Interview mit Zurab Rtveliashvili

 

 

(Georgien)

 

 

 

DIKTATUR DER POESIE

 

 

 

 

RD:Zurab Rtveliashvili, ein Dichter wie ein Unwetter-Sturm-Taifun-Tornado, wie man ihn heutzutage nur sehr selten sehen und erleben kann. Herzlich Willkommen in der Welt der Levure littéraire. Wie immer in meiner journalistischen Arbeit mit Schriftstellern und Künstlern, möchte ich mit Ihrem Vornamen beginnen, den ich klanglich sehr schön finde, sprudelnd, Poesie, Lärm, Energie, Metamorphose enthüllend. Wollen wir über die Bedeutung des Namens reden und davon, was er Gutes in ihrem Leben brachte?

 

ZR:Ich danke Ihnen für die großzügigen Komplimente über mein künstlerisches Erscheinungsbild, das ist eine besondere Verantwortung für jemanden, dem die Dichtung das wichtigste Credo im Leben und aktives Medium der Selbstäußerung geworden ist. Was meinen Namen betrifft, stammt er wohl etymologisch aus dem antiken Persien. Zurab, so nannte man Rubin, den roten Edelstein. Auch der große persische Dichter Firdausi nannte im 10. Jh. einen der Haupthelden seines Epos „Schāhnāme” Zurab. Ich denke aber, jeder Name ist ein verbales Klischee und es ist unmöglich, dass er uns negativ beeinflusst oder Erfolg bringen kann. Man benennt ja auch Autos, Schiffe, Flugzeuge und Raumfahrzeuge, aber deren Schicksal liegt in der Hand desjenigen, der das Steuer fest in der Hand hält.

 

RD: – Platons Dialog Kratylos spricht über den Einfluss von Vokalen und Konsonanten des Namens auf den Charakter eines Kindes, das eines Tages erwachsen wird. Wie war Zurab, das Kind? Wie verlebte er seine Kindheit und Jugend? Was ist später aus ihm geworden?

 

ZR: – Es ist sicher kein Zufall, dass Sie mich genau auf “Kratylos” ansprechen, Platon kommt genau an der richtigen Stelle in unser Gespräch, später werde ich noch mehr darauf eingehen. Ich weiß nicht, ob heutzutage jemand genau definieren kann, woraus unsere Kindheit besteht oder womit man sie assoziiert. Die bewussten Menschen sind sich mehr oder weniger einig, dass die Welt, in der wir leben, voll von unterschiedlichen Gefühlen ist, die sich gegenseitig ausschließen. Es sind Gefühle, visuelle Erinnerungen, aber keine von ihnen ist von statischer Natur. So könnte ich jetzt sagen, dass meine Kindheit aus einer Collage von Stimmen und Gerüchen, ohne direkte Verbindung zu den Geschichten aus semantischen oder verbalen Zeichen besteht. Ein solcher Zugang gibt mir die Möglichkeit, mir ein energieinformatives Bild vorzustellen, das vielleicht nicht der Vorstellungen der Anderen von dem Phänomen entspricht, das wir Kindheit nennen.

 

 

 

 

Aus meiner Kindheit ist mir das Bild eines mystischen Wolfes sehr deutlich in Erinnerung geblieben. Es kam zuerst als eine Stimme, die später visualisiert wurde. Stellen Sie sich ein Kind von 4-5 Jahren vor, das die Eltern alleine zu Hause gelassen haben. Es nähert sich der geschlossenen Tür und aus einem engen Loch hört es ganz deutlich die langanhaltende, ohrenbetäubende Stimme des Wolfes, eine unheimliche und erschütternde Stimme. Ich hörte diese Stimme aufmerksam, auf den Boden gebannt, und diese Stimme hatte ganz deutliche Farben, glühend grün mit roten Tönen gemischt. Ja, genau solche Farben hatten diese Stimmen… Dann erschien vor mir auch eine Silhouette dieses unheimlichen Wolfes am Ende des dunklen Korridors. Wir sind einander gegenüber stehen geblieben in dieser Einsamkeit und sofort engste Freunde geworden. Dieses zauberhafte Gefühl werde ich nie vergessen, es begleitet mich mein Leben lang.

 

 

 

 

Später habe ich den Lärm eines O-Busses entdeckt. Er quälte sich einen Berg hinauf und hatte eine stöhnende Stimme. Oder nehmen wir die seltsamen Vokalkompositionen, von der industriellen Tätigkeit erschaffene seltsame Wesen, das melodische Knarren von schweren Eisentüren im Wind und vieles andere. Sie sind viel natürlicher und interessanter als das künstlerische Werk manch eines Komponisten.

 

Vielleicht hat gerade diese Erfahrung mein besonderes Interesse für solche Musiker wie Karlheinz Stockhausen oder John Cage geweckt und vermutlich entstand schon damals meine große Vorliebe gegenüber der avantgardistischen Tradition, natürlich noch auf der Ebene unbewusster Impulse.

 

Wie Millionen Menschen meiner Generation, die wie ich in der Sowjetunion geboren und aufgewachsen sind, war ich Zeuge der politischen imperialistischen Macht der Sowjetunion, ihrer Erosion und ihres Zerfalls… Als ich fünf Jahre alt war, hat mein Vater mich mit verbotenen Früchten wie Twist&Shake bekanntgemacht. Rhythmen des illegal kopierten Rock’n’ Roll konnte man oft in unserer kleinen und gemütlichen Wohnung hören. Ich erinnere mich auch an den großen Eindruck, den der Film Alexander Newski von Sergej Eisenstein (1938) im Kino auf mich machte, und die geniale 9. Symphonie von Schostakowitsch, die ich oft aus unserem braunen Radio hörte. Erst später erfuhr ich den Namen Schostakowitsch, aber für meine Kinderohren hatte ihr Klang eine besondere Bedeutung. Lange stand ich vor dem Radio an der Wand und dirigierte ein imaginäres Orchester. Damals träumte ich sogar davon, Musikdirektor zu werden. Ich lernte Gedichte für Kinder und Erwachsene auswendig, ziemlich komplizierte Gedichte und trug sie der Familie und unseren Gästen vor. Man könnte sagen, dass dies meine ersten schauspielerischen Erfahrungen und ersten Performances waren…

 

RD: – Zurab, Ihre physische Präsenz ist wirklich beeindruckend. Sie könnten ganze Berge versetzen oder eintausend Eiffeltürme zerlegen. Wie sehen Sie mit diesem intensiven Blick die Welt der Poesie von heute?

 

ZR: – Ihre Worte erinnern mich an ein Zitat des einflußreichen Anarchisten Michail Bakunin: „Let us therefore trust the eternal Spirit which destroys and annihilates only because it is the unfathomable and eternal source of all life. The passion for destruction is a creative passion, too! »

 

Meiner Meinung nach ist es eines der besten Beispiele, das das wahre Gesicht der Revolution und ihren Aristokratismus zeigt, und nicht ihren spontanen, als Gewalt wahrgenommenen, Charakter. Jede Leitfigur, ob Religionsführer, Revolutionär oder Reformator trägt in sich poetische Energie, und es ist nebensächlich, wie sie selbst ihre Tätigkeit, ihre Theorie oder Predigt nennen. Das Zitat von Bakunin ist einer der schönsten Beispiele der Weltdichtung nicht wahr? Shiva vernichtet die Welt nicht, um sie völlig sterben zu lassen. Es ist ein viel tieferer, ein transzendentaler Prozess, immer von der Erneuerung der Poesie begleitet.

 

 

 

 
Wenn die Bastille nicht völlig zerstört wird, gibt es keine neue Perspektive für ein neues Bewusstsein. Aber derjenige, der das Autodafé organisiert hat, hat schrecklich verloren, denn er hat die positive Perspektive der Erneuerung nicht ins Spiel gebracht. Die Doktrin basiert nur auf Zerstörung und sieht wie ein Zombie aus. Es ist eine Manifestation der Kultur des Todes und sie hat keine Zukunft. Beispiele dafür sind der Bolschewismus, Faschismus und andere soziale und politische Bosheiten.

 

 

 

 

Um ihre Frage ansatzweise zu beantworten, wie ich die heutige poetische Welt sehe, kehre ich zu Platons “Kratylos” zurück, denn sicher haben sie nicht zufällig daran erinnert. Ich glaube, er ist ein ebenso wichtiger Dichter wie Homer. Seine globale, philosophische Performance begann er mit seiner eigenen und neuartigen Poetik. Platon hat das philosophische Spiel seiner Zeit als geeignetste Plattform genutzt, um darauf seine unsterblichen, poetischen Dialoge zu bauen. Deshalb sind seine eigenständigen Meinungen eher als poetische Metaphern wahrzunehmen, und nicht als Axiome oder fixe Theorien. Diese Art von Denken hat sein Schüler und Antipode Aristoteles weitergeführt. Dichtung hat eine ganz vielfältige Natur, sie ist immer offen, um von den stets sich wandelnden Versionen der Welt zu erzählen. Im „Kratylos” spricht Platon von den begrenzten Möglichkeiten der verbalen Ausdrucksmittel. Dieses Kommunikationsphänomen zeigt er als absurdes Spiel. Solche Art von anarchistischer Vision können nur solche Denker wie Platon und Nietzsche hervorbringen.

 

Meiner Meinung nach sieht sich der Künstler unserer Zeit anders als der Künstler im klassischen Sinn, so wie auch ich früher war und gewissermaßen immer noch bin. Ich meine, ich bleibe immer noch ein sprachlicher Dichter, denn wie meine KollegInnen, bin ich abhängig von der rauhen Matrix des verbalen Bewusstseins. Aber im Vergleich mit ihnen nehme ich diese Abhängigkeit deutlicher wahr und spreche oft durch verbale Zeichen davon, dass Poesie von dieser stagnierenden, sich herauskristallisierten, Kultur befreit werden muss. Ich glaube nur durch dieses widersprüchliche Suchen entstehen die nächsten Perspektiven einer andersartigen Poetik.

 

RD: – Warum Poet und nicht Politiker? Warum Poet und nicht Armee-General oder Chirurg? Was suchen Sie im Land der Poesie?

