-Bruhn/

http://www.amazon.de/J%C3%BCrgen-Bruhn/e/B001K1MNIK

 

Articles similaires

Tags

Partager