J. Monika Walther

 

J. Monika Walther

Foto: Jay Rheinsberg

 

(Deutschland)

 

 

 

Springende Sekunden

 

Wenn Gott mir eine Stunde schenkt, dann teilt sich diese geschenkte Stunde in dreitausendsechshundert schleichende und springende Sekunden. Die springenden Sekunden sind das Geheimnis der geschenkten Stunden. Die schleichenden Sekunden sind die Erfindung der Lügnerinnen, wie ich eine bin. Eine Lügnerin, die von der Liebe erzählt und sich für Expeditionen nach Atlantis rüstet. Das ist viel Arbeit: ein Schiff zu chartern, Geld aufzutreiben und die erfundene Route festzulegen. Das ist selbst im Traum und in einer geschenkten Stunde viel Arbeit. Die schleichenden Sekunden machen die Zeit unsichtbar und langsam, da kann eine Stunde zu mehr als einem Tag werden, da kann die Verabredung auf einen Kuss viel länger dauern, als ein Mensch Leben hat. Eine Sekunde verschwindet in der anderen, es kommt Dauer in die Zeit.

Ohne die springenden Sekunden aber wäre es für die Lügnerinnen und Träumer nicht möglich, die von Gott geschenkte Stunde und die schleichenden Sekunden zu nutzen. Nur die springenden Sekunden öffnen die Zeitfenster. Und nur durch diese Zeitlöcher sind die Vergangenheit und die Zukunft zu erreichen, kann ich, die Lügnerin, vor dem ersten Kuss, der mir geschenkt wird, den letzten küssen und bevor der Zeiger der Uhr auf die nächste Sekunde gesprungen ist, zurück in die Gegenwart gelangen. Die springenden Sekunden sind die Fenster zu allen anderen Welten und Zeiten.

Eine Klavierspielerin war es, die die springenden Sekunden entdeckte. Tote Sekunden, die in nicht definierbare Zeitpartikel zerfielen. Aber nicht diese unmessbaren Bruchteile waren das Geheimnis, sondern dass für einen unkontrollierbaren Bruchteil die Zeit aussetzte, ein angeschlagener Ton klang, aber nicht mehr zu hören war, dass eine Frage neu gestellt werden konnte, deren Antwort sich in der Zukunft oder Vergangenheit fand.

Die Klavierspielerin hatte das langsame Spiel an einem Kanon geübt, siebzehntes Jahrhundert, die linke Hand musste mit der Bassfigur das Tempo halten, achtundzwanzig Mal; die Rechte durcheilte die Melodien in Sechzehnteln, Vierteln oder Achteln. Legato Portato. Die linke Hand war das körpereigne Metronom. Sie übte Wochen und als sie eines Tages den ersten Ton, das D anschlug, das Pedal berührte, hörte sie den von ihr geschaffenen Ton für eine schleichende Sekunde lang, dann wurde es still und nach der toten Sekunde wusste die Klavierspielerin, dass sie in zwei Jahren ihren ersten großen Soloauftritt hatte. Sie wusste es.

Am nächsten Tag übte die Frau wieder und diesmal war es der Klang des großen A, der in der Zeitlücke verschwand, gerade als ihr zukünftiger Mann hereinkam und sagte: „Dafür habe ich dich nicht geheiratet, du bist eine ganz schreckliche Hausfrau und Mutter. Du taugst zu gar nichts.“

Tage später lernte die Klavierspielerin diesen Mann kennen, schnell verabschiedete sie sich: „Sie heirate ich auf keinen Fall.“ Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah, denn nur ganz vage hatte er gedacht, diese Frau wäre eine, die ich heiraten könnte. Die passte zu mir, die hält sich klein und bedürftig. Dann kann ich wachsen und alles bestimmen.

Die Klavierspielerin aber war ihm entkommen und glücklicher denn je in ihrem Leben: Sie hatte eine kaum fassbare, die Welt verändernde Erfindung gemacht: die Zeitfenster.

Ihr Leben, ihre Pläne veränderten sich nach und nach. Sie hielt sich aufrechter, übte länger, kleidete sich bunter. Ihre Schritte wurden länger und ihre Ziele größer. Aber sie war die einzige, die von den springenden Sekunden wusste und profitierte. Wem könnte sie sich anvertrauen? Sie wandte sich an mich, die Lügnerin. Sie wusste, dass ich im Bereich der Fantastereien arbeitete.

