J. Monika Walther

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Spiegelbild

 

Guten Tag, wie schön, lächeln. Umarmen freuen. Guten Tag, wie schön. Guten Tag. Ich war in Schweden, sah Kraniche tanzen, sie sangen. Ich war in den Cevennen, hörte die Pfauen in der Nacht schreien. Guten Tag, wie schön, lächeln. Freuen, wie schön. Der See glänzt.

Guten Tag. Ich war im kanadischen Schnee und unten am Fluss,

so breit der Saint Laurent, die Eisschollen klirren über dem dunkelgrünen Wasser.

Ich war in der heißen, in der kalten Wüste, im jüdischen Land, Schüsse. Guten Tag, wie schön, lächeln. Freuen. Das Schiff legt pfeifend ab.

Guten Tag. Ich war in Spanien, Franco starb spät. Ich hörte den Schrei. Grandola, Vila Moreno. Nach dem Abschied. Das Signal. Die Truppen. Die Grenzen geschlossen, die Gefängnisse der Pide gestürmt. Grândola, Vila Moreno nach dem Abschied. Ich hörte die Schüsse. Franco starb spät. Guten Tag, wie schön, lächeln. Umarmen freuen. Guten Tag, wie schön.

Guten Tag. Ich war in Polen, im kasubischen Land, Tucheler Heide, Legbond. Niemand zu Hause, schlafen. Fische kommen in der Nacht. Vodka und Kartoffeln. Monia Monia. Wie schön umarmen. Trinken. Guten Tag. Vodka im polnischen Wald wie erschlagen weinen die Herzen bin zu alt wurde der Wärme beraubt war nirgends eine Straße weiter bin zu alt komm her. Keinen guten Tag wie schön lächeln. Der Fluss gefroren. Kein Holz gelegt.

Guten Tag. Ich war eine Straße weiter. Die Schwäne weinen im Eisen. Die Spur verloren. Eine Straße weiter. Keinen guten Tag ganz nah. Guten Tag freue mich nicht lächle Zeit vorbei. Guten Tag wie schön morgen.
 

 

Mit Lachen und mit Tränen

Quotidie damnatur qui semper timet

 

Die qualmende Zigarette fiel vom Rand des Aschenbechers auf den Tisch. Sally rührte sich nicht, sie saß in dem langen dämmrigen Gang vor ihrem Zimmer an einem schmalen Holztisch. Teppiche übereinander liegend. Viele Bilder von Landschaften und Vergangenheit an den Wänden. Sie saß auf einem alten Ledersofa mit aufrechter Lehne und schaute auf die enge, sich durch das Dorf windende Straße. Sally hatte beide Fensterflügel geöffnet. Vor ihr eine alte kleine Kirche, so weiß, so schön. So gerade stand sie mitten im Dorf zwischen den Häusern, auf deren Wänden verblichene Schriftzüge erzählten, wie alles einmal gewesen war, als noch jedes Haus bewirtschaftet wurde, die Kneipe im Felsen, Crotto, später eine Disco, Bäcker und Metzger, Milch und Käse, ein Schreiner, ein Schmied hatte Kutschräder gebaut und Pferde beschlagen, im Wappen der wehrige Geißbock, der das Leben und die Bewohner vor sich hertrieb, wie ringsum in den Dörfern und Kleinstädten, als alle sieben Sprachen noch geredet und gewechselt wurden: Italienisch, Rätisch, das Bargajot, Deutsch. Die Dialekte.Jenseits der Wasserscheide zwischen den Alpen. Zwischen dem Julierpass und dem Septimer. Ein Straßendorf. Auf dem Weg zwischen Chur und der reichen und dreisten Welt in St. Moritz, der klugen und feinen Welt in Sils-Maria. Der Stall an der Wegscheide. Port Stalla. Die beiden Pässe, das Bergell und das Engadin. Der Weg. Hinauf in die Berge und hinüber. Weg. Dem Himmel näher. Weg. Hinunter, dem Fegefeuer mit den dunklen Seelen näher. Lachen stirbt mit den Lippen, Liebe stirbt nicht mit dem Geliebten. Jeder Kuss währt einen Kuss. Wenige, die gewähren und bewahren über den letzten Kuss hinaus. Und weiter hinunter in die Hölle. Die Erinnerung vergessen. Sich vergessen. Und erfahren, wie Johannes es offenbart und Sally die Worte mit dreißig nach ihrer Scheidung vom Pfarrer des Dorfes ins Ohr geschrien bekam, als sie seine vor der Jungfrau Maria geflüsterten Obszönitäten zurückwies, das Zwicken ihrer Brustwarzen, seine Hand zwischen ihren Beinen packte und in die brennenden Andachtskerzen stieß: „Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Ins Gesicht hatte sie ihm gespuckt und war gerannt. Weg aus seinem Leben, in ihr Leben. Weg aus dem deutschen Dorf.

