J. Monika Walther

 

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

Vogelmarkt

Wenn ich will, gehe ich jede Woche zum Vogelmarkt. Auf dem Weg dahin werfe ich die Steine der Landstraße durcheinander und trete den Asphalt beiseite. Ich sehe das ölig leuchtende Wasser in den Bächen. Der Federsommer zeigt sich mir geflügelt und voller weißer Tulpen.

Auf dem Weg zum Vogelmarkt rufe ich nach Ordnung und erinnere mich aller Leute, die ich kenne. Nur eine Toilettenfrau ist dabei, ein schwarzer Afrikaner. Ein Eskimo. Viele fehlen.

Auf dem Weg zum Vogelmarkt gehe ich in die verlassenen Häuser und gieße Blumen, füttere die Schildkröten und befreie die trojanischen Esel.

Wenn ich will, gehe ich jede Woche zum Vogelmarkt und versetze mich an deine Stelle.

 

 

 

 

Vogelmenschen


Ich gehe jede Woche zum Vogelmarkt. Die Türe auf und links die Straße hinunter zum Hafen vorbei am heldenhaft gereckt stehenden Soldaten im schweren Mantel das Gewehr dem Feind entgegen. Ich werfe das Standbild nicht um. Ich gehe links dann rechts dann schräg über den Platz vorbei an einer Plastikkuh, die ich melke. Die Milch gebe ich beim Haushaltswarengeschäft ab, der Nutzwert von Milchkannen wird von  der Inhaberin täglich geduldig demonstriert. Ich gehe über die groben Basaltpflaster zum Anleger, vorbei an den Frachtkähnen und Containerschiffen, zur Fähre nach den Affenbrotinseln. Ich gehe bis zu der Bank mit dem alten Mann, der dort seit Jahren sitzt. Er spricht immer dieselben Sätze und ich höre ihm eine halbe Stunde zu. Er sagt, dass er siebenmal siebzigtausendfach eine Frau liebte, die nichts von ihm wusste außer seinen Namen. Er sagt, sie hat mich nicht angesehen und nicht gekannt. Sie war immer in Sonderzügen unterwegs und nie aufzuhalten.

Auf dem Weg zum Vogelmarkt halte ich an den Ständen mit den verzauberten Früchten, berühre Weinbergpfirsiche für eine Sekunde und bin glücklich. Dann gehe ich mir nach und bin dir voraus.

Auf dem Vogelmarkt sind heute Käfige ausgestellt. Goldene, aus Messing, verchromte, darin sitzen in kleinen Sesseln Menschen. Wie du und ich. Vor einem halte ich ein und verbessere meine Tillikenntnisse, bei einem anderen bekomme ich eine Stunde Unterricht im Quadrieren der Kreise. Ich zahle mit Erdnüssen und einem Schokoriegel. Ich lerne Wörter wie Federsommer, Hüpfstange, Menschensteller, Menschenscheuche und Schlafkäfig.

Auf dem Rückweg vom Vogelmarkt komme ich an einer kleinen Garküche vorbei, schmale lange Tische, hohe Bänke, viele kleine Schüsseln. Die Tauben unter sich, die Krähen und Sperlinge. Möwen. Meisen und Finken. Vögel, die schnabulieren. Ich gehe vorbei, zurück zum kämpfenden Soldaten auf seinem Sockel. Ich stoße das Denkmal nicht um. In meinem Zimmer schließe ich mich ein. Ich esse süßes Brot mit Fischstreifen aus Dorschbäuchen. Dazu saures Kraut mit Dillgurken.

 

 

Vogelkäfige


Ich gehe jede Woche zum Vogelmarkt im Hafen. Der Hafen findet jede Woche an einem anderen Ort statt. Mein Haus steht seit Jahren gegenüber der Kirche. Die Kirchtüren werden morgens um neun geöffnet und nach dem Abendgottesdienst geschlossen. Ich gehe durch meine Haustüre, trete den Asphalt und Sand. Trete gegen Schotter und Bordsteinkanten. Danach schlendere ich lächelnd.

