Interview mit Nicole Gdalia, Dichterin und Direktorin des Verlages /Editions Caractères, Paris

 

 

(Tunesien-Frankreich)

 

 

 

 

Rodica Draghincescu: – Jorge Luis Borges sagte: „Die geheimnisvolle Zeit, die die Paläste ruiniert, bereichert die Poesie.“ Das Paradox der Zeit ist ein Phönix der Worte und Gefühle, der geflügelten Leere und des philosophischen Taumel. Nicole Gdalia, in der wunderschönen Gedicht-Anthologie l’Alphabet de l’éclat, (Alphabet der Fragmente, 2005), schreiben Sie:

 

Poesie

Gesang

Kristall unseres ungeteilten inneren Wissens

Orakel

Offenbarung gegen die Verschleierung der gebrochenen Worte bist Du die Sprache

im Raum

du gewährst Dauer

unerinnerlicher Erinnerung, dem Unsichtbaren

du verleihst Fülle

 

Ein vielstimmiger Gegengesang

Berge und Seen, Feuer und Luft

eines mit dem Anderen vereint

 

Poesie

Verwandlung der Stille.»

 

Sagen Sie uns bitte, was bedeutet Ihnen die Poesie? Ein Raum-Ort? Ein vergängliches Zeitwort? Ein erweitertes Erinnern? Ein Zwischenraum zwischen den Dreien?

 

Nicole Gdalia: – Für mich ist die Poesie zuallererst ein Rückzug von Raum und Zeit, ein Blick ins Innere. Es ist eine meditative Haltung, weltentrückt, um in das Wesentliche des Seins einzutreten. „Sie bevorzugte die innere Entblößung/ eine Selbst-Befruchtung“.

Dabei fühlen wir die Erweiterung in einer variablen Dimension, quasi kosmisch, Quelle der Musikalität der Welt, die Erweiterung des Selbst begleitet von einem Gefühl der Wahrheit, Wesentlichkeit. Es ist das innere Auge, sein Raum, sein Tempo.

„Poesie / Lied / Kristall unseres Inneren / Wissen ungeteilt“.

 

Wenn man den Blick nach außen richtet, ist es poetisch, das heißt kreativ: Man bemerkt Ähnlichkeiten, Verbindungen, Echos, die über das betrachtende Auge hinausgehen. Die Unendlichkeit der Welt zu sehen, erweitert uns, lässt uns ihre Schönheit erfassen.

Das bedeutet es, ein Dichter zu sein, dieses darüber hinaus sehen, zwischen, oben, unten … die Korrelationen, Resonanzen, Synästhesien, Echos erfassen…

 

 

RD : – In diesem materialistischen, militaristischen und medialen Jahrhundert, das die Vorherrschaft aller möglichen Armeen und Kriege favorisiert, fragte sich Jean-Pierre Siméon, ob „Poesie die Welt retten wird?» Scheint die Welt sich zu verdüstern? Trotz der Konflikte, der rassistischen und terroristischen Attentate der letzten Jahre, warum bleibt die Poesie (die älteste literarische Gattung der Menschheit) lebendig, jung, aufrecht und immer noch nützlich?

 

       Nicole Gdalia, die Schriftstellerin zu Hause

 

NG : – Ja, die Welt ist voller „Lärm und Wut“, wie schon Shakespeare bemerkte, und nichts hat sich geändert. Vielleicht, ja, der klare Wille des Bösen, die Zerstörung bestimmter Menschen als einen Weg des Guten zu betrachten, das ist das spezifische Zeichen unserer Zeit.

In den schwierigsten, ja, barbarischsten Zeiten des 20. Jahrhunderts, ich denke an die nationalsozialistischen Konzentrationslager, haben die Menschen, um ihre Seele wiederzufinden, aus Selbstschutz, unter den schwierigsten Bedingungen Poesie geschrieben oder sich erzählt.

Poesie als Ausdruck der „Seele“, welch altmodisches Wort, das jedoch das Sein gegenüber dem Haben ausdrückt, die Poesie wird der Gesang des Menschen, des Menschlichen um die Dunkelheit zu erhellen.