Sally war angekommen, hatte zuvor nichts von dem Ort gewusst, hatte ein Zimmer gesucht. Das Auto hingestellt. Platz war. Ein Wagen aus Würzburg. Vier Schweizer Autos. Aus vier Kantonen. Angehalten. Das Hotel von außen ein großes und hohes Haus, innen zwei ineinander verschachtelte alte Häuser, viele Fenster, dunkles Holz, alt, würdig, mit Teppichen belegte Treppen, zwischen allen Gängen drei, vier breite ausgetretene Stufen. Ausgleich zwischen den Häusern, zwischen alt und neu und Umbauten.

Es duftete nach Kaffee, Schnaps, gerösteten Kastanien und gebratenem Wild. Der Hunger war über sie hergefallen, aber erst das Zimmer bestellen. Für wie viele Nächte wusste sie nicht. Ein Aufzug gerade passend für zwei Menschen und zwei Koffer, also sie und ein Koffer und die Frau vom Hotel. Aufschließen, schauen, ob es recht wäre. Ja, es war. Das breite Bett. Das tiefe Fenster nach draußen, ein Schreibtisch, das winzige Bad. Der dunkle Flur davor ein Geheimnis mit Teppichen, Chaiselongues, Sesseln, Stühlen, Bildern vom Piz Corvatsch. Zusammengeklebte Berggipfel. Panoramen. Unterschriften von Seilschaften. Familien, Paare hatten sich immer wieder gefunden, auf den Gipfeln, im Ort. Da standen sie vor Schneehauben, weißen Bergzacken und lachten, glücklich. Sonnengesichter. „Wie Sieger! Geld müssen diese Leute gehabt haben“, dachte sie.  Sie hatte eine Scheckkarte in der Hosentasche. Und zweihundert Franken. Ein überzogenes Konto.

In einer Flurecke hinter der Rezeption ein mächtiges Bild des Hauses, kräftige Pinselstriche, Bergketten und Abhänge in Grün und Braun, das Haus in großer Perspektive, davor Männer in dunklen Anzügen, Frauen mit Schürzen; ein Paar steht stolz. Das Posthotel, eine Kutsche, Pferde im Geschirr. Unter dem Bild liegt auf einem kleinen alten Schreibtisch mit dunklen Intarsien und aufgeklebtem Samt in der Mitte ein Gästebuch, in großem Format, beginnend 1898, eine Hauslehrerin aus Mailand, zwei Frauen, Familien, eine Frau Weill, Klavierlehrerin, ein Herr Wolff, Ingenieur, Mutter und Tochter, immer weiter, die Farbe der Tinten wechseln, die Stärke der Federn, viele Seiten, Spalten, Name, Beruf, Ankunft Abfahrt da gewesen, schön gewesen. Das zweite Gästebuch, noch eines und noch eines. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg. Nicht in der Schweiz. Flüchtlinge bedankten sich. Sally las, blätterte, sie war neidisch auf die Hauslehrerin, den Ingenieur, auf die Paare, auf diese Paare, auf diese Leben und wusste nicht warum. Sind alle tot und ich lebe. Ihr liefen Sturzbäche von Tränen. Sie flüchtete in einen der dunklen Hotelflure. „Sally, nimm dich zusammen“, sagte sie, aber Sally, vierzig Jahre, mit schönem großem Gesicht, mit dunklen Augen und glänzenden braunen Haaren, Sally, die erfolgreich in einem Opernchor und als Zweitbesetzung singende Sally, die mit den Soloauftritten und einem Gesangsstudio, blieb ohne jede Fassung. Das Handy unterbrach ihr Schluchzen.

SMS Alberto: Ich habe den Pfau erschossen. Warte auf mich! Ignore this sign!