Sie lud mich eines Abends zu sich ein, spielte den Kanon, ein rundes volles tiefes Fis erklang, die tote Sekunde nahm dieses Fis und ich, die Lügnerin, war gleichzeitig für einen Himmelsaugenblick in meiner Vergangenheit und Zukunft: Eine Liebe würde ich finden.

Als die Klavierspielerin und ich wieder in der Gegenwart angekommen waren, einigten wir uns schnell: Niemand außer den Träumern, den Lügnerinnen, den Klavierspielerinnen und Wortsuchern sollte von der Entdeckung der springenden Sekunden erfahren.

Die Klavierspielerin und ich gehen seit Jahren vorsichtig ans Werk. Nur wer den Kanon spielen kann, nur wer die Tasten streichelt, erlebt die springenden Sekunden. Sie übt, ich lüge und erfinde und manchmal erfinde ich mir eine Liebe.

 

 

 

Der Trugschluss

 

Sie  hätte mit Marlene im Cafe Marokko sitzen können, in einer der dunklen Nischen auf der Balustrade, vor einem Glas Wein oder einem Mocca. Mit leicht geöffnetem Mund über den weißen Zähnen und staunend über die Frau in Frack und Zylinder, denn diese Dietrich hatte alles von sich geworfen, eine Rose, Frauenküsse, den Beruf und die Ehe mit einem wohlhabenden, sie liebenden Mann, zuletzt die Schuhe mit den hohen Absätzen, hinderlich beim Rennen, und war ihrem Legionär in die Wüste gefolgt. Barfuss, mit wehenden Haaren. Wie es sich für eine die Liebe behauptende Frau gehört. Anstrengend, aber so muss es sein, damit der Versuch zu einem Anfang für die Frau und den Mann und die Liebe stimmt. Zumindest für die Liebe und den Mann. Und im Film.

Patrice hätte mit ihren grünen sehnsüchtigen Augen von der Dietrich einen Kuss, eine Rose und ein verführerisches Lächeln geschenkt bekommen, doch die junge Frau war nie ins Café Marokko gegangen, war kaum abgewichen von der unsichtbaren weißen Linie, auf der sie Schritt für Schritt sich vorwärts tastete und dachte, das ist das Leben. So geht es zu in der Welt. Ich bin kein Kind mehr, ich werde erwachsen und es gibt mehr als Eltern und Geschwistern.  Irgendwo da draußen gibt es etwas, das nur auf mich wartet, das nur mir gehört. Vielleicht sogar ein ganzer Mensch. So dachte Patrice heimlich nachts im Wachliegen und beim Nachdenken über das Leben, vor dem sie sich fürchtete – und über andere Menschen, die sie selten durchschaute.

Patrice traute keinem ihrer Wünsche. Und die Leben, denen sie zuschauen konnte, enthielten keiner ihrer Sehnsüchte. Dabei hätte sie nur einen Schritt neben die weiße Linie treten müssen und Marlene Dietrich hätte sie geküsst, ihr Briefe geschrieben und wäre vielleicht sogar mit Patrice für ein paar Tage in eines der schönen Hotels gegangen, statt diesem Legionär nachzurennen. In ein Hilton oder ein Savoy mit großen Betten und weichen Teppichen.

Aber dazu hätte Patrice ihr Leben verlassen müssen. Ihr ordentliches Leben, von dem sie dachte, so muss es sein oder manchmal dachte sie auch, mehr gibt es eben nicht. Nicht für mich. Denn nirgends entdeckte sie Zeichen, dass es andere Farben des Lebens gab als Schwarz und Weiß, Rot und Blau, andere Geschichten als ihre oder die ihrer Eltern. Kinder, Beruf aufgeben, dem  Mann folgen, müde werden. Patrice hatte bei allem, was sie tat das Gefühl, sich mehr anstrengen zu müssen. Und sie biss sich auf die Lippen, damit sie voller wurden.