 

ZR: – Ich denke, theoretisch trägt ein Poet viel mehr Rollen in sich, als Berufe in ihrer Frage vorkommen. Es ist selbstverständlich unmöglich, dass der Dichter zugleich kein Politiker ist, denn wenn ein Dichter die Realität adäquat wahrnimmt, wird er unbedingt die in der Welt und natürlich in seinem eigenen Land existierenden sozialen und politischen Probleme reflektieren. Der Dichter der im Zentrum der Schlachten der Kulturpolitik steht, ist sicher auch ein General und Stratege, der neue Richtungen und Perspektiven in der modernen Literatur bestimmt. Da verwendet er erfolgreich alle theoretischen und praktischen Waffen, die in seinem Arsenal zu finden sind… Chirurg? Warum nicht, aber eher Neurochirurg, der sorgfältig mit seiner ätherischen Hand in die feinen Gewebe des Bewusstseins eintritt, damit er Störungen konkreter oder allgemeiner Maßstäbe, Schäden oder Hindernisse entdeckt, die das normale Funktionieren des Bewusstseins behindern und seinen Entwicklungsprozess stören. Diese Aspekte können politisch, sozial oder religiös sein.

 

 

 

 

Es gibt nicht viele Dichter oder Schriftsteller die das kulturelle und sozialpolitische Leben ihrer Zeit stark beeinflussten. Häufig ist ihr Handeln von sehr widersprüchlichem Charakter. Ein gutes Beispiel bietet uns der große französische Vaganten-Dichter, von dem Wladimir Majakowski in einem seiner bekannten Gedichte schrieb: „François Villon raubte, wenn er nicht schrieb“. Oder erinnern wir uns an den mutigen Seemann und Dichter Luís Vaz de Camões, den bedeutendsten Dichter Portugals, oder den Rebellen und Skandalautor Arthur Rimbaud, und Wladimir Majakowski, den Dichter-Revolutionär, der seine Literatur wörtlich meinte.

 

 

 

 

Der letzte Samurai der japanischen Kultur – Yukio Mishima – der die Dichtung zum Harakiri-Ritual erhob, hat damit nicht nur die japanische Realität erweitert, sondern diese fatale Performance war für mich ein Symbol einer umfassenderen Aktion. Und am Ende erinnern wir uns an Gabriele D’Annunzio – Held des I. Weltkrieges, Militärpilot, Klassiker der italienischen Literatur und Begründer der ersten poetischen Republik Fiume. Diese Republik existierte mehr als ein Jahr lang, hatte eine eigene, wie ein Gedicht geschriebene Verfassung, Hymne und Fahne. Dies ist für mich ein besonders interessanter Präzedenzfall dafür, wie in der modernen Zivilisation die beste gesellschaftliche Vereinigung aussehen könnte. Dieses Modell müsste vervollkommnet werden, natürlich gilt zu beachten, dass dieses visionäre Projekt zu Anfang des XX. Jahrhunderts entstanden ist. Das einzige, was ich in D’Annunzios Biografie nicht akzeptieren kann, ist, dass er sich nicht von Mussolini distanziert hat. Obwohl D’Annunzios versuchte, als Dichter und Staatsangehöriger autonom zu sein, stand er als Künstler immer über der sozialen und politischen Doktrin. Der Versuch ihn wie Knut Hamsun zu stigmatisieren, bedeutet nichts anderes als die Marginalisierung dieses eigenartigen Projektes auf der Ebene der Politiker und Beamten, denn die Starken und Selbstständigen beunruhigen immer die Regierungen, die ihrerseits vom wirtschaftlichen und politischen Willen der transnationalen Korporationen abhängig sind. Wir wohnen in so einer Epoche, wo das quantische Bewusstsein immer stärker wird, die modernen Technologien ändern und verfeinern sich immer schneller. Die massive Entstehung autonomer und sich selbst regierender Gruppen und ihre Verbreitung auf dem Planeten ist nur eine Frage der Zeit. Bald werden wir alle Zeugen davon sein, 20-30 Jahre haben in der Geschichte keine Bedeutung. Wir leben und wirken in einer höchst interessanten Zeit, das haben viele noch nicht wahrgenommen und leben mit veralteten Denkprinzipien, etwas träge und mechanisch weiter. Um mich sehe ich wenige Schriftsteller oder Künstler, die sich bemühen, die linguistische Matrix zu verlassen um neue und interessante Kommunikationsmittel zu entdecken, mit denen man ein alternatives Bewusstsein aufbauen kann.

 

RD: – Ist das in unserer Zeit und unter unseren Bedingungen überhaupt möglich?

 

ZR: – Dies frage ich mich auch von Zeit zu Zeit. Es war wohl immer möglich, die oben erwähnte Matrix zu verlassen. Ich kenne Künstler, die unermüdlich, als wäre es an der Tischlerbank, ohne Pause arbeiten. Für sie ist es nicht wichtig, was für eine ästhetische Bedeutung oder Idee diese Tischlerbank hat. Ich möchte diesen anständigen und begabten Leuten zurufen, dass ihr Vater, der diese Matrix vor langer Zeit gebaut hat, vor kurzem gestorben ist. Dass der Vater der mit ganzem Herzen seinen Lehrer liebte, und immer fest für die Wahrheit war, gestorben ist! Vielleicht werden sich hier einige an den von Cervantes paraphrasierten Aristoteles erinnern, der seinerseits Platons Worte aus seinem bekannten Dialog paraphrasiert. Ich meine hier den Tod in einem viel größeren Maßstab als es die Denksysteme dieser zwei großen Autoritäten sind… „Vater ist tot! Vater ist tot! Vater ist tot!“ – wiederhole ich immer wieder diesen unsterblichen Satz und denke an meine Performance „Papa was a Trolling Stone » in der Form der politischen Kritik, die direkt jene totale Falschheit betrifft, die das auf dem verbalen Bewusstsein gebaute globales System schafft und repliziert. Da möchte ich, dass jeder Dichter der jungen Generation wahrnimmt, dass der Vater tot ist und er alle, mehr oder weniger wichtige Doktrinen des alten Bewusstseins in die andere Welt mitgenommen hat und das einzige und letzte ikonische Objekt, dass der fortgeschrittene Mensch, Zukunft empfindend, den verstorbenen Vater mitnehmen ließ, war selbstverständlich ein provokatives Szenario für postmodernistische Spiele.

 

 

 

 

RD: – Zurab, Sie wurden 1967 in Karaganda in Kasachstan geboren. Inwieweit hat Ihre Kindheit Ihr Schicksal und Ihr poetisches Universum beeinflusst? Was ist Ihre erste schöne Erinnerung aus Kindertagen? Und an welches erste traurige Erlebnis erinnern sie sich?

 

ZR: – Unsere Kindheit ist ein Ort voller Poesie unerfüllter Sehnsucht und Freude. Heute fällt es mir schwer, mich an die vielen freudvollen Tage zu erinnern. An jenen, an dem ich mir im Konzertsaal der Schule vor zahlreichem Publikum bei der Interpretation des Gedichtes „Merani” von Nikoloz Baratashvili (1817-1845) den ersten Applaus verdiente. Oder als mir meine Eltern aus den baltischen Ländern das erste Spielzeug – ein blaues Auto der Marke Ford – als Geschenk mitbrachten. Es war das erste Tretauto in unserem Hof, meiner Erinnerung nach ließen die Mädchen ihre Plastikpuppen liegen, fuhren mit mir Auto und schrien vor Freude. Die Jungs dagegen, schauten zu und fragten selten, ob ich ihnen das Auto leihe. Mir imponierte dieses Gefühl, der Grund für dieses gemeinsame Fest zu sein.

Die erste dauerhafte schmerzhafte Erfahrung war die Trennung meiner Eltern, die, wie so viele Paare nicht begriffen, welches Trauma die empfindliche Psyche eines Kindes davonträgt. Noch heute in Phasen des Zweifels oder wenn ich ernste Entscheidungen treffen muss, finde ich diese Spuren aus meiner Kindheit. Nie wieder konnte ich voller Freude die Welt als Ganzes sehen, suchte immer wieder die getrennte Familie zu vereinen, aber mein Wille war nicht stark genug, um diese familiären Rituale wiederzubeleben. Ich wurde bald vom Vater, bald von der Mutter entführt, verbrachte einen großen Teil meiner Kindheit im Flugzeug. Letztendlich lebte ich bei meinem Vater und vermisste meine Mutter, die ich selten sehen konnte.

 

 

 

 

RD: – Die Jahre vergingen…

 

ZR: – Ja und die Sowjetunion zerbrach und viele Menschen hatten neue Adressen. Es wurde schwieriger zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken zu reisen, zumal sich die Beziehung zwischen Russland und Georgien extrem schwierig gestaltete. Das Imperium wollte seinen politischen Einfluss nicht verlieren, Georgien war ja das erste Land, das nach langem und unermüdlichem Kampf die Sowjetunion verlassen hatte, es folgten Provokationen des Kreml und der Krieg zwischen Georgien und Russland. In dieser schwierigen Zeit war auch die Verbindung zu meiner Mutter unterbrochen, erst nach 25 Jahren konnten wir uns durch einen glücklichen Zufall wieder begegnen.

 

Interessanterweise endete unsere neue Trennung 2008…

 

 

 

 

RD: – (…) mit dem Krieg zwischen Russland und Georgien.

 

ZR: – Ja, als ich mich von meiner Mutter und meiner jüngeren Schwester am Schiff verabschiedete, hatte Russland schon 20% des Territoriums von Georgien okkupiert.

Logischerweise hat jedes erwähnte Ereignis mein poetisches Universum geprägt, ja, ich wurde in den Jahren zum Rebellen gegen das Imperium. Hier spielt auch mein Großvater väterlicherseits eine Rolle, der dem sowjetischen System gegenüber feindlich eingestellt war. In seiner Studienzeit wurde er zufällig vor der Verbannung nach Sibirien gerettet. Aber wegen seiner Kritik an der Sowjetunion saß er mehr als ein Jahr in einer Einzelzelle in Untersuchungshaft des NKWD. Der Widerstand gegen das Regime kostete ihn nach einer Notoperation seine tuberkulosekranke Lunge.

 

Meine erste ernste Konfrontation mit der sowjetischen Ideologie hatte ich 1983 beim 200 -jährigen Jubiläum der sogenannten Vereinigung Georgiens mit Russland. An diesem verhassten Datum der Annexion Georgiens durch Russland war ich 13 Jahre alt und habe mit Kreide an die Tafel die Strophe eines antisowjetischen Gedichtes geschrieben, in dem ich dieses Ereignis „Fest der Sklaven” nannte. Die Reaktion der Lehrer war hysterisch und meine Familie und ich hatten Glück, dass die Stalinzeit vorbei war, in der wir davon hätten träumen können, nur mit einer Verbannung nach Sibirien davonzukommen.