Sally nahm sich zusammen, schlug sich kaltes Wasser ins Gesicht, ging hinunter ins Restaurant, bestellte einen Kaffee und ein großes Glas mit Pflümlischnaps. Beides trug sie hinauf in den Gang vor ihrem Zimmer, setzte sich auf die Bank am Fenster. Sie trank und lachte und seufzte. Unten auf der Straße Wanderer, auf den Wiesen das saubere Grauvieh mit den großen Glocken. Weiter oben in den Bergen Ziegenherden. Sally wollte ein anderes Leben. Aber wie geht das? Mit Dolch, Gift, Schwert und Tod? Ein anderes Leben, nicht Sterben und Siechen für eine vergebliche Leidenschaft. Eine Ehe hatte sie hinter sich, zwei Liebhaber, einen Freund. Stöhnen und Wimmern. Stand an ihrem Scheideweg. Und stand und stand, trippelnd von einem Fuß auf den anderen.

Zweite SMS von Alberto: Wenn ich dich verlasse, gibst du mir des Nachts Rabatt?

Sally wartete auf Alberto. Mit einem Taxi war er von der Pfaueninsel losgefahren, Zigeunerschnitzel und Pommes, zehn Euro achtzig, das Schlösschen im Blick, eine Frau Enke von Lichtenau abgesetzt, weg war sie auf der Fähre zu ihrem Wilhelm: Es sind nur jene glücklich, die sich viel vormachen können. Nicht denken,  nicht fragen. Keine Fragen von Alberto. Trinkgeld zählen, weiterfahren. Sally. Alberto, der weiche und warme Alberto, der unglückliche Alberto, der kluge Paläontologe, der mit Hingabe im Eis Nanofossilien untersucht. Alberto, der sich von einem Projekt zum nächsten arbeitete, immer zu wenig Geld, Taxichauffeur in Berlin und wieder ein halbes Jahr im Eis. Fünfzig Jahre, voller Hingabe und Gedanken. Die ersten grauen Haare, Falten um Mund und Augen. Ein großer schwacher Mann, stark in Leidenschaft und Zärtlichkeit für seine Arbeit und Sally.

Am Bodensee, in Meersburg, hatte er übernachtet, sich vor Sehnsucht krumm gebogen ins Bett gelegt. Sally eine SMS geschrieben: Parapuzosia seppenradensis-  ein Kopffüßler. Er wartete Millionen Jahr,  um versteinert zutage zu kommen. Meere mussten verschwinden, Gebirge entstehen, Häuser und Straßen gebaut, Technik erfunden werden, bis er im Tageslicht lag. In Lüdinghausen. Dort war Nordmeer und Gebirge.
Früh war Alberto losgefahren, im dunklen Regen, im Nebel über den See, kein Säntis zu sehen. Die Fähre nach Romanshorn. Hinein in die Schweiz mit seinem Taxi, seinem Körper, seinem Kopf, der ihn verrückt machte, mit seinen Wünschen. Er wusste nicht wonach. War er zu alt, war er ein Mann oder eine stattliche Frau, ein Kopffüßler oder ein Wunschbaum mit bunten Tüchern und tausend Blättern. Er hatte auf dem höchsten Punkt des Julierpasses gehalten und Sally angerufen. „Ich komme“, hatte er gesagt. „Ich komme. Ich liebe dich“, und dann stand er allein und schaute abwechselnd Richtung Chur und Richtung Maloja, sah in alle  Himmelsrichtungen, nach oben und nach unten, in alle Himmelsrichtungen und seine Seele verwahrloste von Minute zu Minute. Er drehte und drehte sich und wurde immer weniger da oben auf dem Pass. Er war kein Alberto, kein kluger Mann mehr, und Sally war nicht mehr seine Sally. Er war allein zwischen klingendem Grauvieh, den neugierigen Touristen, die in einen kalt glänzenden Bergsee schauten, und wenn sie in Paaren da waren, standen sie andächtig und im Bewusstsein, besonders zu sein. Nur zwei Frauen, da ging die eine rechts und die andere links. Alberto hätte sie gerne alle getötet. Ausgelöscht. Nicht einzeln, wahllos. Mit einem Maschinengewehr, und die Autos in die Luft gesprengt, die speckige Bude mit ihren Ständern voller Ansichtskarten in die Luft gejagt, die drei Männer mit den Schnapsgläsern und der Flasche am Stehtisch, den Funkmasten, mit einer Bombe das Restaurant dem Erdboden gleichgemacht, die Kühe die Abhänge und Abgründe hinunt gesessen mit einem Menschen, Hand in Hand. Gegessen. Gelächelt. Unbesorgt. Ohne Angst. Berührt. Er wollte so gerne berührt werden, nicht zu oft, aber so, dass er zum Leben erwachte. Alberto schrie, dann rannte er den steilen Hang über dem kalten See hinauf, bis er zusammenbrach. Ohne Luft. Keuchend, stammelnd.

