Jan Kuhlbrodt

 

Foto (c):  Hans Praefke

 

(Deutschland)

 

 

 

Die Rückkehr des politischen Liedes

 

 

 

Memory

 

gehe an den Rand meiner Kindheit

einen weiteren Weg einzuschlagen

verbietet mir die Vernunft.

 

Der Aufprall. Winzige Spione

spritzen davon. Daumenagenten

an allen Ausgängen

 

Mobiltelefone. Auch ich bin Spion

werde nicht zögern, die Nummer wählen

die besetzt ist, natürlich.

 

 

 

Acht Prozent Fett auf der Sahne

kein Deckel

 

1

Erkenne Formen auch (und Normen)

Etwas, das hinter der Sprache zurückbleibt

sich vor ihr aufwirft wie …

Kondensmilch

Als wär diese Wolke schon Metapher.

Und wenn sie fehlte, dann bliebe mir Mutter

dennoch gewogen. Wir könnten auch

Frischmilch imaginieren, eine Woge.

Danke, dann eben kein

Bohnenkaffee.

 

2

Und überall Samen.

Klebrige, trockene, haarige Samen

Robiniensamen, die wir erkennen

Samen, die wir erahnen.

Wir sind doch einst Bauern gewesen.

Ja, Bauern mit Eggen und Forken. Alle.

Und zwischen den Fingern die Samen.

 

3

Was uns verbindet

Pflanzkübel aus Plastik mit Palmen aus Plastik

Römische Götter dazwischen, auch diese

Plastik.

(Hermes und Amor – leicht zu erkennen,

da reicht proletarische Bildung:

Filme mit Paul Kemp.)

 

Aphrodite ohne Unterarme

auch das übernommen. Antike

Werbung für Shell dafür

Weidengrün im Dekolleté.

 

4

Alles ist Rohstoff, alles drängt auf Erfüllung

in Plastik und Aspirin, die hier

einen anderen Namen tragen. Einen Namen

der verschwindet wie Kopfschmerz.

Gewölk im Kaffee, Analgin.

 

(für Mutter)

 

 

 

Ich habe den Text sehr gemocht

 

Es bleiben nicht nur Schmerzen.

Worte die bewegen und Wagen

geparkt auf verödeten Strecken.

Selbstanzeige. Sie stecken im Dreck.

Die Schneckenparadiese auch hier und der Weg

durch die Institutionen. Ich geh ihn nicht.

 

(für Erich Fried)

 

 

 

Sämänner treiben

 

Das Eine: Sie säen aber

Sämänner bleiben

mir gewogen.

Wir können die Linien abschreiten

ohne etwas darin zu verbreiten.

 

Unbemerkt und unversehrt ziehen wir

eine Spur in den Furchen, wenn wir dahin

gehen und die Zustimmung verweigern.

 

Unnütze Sensen und Sicheln dengeln.

 

Sind nicht auch Fußabdrücke

Veränderungen des eigenen Horizonts?

Ist Wachstum nicht Rückkehr

Rückkehr nicht Stillstand?

 

Dass ich jetzt wieder hier sitze

ist, wenn auch reine, immerhin Illusion.

 

 

 

General getönte Brillengläser

 

Heute noch an ihn gedacht.

Erinnern nachts. Wie kannst du ihn

von den anderen Schnurrbärten unterscheiden

oder kennst du auch die Namen

 

der  Regierungssitze, Skulpturen

im Eingangsbereich? Schulklassen

sollen, so sagt man, hier

die letzten freien Tage verbringen

vielstimmig die Ferien aushauchen.

 

Die Namen der Schüler, die ihre Namen nennen.

Kennst du die Namen außer Moneda, Kanzleramt

Staatsratsgebäude und Kreml

Weißes Haus. Kein Regierungssitz

der nicht schon gestürmt worden wäre

und doch Regierungssitz ist – oder Museum.