 

 

 

 

1988 endete mein Wehrdienst in der sowjetischen Armee und ich widmete mich völlig der antisowjetischen dissidentischen Bewegung, deren endgültiges Ziel die staatliche Unabhängigkeit Georgiens war. In jener Zeit ohne Internet schrieben wir uns Telegramme. Zu einer festgelegten Zeit ging ich zum Hauptpostamt der Stadt und kommunizierte mit meinen Kollegen in Vilnius, Petersburg, Tallinn, Moskau oder Kiew. Wir tauschten durch Codes verschlüsselte Nachrichten über die Opposition, Protestaktionen und Veranstaltungen. Einiges Material veröffentlichte ich im Underground Magazin „Kvali” (Spur). Natürlich wurde jeder auf diese Weise aktive Mensch unserer Generation vom KGB überwacht und auf oft subtile Art bedroht oder erpresst, z.B. kam ein Polizist auf Hausbesuch und warnte streng, dass man innerhalb eines Monates Arbeit finden müsse, sonst würde einen das Gericht wegen Asozialität zu einer Haftstrafe verurteilen.

 

Als frisch entlassener Rekrut wollte ich vor allem schreiben und gegen das bolschewistische Regime kämpfen. Im November 1988 fand in Tiflis die erste größere Protestaktion statt, die sich auch in anderen Städten verbreitete. Mehrere 100.000 Menschen forderten auf der Straße die Loslösung von der Sowjetunion. Bis zu einhundert junge Menschen begannen vor dem Parlament, die Forderungen mit einem Hungerstreik zu unterstützen. Unter diesen waghalsigen jungen Menschen war auch ich. Heute kann man schwer nachvollziehen, wie riskant solche Provokationen waren, vor dem in Agonie sich windenden bolschewistischen Drachen einen nationalen Tanz zu tanzen.

 

RD: – Meiner bescheidenen Erfahrung nach hält die Öffentlichkeit einen Poeten, der stark und unangepasst, untypisch, direkt und mutig ist, für gefährlicher als einen starken Politiker. Sie assoziiert seine Poesie mit Anarchie, mit der Tonmalerei, mit dem Tumult von Gefühlen und intimen Weisheiten. Denn die Poesie ist bereits ein verrückter Code, gruselig und ausgeflippt. Die Welt hat Angst vor der aufbrausenden Poesie, vor der engagierten Poesie, der Poesie, die das „Maul des Bösen“ angreift. Ist Ihr Schreiben eine Gabe oder eine Macht?

 

 

 

 

ZR: – Einen gut gegliederten Text aus verbalen Zeichen kann heute jeder schreiben. Auch kommerziell erfolgreiche Werke sind keine Seltenheit mehr. Vielleicht existiert die Popkultur genau deshalb, aber mit kulturellen Innovationen haben sie nichts zu tun, eher folgen sie philosophisch und ästhetisch dem Prinzip „Brot und Spiele”.

 

Die Frage lautet also: Wie wichtig ist es in der Epoche des quantischen Bewusstseins, dass man nur ein guter Meister des Textschreibens ist? Auch einige Primaten und Vögel lernen verbale Zeichen ziemlich gut, gehören trotzdem nicht zur Menschheit und versuchen auch kein künstlerisches Werk zu schaffen. Sie brauchen dieses ungeschickte, künstliche Spiel gar nicht. Sie haben auch keine Selbstzensur, die ihre Stimmungen schon vorher beschränkt. Haben Sie schon einmal von einem Schimpansen als Prosaiker, einem Kakadu oder Raben als Dichter gehört? Natürlich nicht, aber was heute im postsowjetischen Raum, also auch in Georgien geschieht, erinnert mich an die Gründungsphase der Sowjetunion, als auf allen Gebieten die Diktatur des Proletariats festgelegt wurde. Es war eine formalistische Welle ohne Intelligenz, die aggressiv neue Tendenzen der Georgischen Literatur und Kunst einschränkte und vertrieb. Dasselbe geschah in der postsowjetischen Phase, als die avantgardistische Literatur in den 1990er Jahren neu begann und ab dem Jahr 2000 marginalisiert und dann vom Mainstream der neobolschewistischen Ästhetik in den virtuellen Underground verbannt wurde. Hinter den Kulissen beeinflussen oft Politiker, Oligarchen, ihre Frauen und Männer, Business-und Sexpartner das Schicksal künstlerischer Projekte oder die Herausgabe eines Buches.

 

RD: – Um an dieser Stelle zu meiner Frage zurückzukehren…

 

ZR: – … wie die Poesie heute von einer Welt wahrgenommen wird, deren Hauptmerkmal die Form der verbalen Kommunikation und des Bewusstseins ist. Die Welt, die immer noch auf statistischen Wahrheiten beruht und gleichzeitig weiß, dass sich der Status quo in jedem Moment ändern kann, das heißt, worauf das Wohlbefinden und die Sicherheit gebaut wurde.

 

Kann eine so unkreative Welt offen für radikal neue Formen der Poesie sein? Der moderne Mensch muss verstehen, dass traditionelle Ausdrucksformen der Dichter seit Langem tot sind, vor allem, seit es Massenkommunikationsmittel wie das Internet gibt. Die neuen Technologien erwecken den Eindruck, dass man alles, was man sich vorstellen kann, ungeachtet des Kontextes und der intellektuellen Möglichkeiten, auch verwirklichen kann. Als virtuelles Spiel wäre es nicht so gefährlich, aber im post-sowjetischen Raum, in dem Millionen Arbeitern, Bauern, Ingenieure und Lehrer ihre Arbeitsplätze und ihre gesellschaftliche Aufgabe verloren haben, entwickelt sich eine neue Dimension. Hunderttausende Menschen fühlen sich gedemütigt durch einen inhumanen und wilden Kapitalismus, ganz ohne Krieg oder Massenrepression wie früher. Der Systemzerfall nahm den Menschen die Möglichkeit, sich und ihre Familie durch Arbeit zu ernähren… das Internet, Sekten und Kirchen wurden zum Mittel der psychologischen Selbstverteidigung und der Kompensation moralischer Notstände.

 

 

 

 

Das manipulierende Internet gab den Leuten die Illusion, dass alles vorhanden sei. Keineswegs bin ich gegen den technologischen Fortschritt, er bestimmt das Schicksal der kommenden Zivilisation, vernünftig angewandt, kann er der realen Rettung und Selbstbestimmung dienen.

 

Meiner Ansicht nach sieht die Realität so aus: Durch die Illusion allgegenwärtiger Verfügbarkeit ist die kulturelle Sphäre beschädigt, da sie vor der Expansion des überflüssigen Dilettantismus nicht ausreichend geschützt war. Es handelt sich schließlich um das empfindlichste Feld der menschlichen Zivilisation, deren materielles Vermögens und Schicksal ganzer Völker in der Hand eines veralteten, machtvollen politischen und sozialen Systems bleibt. Der Dichter oder kreativ denkende Mensch wurde auf dem Altar der Illusionen geopfert. Das System bestraft diejenigen, die offen reden und die massive Illusion der Verfügbarkeit erschüttern.

 

 

 

 

In der polytheistischen Antike wurden ungehorsame Helden im Namen der Götter wie durch eine unsichtbare Inquisition bestraft, so wie Prometheus, der georgische Amiran, an die Berge des georgischen Kaukasus gefesselt wurde. In der Zeit monotheistischer Religionen ließ das System zumindest teilweise die Maske fallen. Die sichtbare Inquisition verbrannte im Namen Christi Menschen wie Giordano Bruno, die den sakralen Institutionen gefährlich wurden, auf dem Scheiterhaufen, und bedrohte Nikolaus Copernicus oder auch Dante Alighieri.

 

Heutige Whistleblower wie Julian Assange von WikiLeaks verurteilt man zu lebenslanger Haft oder begräbt sie lebendig in der Botschaft eines Landes.

 

RD:Welchen Einfluss hat unter diesen Bedingungen also jener Dichter oder Künstler auf das Publikum, dem sein Ziel und seine Rolle im Raum der neuen Zivilisation noch nicht bewusst ist?

 

ZR: – Vor kurzem während der Theaterprobe kam ein Mitarbeiter wie verrückt hereingelaufen und bevor er etwas sagte, hörte ich schon im Ohr die Namen bekannter Städte: Paris, Brüssel, Berlin, London. Da wusste ich, dass der Terrorismus auch Stockholm erreicht hatte (Anm. des Hrsg: gemeint ist das Terrorattentat in Stockholm vom 7. April 2017). Die Probe wurde unterbrochen, alle gerieten in Panik und in uns allen erstarb augenblicklich alles Künstliche und Theatralische. Ich begriff, dass ein schreckliches Ereignis von diesem Ausmaß jegliche Empfindung von Tragik oder Triumph auf der Bühne oder zwischen Buchdeckeln tötet. Ich hatte den Eindruck, vor mir Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch auf der weißen Wand zu sehen. In einem solchen Fall löscht sich jede Farbe, die Welt wird durchaus präzise und streng um ihre Vielfalt zu zeigen und man sieht ihr ungeheuer großes Gesicht sehr deutlich und ohne Schminke. Noch einmal versteht man, dass jedes mögliche Theater, nicht nur akademisches oder avantgardistisches, sondern alle Formen, politisches, soziales, religiöses Theater auf einmal gestorben sind, eine große Epoche zu Ende ist und Das Schwarze Quadrat von Malewitsch fällt wie ein Vorhang vor dem weißen, leuchtenden Äther.

Bombardierung zerstört Literatur und beeinflusst das Bewusstsein des Menschen, aber kann den unendlichen Versionen der paraverbalen Poetik nicht schaden. Unsere verbale Geschichte ist nur eine Art der sich ständig erneuernden Varianten, die sich ihrem logischen Ende nähert. Mit seiner Vision hilft der Dichter, schneller an dieses Ende zu kommen, womit er den Raum für neues Denken in einem neuen kosmischen Zyklus vorbereitet.

 

 

 

 

RD: – Sie sind Dichter/ Poet und zugleich Multi-Media-Performer. Wie haben Sie ihre Verse und vor allem ihre wichtigen Aussagen und Botschaften geschmiedet. Welche Rolle haben Sie ihrer Stimme als Autor gegeben. Ästhetisch? Lyrisch? Politisch? Sozial/ Gesellschaftlich?

