Jörg Becken

 

(Deutschland)

 

 

&

Felicia Mihali

 

(Kanada)

 

 

Ein Gespräch über den neuen Klak Verlag

 

 

 

 

 

 

Die Gründung eines Verlages sollte die Buchbranche begeistern. Ich gehöre nicht zu den Schwarzmalern, die das Verschwinden des Buches vorraussagen, aber ich sorge mich um seine Zukunft.

Was also ist die Mission, die sich der neue Berliner KLAK Verlag, gegründet 2012 durch den Verleger Jörg Becken und den Graphikdesigner Ingo Markert, gegeben hat?

Überraschend ist nicht nur der Zeitpunkt, sondern das Programm, das er sich gibt. Kennt man jedoch die Biographie und Beweggründe seines Verlegers, ist man vielleicht schon weniger überrascht von dieser kühnen Verlagsgründung. Über die Anfänge deshalb gleich die erste Frage an Jörg Becken.

 

 

 

 

Felicia Mihali – Sie haben schon eine Laufbahn als Historiker, Kurator und Sachbuchautor über historische Themen hinter sich. Sie haben als Dokumentar im Pressearchiv eines Radiosenders gearbeitet, um dann eine Firma zu gründen, die sich mit der „Kulturlandschaft“, dem Kultur-Tourismus und der Geschichte beschäftigt. Was hat dann zur Idee der Verlagsgründung geführt?

 

Jörg Becken – Ich gehöre zu einer Generation, die den Kalten Krieg sowie alle Transformationen der Welt seit dem Fall der Berliner Mauer erlebt hat. Es war eine große Chance bei solchen, ganze Gesellschaften und Individuen umwälzenden, Ereignissen Zeitzeuge zu sein. Diese Erfahrung will ich natürlich nutzen. Nach meiner Arbeit als Dokumentar habe ich einige sozio-kulturelle Projekte mit Migranten aus Rumänien und Bürgerkriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien, vor allem Roma, aufgebaut. Kurz danach habe ich kulturtouristische Projekte und historische Ausstellungen initiiert. Viele dieser Projekte habe ich mit meinem Freund Ingo realisiert, der immer weiß, wie man Ideen materialisiert und dessen ästhetische Vorstellungen mir gefallen. Eines Tages haben wir entschieden, einen Verlag zu gründen und die Dinge, die uns interessieren, in die eigenen Hände zu nehmen. Das war der Beginn von KLAK, es erlaubt uns, eigene Ideen auf der Basis aller Kontakte und der Infrastruktur zu kanalisieren, die wir über die Jahre aufgebaut haben.

 

 

 

Jörg Becken (Foto: Ingo Markert)

 

 

F.M. – Ich glaube, dass eine solche Initiative von einem Bedürfnis auf dem Büchermarkt ausgehen, eine Leerstelle ausfüllen muss. Ich frage Sie, ohne die Literaturszene in Deutschland zu kennen, ob KLAK dabei auf ein gewisses Verlangen der deutschen Leser rechnen kann?

 

J.B. – Der Büchermarkt ist in völliger Veränderung: die Konkurrenz der Neuen Medien, neue Vertriebswege, der finanzielle Druck und andere Lesegewohnheiten.

Als Verleger muss man dies natürlich bedenken. Andererseits glaube ich an ein wirkliches Bedürfnis der Leser aller Generationen nach Orientierung, nach Information und durchaus auch für die schöne Literatur. Die großen Verlage können dies nicht alles allein befriedigen. Es gibt viele Autoren, die wirklich etwas über unsere Gesellschaft zu erzählen haben, und keinen Verlag finden. Auf diese Weise findet man essentielle Werke. Es ist auch ein Grund, warum wir Autoren motivieren, über Themen zu schreiben, die uns wichtig erscheinen. Ein solcher Fall ist eine Serie von Reiseführern über Polen, für jene, die das Land wirklich kennen lernen wollen. Es gibt einen nicht unerheblichen Bedarf an internationaler Literatur, sogar an gemeinsamen Themen mit unseren Nachbarländern.

So haben wir zum Beispiel den schwedischen Journalisten Peter Johnsson, der in Polen lebt und ein Buch über das Schicksal der polnischen Opfer , die 1940 auf Stalin’s Befehl in Katyn und anderen Orten ermordet wurden, geschrieben hat.

Ich habe Peter Johnsson in einer Zeitung entdeckt, gesucht und wir haben uns kennengelernt. So hat eine gute Zusammenarbeit begonnen, wir haben sein Buch über Katyn übersetzt und werden es aktualisiert herausgeben. Das Buch wird in Berlin in internationalem Rahmen präsentiert.