Patrice bemühte sich, das zu tun, was wahrscheinlich die Eltern, dieser Mann oder ein anderer, irgendwer gerade erwarteten. Über diesen Anstrengungen brach ihr Herz mehrfach in Stücke. So gut sie konnte, flickte Patrice im Lauf ihres Lebens diese Herzstücke immer wieder aneinander, aber weder wurden die Erwartungen an sie geringer, noch wurde sie perfekter als Ehefrau, Geliebte, Hausfrau, Tochter, Mutter. Das alles war ihr zu viel und sie wurde je älter umso müder und verschlossener. Nur ihr Klavierspiel, das verbesserte sie. Heimlich.

Wenn die Kinder schliefen, der Mann bei seiner Freundin die Nacht verbrachte, spielte sie Stunde für Stunde: Chopin, Schumann, Liszt, Mozart, Bach. Leise, una corda; sie übte sich in leisen Crescendi. Sie entwickelte in Perfektion das Fortissimo unüberhörbar leise zu spielen. Sie kaufte sich ein Cembalo. Ihr Mann schüttelte unwillig den Kopf. Sein Beruf war es Celli zu bauen, gute kostbare Celli, begehrte Instrumente. Damit verdiente er das Geld für die Familie; seine Frau gab Unterricht, Klavier und ihre Aufgabe war es, das Haus und die Kinder in Ordnung zu halten. Was hatte ein Cembalo in seinem Haus zu suchen? Nichts.

Der Mann begann seine Frau böse anzuschauen; sie störte. Er hatte ihr seine Welt erklärt, warum also fügte sie sich nicht in sein Leben? War er es nicht, der einen Betrieb aufbaute, der mit allem und jedem zurecht kam, der erfolgreich war, der auf alles eine Antwort wusste, der wusste, wie ein Mensch Käse anzuschneiden hatte, welcher Wein genießbar war? War er es nicht, der alle und alles voranbrachte?

Die Frau schaffte das Cembalo in ihren Unterrichtsraum, das Cembalo, ein Spinett und ein Klavichord. Als ihr Mann die Instrumente gesehen hatte, betrat er nie wieder den Unterrichtsraum seiner Frau und beschränkte die Wortwechsel mit ihr auf das Nötigste: Essen wann, bin weg, komme dann und dann wieder. Ja, hole die Kinder, nein, fahre ohne dich nach Berlin. Er mochte seine Frau nicht mehr und sie verlor endgültig den Blick für ihn, aber immer noch bemühte Patrice sich, es ihm, den Kindern, ihren Eltern, allen es recht zu machen; gemocht wollte sie werden. An Liebe wagte sie nicht zu denken. An Glück, – davon wusste sie nichts. Nur wenn sie spielte, dann war sie glücklich, unüberhörbar leise forte.

Es war ein prächtiger und warmer Herbsttag. In satten Farben. Die ersten Sonnenblumen senkten ihre gelben Blütenkränze, die Malven waren bis auf wenige Rosen in der Spitze verblüht, feine glänzende Nebelschleier lagen über den  Feldern. Ein sanfter Wind trug den Duft der schweren Erde, der abgeernteten Wiesen und Äcker durch die Luft. Es war ein guter Tag für all diejenigen, die gerne ihre Blicke von den Fußspitzen heben und in den Himmel mit den weißen und grauen Wolkengebirgen schauen, für alle, die in einer Verliebung leben – und für jene, die seit Jahren ihr Reisegepäck stehen haben, aber keinen Mut finden – den Koffer in fünf Minuten packen, die Haustür öffnen, ohne Buchung und Einladung davonfahren, sich nicht und anderen nichts erklären; im eisigen messerscharfen Schnee sitzen, über die Cevennen hinwegschauen bis in die dunkelblauen Pyrenäen, das helle Bimmeln der Ziegenglocken hören, das leise Murren der Schafe; in einen Zug steigen ohne Fahrkarte und in einem Hotel die Zimmernummer Sieben buchen: Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleiben werde, sagen und sich an einen der Tische draußen auf dem Gehweg setzen, trinken und essen, Blicke erwidern und eine erste Auswahl treffen. Den erschieß ich und den nehme ich mit ins Bett. Warum nicht.

Es war ein Tag, der glänzte und duftete.