 

ZR: – Schmieden ist ein sehr passendes Wort für jenen Prozess, in dem unser poetisches und ziviles Bewusstsein entwickelt wird. Poesie ist mein innerer Zustand, den ich der Äußeren Welt zeige. Es ist nicht nur der Versuch eines von der Literatur abhängigen Menschen, in der Gesellschaft seinen Platz zu finden, der Dichter ist selbst Inspirator und Initiator des Prozesses. Ich schaffe Material, oder, um es besser zu sagen, ich entnehme poetische Formen aus existierendem Material. Das können Details aus dem Aufruhr sein, den ich selbst inspiriert und verwirklicht habe. Jedes Gefühl, das in mir entstand, verwandelt sich in die von mir gewünschte Realität. Der poetischen Stimme kann man keine Rolle geben, man wird selbst Teil dieses mystischen Fließens, das unser Schwimmen und die Richtung des Schiffes bestimmt. Es ist die Richtung, aus der man in die äußere Welt Blumen, fröhliches Lachen, das Dröhnen der Kanonen oder den Aufruf zum Aufstand wirft… Jede Aktion-Performance ist meine Stimme, die alle Aspekte betrifft, politische, soziale, kulturelle und was am wichtigsten ist, auch die kosmischen.

 

RD: – Für Ihre Poesie haben Sie ein wirklich originelles und unerwartetes Konzept erfunden, Texte mit einer außergewöhnlichen, hervorragenden Inszenierung in der Öffentlichkeit vorzutragen? Zwischen dem Schreiben eines Textes und seiner Präsentation als poetisch-politische Show, wie sieht Ihr künstlerisches Labor aus? Kann man von einer Wegstrecke sprechen, einer ideellen Reise, moralisch und als Bürger, die ihre Gedichte zurücklegen, vom ersten Gedanken auf dem Papier bis zum öffentlichen Spektakel vor ihrem Publikum?

 

ZR: – Das Konzept, dass ich gewählt habe, entspricht am besten meiner poetischen Welt und ihrem heutigen Zustand… Wir stehen vor der Geburt der alternativen (buchstäblich jenseitigen)…

 

RD: – Poesie…

 

 

 

 

ZR: – … ja, die Poesie geht zu ihrer ursprünglichen Natur zurück und ist gleichzeitig Zeugin und Akteurin, wie sich neueste Ideen materialisieren. Zwei gegensätzliche Pole sind in einem Dichter am wichtigsten –der Realistische und der Futuristische. Er nimmt die Realität entsprechend wahr und reagiert adäquat auf mehr oder weniger wichtige Ereignisse, aber er ist nie mit diesen Ereignissen verbunden oder von ihnen abhängig. Futurismus ist die begleitende Stimmung des Dichters, die ihn bewegt und sein Interesse weckt. Der Futurist flieht niemals aus der Realität, die seine transzendentalen Vorstellungen und sein Streben ausbalanciert.

 

Seit etwa zehn Jahren bin ich überzeugt: Wenn der Künstler nur zu einem konkreten Kreis gehört, spielt es keine Rolle ob es ein retrograder, poetischer Salon ist oder eine avantgardistische Gruppe, die in ihrem eigenen konzeptuellen Spiel verschlossen ist. Unter den heutigen Bedingungen wird diese Gruppe weder die breite Gesellschaft beeinflussen, geschweige denn, eine Linie der Kulturpolitik bestimmen… Das künstlerische Labor eines Dichters kann mit einem Barrikadenaufstand beginnen und in einem mit neuen Technologien ausgerüsteten Observatorium enden. Aus diesem Observatorium heraus versucht der Autor die Stimmen jener Welt zu hören, aus der er als eine denkende Person und als Lebewesen entstand. Das schließt nicht die Beziehung mit jenem Teil der Gesellschaft aus, der die Ursachen der politischen und sozialen Krise zu verstehen versucht und nach Auswegen aus dieser Stagnation durch gewaltlose Methoden und friedliche Revolutionen finden will.

 

 

 

 
Für mich persönlich existiert nur an der Grenze dieser Balance jenes kreative Kraftfeld, aus dem ich nützliches Material für meine Werke finden kann. Genau hier entstand mein derzeit wichtigstes künstlerisches Konzept, die „Diktatur der Poesie”. An der Kreuzung der Straßen-Barrikaden und dem kosmischen Observatorium, als im Jahr 2007 etwa 200.000 Demonstranten auf der Straße waren und die Oppositionsführer einer nach dem anderen mich baten, erst nach ihnen zu der Masse zu sprechen, weil mein Auftritt die Aufmerksamkeit der Leute binden würde und es danach nicht mehr so einfach wäre, die Spannung aufrecht zu erhalten.

 

RD: – Ihre Diktatur der Poesie

 

Für mich persönlich existiert nur an der Grenze dieser Balance jenes kreative Kraftfeld, aus dem ich nützliches Material für meine Werke finden kann. Genau hier entstand mein derzeit wichtigstes künstlerisches Konzept, die „Diktatur der Poesie”. An der Kreuzung der Straßen-Barrikaden und dem kosmischen Observatorium, als im Jahr 2007 etwa 200.000 Demonstranten auf der Straße waren und die Oppositionsführer einer nach dem anderen mich baten, erst nach ihnen zu der Masse zu sprechen, weil mein Auftritt die Aufmerksamkeit der Leute binden würde und es danach nicht mehr so einfach wäre, die Spannung aufrecht zu erhalten. Genau in diesem Augenblick entstand meine…

 

RD: – … „Diktatur der Poesie“…

 

ZR: – …denn ich hatte verstanden, dass ich innerhalb von zehn Minuten oder einer halben Stunde die Chance hatte, den großen, kritisch gelaunten Teil der Gesellschaft von der Demagogie der Politiker zu befreien und in ihren Herzen und ihrem Bewusstsein die humanste Diktatur der Welt, die Diktatur der Poesie und Liebe, gemischt mit besten und nützlichsten Gewürzen des Aufruhrs zu erschaffen.

 

RD: – Was sind die Schlüsselwörter und wichtigsten Inhalte, um die herum sie ihre Arbeit konzipieren? Auf wen zielen ihre Text-Performances?

 

ZR: – Es ist sehr symbolisch, dass die Bolschewiken nach der Revolution in den zwangsgeschlossenen Kirchen Theater eröffneten. So existierte in den 1960-80-er Jahren ein Theater in Metekhi, das schon ein mittelalterlicher Tempelkomplex war. Vorher diente sie er Munitionsdepot und nach der endgültigen russischen Annexion Georgiens im 19. Jahrhundert wurde hier ein Gefängnis eingerichtet, in dem vor der bolschewistischen Revolution viele bekannte Gefangene wie Josef Stalin und Maxim Gorki saßen. Man sagt, wurden hier die ersten Werke des Schriftstellers geschrieben. Aber in den 1960-er Jahren kam niemand auf die Idee, hier sein weltbekanntes Theaterstück „Am Boden“ aufzuführen. In den 1980-er Jahren wurde Metekhi wieder ein Tempel, das Theater verwandelte sich zurück in eine Kirche… Jemand sagte, das alte Theater sei tot und das Neue noch nicht geboren, mit neuem Geist und neuer ‎Ästhetik. Ein Theater, das eine kulturelle Bedeutung wie eine Kirche hatte.

In einer Zeit modernster Technologien wird das Theater mit dem Film nicht mehr konkurrieren können. Noch weniger kann es einen Wettbewerb mit dem Cyber-Raum gewinnen, der seine konkreten, rationalen Ziele hat. Jede Information im Internet ist verfügbar und der geistig-technologische Abenteuer bräuchte einen guten Berater.

 

Das neue Theater darf nicht nur diese Funktion haben. Neues Theater soll rituelle Bedeutung haben, es kann durch den lebendigen Kontakt zum Publikum neue Geistigkeit und Ästhetik hervorbringen. Neue Regisseure sollen hier neofuturistische Liturgien leiten und das Publikum mit neuen Information, wie die Mystiker sagen, in einen neuen Äon eintreten lassen. Nach meiner persönlichen Überzeugung sollen Theatergruppen wie die Commedia dell’arte auf Tournee gehen, sie können sogar nur aus einer oder zwei Personen bestehen, denn es soll keine literarische Veranstaltung oder Entertainment für konkrete soziale Gruppen sein.

 

 

 

 

RD: – Sie denken an eine Art Freund des Volkes?

 

ZR: – Ja, so könnte man es bezeichnen, eine neue Art des Volksfreundes, als Künstler, ein Dichter ohne konkrete Zielgruppe. Ich versuche für alle offen zu sein und Information und Energie zu übertragen.

Ungefähr aus solchen konzeptuellen, rituellen Performances besteht meine momentane Tätigkeit, aber wenn ich mit einem Theater zusammenarbeite, kann es auch ein Theaterstück sein.

 

 

 

 

RD: – Sie setzen auf die Magie und Kraft Ihrer Stimme, ihres Körpers, und vor allem auf Ihre Bühnenpräsenz? Was ist die Reaktion Ihrer Leser, Ihres Publikums während der Vorstellung? Oder brauchen sie gar keine Regie, sondern nur das Bedürfnis zu intervenieren und eine persönliche Vision zu auszudrücken, über das was sie fühlen und vorausahnen?

 

ZR: – Das Aussehen ist oft irreführend, auch im Fall eines Dichters. Der Dichter unterscheidet sich von anderen Künstlern vor allem durch seine, im besten Fall, poetische Stimme und die Art, wie er seine Texte vorträgt. Ich will Ihnen etwas über die Stimme erzählen:

Einmal stand der Kurator meines alten Projekts, Bibi Wopenko, auf der internationalen Buchmesse in Göteborg und schilderte mir ausführlich, dass er fast alle Journalisten über meine Performance informiert habe, aber nicht sagen könne, wie viele Presseleute kommen würden. Es kam die Zeit meines Auftritts und der Moment in dem der Hai aus dem Wasser auftauchen sollte. Ich muss erwähnen, dass Bibi mein Gedicht ‘Hai’ noch nie gehört hatte, zumindest nicht die Art meines Vortrages. Sobald ich begann, versammelte sich eine große Gruppe von Journalisten und Fotografen um uns herum, es folgten lange Interviews auf den Titelseiten der wichtigsten Zeitungen. Das ist, was ich zum Thema Vibration der Stimme sagen kann. Eine richtig projektierte Stimme kann Wunder bewirken, man kann Rausch unterdrücken und das Bewusstsein beeinflussen. Ob ich Regie brauche? In der Regel nicht. Ich liebe Improvisation und stelle meine Texte häufig in verschiedenen Variationen vor. Ausnahmen gibt es bei relativ großen und konkreten Performances, wie z. B. unser „PassPort” (2014 am Teater Giljotin), nach Texten von Wladimir Majakowski und einer Idee von Ekaterine Sysfontes und mir. Wir waren beide sowohl Urheber dieser Idee als auch Schauspieler, die Regisseurin war die bulgarische Performance-Künstlerin Tana Maneva. Das ganze Team des Projekts war großartig, wie z. B. der Musiker Rikard Borggård, der wunderbare Videokünstler Kolenka Rammi sowie der Veteran der Theaterbeleuchtung in Schweden Anders Shorty Larsson… Es war ein konzeptuelles Spiel an der Grenze von Wort, Ton, Bewegung und Stimme, wo das Wort in einen Ton transformiert wird und der Ton in eine andere Dimension, in der es keinen Platz für menschliche Gefühle gibt. Wenn eine neue Sprache mit besonderer Empfindlichkeit auf die Bühne tritt, ohne theatralische Akzente. Ich denke es ist jene Magie, die Sie gemeint haben, ohne die ich mir moderne Poesie und Kunst nicht vorstellen kann.