Sallys Zettel: Wie komme ich in Liebe zu Tode, in kleiner Geste und weggeworfen. Die Welt ist immer anders, als ich sie mir denke. Wie bekomme ich ein Gefühl für die Welt? Wie reise ich, um zu sehen, was da ist? Auf hoher See nur das Meer, im Auto die Straße, im Flugzeug Wolken oder nichts oder eine halbe Glatze und eine gefärbte Haartolle.

Immer sind Gäste in meinem Kopf. Sie fressen mein Geheimnis, atmen meine Luft, sie zerschneiden meine Seele, machen mich zur Sklavin.

Alberto kauerte auf dem Gipfel, nahe einer grau schmutzigen Gletscherrinne, und schrie die Namen aller Frauen, mit denen er je zusammen war. Das waren einige und keine hörte ihn. Keine mehr rief seinen Namen in der Nacht. Es gibt nichts Schöneres, als in der Nacht den eigenen Namen zu hören. Alberto. Sally. Alberto. Alberto Raabe. Liebt Sally Lorenzo. Niemand sucht sich seine Liebsten aus. Und dann hat man sie ein Leben lang. Alberto Lorenzo und Sally Raabe, aber nein. Sie hat italienische Großeltern, eingewandert. Küchenputzer, die nächste Generation Pizza quattro Bäcker. Eine Bude. Bella Italia. Dann die Nächste mit einem Gastraum: Adriastube. Und er war einer von hinter der Mauer, einer aus der Lausitz und seine Mutter hatte es satt mit den sorbischen Rabinskys, seine Mutter hatte das ganze Leben satt, seine Mutter wollte nach Sizilien, das blasse Rot. Ocker, staubiges Gelb. Sie hatte keine Ahnung. Er auch nicht. Ein Traum. Sie wollten das Leben ändern und blieben hocken in Berlin, Ost.

Alberto sang, in die Kälte des Gletschers gekauert. Die wenigen Lieder, die er von seiner Mutter kannte. Er wollte Sally lieben und kein Mörder werden. Er schmiss sich die Abhänge hinunter, die Leute unten neben dem Drecksrestaurant juchzten und tranken. Das Grauvieh muhte, ging ein paar Meter beiseite. Muh, bäh. Ein Mensch, ein Albertomensch. Der zog ein Kratzmesser und schabte unter einem Felsen, er schabte sich die Hände blutig.

Dritte SMS von Alberto: Die Insel Henderson Skeletons gab Vögeln und Fischen Raum, aber nicht den Menschen. Menschen waren nicht vorgesehen. Die Insel wollte keine Menschen.

Alberto stellte sich neben die drei Männer mit dem Schnaps und ließ sich aushalten, bis ihm der Gaumen brannte. Der Marillenduft betäubte ihn. Sally saß im Gang vor ihrem Zimmer und schaute auf die Straße, wartete. Sie sagte zu niemandem: „Es gibt Lieben, die zerstören, und Lieben, die Halt geben.“ Sally rannte bis ins obere Stockwerk  des Hotels und warf einen Stuhl aus dem Fenster, danach schlich sie sich aus dem Haus und ging Hänge hinauf und hinunter, kam wieder, bestellte Abendessen.

Sallys Zettel: Wer sich immer fürchtet, ist Tag für Tag verdammt. Wenn ich nicht sagen kann, was ich will, weil mir die Wörter unbekannt sind. Wenn ich nur die Wörter sagen kann, die ich kenne, bekomme ich nicht, was ich will. Ich drücke die Wörter aus, die ich weiß, sage  nicht, was ich meine, frage nach der Post, statt nach der Kirche. Gehe nach rechts, statt nach links, gewinne nicht mein Leben, sondern das der Wörter, die ich weiß. Wo sind die Toiletten, frage ich, und wissen wollte ich, wer mich liebt?

