Jan Cornelius

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Die Kunst des Übersetzens         

 

 

Literatur zu übersetzen erfordert nicht allein hervorragende Sprachkenntnisse und literarisches Fingerspitzengefühl, sondern auch knallharte, langfristige  Plackerei. So bleibt dem Literaturübersetzer also gar nichts anderes übrig, als einen Großteil seines Lebens von der Welt abgeschnitten in seinem Arbeitszimmer zu verharren, so wie sein Schutzpatron, der Heilige Hieronymus, der viele lange Jahre als Einsiedler in der Wüste verbrachte.* Und wie der polyglotte Heilige übt sich der Übersetzer nicht nur im Sprachjonglieren, sondern auch in Enthaltsamkeit und hartnäckigem Verzicht, denn bei dem hauchdünnen Honorar, das ihm für seine Arbeit zuteil wird, ist dauerhafte Askese vorprogrammiert. Und so wie sein Beschützer hat sich der Übersetzer vom weltlichen Ruhm abgewendet, wie sonst könnte er auch ertragen, dass sein Name bei den Buchbesprechungen so gut wie nie erwähnt wird.

 

Immer wieder werden erfahrene, hochkarätige Literaturübersetzer von Studenten-Teams oder teilweise gar Übersetzermaschinen abgelöst, und das fast zum Nulltarif, denn wir leben in einer harten Zeit,  und irgendwo müssen die Verlage ja auch mit dem Sparen anfangen, zum Beispiel bei der Textqualität. Aber das ist halb so wild, oder wie die Übersetzermaschine es ausdrücken würde: that is half so wild! Denn das merkt ja sowieso keiner, es sei denn, das so übersetzte Buch wird eines Tages plötzlich gelesen.

 

Traduttore, traditore, heißt ein italienisches Sprichwort, das den Übersetzer mit einem Textverräter gleichsetzt. Aber ist der Übersetzer tatsächlich ein Verräter des Originaltextes? Dazu der Schriftsteller Thomas Bernhard:

 

Es ist ja ganz lustig, wenn man sich übersetzte Bücher ansieht, aber es hat ja mit dem, was man schreibt, nichts zu tun, weil das ist ja dann das Buch von dem, der es übersetzt hat. Der geht ja seinen eigenen Weg, und der setzt sich immer durch. Ein übersetztes Buch ist wie eine Leiche, die von einem Auto bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden ist. Können S’ dann die Trümmer zusammensuchen, aber es nützt nicht mehr.

 

Nun ist Bernhard für seine unbändige Übertreibungslust und sarkastische Ironie wohl bekannt, also kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass er diese Aussage auch so meinte, aber nur dann, wenn man sie ins Gegenteil umkehrt.  Und man weiß übrigens, dass Bernhard  Kant und Schopenhauer in englischer, bzw. italienischer Übersetzung sogar noch mehr als im deutschen Original schätzte, weil sie ihm eleganter schienen, und befreit von unnötigem Sprachbalast.

 

Aber kann denn eine Übersetzung tatsächlich den Ausgangstext übertreffen oder es wenigstens damit aufnehmen? Mit dieser Frage setzte sich unter anderen auch Goethe auseinander, und was dabei herauskam, war gewiss keine gute Nachricht für die Übersetzer:

 

Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine verschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.

 

Dieses pessimistische, aussichtslose Urteil über Übersetzer hinderte Goethe jedoch überhaupt nicht daran, sich selbst immer wieder als Übersetzer zu betätigen. Und nachdem er den Dialog-Roman Le neveu de Rameau von Diderot aus dem Französischen übertragen hatte, bemerkte einer seiner Zeitgenossen Folgendes:

 

Verschiedene Deutsche glauben, dass jenes Original von Rameaus Neffe nie existiert habe, und dass alles Goethes eigene Erfindung sei. Goethe aber versichert, dass es ihm unmöglich sein würde, Diderot’s geistreiche Darstellung und Schreibart nachzuahmen, und dass der deutsche Rameau nichts weiter sei als seine Übersetzung.

 

Apropos Französisch, es gibt in dieser Sprache eine interessante Maxime: Les grands esprits se rencontrent : Die großen Geister sind sich einig, auch was die Kunst des Übersetzens betrifft. Als er die Bibel im 16. Jahrhundert übersetzte, schaute Luther dabei dem Volke aufs Maul, was bis heute für hohen Lesegenuss sorgt. Er war der Meinung:

 

Wirklich übersetzen heißt: Etwas, das in einer anderen Sprache gesprochen wird, seiner Sprache anzupassen.