Eine Frau betrat den Ausstellungsraum des Cellobauers und sah Patrice oben auf der Galerie stehen. Ein Blick, der genügte ihr. Viel Haltung, Anstrengung, ein leicht schräg geneigter Kopf; Patrice, die schnell zurücktrat, in ihrem Unterrichtsraum verschwand. Das bedauerte die ältere Frau, die umfassend beraten wurde, kaum zuhörte, obwohl es um viel Geld ging, um ihr Geld. Ein Cello sollte neu gebaut werden.

Die Frau war erste Cellistin und zweite stellvertretende Kapellmeisterin in einem großstädtischen Opernorchester. Eine Aufführung, irgendeine, nicht die Premiere oder die Generalprobe, hatte sie mit großem Misserfolg dirigiert, da ihre männlichen Kollegen nicht einsahen, dass sie ihren Einsätzen, ihren kleinen Veränderungen in den Tempi und der Dynamik folgen sollten; sie spielten, als stünde da niemand auf dem Pult des Kapellmeisters. Niemand. Sie spielten Routine. Eine zweite Chance hatte sich bisher für die Cellistin nicht ergeben.

Ihr Traum war es sich mit einer Pianistin zusammenzutun. Ihr Traum war es noch immer, erfolgreich und berühmt zu werden. Nicht in einer der Nischen, in denen Altisten unbekannte Kantaten bekannter Komponisten sangen. Oder ein unbekannter junger und ehrgeiziger Cembalist den gesamten, den kompletten Alessandro Scarlatti einspielte. Nein. Clara Wolrath, die Cellistin, übte Tag und Nacht, um perfekt zu werden, unüberhörbar die beste Cellistin. Eine, die mit ihrem Spiel die Musik der gesetzten Noten neu erfindet, ohne sich über die Komponisten zu erheben. Das war Claras Ziel. In ihren Träumen triumphierte sie, hörte den Beifall, verbeugte sie sich Hand in Hand mit einer Pianistin. In ihren Träumen. Und in ihren Träumen war sie nicht nur sehr gut, sondern sie war die Cellistin Clara Wolrath, die ihren Weg gefunden hatte die Noten von Martinu, Brahms, Debussy, Faurè und Shostakovitch zu spielen.

Clara sah Patrice noch öfter oben auf der Galerie stehen und  rückwärts in ihren Unterrichtsraum gehen. Jedes Mal ein wenig langsamer. Mit einem Zögern in der Schrittlänge. Und Clara gelang es, den Mann, diesen Cellobauer und Geschäftsinhaber, der zwischen der Notwendigkeit zu dieser Kundin freundlich zu sein und seinem wachsenden Unwillen schwankte, über Patrice auszufragen. Ja, seine Frau sei Klavierlehrerin, ja, sie sei auch Pianistin, aber doch keine mit großen Auftritten, da eine Chorrepetition und dort ein Brahmsrequiem, einen Schütz und Bach, was sie das interessiere?

„Sie spielen doch in einer anderen Liga“, sagte er mit einem süffisanten Lächeln. Seine Lippen verzogen sich, seine Augen sezierten die Frau und beschieden, dich will ich nicht nackt sehen. Du  hast ein Cello bestellt und ich werde dafür sorgen, dass es nicht das Beste wird, das diese Werkstatt verlässt. Clara sah den Betrug in seinen schönen braunen Augen.

„Zum Einspielen“, sagte sie, „habe ich Pablo Casals bestellt.“

„Der ist tot“, sagte der Mann nach einem Zögern und einem Lächeln, das nicht ihr und auch sonst niemandem galt. Nicht einmal ihm selbst.

„Na und“ –  sagte die Kapellmeisterin, „deshalb kann er doch hören, wie Sie arbeiten. Oder?“ Dann warf sie noch einen Blick auf die Grundlackierung ihres Cellos: „Die Liebe sind nicht nackte Leiber, Musik ist mehr als die Noten. Sie sollten gut arbeiten, wenn Sie es mit mir zu tun haben.“ Sie ging ohne Blick nach oben zur Galerie. Sie ging, und die Sonne stand milchig am Himmel. Sie ging, fuhr nach Hause und schrieb der Frau des Cellobauers einen Brief. Er endete mit dem Satz: „Rufen Sie mich an. Ich bitte Sie!“