Alberto trank bis in den dunklen Abend, kroch in sein Taxi, schlief. Am frühen Morgen wusch er sich in den Toiletten, dann fuhr er hinunter nach Bivio. Er pflückte Blumen von einer Wiese. September. Die Wiesen dufteten, die Sonne wärmte noch, die Berggipfel strahlten weiß, die Gletscher vertrockneten grau.
SMS von Alberto: Ich will nicht, dass mein Herz schmerzt  und ich verlassen bin.

Sally frühstückte. Sally saß vor einem weich gekochten Ei, zwei Würstchen, Bündner Fleisch, Tiroler Schinkenspeck. Sally saß da in einer schwarzen Hose, einem schwarzen Jackett, einem weiß-blau gestreiftem Hemd, offen. Sally saß breitbeinig da. Sally hatte viele Zettel in der Nacht voll geschrieben. Sallys Protokolle ihrer und Albertos Wünsche, ihrer Lügen und Verlassenheiten. Draußen fuhr ein Taxi vor. Berlin. Alberto schwankend. Er kam, er setzte sich.

SMS von Alberto: Soll ich versuchen, nicht zu denken, dass ich nicht mehr an dich denke?

 Sally legte einen Zettel auf Albertos Teller: Schau in den Spiegel. Du bist meine Frau.

Sally legte einen zweiten verschmierten Zettel vor Alberto: Wenn du sagst, du gehst, weiß ich, dass du nicht gehst. Ich weiß aber, dass du wirklich gehst, warum belügst du mich?

Sally ging und holte Alberto ein großes Glas Pflümlischnaps.  Er trank, dann sagte er hundert schreckliche Worte, alle ineinander verschlungen, verschluckt, atemlos, wütend. Er warf die Würstchen, das Ei, den Speck nach Sally. Dann war er still. Sally stand auf und holte neue Teller mit Würstchen, Eiern, Schinken. Kaffee, Wasser und noch ein Glas mit dem duftenden Pflümli. Sie aßen. Langsam und ohne ein Wort. Einmal streichelte Sally Albertos Hände; einmal küsste Alberto Sallys Fingerspitzen der linken Hand. Sie waren still und ernst. Dann gingen sie in Sallys Zimmer und schlossen die Tür ab. Alberto begehrte Sally und sie ließ alles zu, was er wünschte. Und Sally führte den atemlosen Alberto zu ihrem Verlangen, bis er nicht mehr wusste, wer er war. Sally Sally. Die schönste Nacht meines Lebens. Setz dich auf mich. Alberto. Mein Alberto. Deine Haut. Dein Duft. Wir haben gegessen, getrunken. Sally, meine Sally, ich gehöre dir. Ich liebe dich. In Sanftmut. Alberto. Ich lebe.

Am nächsten Tag bestiegen eine stattliche weiche, gut geschminkte Frau und ein etwas kleinerer Mann das Taxi aus Berlin und fuhren nach Sils-Maria, kein Blick hinüber nach St. Moritz. Abgebogen in Silvaplana mit seinen Getränkehütten und Edelweißbasars. Abgebogen und durch die schmalen Silser Straßen die Kurven hinauf zum Waldhaus.

Ein Portier eilte, das wenige Gepäck wurde von einem livrierten jungen Mann hineingetragen. Sally, in ihrem Anzug und Alberto mit seinen leuchtenden roten Lippen wurden mit Handschlag begrüßt. Der Concierge nickte ernst. Die junge Frau von der Rezeption zeigte das Haus: die Bibliothek, das Schachspiel, die Halle mit dem Flügel und den vielen kleinen Tischen und Sesseln, die Bar, den großen Speisesaal mit den vielen Fenstern, das Schwimmbad und dann das Zimmer. Eines der Turmzimmer. Mit Blicken über den in der Sonne glänzenden Silser See, hinauf in die grünen und braunen Abhänge, noch weiter hinauf in die weißen Berge, zum Piz Corwatsch. Das Gepäck kam. Sie waren allein. Sie küssten, sie staunten. „Dass es so eine Schönheit gibt“, sagte Sally. Alberto lächelte, lachte, lauter und sang: „Und blühn einmal die Rosen. Sally, take my lips away.“ Und Sally schminkte Albertos Lippen, tuschte seine Wimpern, zog an seinem Kleid. Alberto half Sally ins Jackett, sagte: “Das hast du dir so sehr gewünscht?“