 

Ich schrieb:

 

„Denn die Stimme des Dichters

wirft seinen Körper in den Schrei

wenn sich vereinen mischen

überlappen und verstärken

die Ausdünstungen einer einer Welt

des Wahnsinns (…)

Nur im Exil der Nacht

steigt

ins Unendliche

der unersetzliche Schrei

des Dichters »

(Monodie, 1997)

 

Auch der Dichter sagt nein. Er prangert an, aber er verkündet auch.

Was er verkündet, ist eine andere Seite, eine Alternative in den menschlichen Beziehungen, der Dichter ist Träger von Brüderlichkeit und Harmonie.

 

RD: – Wann unternahmen Sie ihre ersten Schritte auf dem Pfad der Poesie? Wer begleitete Sie auf dieser Initiationsreise?

 

NG : – Ich begann schon sehr früh zu schreiben. Ich weiß nicht, ob es Poesie war, aber es war ein Ausdruck meines Seins in der Welt, der sichtbaren Welt, der inneren Welt, die ich versuchte, in Worte zu fassen.

Ich las gerne und viel und ich las mit lauter Stimme. Meine Lehrer ermutigten mich, mich auszudrücken, meine Sensibilität zu zeigen und meine Phantasie. Ich probierte mich in verschiedenen literarischen Formen aus: Poesie, Erzählung, Theater und sogar im Journalismus. Ich war 17, als einer meiner Artikel in der Presse erschien, der vom Film «Die sich selbst betrügen / Les Tricheurs » von Marcel Carné handelte.

 

RD: – Die Titel Ihrer Werke würden das bezeugen („Wurzeln“, „Wege des Namens“ etc.)?

 

NG: – Die Titel meiner Arbeiten sind Ausdruck eines „Weges der Initiation“, den ich verfolgte. Man ist immer „auf dem Weg“.

 

RD: – Ich erlaube mir festzustellen, dass sie mit schöpferischer Nadel schreiben, gewaltsam kleine Kratzer auf dem nackten Herzen ziehend, als ob sie es für kommende Kämpfe testen wollen… Ein schmerzhafter Stil, manchmal sternenübersät, heiter und ruhig, manchmal wild und turbulent. Worte hoch wie Ozeanwellen, vernichtende Worte wie Stürme von Sand und Stein…, kurze Worte wie Seufzer der Erinnerungen. Worte ganz einfach zum leben-überleben. Alles bezeugt ihr Sensorium, emotional, nachdenklich, sowie die raffinierte und phantastische Empörung Ihrer Persönlichkeit. Von einem Gedicht zum anderen, eine rationale Perspektive, wie von einem zerebralen Kosmos gerissene Freiheit. Ihre Poesie ist nicht nur Literatur, sondern das Leben, Identität oder Allgegenwart der Dinge. Und lyrische Kraft. Ich möchte für die Leser der Levure littéraire erfahren, was Ihre erste Lektüre und Bildungserlebnisse waren, Ihre wichtigsten Einflüsse, Ihre innigsten poetische Erfahrungen, in welchen sie sich bei ihren dichterischen Anfängen wiedererkannt haben?

 

NG: – Mein Schreiben ist eine persönliche Suche. Ich versuche keineswegs in der «Weise von… » zu schreiben. Ich bin niemandes Jünger. Ich habe immer intensiv auf meine eigene Stimme gehört, meinen eigenen Weg verfolgt, unabhängig von irgendeiner Berühmtheit… das Wort ist Werkzeug der Initiation, Lebensweg, Akt des Lebens.

 

RD: – Im Jahr 2005 haben sie bei éditions Caractères die bereits erwähnte schöne und persönliche Anthologie Alphabet der Fragmente/ l’Alphabet de l’éclat (1975-2005) herausgegeben. Dieses Buch enthält acht Sammlungen, von Racines/ Wurzeln aus dem Jahr 1975 bis zum letzten, namensgebenden Band aus dem Jahr 2005. Die Anthologie wurde von mehreren zeitgenössischen Künstlern in schwarz/weiß illustriert. Ihr ganzes dichterisches Leben findet sich darin, angefangen von ihren tunesischen Wurzeln bis zu ihrer großen Liebe und dem Leben in Frankreich mit dem polnischen Dichter Bruno Durocher. Es ist ein geheimnisvoller Titel… Von welchem Fragment sprechen Sie? Und auf welche Weise gewinnen wir daraus Poesie? Von einem Abschnitt des Lebens? Von einem Teilchen Materie? Vom Lärm? Oder einer lebendigen Farbe?