Dann gibt es den Roman Krakowiak von Ruth Fruchtman über die gemeinsame Geschichte von Juden, Deutschen und Polen in der Stadt K, hinter der sich Kraków verbirgt.

Auch die Geschichte der ‘68er Generation ist noch lange nicht erzählt. Unser Beitrag besteht im Roman Felix’ Revolution von Christoph Assheuer. Anhand der Geschichte der radikalen Linken in Deutschland, aber auch der unterdrückten Opposition in Tschechien, ist es ein Buch für alle Generationen, die politisch aktiv sind. Das sind nur einige Beispiele dessen, was wir mit KLAK vorhaben.

 

 

 

 

F.M. – Unserem Gedankenaustausch im Internet zufolge, scheinen Sie auch Interesse an Themen zu haben, die in Europa nicht immer Zustimmung finden. Von der anderen Seite des Ozeans betrachtet, scheint sich Europa erneut abzugrenzen, und fällt in alte Muster zurück. Die Folgen der Besatzung, Entkolonialisierung, des Kommunismus, der Vertreibung aber auch neuer Migrationsströme, haben innerhalb der Bevölkerung erneut Befürchtungen und Reaktionen wachgerufen, die man hinter sich glaubte. Der Rassismus und der Aufstieg rechter Populisten sind die augenscheinlichsten Beispiele davon. Wird sich das Programm von KLAK auch dieser Themen annehmen?

 

J.B. – Ja, der Rassismus, regionale Egoismen und auch Xenophobie sind aufs Neue wieder sehr präsent in den europäischen Gesellschaften. Eines unserer Ziele ist es Bücher zu publizieren, Literatur und Sachbücher, die von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts und ihren Folgen sprechen, nicht nur von denen in Osteuropa. Wir interessieren uns auch für das Schicksal der Minderheiten. Deshalb hat eine Autorin wie die Berlinerin Anja Tuckermann ihren Platz in unserem Verlag. Wir wollen ihr Buch Muscha neu herausgeben, das es auch in französischer und spanischer Übersetzung gibt. Zwei ihrer Romane sprechen vom Schicksal der Minderheit der Roma und Sinti während des Zweiten Weltkrieges, ein Kapitel, das immer noch nicht ausreichend bekannt ist. Momentan bereiten wir die deutsche Ausgabe des Buches Wasserfarben der polnischen Autorin Lidia Ostałowska vor, in dem das Leben von Dina Gottliebova und die Folgen ihrer Haft im Konzentrationslager Auschwitz beschrieben wird.

 

 

 

 

F.M. – Eines ihrer Themen scheint die Entwicklung in Osteuropa zu sein. In der Folge des Kommunismus scheinen überraschende hybride Zustände zu entstehen, welche man sich im Enthusiasmus des Mauerfalls und der Freude, dem Regime entkommen zu sein, schwer vorstellen konnte. Heute, vierundzwanzig Jahre später, muss man die Schwierigkeiten konstatieren, die eine Loslösung von derart extrem mächtigen Ideologien mit sich bringt. Glauben Sie mit Ihrer Erfahrung, dass unsere Generation von solchen Regimen geheilt ist?

 

J.B. – Vielleicht ist unsere Generation geheilt, aber die Demokratie muss sich weiter entwickeln, damit sie auch für jüngere Generationen attraktiv bleibt und die Möglichkeit politischer Identifikation bietet. Hier ist viel Skepsis zu finden, besonders in Osteuropa. Schauen wir, was in diesem Jahr wieder in der Ukraine passiert. Wir haben vor kurzem das Manuskript eines jungen Autors aus Kiew erhalten. Er hat eine globale Sichtweise auf die Welt, nicht nur über die Entwicklung in seinem Land, sondern die Verflechtung der ukrainischen Gesellschaft im internationalen Kontext. Er gehört zu einer Generation von Autoren, die in der ganzen Welt vernetzt sind und die ihre Erlebnisse auf originelle Art für alle verständlich darstellen können. Diese Literatur ist nicht nur eine Einbahnstraße, sie provoziert, gibt Raum für Austausch, bietet Sichtweisen über das, was die Autoren aus den postkommunistischen Ländern über die Demokratie zu sagen haben. Wir leben in einer vernetzten Welt, und müssen hören, was der Andere zu sagen hat, um unsere gemeinsame Geschichte zu verstehen und einen Dialog zu finden.

