Jana Jürß

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Aus „Peters Laube“ – Roman

 

 

„Was soll ich tun? Komm, sag schon. Du hast doch immer für alles eine Antwort gehabt. Du hast rechtzeitig die Kurve gekratzt. Du hast gewusst, wann es für dich an der Zeit ist. Du hast ihn rechtzeitig sitzen lassen. Hast du geahnt, was einmal aus ihm wird? Was aus uns wird? Bist du deshalb weg?“

 

Aus dieser Perspektive hatte ich es noch gar nicht gesehen. Oh ja, es wäre die beruhigende Antwort auf alles. Die Antwort auf meine Unsicherheit, auf mein schlechtes Gewissen, auf meine Ratlosigkeit und letztlich auf meine Alpträume. Viel zu schön, um wahr sein zu können. Ich als diejenige, die alles vorhergesehen hatte? So sah man mich? Ich als diejenige, die rechtzeitig die Kurve gekratzt hatte? Und doch lag in Friederikes Worten der immer wiederkehrende Vorwurf. Ich war abgehauen, ganz offiziell. Mit Ausreiseantrag, mit Verhören, ohne Rücksicht auf Familie und Freunde. Der Vorwurf, den ich mir immer wieder, seitdem, selbst machte. Der mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Ich war eine Fremde hier geworden und ich war eine Fremde dort geblieben.

 

„Hast du dich je gefragt, wie die Verhöre für uns waren? Für unsere Eltern? Die haben sich geschämt. Die Stasi kam in die Wohnung, wir wurden vorgeladen. Einmal haben sie Mutti im Betrieb verhört. Selbst die Nachbarn wurden befragt. Als du weg warst, wurde es nicht ruhiger. Bis zur Wende haben sie uns nicht in Ruhe gelassen. Keinen von uns.“

Ich wollte ihr antworten, ihr erklären, doch etwas regte sich. Warum sollte ich mich rechtfertigen? Warum? Warum sollte ich weiter für etwas büßen, was nicht ich ihnen angetan hatte? Und doch spürte ich, dass sie die Schuld nur bei mir sehen würden. Es war egal, was ich sagte, wie ich lebte. Schuldig für den Rest meines Lebens und noch darüber hinaus. Schuldig für alles, was sie inzwischen ausmachte und was aus ihnen werden würde. Sie hatten sich aufgegeben. Und ich trug die Schuld daran.

Ich sah mich in dem Raum sitzen, die Hände flach auf dem Tisch, mich nicht bewegend. Er hatte gesagt, ich sollte sitzen bleiben, so sitzen bleiben. Mich nicht bewegen. Sie hatten es geschafft, mir Angst zu machen. Sie hatten gesagt, sie könnten alles mit mir tun und niemand würde etwas davon erfahren. Ich widersprach. Es war lächerlich, wie diese Männer sich aufführten. Zu lächerlich. Wie Gockel stolzierten sie abwechselnd vor mir herum, sprachen mal leise, mal laut, waren nett oder herablassend.

 

Ich hatte angenommen, sie würden mir drohen. Das taten sie nicht. Sie behielten mich anfangs stundenweise dort, gaben mir zu trinken, Kaffee und Selters, sogar Zigaretten. Dann ließen sie mich nicht aufs Klo. Stundenweise. Später viel länger. Manchmal konnte ich es nicht aushalten und pinkelte in irgendeine Ecke. Was ich aufwischen musste. Sie lachten sich jedes Mal kaputt. Ich sollte ihnen irgendwas verraten. Dann kam der Moment, da legten sie mir Handschellen an. Ich hatte es fast einen ganzen Tag lang angehalten. Zwischendurch kam jemand und flößte mir Kaffee ein. Sprach nett mit mir. Ich hielt es nicht mehr aus, traute mich nicht, aufzustehen, es war zu dringend, die Blase fühlte sich an, als würde sie jeden Moment platzen, die gefesselten Hände auf dem Rücken konnten nicht beruhigend darauf drücken. So machte ich mir in die Hose. Ich schämte mich. Ich war kein Mensch mehr.

 

Danach hatte ich die Hände auf dem Tisch, bewegte sie, wenn ich durfte. Ich fragte, bat und bettelte diese Männer an. Sie sollten mir sagen, was sie wollten. Was sie nicht taten. Ich schämte mich meiner Schwäche. Jede Wut auf dieses Land war verflogen, ich bestand nur noch aus Scham.

 

Als sie mich für ein paar Tage dort behielten, sprach einer der Männer mit mir. Zuvorkommend, höflich. Ich hätte mit ihm geschlafen, wenn er es verlangt hätte. Auch mit anderen. Es sollte ein Ende haben. Ich bräuchte nur aussagen, meinte er. Dann könnte ich gehen. Gehen – wohin ich wollte. Ich sah mein Nicken, das nicht aufhören wollte. Sah meine Hände flach auf diesem Tisch liegen, sah mich nicken, während der Mann freundlich lächelte. Ich unterschrieb alles, was sie mir gaben. Es waren viele Zettel. Ich las sie nicht einmal, ich wollte wieder ein Mensch werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jana Jürß – geboren und aufgewachsen in Mecklenburg; flüchtet mit 19 Jahren aus der DDR; lebt seitdem ruhelos im großen Deutschland; freiberufliche Schriftstellerin seit 2005; Jana Jürß verfasst u.a. Erzählungen, Essays, Dramen; ihre Themen sind u.a. die Deutsche Geschichte und das aktuelle Zeitgeschehen; als Linda Roos schreibt sie Spannungsliteratur

 

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www.linda-roos.com

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