 

NG: – Ja, es ist eine existentielle Reise des Lebens, von durchaus wesentlicher Bedeutung, ich meine damit eine spirituelle Reise.

Eigentlich ist der Titel ist etwas esoterisch.

 

RD : – Könnten Sie es uns erklären, bitte ?

 

NG: – Lassen Sie es mich so erklären: die Worte leiten ihre Kraft aus ihrer Bedeutung ab, jedoch auch von ihrem Klang, der Kombination bestimmter Buchstaben. In den alten Sprachen, vor allem im Hebräischen, das ich leider nicht gut kenne, verfügen die Buchstaben des Alphabets über eine performative Macht, sie können mit ihrer Aussprache die materielle Welt verändern. Mein Alphabet ist jenes, das jenes Fragment von ganz oben, das Licht des Höchsten (Göttlichen) trägt oder zumindest tragen soll.

 

RD : – Und die Farben in und von Ihren Büchern…

 

NG: – Die Künstler haben mich immer begleitet. Sie sind präsent wie echohafte Begleiter einer visuellen Resonanz, ganz plastisch.

Abgesehen von dieser Anthologie, habe ich weitere Bücher publiziert wie  «Dreizehn Züge unsicheren Atems» kombiniert mit einer Original-Partitur der Musik von Irakly Avaliani und den Originalzeichnungen von Masha Schmidt.

Ein weiteres Buch, « Das Gespräch mit den Vögeln » wurde von Claude Raimbourg begleitet.

 

RD : – Der Dichter ist ein Wesen am Rande oder ein besonders notwendiges Wesen ?

 

NG : – Der Dichter steht am Rande, weil er die Einsamkeit braucht um wahrzunehmen und um sich auszudrücken.

Der Dichter ist eine Art Sender einer höheren Wirklichkeit, einer Anderen, und dafür besonders ist er wichtig. Der Dichter ist Verkünder durch die schärfste Wahrnehmung.

 

RD: – Pablo Neruda charakterisierte die Poesie als Rebellion. Victor Hugo nannte den Dichter «den Mund, der NEIN sagt!». Wie würden Sie die Dichter unserer Zeit definieren?

 

NG: – Ja, der Dichter sagt „Nein“. Er muss damit auch weiterhin „Nein»! Nein zur Verschwendung menschlicher Fähigkeiten, Nein zur Zerstörung der Natur… Nein zur Unverschämtheit der Männer in dieser gegenwärtigen Welt.

 

RD: – Verbindet sich in Ihrem Schreiben die Poesie mit dem Staatsbürger sein?

 

NG :- Ja, natürlich, mit dem «in der Welt zu sein» bin ich auch der sozialen Realität verpflichtet, engagiert auf der Seite des Menschlichen, in seinem ganzen Reichtum und seinen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, ich bin für eine ganzheitliche Sicht der Welt.

 

RD : – In Ihrer Poesie, mehr als anderswo, hat der Philosoph nicht mehr den Dichter zu erziehen, er erkennt sein Terrain, seine unterschiedliche Sphäre an, identifiziert sich mit seinem emotionalen Denken. Liebe Nicole Gdalia, würden Sie den Schleier über ihrer Beziehung zum Schreiben lüften, über die Art und den Zeitpunkt des Schreibens? Können wir in Ihrem Fall von einem schöpferischen Labor sprechen?

 

NG : – Ja, der Philosoph als „Freund der Weisheit“, seiner Etymologie zufolge, ist in meiner Dichtung selbstverständlich vorhanden. Denn was wäre das Leben des Menschen, das heißt, eines schöpferischen Wesens, wenn es nicht von Weisheit und Freundschaft begleitet wäre, der Suche nach Nähe mit den menschlichen Brüdern. Ja, ich mag sehr Ihren Ausdruck des schöpferischen Labors.

 

RD : – Nicole Gdalia, welches wären die sprachlichen und semantischen Empfänger, die sie am häufigsten nutzen?

 

NG : – Sie sprechen von „linguistischen und semantischen Empfängern.“

 

RD : – Ich bin Linguistin von Beruf.