„Ja“, sagte Sally. „Nicht immer, aber jetzt, und dass du meine Frau bist.“

Hand in Hand gingen sie hinunter in die große Halle, ein kleiner runder Herr spielte mit weichen Händen Chopin, dann Schubert. Ein Cellist saß bei ihm, ein Geiger. An den Tischen wurden Scones mit Butter und Marmelade serviert, weiche englische Sandwichs mit hauchdünn geschnittenem Lachs, Tee und Kaffee serviert, Gin und alles, was Münder und Bäuche begehren. Alberto und Sally versanken in zwei Sesseln. Alberto wurde von einem der Kellner angesprochen, was sie wünsche, Sally bestellte. Der kleine runde Herr am Flügel spielte. Sie waren glücklich. Mehr als einen getuschten Wimpernschlag lang. Sie aßen zu Abend, wurden am Fenster platziert. Ein Menü, Wein. Sie saßen in der Bar und tranken ihnen unbekannte destillierte Düfte: Schlehen, Kastanien, Wildkirschen.

„Und später?“ fragte Alberto.

„Küsst du mich.“
„Ja, das kann ich“, sagte Alberto.

SMS Albert: Ist Schicksal die Einschränkung von Möglichkeiten und Zufall die Erweiterung? Bin ich zufällig ein Mann und du eine Frau? Im Eis werde ich kein Kleid tragen und keinem Mann die Hände küssen.

Alberto, die Frau, lächelte und flirtete im Kreis. Der Mann vom Flügel lächelte ernst zurück.

Sallys Zettel: Es gibt die Berechtigung der Ordnung als Hüterin und Ängstliche zerbrechen an der Herrlichkeit ungehemmter Gefühle. An den Feldrändern weinen Schwäne. Und ich stand an einem abfahrenden Zug und weinte, weil ich wusste, dass ich diese Frau nicht weiter lieben durfte. Zuvor war diese  zwischen zwei Bahnhöfen in der Nacht hin und her gefahren auf der Suche nach mir. Dafür liebte ich sie noch mehr. Welches meine Sehnsucht ist.

Sally fragte sich immer öfter, wie sie zu solchen Worten und Sätzen kam. Sie hatte auch einmal notiert: Glückliche Unbefangenheit oder das Wort „jammervoll“ oder das Recht auf Sehnsucht. Im BGB stand nichts davon. Immerhin – wer aus Sehnsucht Totschlag beging, hatte mehr Glück als in den Opern, wo nichts ungerächt blieb.

Ein Herr kam an Sallys und Albertos Tisch, er lächelte, hielt den Kopf leicht schräg, die linke Schulter höher als die rechte. Er hatte an jedem Tisch eingehalten, ein paar Worte mit den Gästen gewechselt, sein Glas beiseite gestellt. „Es geht Ihnen gut?“

„Ja“,  sagte Alberto und hätte den Mann gerne geküsst. Aber er war heute grenzenlos, nicht gekrümmt vor Sehnsucht, sondern herrlich grenzenlos. Sally reckte sich ins Aufrechte hinein und zog am Jackett. Kleider machen eben keine Leute, dachte sie. Nur gut, dass die anderen in die Irre gehen oder nicht hinschauen.

Der Herr in seinem schönen schiefen Anzug und der schrägen Schulter und diesem Wissen hinter den Augäpfeln, begann, eine Geschichte zu erzählen: „Eine italienische Pensionswirtin verbrachte ihr ganzes Leben in den Dolomiten. Über achtzig Jahre am selben Ort und im selben Haus. Ihr war als kleines Mädchen etwas Wunderbares geschehen. Und so erzählte sie von dem Wunder: An einem herrlichen Sonntagmorgen sei aus den Bergen die Stimme Gottes erklungen, vom Himmel herab habe der Allmächtige laut und deutlich mit ihr gesprochen – es waren die Worte aus dem ersten Radio des Dorfes. Der Wirt war der stolze Besitzer, probierte und drehte an seinem Radio und ließ es mit voll aufgedrehter Lautstärke durch das Alpental schallen. Die Stimme Gottes.“ Dann fragte der Herr, dem ein Teil des Hotels gehörte und der jeden Abend herumging und darauf achtete, dass er mit allen Gästen sprach: „Was haben Sie mir zu erzählen?“

„Von Nanofossilien und der rot-grünen dritten Dimension. Ich bin Paläontologe. Unter all der Schönheit dieses Hotels, der Berge“, Alberto breitete beide Arme aus, „unter uns liegen Meere, Millionen feinster Spuren unserer Geschichte, die wir sehen können, weil es Menschen gibt. Mich, den geschminkten Alberto. Der in Fels und Eis gräbt und kratzt, schabt. Und dann bin ich zu müde, die Augen zu öffnen.“

Sally stand auf, ging zu dem Herrn am Flügel, stellte sich neben ihn und sang: „Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah? Ich träumte von Lieb um Liebe, Von einer schönen Maid, Von Herzen und von Küssen.“

SMS von Alberto: Sally, du träumst. Werde nicht wach. Sally, du weinst, höre nicht auf zu lachen.

