Jayne-Ann Igel

 

 

 

(Deutschland)

 

 

drift durch den forst auf einem der fahrräder, die nummeriert waren, ich bevorzugte die 5. Das vertraute geräusch der kette, die ungeölt, ein quietschen, schleifen, das mich zurückversetzte in eine andere zeit, einen anderen zeitraum, an die küste der braunkohlentagebaue, der klang der eimerketten von fern, als wären es möwen, die über der abbruchkante schwebten, ihre schreie appellationen an den fisch, tief unten, eingegraben im grunde, oder die artgenossen, das eigene eiszeitliche ich, das über der abbruchkante kreiste, stundenlang – Plötzlich war wieder gegenwärtig, wofür sich dies’ kreisen lohnte, in eigenartiger konsistenz, fiebrig, hart, der tag, der unter schichten von tagen lag, schwarz-braun, unter schichtungen grauer, bleierner tage, tage aus ton, die jeden klang, widerhall erstickt …

 

 

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asche der morgen, ich erinnere mich dunkel, das allgemeine grauen in der dämmerung, so daß noch überhaupt keine aussage über den charakter des morgens zu treffen war – wenn ich im zimmer lag, mit blick auf die wand, die dieses licht abschilderte, verstohlen, unverhohlen; verblendungen auslichten = architektur, die stete bewegung des bodens, der drang ins bodenlose … Das auszählen der tage, eine manie, auszählen, ausfällen, auslichten – daß man dir das augenlicht nimmt, dich aus dem lichte entfernt – neue triebe ans licht, senker, die austreiben, keimlinge … Ja, immer die gegenläufige bewegung mitgedacht, oder vorausgesetzt, in diesem lichtspiel, das licht wird immer unzuverlässiger, was auch heißen mag: unzügelbarer (schutzmäntel für jedwede lichtgestalt, die da wandelt und verjährt), der rasen indes versengt, schütterer die schatten, das laub, schütterer als noch vor jahren …

 

 

Jenseits des Ortes

 

Kuckucksrufe von fern, eine abzählbare folge, so wie ich sie in der kindheit wahrgenommen, zumeist von jenseits der haftanstalt, aus richtung w., wo landwirtschaft und noch einige streifen waldes zu finden, unberührt, entlang eines fließgewässers, und auch der friedhof, außerhalb des ortes, nicht etwa an dessen rand, düsterer verwilderter efeuhort, umstellt von hecken, die schmiedeeiserne pforte halb offen, im hintergrund die kapelle, verschlossen, spielte keine rolle mehr … Gelegentlich fuhr ich dorthin, hielt mich in der ungewißheit auf (wo die schatten länger und länger, als gäbe es keinen mittag, nimmer), an der gabelung zweier wege gelegen, verbarg mich im gestrüpp, so jemand sich der stelle näherte; die inschriften auf den steinernen platten schienen mich nicht zu interessieren, oder waren unlesbar geworden, von der zeit versehrt, vom efeu eingenommen …

 

 

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abends, wenn die schatten lang, die der pappeln, gleich messern, deren klingen scharf, geschärft vom schotter des weges am rande der siedlung, daß man haltlos von schnitt- zu schnittkante eilte, als gälte es was, als liefe man über glühende kohlen oder auf den braunschwarzen, nach teer riechenden eisenbahnschwellen davon, im halse den schwelgeruch, am schmelzpunkt hochsommerlicher tage, wenn kein luftzug spürbar …

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jayne-Ann Igel, Autorin und Herausgeberin, lebt in Dresden. Letzte Veröffentlichungen: Traumwache (2006, Urs Engeler Editor, Basel/ Weil a. Rhein) und Berliner Tatsachen (2009, dto.). Umtriebe (2012, Gutleut Verlag, Frankfurt/M.)

 

1954 in Leipzig geboren. 1995 Übersiedlung nach Dresden.

 

Absolvierung einer Lehre im Bereich wissenschaftliche Bibliotheken in Leipzig. Tätigkeit in der Deutschen Bücherei Leipzig und im Buchhandel. Nach einem Theologiestudium im Gesundheitswesen tätig. Erste Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien ab Mitte 80er Jahre (Jahrbuch der Lyrik, Sinn und Form, Temperamente … ). Seit 1988 freiberufliche Schriftstellerin. Zusammenarbeit mit verschiedenen bildenden Künstlern (u.a. Detlef Schweiger, Erika Enders, Claudia Reh, Tobias Stengel). In den 80er Jahren mehrere Graphik-Gedichte-Mappen im Selbstverlag. Beteiligung an Zeitschriften-Projekten im Samisdat. Seit den 90ern auch Lektor- und Herausgebertätigkeit.

 

Verschiedene Stipendien ab den 90er Jahren (Aufenthalte im LCB 1993, Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf 1995, Künstlerhaus Edenkoben 2007; Arbeitsstipendien des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Deutschen Literaturfonds u.a.). Erhielt 2007 die Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 1859.

 

 

Foto: ©Ute Schendel

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