 

NG : – Wissen Sie, ich habe auch Linguistik an der Universität gelehrt. Es ist ein Werkzeug, das uns die Funktionsweise der Sprache verstehen helfen kann; aber die Poesie bricht mit dem Diskurs der objektiven und nützlichen Kommunikation, transzendiert sie, es ist der Übergang in die irrationale Sphäre des Bildes, der Töne, Korrespondenzen, Rimbaud’schen Synästhesien.

Ich suche immer das passende Wort um ein Gefühl, eine tiefe, und häufig flüchtige Wahrnehmung, auszudrücken.

„Sammeln der Blitze / sie in Worte fassen / sie in Sprache wandeln / Echos der Erinnerung »

(Les chemins du nom / Wege des Namens, 1977)

 

       Nicole Gdalia in Paris (éditions Caractères)

 

RD : – Ihr Mann, der Dichter und Verleger Bruno Durocher, lebte 6 Jahre in den Vernichtungslagern der Nazis. Er nahm die französische Sprache an, um weiter zu schreiben, und er gründete die Zeitschrift und später im Jahr 1950 den Verlag édition Caractères. Zwei Leben für das unsterbliche Leben der Poesie. Eine Liebe zu zweit, verbunden mit der Poesie. An einer Stelle der Anthologie schreiben Sie:

 

Sie nahmen Dich im besten Alter / gejagt / gefangen in ihren Netzen / die schwarzen Ritter („Shoah 1“, S.95)

Ich war mit dir geboren / geboren durch Dich / weder Lack / noch Make-up / aus einem Stück gegossen /

Ich habe wahrhaftig gelebt / zum ersten mal / ohne geflickte Lumpen / schönes Kleid nagelneu /

Farbe flamboyant (S.119)

 

       Bruno Durocher front Caractères (Paris)

 

NG : – Ja, unsere Begegnung entsprach wirklich dem, was André Breton in l’amour fou  «den objektiven Zufall» nennt. Ich erzähle in einem Film des polnischen Regisseurs Jerzy Tuschewski über alle Zufälle, zufällige Begegnungen, die zu unserem Treffen geführt haben. Den Verlust eines Ohrring, den er auf der Straße wiederfand und aufhob ; die unbewusste Suche nach dem Besitzer … Ein bisschen wie Aschenputtels Schuh …

Ja, Bruno Durocher erkannte mich in meiner Ganzheit, intellektuell, poetisch, geistig, künstlerisch und erlaubte mir, ich selbst zu sein, mich auf dem Gebiet zu entwickeln, das zu mir passte.

Caractères, welches immer ein Priester im Dienst der Dichtung und Kunst gewesen war, ist das Ergebnis unserer Zusammenarbeit.

 

                              Bruno Durocher in Caractères (Paris)

 

RD : – Wie kann man die poetischen Worte nach den Schrecken der Todeslager wiederbeleben? Was bedeutete die Dichtung für Bruno Durocher? Wie betrachtete er sie in der Welt nach Ausschwitz? Mit diesem fast undenkbaren philosophischen Verbot…

 

NG :- Sie wiederholen die Worte Adornos, aber… Ja, Bruno Durocher wurde „im besten Alter genommen“. Er war gerade zwanzig geworden. Oft sagte er zu mir, „in einem Alter, in dem man lernt zu leben, war ich in den Todeslagern…“.

 

       Nicole Gdalia und Bruno Durocher in Caractères (Paris)

 

RD : – Es gibt nicht viele Worte, um die schlimmste der Höllen zu beschreiben!

 

NG : – Aber die poetische Beschäftigung rettete ihn. Gegen die Unmenschlichkeit, gegen die Entwürdigung, sagten die Gefangenen Gedichte auf, schrieben sobald sie konnten auf gefundenem oder gestohlenem Papier. Das ist zweifellos das, was ihn rettete. Das war ihr Widerstand. Jener, den sie „den Rimbaud der polnischen Dichtung“ nannten, weil er bereits mit 17 Jahren zwei Bücher veröffentlicht hatte und ein drittes schrieb, das verlorenging und später neu geschrieben wurde, war bereits ein Dichter in seinen Worten und existenziellen Entscheidungen. Sein Roman „Das Buch vom Menschen“ legt davon Zeugnis ab.