Sally sang. Die Gäste waren glücklich berührt. Und als Alberto und Sally in der Nacht durch die Halle gingen, Hand in Hand, hörten sie ein Klatschen, der Mann am Flügel, sie hörten ein Klatschen, die jungen Frauen hinter der Bar, Gäste, der schräg gehende Herr. Ein leises Klatschen.

Sallys Zettel: Ich zeichne mich nicht als Fisch und nicht als Mensch. Nicht als Pfau und nicht als Träne. Ein Kreis, zwei Punkte, ein großer Mund, der Bauch, zwei Arme, zwei Beine, eine Hose. Deine Sally. Meine Sally.

 

 

Ein Satz

 

In der Bäckerei steht ein schwarzer Hund und kläfft: „Sie sollten sich reden hören. Sie haben Depressionen. Nehmen Sie gefälligst Ihre Pillen regelmäßig.“

Die Bäckerei steht auf einer Halbinsel, die sich auf Grund politischer Umstürze vom Land löst. Die Flaggen auf der Uferpromenade werden eingezogen. Die Fähren mit ihren Passagieren zurück zum Festland geschickt. Das Gerede vom Krieg löst sich draußen auf dem Meer in Luft auf. Die Leute auf der Insel kümmern sich nur noch um ihre eigenen Angelegenheiten. Der schwarze Hund hat sich eine grüne Mütze zugelegt.

 

 

Einen Satz später

 

Der Hund mit einer grünen Mütze steht vor seiner Hütte mit dem Schlüssel in der Hand und hat nicht die Kraft und den Willen, den Schlüssel in das Schloss zu stecken. Eine ältere Frau glotzt ihn an.

„Sie wünschen sich doch bei jeder Sternschnuppe, dass sich Ihr Leben ändert“, sagt der Hund und wirft den Schlüssel in hohem Bogen hinter sich. Dann läuft er auf den Jahrmarkt und zieht das Los mit der Nummer elf. Jedes Los bedeutet eine Aufgabe. Der Hund mit der grünen Mütze bekommt aufgetragen, die roten Strahlen der Sonne zu stehlen und sie gut auf der kleinen Insel zu verstecken. „Die Strahlen sind länger als unsere Insel“, sagt der Hund. „Nicht mein Problem“, erwidert der Losbudenbesitzer. Der Hund läuft ans Ende der Insel und betrinkt sich in Piers End mit Whisky.

 

 

© J. Monika Walther

Mehr zu lesen in den Prosabänden: Das Gewicht der Seele und Sperlingssommer

 

 

 

 

 

 

 

 

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J. Monika Walther, geboren in Leipzig, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie, aufgewachsen in Leipzig und Berlin – und kreuz und quer in der ganzen Westrepublik; lebt seit 1966 im Münsterland und den Niederlanden, arbeitet seit 1976 als Schriftstellerin: Prosa, Hörspiel, Lyrik. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien.

 

Zuletzt:

 

2009 erschien der Gedichtband „Querfeldein“ mit CD.

2010 erschien der Erzählband „Das Gewicht der Seele“, 400 Seiten Prosa, herausgegeben von Iris Nölle-Hornkamp

Und: Goldbroiler –oder die Beschreibung einer Schlacht. Eine Kriminalgeschichte, 254 Seiten

2010 erhielt sie ein Stipendium des International writers and translators house in Ventspils/Lettland.

2011: Arbeitsstipendium des Landes NRW

2012 Sperlingssommer, Erzählungen, 270 Seiten  und der Gedichtband Windblüten Maschendraht, herausgegeben vom Kulturgut Haus Nottbeck, LWL

2012: Literaturstipendium 1. Friedrichskooger Koogschreiberin

 

J. Monika Walter & Jana Jürß
Copyright: J.M. Walther

 

 

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