Patrice rief nicht an, zwei lange Wochen rief sie jeden Tag nicht an und zwei lange Wochen war die Kapellmeisterin mit sich uneins, sollte sie noch einen Brief schreiben oder ihren Plan vergessen? Dann endlich eines Abends der Anruf: „Ich bin keine Pianistin“, sagte Patrice, bereit den Hörer leise aufzulegen. „Ich unterrichte.“

Am nächsten Tag begannen die beiden Frauen mit ihren Proben: Shostakovitch, eine Sonate. Zum Kennen lernen. Leise spielten sie beide, sehr leise in Patrices Unterrichtsraum. Zwei Flügel, ein Spinett, ein Cembalo, ein Klavichord. Ein Sessel, Regale mit Noten und Büchern, ein Kerzenhalter.

„Hier lebe ich“, sagte Patrice, „alleine – in der Küche und draußen mit den Kindern.

„Woher kommt der Name?“ fragte die Cellospielerin.

„Von meiner Urgroßmutter, eine Catherine Patrice, aus Genf. Mein Urgroßvater war Jurist bei einer dieser internationalen Organisationen. Und mein Vater war immer auf der Suche nach besonderen Namen für seine Kinder. Bei mir hat er sich da sehr vertan. Patrice.“ Sie lachte, nicht glücklich.

„Den Gang haben Sie“, sagte die Cellospielerin.

Die beiden Frauen spielten fast jeden Tag, wenigstens eine Stunde. Leise, aber nach zwei Wochen stürmte der Cellobauer wütend durch die Tür: „Ich will nichts mehr hören. Keinen Ton.“ Dann griff er nach dem Arm der Cellospielerin: „Ich will Sie nie wieder sehen und hören!“ Die beiden Frauen waren sich unausgesprochen einig. Sie übten unhörbar leise, sie trafen sich zu ihren Proben in der Oper. Sie spielten den Grundton ihrer Seelen, Patrice ließ ihre Finger in die Tasten sinken, die Cellistin spielte als ging es um ihr Leben: Himmel und Hölle, um mehr als ein Liebesabenteuer, um mehr als die Noten und wie sie klingen könnten; das neue Cello interessierte die Kapellmeisterin nicht mehr, die Oper hätte in Flammen stehen und alle Aufführungen abgesagt werden können, sie fieberte jeder Probe mit Patrice entgegen. Zu hören war fast nichts mehr, sie spielten unhörbar himmlisch den Klang ihrer Instrumente und miteinander. Kein Liebesabenteuer hätte sie mehr anrühren können.

„Wir werden im März unser erstes Konzert haben, in Leipzig. Im Gewandhaus, Kammermusiksaal.“

„Nein!“ sagte Patrice. „Nein!“ Kein Wort mehr.

Als Patrice nachts fast schon schlief, sah sie alles wieder vor sich, damals als sie das erste Mal vorspielte, verschwitzt, zitternd, die Lehrerin zufrieden, aber ihre Mutter sagte den Satz: „Dein Talent reicht zu nichts. Weder noch.“ Jahre später das Abschlusskonzert an der Musikhochschule; sie hatte zitternd gespielt und Beifall bekommen, sie war gut, fast sehr gut gewesen. Die Töne dunkel und weich, in ihrem Tempo, das hatte sie sich getraut. „Dein Talent genügt nicht.“ So wurde Patrice staatlich geprüfte Klavierlehrerin, was sie gerne wurde, da sie das Zittern und die Verschwitztheit ihres Körpers in der Öffentlichkeit verabscheute; aber sie hätte gerne erfahren, wie weit ihr Unvermögen denn gereicht hätte: für welche Komponisten und welche Stücke, für Kirchenmusik oder die Arbeit mit Sängern.

Am nächsten Morgen rief Patrice die Cellistin an: „Ich kann nicht!“ Die Cellistin sagte nichts.

„Ich kann nicht. Ich zittere. Ich kann nicht öffentlich spielen.“

„Lass uns zusammen eine Reise machen. Drei Tage. Ich bitte dich“,  sagte die Cellistin, „die Regeln legen wir gemeinsam fest“, dann legte sie auf.