 

Hundert Jahre später schlug  der Aufklärer Voltaire in die gleiche Kerbe:

 

Diejenigen, die jedes Wort übersetzen, sind eine Schande und eine schwere Belästigung für den gesunden Menschenverstand. In dieser Hinsicht kann man behaupten, dass Wörter töten, Kreativität hingegen zum Leben erweckt.

 

Diesen Abschnitt aus den Lettres philosophiques habe übrigens ich übersetzt, aber natürlich nicht wörtlich.

 

Denn auch ich bin Literaturübersetzer, ich habe kürzlich einen Roman aus dem Französischen ins Deutsche übertragen. Bei meiner Arbeit ging es mir vor allem darum, einen flüssigen, lebendigen Text zu schaffen, der so klingt, als ob er direkt auf Deutsch geschrieben worden wäre. Natürlich gab es in der Originalfassung jede Menge Wörter und idiomatische Redewendungen, die sich nicht ohne weiteres übertragen ließen, ich musste mir also immerzu  etwas Besonderes einfallen lassen, semantische Konnotationen, die an einer Textstelle verloren gingen, holte ich an einer anderen Stelle wieder zurück. Ich setzte mich akribisch mit jeder Nuance des Ursprungstextes auseinander, und dort, wo der Autor mir zu ausführlich oder gar geschwätzig daherkam, strich ich schon mal ein, zwei Worte, und manchmal auch ganze Sätze oder gar Seiten. Aber an den Stellen, wo hingegen unangebrachte Wortknappheit herrschte und Erklärungsbedarf  sich aufdrängte, fügte ich auskunftsbereit mal hier ein, zwei Abschnitte hinzu, mal da, wenn es sein musste, ein ganzes Kapitel. Dabei achtete ich freilich peinlichst genau darauf, dass Streichungen und Hinzufügungen sich die Waage hielten und der ursprüngliche Umfang des Romans sich nicht änderte, denn schließlich soll man ja als Übersetzer dem Original die Treue halten.

 

Auch stilistisch änderte ich überhaupt nichts an der Originalvorlage, bis auf die holprigen Beschreibungen und die schwermütigen Passagen, die den Großteil des Buches ausmachten, und die ich diskret, aber gekonnt durch leichtfüßige Dialoge und witzige Kommentare ersetzte. Nichts gegen den Autor, aber er hat es nicht so mit den Dialogen, und Humor ist gewiss nicht seine Stärke.

 

Unter dem Strich bin ich mit meiner Arbeit hochzufrieden, ich kann ohne Wenn und Aber behaupten, dass mir eine vorzügliche Übersetzung gelungen ist. Schade nur, dass das Original so stark davon abweicht. Doch ich möchte dem Autor nun daraus gewiss keinen Strick drehen, das Buch hat mir vorzüglich gefallen. Ich bin unglaublich gespannt auf seinen nächsten Roman und freue mich schon jetzt, auch diesen zu übersetzen. //

 

 

 

*Im Arbeitszimmer des Übersetzers herrscht Wortgräberstimmung, sie wird Anfang des 19. Jh. von Ludwig Börne so beschrieben:

„Denn oft war ich tagelang in Verzweiflung, wie ich einen lateinischen Ausdruck durch einen gleich kräftigen deutschen wiedergeben könne, ich ließ mich aber nicht abschrecken und fand ihn endlich doch. So erinnere ich mich, acht Tage vergebens darüber nachgedacht zu haben, wie sub dio moreris zu übersetzen sei, und erst am neunten kritischen Tage fand ich das richtige Wort.“                                                      

 

(Ludwig Börne, Aufsätze und Erzählungen)

 

 

 

__________________________________________________________

Thomas Bernhard. Eine Begegnung. Gespräch mit Krista Fleischmann

Ludwig Börne, Aufsätze und Erzählungen

J.W. von  Goethe, Maximen und Reflexionen, Aus Kunst und Altertum 1826

Martin Luther, Tischreden

Frédéric Jacob Soret. Über ein Gespräch mit Goethe am 2. April 1823

Voltaire, Lettres philosophiques

 

 

 

 

 
 

 

 

____________________________________________

 

BIO

 

Jan Cornelius, geboren 1950 im Banater Bergland/Rumänien, flüchtete 1977 vor der kommunistischen Diktatur und lebt seit damals in Düsseldorf. Er studierte Romanistik und Anglistik in Temeswar, Stirling und Düsseldorf und ist freischaffender Schriftsteller und Literaturübersetzer. Auch schreibt er für satirische Zeitschriften und für den Rundfunk. Cornelius veröffentlichte viele satirisch-humoristische Bücher und auch witzige Kinderbücher. Die Berliner Zeitung schrieb über sein Buch „Narrenstück“, es sei „der aberwitzigste Roman des Frühjahrs 2013“.

 

Homepage:  www.jancornelius.de

 

Articles similaires

Tags

Partager