 

 

 

 

RD: – Sprechen wir über ihre Kleidung, die Sie während der Performance tragen. Es sind Kleidungsstücke, die ihre Worte verstärken, Theaterrequisiten, man könnte meinen, dass sie ein mysteriöses Ritual veranstalten. Wie wählen Sie Ihre Garderobe?

 

ZR: – Stimmt, Kleidung hat in meiner Kunst oft eine besondere, konzeptuelle Bedeutung. Als im Jahre 2003, die postrevolutionäre Regierung nach der Rosenrevolution von ihrem Kurs abwich und begann, statt der versprochenen demokratischen Zivilgesellschaft, ein autoritäres Regime zu errichten, habe ich meinen Kleidungsstil geändert.

 

 

 

 

RD: Einige Jahre lang haben Sie die sowjetische Militäruniform der 1930-er Jahren getragen.

 

ZR: – Ja, meine Uniform war die Antwort auf die blutigen Repressionen, die das Polizeisystem gegen die eigene Gesellschaft begann und denen hunderte Menschen zum Opfer fielen. Überall habe ich diese Militäruniform aus der Stalinzeit getragen, auf Protestaktionen und in Talkshows habe ich auf diese Weise die derzeitige Regierung streng kritisiert. Diese Kleidung der bolschewistischen Diktatur war eine ständige Performance. Auch wenn ich kein Wort gesagt hätte, sprach diese Geste für sich.

 

Auch außerhalb der Politik reizte mich immer die Kleidung verschiedener Epochen für meine Performance. Oft spaziere ich mit meiner lieben Tunika (Uniform) in den Straßen von Stockholm, Oslo, Berlin, Kopenhagen, das ist wohl auch eine Art Spiel, nennen wir es eine Art der Forschung jenes kulturellen Zombies, den ich als Künstler vorstellen soll. Mich interessiert immer, ob eine Gesellschaft offen ist, um eine ungewöhnliche, andersartige Form und Ästhetik wahrzunehmen. Für mich ist es wichtig zu wissen, wie empfindlich die moderne Gesellschaft für die Poesie ist, ob der neue Mensch bereit ist, radikale, unerwartete Änderungen zu akzeptieren. Stellen Sie sich vor, dass die Leute abseits vom Karneval jene Kleidung anziehen könnten, die ihnen ihr innerer Designer diktiert und diese Kleidung frei ist von konkreten Codes der Klasse, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Das wäre eine polyphone Parade des Alltags voller unerwarteter theatralischer Gesichter. Auf der Straße spazierten Hunderttausend menschliche Performances, deren Design von ihren inneren Stimmungen, verborgenen Geschichten und Legenden erzählt. Eine permanente Happening-Situation mit tänzerischen Grüßen, poetischen Entzückungen miteinander und gegenüber den inneren und visuellen Varianten. Ein so freies und anarchistisches Verhältnis zur Kleidung könnte einen gewaltigen Durchbruch im Alltag des Menschen provozieren. Und hinter diesem Durchbruch stünde keine politische Gewalt, sondern moderne Kunst und der freie Wille des Menschen.

 

RD: – Haben Sie In Ihren Anfängen als Dichter Vorbilder oder Meister gehabt, an denen sie sich orientierten? Oder sind Sie Autodidakt?

 

ZR: – Vor ungefähr 45 Jahren habe ich dank des georgischen Dichters, dem Romantiker Nikolos Baratashvili, die georgische Poesie kennengelernt. Baratashvilis Gedicht Merani hat meinen weiteren poetischen Weg, meinen künstlerischen Willen und Leidenschaft bestimmt. Seit der Kindheit hasse ich Idole und Vergötterung. Es ist etwas Anderes, wenn man einen Regisseur, Komponisten, einen verrückten Choreographen oder einen anarchistischen Maler bewundert. Das ist ganz normal, aber ein Dichter kann für einen anderen Dichter nur ein Kollege sein, im besten Fall ein Freund, ein Gleichgesinnter, das ist alles. Ob man gesteht, dass man auch ein Lehrling ist, ist eine sehr sensible Frage, aber die Verehrung der Vorhergehenden und die Betonung ihrer Verdienste durch die folgenden Generationen hängt davon ab, wie innerlich vollkommen und selbständig man ist. Wenn ich einen Katalog der georgischen Avantgarde oder eine Anthologie der georgischen Dichtung zu machen hätte, wüsste ich genau, welche AutorInnen ich nach diesen Kriterien wählen würde…

 

RD: – Als Rechtsanwalt von Beruf, sind sie mit dem menschlichen Wesen vertraut, sie haben ausreichend von den Höhen und Gemeinheiten der Sprache und des Wortes gekostet! Sie sind in der Lage eine Handlung, einen Moment, eine Tatsache oder eine Person anzuklagen, oder zu verteidigen. Und, natürlich, sie können auch verlieren… Ist der Dichter Zurab dem Anwalt ZR zu Dank verpflichtet…?

 

 

 

 

ZR: – Heute kann ich aus der Position eines Anwaltes nicht mehr reden, das gehört zu meinem vergangenen Leben. Ich hatte keine Gelegenheit, mich als Jurist zu entfalten. Besonders nachdem ich verstanden hatte, dass das ganze postsowjetische System in Korruption ertrank, hatte ich auch keinen Wunsch danach. Wahrscheinlich war in diesem Fall der freie Künstler, der sich in mir seit langem entwickelte, viel stärker und viel heimischer in mir, als der Anwalt… Später als Verteidiger der Menschenrechte hätte ich diese Erfahrung meines früheren Lebens stärker gebraucht. Jedes Ereignis, wenn es von einem Anwalt wahrgenommen und geprüft wird, ist viel deutlicher und frei von irgendwelchen Emotionen. Manchmal ist es einfach nötig, dass man die Basis jener Sprache versteht, mit der ein Vergewaltiger spricht, der sich hinter dem Gesetz versteckt.

 

 

 

RD:-  Zurab, erzählen Sie uns, wie lebt die Poesie in Georgien? Und Ihre Poesie?

 

ZR: – Die Poesie hat in der georgischen Kultur immer eine besondere Rolle gespielt. Die georgische Schrift ist etwa 2700 Jahre alt, die georgischen Epen sind sogar noch älter, wahrscheinlich verbunden mit dem sumerischen Gilgamesch. Noch heute wird mit diesem Alphabet unsere Literatur verfasst.

 

Man muss jedoch sagen, dass es vor allem wegen dem sozialistischen Realismus eine Stagnation gab und die georgische Moderne keine Chance hatte, ihren verdienten Platz in der Weltkultur des 20. Jahrhunderts zu finden. Unsere Generation nennt man die 90-er, obwohl schon seit Ende der 80-er Jahren viele meiner Gedichte in literarischen Publikationen abgedruckt wurden. In dieser Zeit entstand eine neue Vision und neue Formen in der Literatur und Kunst. Zur gleichen Zeit wollte die Generation in der Nische des Sozrealismus ihre Macht nicht abgeben. Sie hatte einen gewissen Einfluss und war materiell potent. Diese kommunistischen Schriftsteller, die Angehörige der kommunistischen Partei waren, wandelten sich ein Jahr vor dem Zerfall der Sowjetunion in antisowjetische Schriftsteller und schrieben Lyrik mit falschem Pathos. Die Literatur vieler Autoren klang so identisch, als hätte sie ein einziger Autor geschrieben, eine Debatte hatte in diesem leeren und konzeptlosen Raum keinen Sinn.

 

Natürlich gehörten auch einige interessante Autoren zur provinziellen Avantgarde, aber auch an sie erinnert man sich nur durch ihren Konformismus.

 

Zum Glück gab es Dichter, die viel riskiert haben, ihrer poetischen Tradition treu blieben und als Künstler und Person überlebten… Die 90-er waren die einzige Generation, die direkte Erben der modernen Ästhetik waren, die in der georgischen Dichtung in den 1910-er Jahren des XX Jahrhunderts entstand, und bis zum Ende der 20-er Jahren existieren konnte. Ich bin glücklich, zur dieser Generation gehören zu dürfen, die die Richtung der georgischen Dichtung radikal verändert hat.

 

Einige Aktionen und Performances markierten in den 90er Jahren die Rückkehr zur avantgardistischen Praxis, darunter Sommer-Dada-Seminare, eine große gastronomische Tournee sowie die Wahlen des Dada-König-Präsidenten. Ein ganz wichtiges Ereignis in diesem postsowjetischen Raum war die Gründung eines Performance-Theaters. Der bekannte Dichter und Kunstkritiker David Tchikhladze versammelte die begabten Dichter und Künstler seiner Generation um sich, der Neubeginn in diesem Theater war eine wichtige Erfahrung nicht nur für die Künstler der 90-er, sondern auch für die nächste Generation.

Ich werde nie vergessen, wie ich 1996 als Dada-König-Präsident auf dem zentralem TV-Kanal meinen KollegInnen und anderen GeorgierInnen zum 80-jährigen Jubiläum von Dada gratuliert habe. Das war die größte Dada-Performance, die ich innerhalb von 24 Jahren aufgeführt habe, nachdem ich zum Dada-König-Präsidenten gewählt wurde. Manchmal sind die Wahlen, die im Rahmen einer Performance organisiert wurden, viel legitimer, als jene, die das System uns zwingt anzuerkennen. 1993 hat unsere Generation die Entscheidung getroffen, in welche Richtung sich die moderne Kunst Georgiens bewegen sollte. Wir wählten jenen Dada-Kurs, den unsere Dada-Väter vor der Okkupation der Roten Armee in der 1910-er Jahren eingeschlagen hatten. Jeder Dadaist ist König, Königin, Präsident oder Oberbefehlshaber, jeder, der versucht, die von Systemen verursachte Routine mit der modernen Kunst zu durchbrechen. Der die Menschheit stimuliert, mit einem Quantensprung einen neuen Zustand zu erreichen, in dem alles endlos offen ist und wo die Dada-Konditionalität ihre Bedeutung und Gewalt verliert.