Einer unserer Autoren, Sebastian Caspar, hat seine Stimme der Nachwende-Jugend in Ostdeutschland geliehen. Eine Jugend, die auch mit der Erfahrung eines ökonomischen Niedergangs und der teilweisen Enttäuschung ihrer Eltern über die neue Gesellschaft aufgewachsen ist. Er beschreibt Hoffnungslosigkeit und den Mißbrauch der Droge Christial Meth, besonders in seiner Region Sachsen. Deshalb heißt der Roman „Zone C“. Niemand will dieses Problem wirklich zur Kenntnis nehmen, weder die Verwaltung noch politische Institutionen. Ich bin neugierig, ob das Buch eine öffentliche Debatte hervorrufen wird.

 

 

 

 

F.M. – Vor einigen Jahren habe ich auf einem Literaturfestival in Montréal Allain Robbe-Grillet über seine literarischen Anfänge sprechen gehört, als seine Bücher sich in der ganzen frankophonen Welt nur mit 400 Exemplaren verkauften. Sagen wir, eine entmutigende Zahl für einen neuen Verlag. Er sagte aber auch: Die Rolle eines Verlegers ist es Bücher zu publizieren, um Geld zu verdienen. Die Rolle eines wahren Verlegers jedoch ist es, Bücher herauszugeben, die niemand liest.

Kurz, welches wird Ihre Rolle sein?

 

J.B. – Wenn ich wirklich an die Substanz eines Autors glaube, dann sehe ich meine Aufgabe darin, die Publikation seines Werkes zu ermöglichen. Momentan sind wir nur ein kleiner Verlag, und wir haben auch nicht die Absicht, ein Mega-Unternehmen zu werden. Wir bevorzugen gute persönliche Beziehungen mit unseren Autoren und möchten eng am kreativen Schaffensprozess teilhaben, um die Autoren zu unterstützen und, hoffen wir, zu ihrem Besten zu motivieren. Was zählt ist, wie immer im Leben, Kontinuität und eine langfristig angelegte Arbeit. Als Verleger ist mein Vorbild seit Jahrzehnten Foxhall Edwards, eine fiktive Person aus dem Roman „There is no way back again“ von Thomas Wolfe. Er beschreibt auf schönste Art die Zusammenarbeit zwischen Autor und Verleger, geprägt von Freundschaft und einer gemeinsamen literarischen Welt. Ich glaube, ein Verlag mit menschlicher Ausprägung, das lohnt wirklich die Mühe.

 

 

 

 

Jörg Becken

 
Jörg Becken arbeitet seit 2003 als Historiker, Kurator und Autor. Publikationen: „Ohne Heim – ohne Grab. Die Geschichte der Sinti und Roma“ (Ko-Autor, Aufbau Verlag, 1996, 2002), „AOK Berlin. Von der Ortskrankenkasse zur Gesundheitskasse“ (Bebra Verlag, 2008), landesgeschichtliche Broschüren und Artikel sowie Reiseführer.

 

www.kulturlandschaft-aktiv.de

 

 

NEUERSCHEINUNGEN 2013

 
 

Assheuer, C.: Felix’ Revolution

16,90 €

 

Fruchtman, R.: Krakowiak

14,90 €

 

Messerschmidt, K.: Winterblut

12,90 €

 

Reiniger, R.: Wolfsliebe

9,90 €

 

Tchernodarov, A.: « Und Frieden aller Welt gebracht

15,00 €

 

Tuckermann, A.: Kopfüber, Kopfunter

6,90 €

 

Tuckermann, A.: Mano

9,90 €

 

Tuckermann, Weber (Hg.): Träumen in Berlin

9,90 €

 

 

NEUERSCHEINUNGEN 2012

 

 

Becken, J.: Der Wappensaal im Schlossturm zu Lübbe

20,00 €

 

Brandt, J. u.a.: National heritage in the Baltic S

5,00 €

 

Das Land der Mayangnas

10,00 €

 

Sallai, M.: Z Muhrau do Morawy

9,90 €

 

Sallai, S.: Von Muhrau nach Morawa

12,90 €

 

Tuckermann, A.: Familie Merkwürdig und Familie Ung

9,90 €

 

 

http://www.klakverlag.de/autoren/becken-j%C3%B6rg/

 

 

 

 

 

 

 

 

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http://yvonpare.blogspot.fr/2011/12/felicia-mihali-joue-avec-les-mythes.html
Felicia Mihail ist Journalistin, Roman-Autorin und Universitätslehrer. Sie wurde in Rumänien geboren und lebt gegenwärtig in Montréal (Quebec).

 

http://www.feliciamihali.com/www/home.html

 

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