Auf den Affenbrotinseln habe ich mir in geheimer Mission einen kleinen Schlüssel anfertigen lassen. Winzige Schlüssel. Von winzigen Affenhänden. Sie betreiben dort zusammen mit Menschenhändlern sehr lukrative Geschäfte. Fische, Vögel, Menschen aller Art werden auf kleinstem Raum gehalten, einander verfüttert, ein fortwährender Kreislauf, bei dem die Affen und Händler gewinnen.

Ich gehe jede Woche zum Vogelmarkt. Vorbei an einer Kirche, deren Türen morgens um neun aufgeschlossen werden. Vorbei an einem Leuchtturm, der ohne Feuer und Strom Irrlichter aussendet. Die Kapitäne laufen gerne am Strand auf und verteilen ihre Ladungen an die Bevölkerung. Den Schaden bezahlen Versicherungen in fernen Ländern.

Ich gehe über eine Brücke hinüber an das andere Ufer. Zum Vogelmarkt. Ein Käfig reiht sich an den anderen, die dünnen Stäbe glänzen in der Sonne. Die Schlösser sind aus gebürstetem Metall, winzig. Aber ich habe den Schlüssel und wenn die Händler beschäftigt sind mit Erklärungen, Geld zählen und herausgeben, dann schließe ich einen Käfig auf, öffne die Tür. Nur wenige der Vögel finden den Weg hinaus, bevor die Händler aufmerksam werden. Aber einige fliegen davon. Und ein Zeisig folgt mir nach Hause. Sitzt vor mir auf dem Tisch und pickt aus der Dose mit den Danziger Ölsardinen.

 

 

J. Monika Walter & Jana Jûrß
Copyright: J.M. Walther

 

 

Vogelmarkt


Wenn ich will, gehe ich jede Woche zum Vogelmarkt. Ich gehe gerne hinunter zum Hafen. Ich schließe meine Sardinendosen, lecke meinen Löffel Honig ab, nehme eine Mandel in die Hand, küsse in die Luft und öffne die Tür. Hinaus. Die Schneetulpen blühen und ich gehe hinunter zum Hafen, hüpfe Himmel und Hölle, hebe die Welt wie eine Feder von meiner Seele. Was ich alles in meiner Hosentasche versteckt habe.

Ich öffne die Tür und gehe gegenüber in die Kirche, die blaugrau gestrichenen Bänke und Emporen, die Kirchenfreunde, die putzen und polieren, schmücken und reden. Ich gehe weiter und teile alle Probleme, meine, die der Marktfrauen, die des Holzhändlers und die der städtischen Verwalter, in Probleme verschiedener Kategorien auf. Fenster öffnen, Sterne hereinlassen und alle Gedanken den Behörden verheimlichen.

Ich gehe jede Woche zum Vogelmarkt. Der Fluss duftet nach dem verladenen Holz, nach Tang und Fisch. Ich gehe bis an das Ende des Marktes. Ein schöner Käfig mit einem Tulpenvogel. Der Händler ist beschäftigt. Ich öffne das Schloss, der Vogel kommt und wir fliegen fort.

 

 

 

 

Fotos (c) Barbara Dietl

 

 

 

 

 

 

 

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© J. Monika Walther

 

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www.koogschreiberei.de

 

 

J. Monika Walther, geboren in Leipzig, stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie, aufgewachsen in Leipzig und Berlin – und kreuz und quer in der ganzen Westrepublik; lebt seit 1966 im Münsterland und den Niederlanden, arbeitet seit 1976 als Schriftstellerin: Prosa, Hörspiel, Lyrik. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien.

 

Zuletzt:

 

2009 erschien der Gedichtband „Querfeldein“ mit CD.

2010 erschien der Erzählband „Das Gewicht der Seele“, 400 Seiten Prosa, herausgegeben von Iris Nölle-Hornkamp

Und: Goldbroiler –oder die Beschreibung einer Schlacht. Eine Kriminalgeschichte, 254 Seiten

2010 erhielt sie ein Stipendium des International writers and translators house in Ventspils/Lettland.

2011: Arbeitsstipendium des Landes NRW

2012 Sperlingssommer, Erzählungen, 270 Seiten und der Gedichtband Windblüten Maschendraht, herausgegeben vom Kulturgut Haus Nottbeck, LWL

2012: Literaturstipendium 1. Friedrichskooger Koogschreiberin

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