Joachim Sartorius

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Copyright: Bothor

 

 

 

 

DER KATALOG VON ALEXANDRIA
für Péter Nádas

 

Schriftrollen gibt es hier en masse
stille Kopierarbeit vermehrt sie noch
jeder Herrscher befiehlt einen Anbau

Meisterhaft der Katalog der Bestände
das System der Verweise vorbildlich
Ordnung im Wirrwarr der Überlieferungen

In einer Halle
die Werke der Kartographen
bald werden die letzten Löwen getilgt sein

Am Ende der Großen Kolonnade Sand
ausgewählter Sand zur Diktatur der Zeit
In diesem Raum wird knapp diskutiert

Daneben der Saal der Nekrologe
Wer keinen Mund hat kann nicht schweigen
Wiedererinnerungen Streugut für Enkel

Vom vielen Aufrollen fettig sind
die Papyri  über Tyrannen und Feldzüge
dicht gefolgt von Werken über die Liebeskunst

und Berichten der großen Reisenden
Die Verschlüsse dieser Rollen sind brüchig
zu oft schon wurden sie konsultiert

Doch den größten Zuspruch hat ein leerer Raum
nur ein paar Liegen und Öllampen
Alles andere kosmische Finsternis

Hier werden die Schatten aufbewahrt
in all ihren Formen schmal lang dicht
auch Halbschatten auch leerer Schein

auch schattichte Seelen der Verstorbenen
Nachbilder auch vom Schatten
dem unzertrennlichen Gefährt des Traums

Der  atalog listet dieses Gebiet nicht auf
Der Kurator hier ist ein Künstler
Spezialist für die Lichthaut ums dunkle Herz

Seine Mimik ist kontrolliert
seine Rede genau und ziseliert
sie macht Welttatsachen am Dunkel fest

Aus diesem Schwarzeiner Ritz
kriecht das Licht herein
wie die Idee der Rettung

So viele kommen in diesen Raum
zur Erziehung des Auges
damit sie in den Schriften

die Fallen ausmachen können und die Türen
und schließlich verstehen
die leere Stelle des vollkommenen Katalogs

 

 

 

 

 

 

 

 

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Diekursiven Passagen sind Zitate aus dem „Nouveau Dictionnaire des Passagers Français-Allemands“, erschienen in der Johann Friedrich Gieditschens Buchhandlung in Leipzig 1755, der einmal kurz im Besitz von Péter Nádas war.

 

 

 

JOACHIM SARTORIUS, geboren 1946 in Fürth, wuchs in Tunis auf und lebt heute, nach langen Aufenthalten in New York, Istanbul und Nicosia, in Berlin. Von 2001 bis 2011 leitete er die Berliner Festspiele. Nach abgeschlossenem juristischen Studium war er 12 Jahre im Auswärtigen Dienst tätig (1973-1986) und später, von1996 bis 2000, Generalsekretär des Goethe-Instituts in München. Joachim Sartorius ist Lyriker und Übersetzer der amerikanischen Literatur (insbesondere John Ashbery und Wallace Stevens). Er veröffentlichte sechs Gedichtbände,zuletzt „Hôtel des Étrangers“ (2008) und die poetischen Reisebücher „Die Prinzeninseln“ (2009) und „Mein Zypern“ (2013) sowie zahlreiche in Zusammenarbeit mit Künstlern entstandene Bücher. Sein lyrisches Werk wurde in mehrere andere Sprachen übersetzt. Er ist Herausgeber der Werkausgaben vonMalcolm Lowry und William Carlos Williams sowie der Anthologien « Atlas der neuen Poesie » (1995), « Minima Poetica (1999) und « Alexandria Fata Morgana » (2001). Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Spracheund Dichtung.

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