 

 

 

 

Ich werde nie vergessen, wie ich 1996 als Dada-König-Präsident auf dem zentralem TV-Kanal meinen KollegInnen und anderen GeorgierInnen zum 80-jährigen Jubiläum von Dada gratuliert habe. Das war die größte Dada-Performance, die ich innerhalb von 24 Jahren aufgeführt habe, nachdem ich zum Dada-König-Präsidenten gewählt wurde. Manchmal sind die Wahlen, die im Rahmen einer Performance organisiert wurden, viel legitimer, als jene, die das System uns zwingt anzuerkennen. 1993 hat unsere Generation die Entscheidung getroffen, in welche Richtung sich die moderne Kunst Georgiens bewegen sollte. Wir wählten jenen Dada-Kurs, den unsere Dada-Väter vor der Okkupation der Roten Armee in der 1910-er Jahren eingeschlagen hatten. Jeder Dadaist ist König, Königin, Präsident oder Oberbefehlshaber, jeder, der versucht, die von Systemen verursachte Routine mit der modernen Kunst zu durchbrechen. Der die Menschheit stimuliert, mit einem Quantensprung einen neuen Zustand zu erreichen, in dem alles endlos offen ist und wo die Dada-Konditionalität ihre Bedeutung und Gewalt verliert.

 

 

 

 

RD: – Womit wir wieder zu ihrem Gedichtband „Diktatur der Poesie“ zurück kommen…

 

ZR: – …der in Georgien vor acht Jahren erscheinen sollte, aber wegen Saakashvilis Regierung wurde dieses Projekt bis heute eingefroren. Heute denke ich, dass es sogar besser ist, denn mein neues Buch in Georgisch wird im wunderbaren Verlag Intelekti herausgegeben. Nach einer so großen Pause gibt es einerseits mehr zu erzählen, andererseits konnte mit der Zeit veraltetes Material herausgenommen werden. Der Ex-Präsident Saakashvili vollbrachte ganz nach seinem Idol Wladimir Lenin ohne es selbst zu merken einen Dada-Akt. Dank ihm war mein Buch in allen Buchhandlungen ausverkauft und solange ich im Gefängnis war, erschienen innerhalb eines Monats drei Auflagen. So eine Werbung ist nichts Anderes als Dada-Performance, deren Urheber der Ex Präsident und seine Getreuen Untergebenen waren, die mich verhaftet haben. So war es in der Zeit des Kommunismus und so geschieht es teilweise noch immer.

 

RD: – Können Sie uns ein paar Sätze zitieren, die aus ihrem Inneren kommen und repräsentativ für Sie sind?

 

ZR: –

 

Ode an die Freiheit

Oh, Sonne

Dieses Traumes,

Oh, Sonne

Der Unfreiheit,

Oh, Sonne

Des Nichtseins,

Oh, Sonne des Friedens,

Oh, karminrote Sonne,

Hebe die Krone auf das heiße Hinterhaupt —

Ich habe nicht genug Luft zu atmen,

Um über der Brust ein Gewand auszumessen und

Mich zu strecken…

 

Es ist nicht leicht, Zeilen auszusuchen, die das eigene Porträt zeichnen. In meiner Dichtung gleicht selten ein Gedicht dem Anderen, zu häufig ändern sich die Stimmungen. Diese kleine Passage aus dem Gedicht enthält Information über meinen Charakter, wobei meine Eigenschaften ziemlich unterschiedlich sind. Als Künstler bin ich nicht in ein und demselben kulturellen Raum eingeschlossen, im Gegenteil, ich versuche an der Grenze verschiedener sprachlicher Kategorien der Sprachen zu dichten und vielleicht kann man in solchen Momenten meine persönlichen Eigenschaften sowie meine Poesie am besten verstehen.

 

 

 

 

RD: – In unserer Welt mit ihrer neuen Barbarei, der Plutokratie, müssen wir eher die Dichter und Philosophen als die Politologen und Soziologen befragen, um die Erinnerung und die mentale Gesundheit der heutigen Gesellschaft wiederzufinden. Sie sind es, die über die Menschheit wachen. Die Dichter sind im Exil. Ihrer Natur gemäß. Aber auch durch die „Fürsorge » gewisser politischer Systeme. Die Zeitschrift „Le Monde Diplomatique » aus Paris, berichtet regelmäßig über Protestaufrufe von Dichtern, die in verschiedenen Ländern der Welt in Gefahr leben, dort wo Diktaturen und Zensur aller Art sie zensieren und verurteilen. Sie leben im Moment im politischen Exil in Schweden, in Stockholm. Sie sind ein politischer Dissident, ein aus dem Land Vertriebener? Sie persönlich, als Bürger? Oder Ihre Poesie, als Kommunikationsmittel mit der Welt?

 

ZR: – Es gibt Dichter, Philosophen, Künstler, die eine besondere, interessante Aufgabe haben: Sie erforschen verbotene, tabuisierte Territorien, sie schützen den gesellschaftlichen Raum vor Fanatismus, Sie sind in direkter Konfrontation mit sichtbarer und unscheinbarer Inquisition und natürlich schaffen sie mittels ihrer Kreativität Dokumente über die Erfahrungen, die sie während der Reise auf dieser eigenartigen schnellen Autobahn, gesammelt haben.

 

Im Oppositionsraum treffen wir die mentalen Mitarbeiter, die eher Forscher der kulturellen Prozesse sind als Schriftsteller oder Künstler. Diese Leute dienen der materiellen Kompensation der Regierungen aller Art, solange diese Regime existieren.

Jede Regierung braucht ein effektives Sprachrohr um ihre politische und soziale Demagogie verwirklichen zu lassen. Jede Regierung braucht zum Selbstschutz auch zudem intellektuelle Skandalisten, die im passenden Moment meisterhaft die Aufmerksamkeit der kritisch gelaunten Gesellschaft auf andere politische oder soziale Fragen richtet.

 

Im europäischen Mittelalter waren dies die Minnesänger, die freie poetische Ideen hatten. Im Osten waren es die weisen Sophien. Genau jene Tradition setzt der heutige Dichter und Künstler fort, und nicht die jener Dichter, Kalligraphen oder Maler die für die Feudalherren in den Palästen arbeiteten.

 

 

 

 

 

RD:Finden wir hier den Grund, warum Sie die Regierungen von Schewardnadze und Saakashvili persönlich verfolgten?

 

ZR: – Exakt, diesen Politikern behagte überhaupt nicht meine kritische staatsbürgerliche Position und die öffentlichkeitswirksame Äußerung dieser Kritik in meiner Dichtung. Wenn ein Dichter oder Künstler auch politisch aktiv ist, ist er trotzdem kein Politiker, deshalb ist es schwierig oder fast unmöglich, gegen ihn eine denunziatorische Kampagne zu führen. Wenn man von diesem Künstler nicht behaupten kann, dass korrupt sei oder eine Verschwörung plant, beginnt man ihn psychisch und physisch zu bedrohen. Man arbeitet mit schmutzigen Methoden, Erpressungen, bedroht seine Familie und ihm nahestehende Personen, schickt ihm Agenten und Provokateure an den Hals.

 

Einmal wurden meine Freunde, der Dichter David Tchikhladze, Shota Digmelashvili und ich von den Oppositionsparteien in Batumi eingeladen. Wir hatten dort eine ziemlich eindrucksvolle poetische Veranstaltung, und als wir am Abend im Hotel waren, kam ein Einheimischer aus Batumi zu uns, der sehr begeistert von unserer Lesung war, und stellen Sie sich vor, er kannte einige meiner Gedichte auswendig und lud uns eifrig an der Hotelbar ein. Wir luden ihn unsererseits ein, an unserem Tisch ein kühles Bier mit uns zu trinken. Nach einigen Gläsern wurde er noch mutiger und schlug uns vor, die Nacht mit schönen Frauen zu verbringen, die angeblich schon in einem Hotelzimmer auf uns warteten. Schon als er mein ziemlich langes Gedicht fehlerfrei interpretiert hatte, hatte ich begonnen, an seiner Ehrlichkeit zu zweifeln. Ich muss noch heute dieses lange Gedicht öffentlich aus einem Buch vorlesen. Während des Gesprächs hatte ich zudem eine unerklärliche Falschheit gespürt. Aber der Höhepunkt dieser provokativen Shows war das Thema der Frauen. Hier begann ich hysterisch zu lachen. Der „Poesiesüchtige“ hat diese Reaktion von einem Künstler wohl nicht erwartet, er spielte den Beleidigten und begann uns zu beschuldigen, dass wir ihm nicht glauben würden. Ich machte ihm klar, dass wir zu dieser Zeit Gründe genug hätten, einem unbekannten Mann nicht zu glauben und auch wenn es nicht so wäre, würden wir den Service der Sexindustrie nicht brauchen. Auf diese Weise haben meine Freunde und ich den enttäuschten Spezagenten verlassen. Ich traf ihn noch einige Male, aber das ist schon eine andere Geschichte…

 

 

 

 

Es ist klar, diese speziellen Dienste dachten, dass uns Dichtern nichts Menschliches fremd sei und wir im angetrunkenen Zustand auf die sexuellen Angebote ihres Agenten eingehen würden, so dass sie die intimen Szenen mit versteckter Kamera aufnehmen könnten, um uns zu kompromittieren und zu erpressen. Es ist dies die harmloseste Geschichte, die ich von Seiten der Geheimdienste der Regierung erlebt habe. Ich will mich jetzt nicht mehr detailliert an jene schrecklichen Episoden erinnern, als meine Familie mehrmals überfallen und ständig am Telefon oder via Internet bedroht wurde. Hätte es nicht die beispielhafte und heroische Hilfe der ICORN…

 

RD: – des International Cities of Refuge Network

 

ZR: – … sowie der schwedischen Regierung gegeben, hätte meine Familie nicht hierherkommen können, denn das Regime von Saakashvilis Regime hat alles getan, damit meine Frau und mein Sohn Georgien nicht verlassen konnten. Familienmitglieder in Geiselhaft zu nehmen, ist ja der klassische Fall in allen autoritären und diktatorischen Regimen…

 