In Kanonenrohren blühen

gebrauchte Papiertaschentücher

 

mit Spermaresten. Am Morgen die Jungen

tränenlos weinen, neben Kanonenkugeln

zur Pyramide geschichtet, mit Mörtel

verklebt, damit keine davonrollt

im wehrhaften Frieden. Ein Zug Soldaten

schwenkt ein und Touristen

schwenken den Hut und sagen:

er hatte die gleiche getönte Brille.

 

Kinder skandieren die Namen der Toten

und die lebender Diktatoren

die Namen naher Verwandter

schütteln den Kopf und hauchen

einstimmig die Schulferien aus.

 

 

 

Nachzeit (Plattenbaugebiet)

 

Zierschlösser.

Zierhagebutten und Zierzäune

Einbrüche sind hier

Selten, auch frühes Glück

Und die Gleichheit platzt

Aus allen Nähten. Friedlich

Wer noch gehen kann

Bringt den andern Brötchen mit.

 

 

 

Heiligendamm

 

Aufmärsche in teuren Kostümen

Kapuzenjacken, Sitzblockaden, Spaziergänge

an provisorischen Zäunen. Schlauchboote.

Rückkehr der Revolution aus dem Wochenbett.

Wenn ihnen daran gelegen ist, begleiten sie ihren Sohn

ein Stück auf dem Weg in die Normalität.

 

Die immer gleiche Reaktion

der immer gleichen Polizei. Das Heer

besorgter Eltern stumm wartet.

Auch das, auch das geht rum

wie eine Fahrt mit der Schmalspurbahn.

 

Eine Eskorte hockt in den Gräsern am Bahndamm

ein Trupp Fotografen, als erwarte er ein seltenes Tier

einen seltenen Staatsgast, eine Vorhut, aber nicht

einen Zug mit schnaubender Dampflokomotive.

 

Es sind Schriftsteller im Trupp mit einer PASSION

für den Modellbau, die zwanziger Jahre, mein Sohn

die Nickerbocker, das Leinenhemd, randlose Brille

aber die Kamera: halbautomatisch und halb digital

und wir, Zahlen und Material auf dem Weg

durch die Büsche, streifen Verbandsstoff

wechselwarmes Getier, hier oben schon als Kinder

Besuch eines Vaters der sein Asthma kuriert.

 

 

 

Ostseewärts

 

Ein paar Kilometer vor dem Horizont

dort Schiffe stehen, die Flaggen

ohne Fernglas nicht zu erkennen.

Zwei Lager befreundeter Schulen

kein Sex in den Zelten.

 

Wenn hier ein Kriegsschiff abgeschossen wird

gerät es zum eigenen Denkmal, als würde

eine Vogelscheuche bis zu den Knien

im brackigen Brackwasser.

 

Hilflos fuchteln wir gegen unsichtbare

Gegner, die nicht anreiten, die schießen

und die Esel ihrer Diener sind Flieger. Gestänge

verweht. Leichtmetall und mit ihm vergeht die Lust

 

auf Veränderung. Vorahnung steht hier im Raum

der ausnahmslos offen. Kadaver getroffen, Senhor.

Die zeitig torpedierten Schiffe. Zaungäste.

Am FKK beim Volleyball vibrierende Brüste.

 

Aber wir. In den Strand einen Zoo

In den Sand modelliert Krokodile

Schildkröten, Schlangen, Wüstenwarane

verloren, getrocknet oder vom Seewasser eliminiert.

 

 

 

Aurora

 

Diese paar Brocken Spanisch.

Am Abend. Hielt das Leuchten für Morgenrot.

Die Geburt der politischen Biografie.

Kein Kreuzweg

das wäre übertrieben angesichts der Erwartung von Sex

nach dem Aufmarschs. Was für ein Wort:

Was für ein Abschied.

 

Die Traumgestalten lassen uns ratlos zurück

selbst wenn die Filme noch gar nicht gedreht sind

ihr Vorkommen nicht bewiesen. Lagern Bauschutt

recyklebare Masse gleich neben unbrauchbaren Resten.

