J. Monika Walther

 

J. Monika Walther

Foto: Jay Rheinsberg

 

(Deutschland)

 

 

 

Ich höre

 

die Möwen weiß unter dem Himmel kreisen

Schneeluft und weicher Regen auf dem Sand.

Die Seelen fliegen. Die Gezeiten und den Fluss

höre ich. Die Kiefern wachsen im Wind.

 

Ich höre die Mandelbäume im Schnee wachsen

glückliches Lächeln zwischen den Augen.

Schritte und knisternde Plastiktüten Brendans

Bierflaschen klappern. Die Köchin summt.

 

Ich höre das Werfen der Angeln die Wellen

das Aufschneiden der Fische das Räuchern

und Zerteilen. Die Steine im Meer höre ich,

die Libellen im Bernstein. Die Farbe des Wassers.

 

In der Stille stehend höre ich die Kräne Holz

stapeln die Güterwagen, Schiffe auslaufen,

wie der Markt eingeläutet wird, Schritte

quer über den Platz. Die Federn im Wind, das

 

Rufen der Nachbarn und Freunde. Ich höre

Schlüssel klappern, Türen werden aufgeschlossen

und abgesperrt. Ein Banjo klingt. Stühle gerückt.

Gesungen laut gelesen. Dünnes Papier raschelt und

 

die Holzscheite knistern. Brendan lacht schiebt

seinen Hocker. Er fotografiert das Licht und

ich höre nicht wie er geht und was er sieht.

Mein Gepäck trägt er und winkt im Schnee.

 

Ich höre die Köchin leise singen und erzählen

die Welt ist ein Paradies. Sie rollt den Teig zerlegt

schnell den Fisch. Dielen knarren und eisiger

Schnee fällt vom Dach. Bleiben will ich wo ich

 

höre und die Stille sehe. Bleiben wo ich keine

Kindheit hatte. Ich höre die Schlepper der Kohlen

die Stufen nach oben. Die Rutsche in den Keller.

Die Pfiffe der Lokomotiven. Das Rufen der Frauen

 

und Männer. Hinauf und hinunter durch die

Straßen und über Felder. Das Klauben der Kartoffeln

das Spritzen von Kaffeesatz in der Pfanne. Ich

höre das Mahlen und Schälen Kochen und

 

langsame Schneiden einer dünnen Scheibe

Brot. Ich höre die Luftmenschen gehen, die Blicke

sehen vom Boden aufwärts vorbei an den Augen

mich gibt es nicht. Auf leisen Sohlen. Die Köchin

 

verkrochen im Schrank hinter der Küche. Ohne

Atem. Das Rattern der Züge und Anlegen der Fähren

über den See ins Schokoladenland das abgesperrte

Ufer. Die weißen Berge in der Ferne. Ich höre

 

den Schnee knirschen. Das Silberpapier zerreißen,

die Schalen der Orangen dünn geringelt, das Zählen

des Geldes, die langsamen Schritte zurück zum

Schiff. Ich höre die Blicke, das Zerteilen einer

 

Schokolade. Zergehen im Mund. Die Befehle der

Zöllner. Die Köchin verschließt ihre Taschen. Ihre

Hände. Ich höre das Rufen der Schaffner, das

Pfeifen der Lokomotive, das Abklopfen der

 

Bremsen. Den Takt der Gleise. Die Grenzen.

Ich höre das Blättern in Pässen Papieren. Schreie

Schritte auf Schotter. Stiefel Hunde Schüsse. Ich

höre die Angst. Wie die Kleider fallen. Nackt

 

Kontrollen. Ich höre die Uhren, die Schläge.

Den Atem morgens im fremden Land. Ich höre

Stöhnen und Schweiß. Die Laken, den leichten

Schlaf. Den Morgen. Auf der Straße das erste

 

J. Monika Walther3

Foto:  Jay

 

Licht. Schlüssel in Türen. Ich höre die Schatten

der Sonne das Wachsen der Tomaten Melonen

das Harken der Kieswege. Die Köchin nimmt eine

Dose Bier von Brendan sie trinken und

 

ich höre wie er Eier aufschlägt, Mehl siebt

und stäubt. Sein Lächeln. Die Köchin schlürft

ich lege die Laken schüttle Kissen. Ich höre

die fremden Silben und Zungen die Rufe

 

im Hotel das Atmen der Gäste Hoffnungen

auf Glück. Ich höre Lippen und die Sirenen

der Polizei. Das Schwappen der Putzwasser

das Flüstern auf den Gängen. Das erste

 

Licht, das Dämmern. Herzlos ist stumm.

Ich höre mich sehen: Glückliches Lächeln.

Die schmale Straße draußen ins Tal ein

alter Mann winkt. Ich höre seine Geschichte.

 

Ich höre und schreibe auf.

 

 

 

____________________________________________

 

Beide aus:

Monika Walther

Abrisse im Viertel

Gedichte 2010 bis 2015

 

Vorwort Annette Viktoria Uhlnnding

Fotos von Henning Berkefeld

 

Vechta 2015

ISBN 978-3-86685-516-8

erscheint im Juni

 

http://www.amazon.de/Abrisse-im-Viertel-Gedichte-2010-2015/dp/3866855168/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1438633170&sr=1-1&keywords=j.+monika+Walther+Abrisse+im+Viertel

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Monika Walther, geboren 1945 in Leipzig, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie, aufgewachsen in Leipzig und Berlin – und kreuz und quer in der ganzen Westrepublik; lebt seit 1966 im Münsterland und den Niederlanden, arbeitet seit 1976 als Schriftstellerin: Lyrik, Prosa, Hörspiel. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Sie ist eine « der bekanntesten deutschsprachigen Hörspielautorinnen »: Fluchtlinien, Ankunft in Hollywood, Genossin Namenlos, Ein Fest für Lissabon, Goldbroiler, Katzenschiessen, Schafszorn (WDR 2005). Sie schrieb über 60 Hörspiele, zahlreiche Hörcollagen, Bearbeitungen und Features. 2002 erschien u.a. der Prosaband Wir werden wie die Träumenden sein – Eine Landsuche in Deutschland (2002). 2006 der Gedichtband: Querfeldein (mit CD). 2009 der Prosaband: Das Gewicht der Seele. 2015 der Gedichtband: Abrisse im Viertel Gedichte 2010-2015.

« Eine Synthese aus Wirklichkeit und Magie, Theorie und Poesie findet sich auch in der Lyrik und Prosa von J.Monika Walther. In dem Prosaband ‘Wir werden wie die Träumenden sein – Eine Landsuche in Deutschland’ begibt sie sich in die deutsch-deutsche Geschichte, einer Geschichte der Menschen und ihrer verlorenen Vergangenheit, ihrer Erinnerungen und Visionen. Ihre Geschichten werden auch in unserer Zukunft fehlen und weil wir keine Zeit haben, sie zu hören, zu erzählen, sie zu erfinden, zu erfragen, haben wir keine fröhliche Zukunft. Es ist unsere Geschichte, der die Geschichten und die Menschen fehlen, die sie erzählen.

Monika Walther schreibt eine sozial engagierte Poesie, es ist ein multiperspektivisches Erzählen, vielleicht zu charakterisieren als Bewusstseinsbewegungen geschult am Vorbild Virginia Wolff. ‘Träume sind das Reservoir für nie sich erfüllende Utopien in einer Traumzeit, in einer nicht zu berechnenden, nicht planbaren Zukunft.’ Bei dieser Schriftstellerin gibt noch viel zu entdecken. » (Elisabeth Roters-Ullrich, Literaturwissenschaftlerin 2007)

Articles similaires

Tags

Partager