Bezüglich der Plutokratie möchte ich als futuristischer Künstler aber ein paar tröstende Worte sagen: Ich glaube, auf diesem Planeten gibt es keinen Staat mehr, der nicht direkt oder indirekt von transnationalen Korporationen geführt wird. In der modernen Welt ist die tatsächliche Macht in der Hand jener, die die Massengesellschaft finanziell dirigieren. Die Regierungen besitzen nur nominelle Funktion, können häufig einfache Entscheidungen nicht selbständig treffen um die Wünsche ihrer Bevölkerung zu erfüllen. Die Regierungen sind Geisel der größten Korporationen der Welt, im schlechten Fall auch ihre Tagelöhner. Aber stellt Euch vor, dass man sogar in dieser auf den ersten Blick unlösbaren Situation hoffnungsvolle Nuancen sehen kann, die Weltanschauung grundsätzlich verändert und man ein überdoktrinales und überkulturelles Bewusstsein erreicht, und es wird keine von der materiellen Welt diktierte Werteskala mehr geben. Ich glaube, dass diese Zeit bald kommt und dann erinnern wir uns an die Worte eines okkultistischen Dichters, und es wird klar, das fünf genauso unendlich ist, wie eins und drei, und wenn man das versteht, empfindet man auch menschliche Dichtung, und denkt an die Möglichkeit, das Unmögliche zu überwinden. Es ist eine Eigenschaft der kreativen Energie. Mit Hilfe der Zahlen sagt der Mensch manchmal auf einfache Weise, was er mit einem Satz nicht sagen kann. So kann z.B. das Pissoir von Marcel Duchamp heute für1000.0000 US$ oder mehr verkauft werden. Das wird eine antidadaistische Performance sein oder umgekehrt eine dadaistische Geste. In beiden Fällen arbeitet diese Provokation und deutet auf die Krisis der materiellen Epoche und darauf, dass das Ende dieser Krise nahe ist. In diesem Fall haben wir es mit der mathematischen Form des poetischen Denkens zu tun. Es unterscheidet sich völlig von verbaler Sentimentalität.

 

RD: – Im Jahr 2003 erzwang in Georgien die Rosenrevolution den Rücktritt von Präsident Eduard Schewardnadse. Warum solch ein poetischer, melodiöser Name für eine Revolution? Zu oft hat man schon die blutigen Revolutionen nach Blumen und Farben benannt… Erinnern wir uns, in Tunesien, hießen die Massendemonstrationen Jasmin-Revolution… in der Ukraine die orangene Revolution, im Iran die grüne Revolution. Ist das nur Marketing?

 

ZR: – Der Name ist wirklich nicht schlecht und die Idee einer Revolution ohne Blutvergießen war auch gut. Im Fall des Aufstandes ist es die beste Lösung. Gewalttätige Formen der Revolution haben schon die Anarchisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verweigert. Während der Rosenrevolution habe ich übrigens vor dem Parlament mit meiner anarchistischen Flagge gestanden. Das hat Saakashvilis Unterstützer aufgeregt und zwischen uns sogar einen Konflikt verursacht. Das bedeutet, dass es von Anfang an politische Konjunktur gab. Die Neoliberalen wollten nicht, dass anarchistische Symbolik während dieses großen Aufstandes zu sehen sei, besonders, wenn ausländische TV-Kanäle wie BBC oder CNN dies aufgenommen hätten.

 

 

 

 

Die korrupte Regierung von Schewardnadse loszuwerden, hat sich im Jahr 2003 jeder fortschrittliche Mensch gewünscht. Der kreative Teil der Gesellschaft hat überwiegend die samtene Revolution unterstützt, vor allem jene Veränderungen, die man von der Revolution erwartete. Wir haben das Komitee des Ungehorsam gegründet, das aus Schriftstellern und Künstlern bestand, wir fuhren in verschiedene Städte Georgiens, organisierten dort Versammlungen mit der Bevölkerung und forderten sie auf, die Revolution zu unterstützen. Im letzten Moment bekamen wir eine sogenannte gelenkte Demokratie, die sich bald in ein autoritäres Regime und in eine Diktatur verwandelte, die von einer einzigen Partei geführt wurde. Vor dem Hintergrund der Rosen begann auch die Flagge mit den fünf Kreuz zu wehen, die am Anfang das Symbol der Partei der Nationalen Bewegung war und dann zur Staatsflagge wurde. In diesem Fall hat Saakashvili und seine Gruppe wohl einen Hinweis auf die Spur der Rosenkreuzler gegeben.

 

RD:Ein Rückgriff auf mystische Symbolik, mit der Diktatoren immer gern gespielt haben.

 

ZR: – Schon im XII. Jahrhundert hat der georgische König David der Erbauer während des bekannten Didgori-Kampfes die europäischen Könige um Beistand gebeten, unter anderem den Templerorden. Die militärische Hilfe aus dem Westen war nicht groß, aber dieser Beistand hatte große psychologische und politische Bedeutung für Georgien, denn die Armee der türkischen Invasoren war dreimal so stark wie die georgische. Diesen Kampf haben die Georgier gewonnen und er galt als eines der besten Beispiele militärischer Meisterschaft in der Weltgeschichte.

 

 

 

 

Ich weiß nicht, ob das Projekt der farbigen Revolutionen einen konkreten Autor hatte, aber es ist eine Tatsache, dass man eine solche unmöglich ohne den Willen des Volkes organisieren könnte. Natürlich haben bestimmte politische Gruppen von der schwierigen sozialen Lage im Land profitiert, und ihre lauten populistischen Versprechen waren für viele Grund genug, sich an der Revolution zu beteiligen. Die postrevolutionäre Regierung veranstaltete auch öffentliche revanchistische Shows. Viele korrupte Beamte der ehemaligen Regierung wurden verhaftet. Man nahm ihnen ihr Eigentum in Höhe mehrerer Hunderttausend US$ weg, um damit die extrem schwierige soziale Lage in Georgien zu lindern, aber leider geschah das nicht so… Als die korrupten Beamten im Gefängnis waren, begann man, auch die freie Wirtschaft zu gängeln. Zuerst hat man die Reichsten, dann mittelreiche Geschäftsleute verhaftet und am Ende beinahe die Großmütter, die auf der Straße Sonnenblumenkerne verkauften.

 

Im postrevolutionärem Georgien entwickelte sich totaler Terror. Saakashvilis Regierung hat jede kritische Stimme unterdrückt. Kritische Medien wurden nach und nach geschlossen. Man konnte live zusehen, wie TV-Journalisten verhaftet wurden. Der kleine Diktator wählte eine Null-Toleranz-Politik und rief sogar über das Fernsehen die Polizei zu Verbrechen auf. Ohne die Unschuldsvermutung gelten zu lassen, verdächtigte man Leute, Verbrechen begangen zu haben, hat sie auf der Straße verhaftet und geschlagen. Um Rechtlosigkeit zu verbreiten, erfand die Regierung ein brutales Strafsystem, das meine Freunde aus dem Gleichheitsinstitut und ich Todesbrigade nannten. Da hatte dieser ungleiche Kampf zwischen uns schon begonnen.

 

RD: – Mit Ihrem offenen und mutigen Geist, wie haben Sie diesen historischen Moment erlebt?

 

ZR: – Die Gründung des Gleichheitsinstituts war die Antwort auf den Terror, den Saakashvili gegen unsere Gesellschaft führte. Es war eine Organisation der Menschenrechte, deren Hauptbegründer der großartige Schriftsteller und Künstler Irakli Kakabadze war. Seit 2006 genoss das Gleichheitsinstitut internationalen Forschungen zufolge mehr Vertrauen in der Gesellschaft als alle Oppositionsparteien zusammen und so blieb es 4-5 Jahre bis Irakli Kakabadze und ich gezwungen wurden, Georgien zu verlassen. Das Gleichheitsinstitut hat dieses odiöse Regime nie in Ruhe gelassen. Jede Gewalttätigkeit seitens der Regierung haben wir mit starken Protestaktionen beantwortet, die in den meisten Fällen mit unserer Verhaftung endeten. Im Jahr 2006 haben nach so einer Verhaftung einflussreiche Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International meine Freunde und mich als Gewissens-Gefangene erwähnt. Bezüglich dieses Rechtsfalls hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg im Jahr 2012 den Schuldspruch gegen Saakashvilis Regierung bestätigt. Dieser Rechtsfall ist mit der Annullierung der unmenschlichen Artikel im Strafgesetzbuch verbunden.

 

Es ist ein sehr breites Thema, über das ich nur kurz etwas sagen möchte: Unser Kampf gegen die Regierung beruhte auf der Philosophie und den Prinzipien der Gewaltlosigkeit Mahatma Gandhis. Wir waren nie aggressiv, auch nicht gegen die Polizei, die unter Anwendung von Gewalt unsere Institutsaktionen auflöste und uns verhaftete. Im Gegenteil, ohne Kommentar und Gegenwehr ließen wir uns die Hände fesseln und setzen uns in die Polizeiwagen… Wenn wir von gewaltloser Revolution sprechen, meinen wir Satyagrahas Konzeption von Gandhi, die als Basis dafür diente, das britische Empire aufzulösen und Indien ohne Blutvergießen die Unabhängigkeit brachte.

 

RD: – Irakli Berulava, ein international bekannter Journalist und Blogger, Filmregisseur und -produzent, sagte nach der georgischen Revolution, dass „Selbstzensur, staatlicher Druck und der Abfall von der Demokratie die Übel sind, die in diesem Teil der Welt die Medien und den freien Journalismus plagen“. Hat die Rosen-Revolution von 2003 die Freiheit des Wortes gebracht oder war es nur eine Flower-Party?

 

ZR:- Wie bereits erwähnt, kamen durch die Rosenrevolution einige Journalisten ins Gefängnis und mehrere Fernseh- und Radiosendungen wurden abgesetzt. So haben Irakli Kakabadze und ich in der unabhängigen TV Gesellschaft 202, nachdem der Anchorman der sozial-politischen TV-Show verhaftet wurde, aus Protest in diesem TV Studio begonnen zu leben. Saakashvili versuchte dieses TV Gesellschaft zu schließen. Irakli Kakabadze und Lasha Tchkhartishvili haben täglich fast nonstop live Regie geführt. Diese Show meiner Freunde und Mitkämpfer war viel schärfer als jene der vorherigen Journalisten. Ich habe fast an jeder Sendung teilgenommen. Das hat die Regierung und spezielle Dienste dermaßen aufgeregt, dass sie zur offenen Attacke übergegangen sind, z.B. verursachten sie Verkehrsunfälle als wir am Auto saßen, bedrohte uns über unsere Mobiltelefone, und als sie merkten, dass wir uns nicht einschüchtern ließen, wurde Irakli Kakabadze überfallen. Zum Glück hat er überlebt, aber aufgrund des schweren Traumas musste er am Kopf operiert werden. So eine Freiheit des Wortes hat uns diese odiöse, politische Gruppe von Saakashvili gebracht.