Drei Tage später stand Patrice mit einem kleinen Koffer vor der Cellistin: „Die Regeln“, sagte sie. „Welche Regeln?“

„Erstens“, sagte die Cellistin, „ wir reisen getrennt, aber sind an den Orten verabredet. Zweitens, ich möchte dich nackt sehen. Drittens wir spielen gemeinsam am Meer: Brahms. Cellosonate 1 und 2.  Meine Regeln. Und Deine?

Patrice schwieg. Dann: „Erzählen Sie mir Ihre Geschichte – erzähl mir deine Geschichte. Und sing mir ein Lied.“

„Und Drittens?“

Patrice lächelte, sagte: „Nach dieser Reise möchte ich nicht mehr zurück.“ Dann setzte sie den Koffer ab und begann sich auszuziehen.

„Mager bist du“, sagte die Cellistin und überlegte, wo das alles hinführen würde. Das Alles. Und wusste, dass sie angefangen hatte zu wünschen. Zu wünschen. Sie bückte sich und gab Patrice ihr weißes Hemd und die schwarze Hose; und begann ihr Gästezimmer umzuräumen. Patrice zog ein mit dem Koffer. Zwei Tage später brachte die Spedition ihre Instrumente, davon hatte Patrice nichts gesagt. Clara schuf Platz, dann brachen die beiden Frauen getrennt zu ihrer Reise auf, spielten unhörbar am Meer, Brahms und Bach und Clara Wohlrath sang der Klavierspielerin ein Lied. Und sie erzählte von sich, immer tüchtig, immer funktioniert, immer erwachsen. Und von ihrem Wunsch dirigieren zu dürfen.

Es kam der März, ein sonniger März, ohne Schneetreiben, ein März mit dem Duft des Frühlings. In Leipzig wurde wieder geschlendert, die Busse fuhren zur Thomaskirche, die Touristen hörten Bach und die Thomaner, standen Schlange, Auerbachskeller war voll wie immer und Victors Residenz am Hauptbahnhof freute sich über jeden Gast, auch über Patrice und Clara. Sie nahmen ein Zimmer. Sie übten, sie übten im Hotel, sie waren perfekt. Sie spielten himmlische Töne, nichts war zu hören, alles zu fühlen und zu sehen. Jede Passage ein farbiges Bild, eine Lust.

Der Kammermusiksaal  war ausverkauft, viele Touristen, das Gewandhaus, das Interesse galt nicht ausschließlich dieser Cellistin und jener Klavierspielerin, aber dann – sie kamen, sie stimmten sich ein. Patrice und Clara spielten, mit den Gesichtern dem Publikum und ihren Instrumenten  zugewandt – und nichts war zu hören. Brahms, Chopin, Bach, Shostakovich, Martinu.

Bestürzung, Überraschung, Begeisterung, andächtige Stille, die Luft voller Töne und Farben. Ein Schweigen. Die Augen auf die beiden Frauen, und deren Augen blickten in die Reihen. Ein Klatschen, immer mehr Hände, dann ein Erheben und Beifall, Beifall. Großmütig und rasend.

Schweigend aßen die beiden Frauen im Hotel, tranken jede zwei Gläser Wein, schweigend. Schnecken, Leipziger Allerlei mit Flusskrebsen und Steak, Gebäck mit Quark gefüllt.

„Das Konzert war ein großer Erfolg. Eine Überraschung“, sagte Clara, die Cellistin.

„Wir haben sehr viel geübt“, war die Antwort von Patrice.

Es gab weitere Konzerte, Beifall, Jubel, Erfolg, Geld, Verpflichtungen. Unhörbar spielten die beiden Frauen die Crescendi, unhörbar die Fortissimos; sie waren für eine lange Wintersaison eine Sensation. Sie traten in London, Paris und New York, Petersburg und Zürich auf. Sie waren berühmt. Dann hatte das Publikum genug von der Stille und ihrem eigenen hörbaren Konzerthusten. Jetzt kamen die Anfragen aus den Hauptstädten der Provinz, Einladungen zu Festivals, in Musikhochschulen und Pianohäuser. Clara und Patrice wurden müde. Patrice träumte von der Vollendung der Unhörbarkeit und Clara von einem Auftritt als Dirigentin, von hörbaren Tönen, von einem Fest der Töne. Clara träumte auch von Krach und Krawall, von Lärm, vom Schreien.