 

 

 

 

Was dem einen Besatzer, sind dem anderen Kunden O Lord

Und was dem einen sein Landhaus, ist dem anderen die Datsche.

Davor ein Grill steht vor der Datsche, eine Gitarre und Männer

Singen in gerippten Unterhemden sagenhaft traurige Melodien.

 

 

 

Spaniens Himmel

 

Als ich durch Spanien nach Portugal fuhr

überquerte ich Frontverläufe im Gastarbeiterbus.

Die andern Reisenden fuhren nach Haus.

 

Ich muss an ein Pferd denken, das stirbt auf einem Gemälde von Rink.

Sich aufbäumt vor nächtlichem Himmel. Hommage á Lorca. Das Bild

die Farben. Rot, Blau und Schwarz, leuchtend über der Steppe.

 

Über der Wüste in Andalusien ein öliger Mond

behielt Platz. In meinem Gedächtnis, als erzählten die Bilder

je die Geschichte des andern, viel mehr

 

als die Geschichte eines Verrats der Narration am Abstrakten.

Wir hatten in dieser Zeit das Wort Diskurs nicht in Gebrauch, wir liebten

die Bibel, den Streit, die Geschichte eines Verrates, den jeder am andern begeht.

 

Endlich in Spanien auf einem Parkplatz füttern mich Gastarbeiterfrauen

mit Pasteis Bacalhau. Und sie dachten

nicht an Lorca und seine Geschichte, einfach an Schwünge

 

das Rauschen eines abziehenden Düsenflugzeugs.

 

 

 

Ich sage das

 

ohne Trauer. Ich sage das

ohne Wehmut. Ich sage das

ohne einen Anflug von Sehnsucht.

Ich sage das, ohne zu behaupten, mir höre ohnehin niemand zu.

Denn dieser Text wird gelesen werden, der Text

wird kopiert werden, abgeschrieben, wieder gelesen,

bis dieser Text nicht mehr er selbst ist,

wie jeder Text wieder und wieder gelesen wird,

bis kein Text mehr er selbst ist.

 

Ich sage das ohne Zorn, weil Zorn verraucht

sobald ich versuche, ihn zu in Worte zu fassen

wenn das Stottern verhallt ist, die Erregung.

Es wird also Zeit, etwas zu tun.

 

 

 
 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Biobibliografie

 

Jan Kuhlbrodt (geb, 1966 in Karl-Marx-Stadt/ Chemnitz) studierte politische Ökonomie an der Universität Leipzig sowie Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Von 1997 bis 2001 absolvierte er außerdem ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Er war als Lehrer in einem Projekt für jugendliche Strafgefangene und als Antiquar tätig.

Jan Kuhlbrodt war von 2007 bis 2010 Geschäftsführer der Literaturzeitschrift Edit, Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig und Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Leipzig.

Jan Kuhlbrodt ist Verfasser von erzählenden Werken, Essays, Gedichten und übersetzt aus dem Russischen, Griechischen, Englischen und Portugiesischen. Er erhielt u. a. 2007 ein Stipendium des Autorenförderungsprogramms der Stiftung Niedersachsen.

 

Werke

  • Lexikon der Statussymbole. Leipzig 2001.
  • Platon und die Spülmaschine. Leipzig 2002 (zusammen mit Ernst Kahl).
  • Verzeichnis. München 2006.
  • Wagnis Warteschleife. München 2007.
  • Schneckenparadies. Plöttner Verlag, Leipzig 2008.
  • Zentralantiquariat. Parasitenpresse, Köln 2010.
  • Vor der Schrift. Plöttner, Leipzig 2010.
  • Il manifesto. Parasitenpresse, Köln 2012.
  • Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Frank, Berlin 2013.
  • Das Elster-Experiment. Sieben Tage Genesis. mikrotext, Berlin 2013.
  • Geschichte. Verlagshaus J.Frank, Berlin 2013.

 

Articles similaires

Tags

Partager