 

RD: – Sie wurden durch die damalige georgische Regierung beschimpft, verhaftet und eingesperrt. Sie riskierten Ihr Leben, waren verboten und in Gefahr. Was hat man Ihnen vorgeworfen? Und was waren Ihre Vorwürfe gegenüber der Regierung? Welche Konsequenzen hatten diese unerwünschten Ereignisse auf Ihr persönliches Leben?

 

ZR:- Natürlich hat sich vieles in meinem Leben geändert. Seit acht Jahren wohne ich mit meiner Familie in einem fremden Land, das uns zweite Heimat geworden ist. Schweden hat uns unterstützt und geschützt, hat uns auch neue Perspektive geboten, neue Freunde, neue Projekte, es gibt viele andere Nuancen. Was die Hauptsache ist, dieser Kampf den meine Freunde und ich begonnen haben, hat auch konkrete Ergebnisse. Das Regime von Saakashvili hat sich zumindest teilweise aus der aktiven Politik zurückgezogen. Ungefähr 17% der Bevölkerung waren ja verhaftet worden, von insgesamt 300.000 politisch Verfolgten wurden nun die Fälle juristisch neu bewertet und viele wurden amnestiert.

 

RD: – Sie haben mehrere Bücher veröffentlicht, so 150 000 Megaherz  (2016), Dictatorship of Poetry  (2014), und Anarqi (2006), sowie die Filme „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (2017), „Ein Gespenst geht um in Europa“ (2014), „Me, tripod and Zurab Rtveliashvili“ (2014) gedreht.. Die internationale Kritik hält ihre Werke für Dadaismus? Wie würden Sie Ihren Ansatz, Ihr künstlerisches Credo, beschreiben?

 

ZR: Ich glaube, ich habe schon viel über mein poetisches Credo gesagt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Bewusstsein in verbalen Formen anstrengend und langweilig wurde, besonders, wenn ich merke, dass einige meiner Kollegen starke sportliche Interesse haben, um als Erste ins Ziel zu kommen und den Preis zu erhalten. Poesie? Nein, so eine Sportart kenne ich nicht.

 

Obwohl selbst Sport ohne Poesie und Liebe nur eine mechanische Bewegung wäre, die jedes mit künstlichem Intellekt programmierte Gerät heute viel besser ausüben kann. Poesie aber hat weder Start- noch Landebahn, es ist ein endloser geistiger Prozess, die Reise aus einer Dimension in eine Andere. Dadaisten sind alle, die kulturelle und materielle Werte bezweifeln und die Notwendigkeit der sozialen Formation aller Art verweigert. Alles was hinter der unerschütterlichen Wahrheit steht, ist Dadaismus. Mir gefällt Mona Lisa, an die Duchamp einen Schnurrbart gezeichnet hat. Ich bin ein Dadaist, der die Rettung in der futuristischen Vision sucht.

 

RD: – Sie sind Ehrengast der Levure littéraire Nr. 13, deren Thema „Sein, oder Teil des Ganzen Sein“, angegossen wie ein zweiter Schuh zu Ihnen passt. Wie würden Sie diese Frage beantworten?

 

ZR: – Es gibt Poesie, die sich dem Vorlesen entzieht. So muss man die uralten indischen Upanishaden-Schriften kennen, um die darauf aufbauenden Veden zu verstehen. Zudem muss man die Mantras in den Veden mit einer speziellen Technik lesen, die den Strom der Töne in nützliche Energie verwandelt. So fließen die Vibrationen in die passende Richtung und trennen den Ton vom Lärm. Natürlich Ton und Lärm sind auch Teile der Welt, aber Poesie nenne ich, was spezielle Töne ergibt und nicht nur mechanisches Lesen verbaler Zeichen. Außerdem ist Poesie unpersönlich wie Brahman. Sie besteht aus allem, aus Mikro- und Makrowelt und aus sich selbst. Der Dichter existiert wohl nur als der Teil dieser Liturgie, andernfalls ist er einfach Opfer generellen Lärms.

 

RD: – Und die Zukunft des nächsten Tages, das uns naheliegende? Wie stellen Sie sich das vor, für sich, für Ihr Land?

 

ZR: – Um den nächsten Tag zu erleben, müssen wir erkennen, wo wir heute sind. Wahrscheinlich endet jetzt eine relativ lange Periode der menschlichen Zivilisation, man kann sagen, seit der Steinzeit, auf deren rauer Materie unsere sozialen, politischen, religiösen, kulturellen und historischen Werte gegründet sind. Statt diese Paradigmen zu ändern, versuchen wir sie zu korrigieren oder noch schlimmer, versuchen diesen mentalen oder seelischen Ballast zu modernisieren. Das Ergebnis ist eine unvorhersehbare Hybris mit apokalyptischen Vorzeichen. Anstatt uns von mythologischem Denken zu befreien, materialisieren wir mythologische Helden und Symbole mit katastrophalen Folgen: Weltwirtschaftskrisen, ökologische Katastrophen, religiöser Extremismus in Verbindung mit militärischem Terrorismus. Neue Kreuzzüge im Namen der Demokratie, hinter denen sich private, geschäftliche und politische Interessen von transnationalen Korporationen und diktatorischen Staaten verbergen. Georgien, das Teil dieses globalen Bebens ist, ist zudem Opfer der imperialen Aggression Russlands. Daher ist es für Georgien so wichtig, dass es in die historische europäische Familie zurückkehrt. Das kann dadurch verwirklicht werden, dass man offen gegenüber dem quantischen Bewusstsein ist, neue, revolutionäre Technologien einführt, mit denen der an den Kaukasus gefesselte Amiran (Prometheus) befreit wird und Vulkan ein neues Bewusstsein entzündet. Hier erinnere ich mich an mein altes Gedicht „Millenium”, das dieses Thema anspricht und meine zivile und philosophische Position zeigt:

 

 

Millennium

 

Golden lions depart the coat of arms,

extinguishing stars with their claws,

a psalm is sounded worthy of lions,

as a raging storm shakes the universe…

 

The pride of lions leaves the plains,

slow paws following slow paws

and the galaxy, more eternal than the sun,

becomes a parade of golden lions…

 

See how the myriad tiny bodies of the cosmos

turn the old idols into ashes

as Prometheus, who guardian of our silence,

ignites the volcano’s fire for the millennium!

 

(Translated into English by Natalie Bukia-Peters and Victoria Field)

 

RD: – Lieber Zurab, vielen Dank für Ihre Antworten, vielen Dank für Ihr persönliches und künstlerisches Zeugnis. Auf bald!

 

ZR: – Liebe Rodica, ich möchte mich auch ganz herzlich bei Ihnen für die Möglichkeit bedanken, dieser besonderen Zeitschrift ein Interview geben zu dürfen. Ich hoffe sehr, dass unsere Zusammenarbeit helfen wird, die moderne Literatur und neue Ideen bekannter zu machen.

 

 

 

 

 

 
FOTOS – RECHTE: Ekaterina Sisfontes, Cato Lein Guram Tsibakhashvili, Nikoloz Kereselidze, Robert Rtveliashvili, Fredrik Redelius, Peter Nyberg.

 

 

 

 

 

 

 

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Biografie

 

Geboren 1967 in Karaganda (Kasachstan) ist Zurab Rtveliashvili ein georgischer Poet, Performance-Künstler und Menschenrechtsaktivist. Er wuchs in Tbilisi auf und schloss ein Jura-Studium an der Universität Tbilisi ab. In seinen frühen Jahren (1987–1990) war er aktiv in der antisowjetischen Oppositionsbewegung und nahm an der Nationalen Befreiungsbewegung von Georgien teil.

 

Seine Texte des zivilen Ungehorsams dienten 2003 als Startschuss und Anstifter der friedlichen Rosenrevolution in Georgien. In den folgenden Jahren wurde er aufgrund seiner Performances mehrmals verhaftet und saß eine kurze Gefängnisstrafe als prisoner of conscience ab. 2010 Rtveliashvili wurde ihm politisches Asyl in Schweden gewährt. Der Europäische Gerichtshof hat 2012 den georgischen Staat wegen Menschenrechtsverletzungen gegen Zurab Rtveliashvili verurteilt.

 

2012 gewann er das Voloshin’s International Creative Symposium. 2014-2015 gastierte er am “Guillotine”-Theater in Schweden mit seinem ersten experimentellen Bühnenspiel, welches positiv von der Kritik aufgenommen wurde, noch heute tritt er dort mit Soloprogrammen auf. Bisher veröffentlichte er fünf Gedichtbände.

 

Zurab Rtveliashvili gehört zu jener Generation der postsowjetischen Künstler, die die Richtung der georgischen Literatur verändert haben. Er führte eine neue Vision in sprachlicher und konzeptueller Hinsicht in seine Poesie ein. David Chikhladze, Shota Iatashvili, Irakli Charkviani, Badri Gugushvili und Karlo Kacharava sind einige der Dichter, mit denen er eine neue künstlerische Wirklichkeit erschaffen hat.

 

 

  • 15000 Megaherz, Smockadoll Förlag (Sweden), 2015
  • Dictatorship of poetry, Smockadoll Förlag (Sweden), 2015
  • Anarchy, Georgia, 2006
  • Apocriph, Georgia, 2001
  • Irection, Georgia, 1997

 

Zurab Rtveliashvili Werke wurden übersetzt ins Englische, Deutsche, Schwedische, Französische, Niederländische, Ukrainische, Russische, Persische, Aserbaidschanische und Bengalische. Seine Poesie erschien in Großbritannien (Francis Boutles Publishers 2017); Schweden: zwei Poesie-Ausgaben (Smockadoll Förlag 2015, 2016); Seine Gedichte wurden in Anthologien publiziert, u.a.: Ukraine (Pidruchnyky Posibnyky, 2017); Deutschland (Pop Verlag, 2015); Russland (OGI, 2014); Niederlande (Poëzie Centrum, 2010).

Sein Gedichtband „Dikatur der Poesie“ erscheint Anfang 2018 in deutscher Übersetzung im KLAK Verlag, Berlin.

 

 

Übersetzung aus dem Georgischen: Irine Chogoshvili, bearbeitet von Jörg Becken

 

Journalistin: Rodica Draghincescu

www.draghincescu.com

 

Das Interview erschien in Levure  littéraire Nr. 13, 2017

www.levurelitteraire.com

 

 

 

 

 

 

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