Clara bekam ein Dirigat, sie wurde ausgebuht. Sie ging nach Hause, sie ging an Patrice vorbei, sie ging zu ihrem Cello und spielte ein Crescendo, sie erfand Musik, dass die Engel nur kommen oder weglaufen wollten, dass Patrice im Türrahmen stand mit Wasser in den Augen und dann wegging, in ihr Zimmer, nicht wiederkam. Ihre Lippen nach innen kaute, den Deckel ihres Flügels zuknallte. Was sollte aus ihr werden? Sie sah mit grauen Augen hinter sich. Sie verschränkte ihre Hände. Sie setzte sich vor die weißen und schwarzen Tasten. Lautlos hielt sie ihre Hände in Schwebe. Sie hörte Clara. Sie weinte, lachte und schrie und ließ ihre Hände fallen. Chopin, Sonate für Cello G minor. Ein letztes Konzert in Paris, Salle Pleyel, dreihundert Menschen, Auguste Franchomme spielte das Cello. Patrice spielte. Unüberhörbar.

Ein Zimmer weiter nahm Clara die Töne auf. Die Zeit der Stille war vorbei. Es gab keine fliegenden Schafe mehr am Himmel, und kein Lamm gebraten, die Schwäne weinten nicht und niemand war zu scheu Lippen zu küssen und Noten zwischen den Zeilen zu finden. Patrice spielte alle Töne, die Chopin zwischen den Linien versteckt hatte. Die mit Tränen säen, kommen mit Freuden an den die Pforten des Himmels.

 

Diese beiden Erzählungen sind  aus dem Band: Das Gewicht der Seele – Erzählungen

http://www.amazon.de/Das-Gewicht-Seele-Iris-N%C3%B6lle-Hornkamp/dp/3897856964/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1438628457&sr=1-1&keywords=Das+Gewicht+der+Seele+Walther

 

 

 

J. Monika Walther2

Foto:  Jay

 

 

 

 
 

 

 
 

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Monika Walther, geboren 1945 in Leipzig, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie, aufgewachsen in Leipzig und Berlin – und kreuz und quer in der ganzen Westrepublik; lebt seit 1966 im Münsterland und den Niederlanden, arbeitet seit 1976 als Schriftstellerin: Lyrik, Prosa, Hörspiel. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Sie ist eine « der bekanntesten deutschsprachigen Hörspielautorinnen »: Fluchtlinien, Ankunft in Hollywood, Genossin Namenlos, Ein Fest für Lissabon, Goldbroiler, Katzenschiessen, Schafszorn (WDR 2005). Sie schrieb über 60 Hörspiele, zahlreiche Hörcollagen, Bearbeitungen und Features. 2002 erschien u.a. der Prosaband Wir werden wie die Träumenden sein – Eine Landsuche in Deutschland (2002). 2006 der Gedichtband: Querfeldein (mit CD). 2009 der Prosaband: Das Gewicht der Seele. 2015 der Gedichtband: Abrisse im Viertel Gedichte 2010-2015.

« Eine Synthese aus Wirklichkeit und Magie, Theorie und Poesie findet sich auch in der Lyrik und Prosa von J.Monika Walther. In dem Prosaband ‘Wir werden wie die Träumenden sein – Eine Landsuche in Deutschland’ begibt sie sich in die deutsch-deutsche Geschichte, einer Geschichte der Menschen und ihrer verlorenen Vergangenheit, ihrer Erinnerungen und Visionen. Ihre Geschichten werden auch in unserer Zukunft fehlen und weil wir keine Zeit haben, sie zu hören, zu erzählen, sie zu erfinden, zu erfragen, haben wir keine fröhliche Zukunft. Es ist unsere Geschichte, der die Geschichten und die Menschen fehlen, die sie erzählen.

Monika Walther schreibt eine sozial engagierte Poesie, es ist ein multiperspektivisches Erzählen, vielleicht zu charakterisieren als Bewusstseinsbewegungen geschult am Vorbild Virginia Wolff. ‘Träume sind das Reservoir für nie sich erfüllende Utopien in einer Traumzeit, in einer nicht zu berechnenden, nicht planbaren Zukunft.’ Bei dieser Schriftstellerin gibt noch viel zu entdecken. » (Elisabeth Roters-Ullrich, Literaturwissenschaftlerin 2007)

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