 

RD : – Nicole Gdalia, Sie haben mit Überzeugung und Hoffnung die éditions Caractères übernommen, und haben dem Verlag das Flair einer internationalen Familie gegeben. Während andere französische Verlage Angst haben, sich dem Fremden zu öffnen, setzen Sie auf die Poesie der Menschheit und die Melodien von Sprachen und Kulturen. Sie sind eine wahre Botschafterin der universellen Dichter. Ich gratuliere Ihnen! Ihr Verlags-Programm erlaubt Ihnen, die Welt zu durchqueren. Wie sieht die Verlegerin Nicole Gdalia die poetische Welt von heute? Auf Abwegen? Auf dem Rückzug? In voller Umwälzung?

 

       Nicole Gdalia mit Gao Xingjian, Marie Cellier, Präsidentin der Society of Men of Letters und Anny Romand, Schauspielerin

 

NG :- Ja, weltweit gibt es Dichter und es war uns immer wichtig sie zu hören, sie zugänglich und bekannt zu machen. Es ist eine weltweite Bruderschaft der Dichter. Die aktuelle Poesie ändert sich in ihrer Form, weil sie sich externalisiert mit dem Poetry-Slam, der Performance-Kunst; sie korrespondiert hier mit dem Trend zum „Objektiven“, zum Sichtbar-Visuellen in unserer Gesellschaft. Ich denke, das wird sich zugunsten einer tieferen Authentizität entwickeln, einer Rückkehr zu den Ursprüngen.

 

RD : – Kann ein Poesie-Verleger heute noch ein gewichtiges Wort in der Bücherwelt mitreden? Wie lässt sich ein Verlag wie Ihrer betreiben, der ausstrahlt und die Routine durchbricht… und der sich nicht von den großen Verlagen kaufen lässt?

 

                              Nicole Gdalia und Bruno Durocher in Caractères (Paris)

 

NG : – Die Lyrik-Edition ist fast ein Priestertum. Es ist ein Widerstand gegenüber der Welt des Marktes. Ich arbeite ehrenamtlich ohne mich zu entlohnen und der wirtschaftliche Ertrag ist leider gering, da sich Gedichtbücher schlecht verkaufen, trotz aller Lesungen und Veranstaltungen.

Das geschieht abseits der üblichen Handelswege. Man sagt, ich wäre eine elitäre Verlegerin, weil ich mich nur um die Qualität des Textes kümmere; ja, ohne elitär zu sein, suche ich nach Qualität als Wert für alle, an Alle.

 

RD : – Dichterin und Herausgeberin, sie arbeiten mit Worten und für die Worte. Welches wären die Schlüsselwörter Ihres Lebens? Und wie bringen sie diese zum Leben?

 

NG : – Die Schlüsselworte eines Lebens, meines Lebens sind: Liebe, Klarheit, Intelligenz des Herzens, Brüderlichkeit, Wahrheit, die Welt zu verbessern, in der wir leben. Caractères bringt die Kulturen in einen Dialog zum Zwecke des Fortschritts für alle.

 

RD : – Von allen Editionen ihres Verlagshauses, oft zweisprachig, welche betrachten sie als am meisten repräsentativ für Ihre redaktionelle Linie? Und sagen Sie bitte, warum?

 

NG : – Alle sind repräsentativ. Sie sind wie die Äste eines Baumes.

Die Reihe «Caractères/ Zeichen» bezieht sich auf die französische Sprache. Die Reihe Sammlung «Planètes/ Planeten» auf die Fremdsprachen. Sie ist zweisprachig und ist besonders reich an Titeln und Sprachen. Ich bin besonders glücklich, wenn ich das Spektrum der Sprachen erweitern kann. Dieser Katalog ist abhängig von den Übersetzern, die man für die selteneren Sprachen wie Paschtu oder Malayalam oder andere afrikanische Sprachen finden kann. Ich habe sogar einen afrikanischen Dichter Poesie aus der Wolof-Sprache nachdichten lassen.

 

RD: – Nicole Gdalia, Sie arbeiten auch mit bildenden Künstlern für ihre poetischen Ideen. Die Poesie denken, fühlen, darstellen. Den Klang der Emotionen illustrieren. Eine Beziehung zwischen dem Text und dem Bild nach einer gemeinsamen Vorstellung erschaffen… Verkauft sich ein illustriertes Buch besser als ein pures Buch? Die Farbe, generiert sie einen Mehrwert an Neugier und Freude beim Leser?

 

NG : – Es geht hier nicht um eine kommerzielle Suche. Die Arbeit mit Künstlern geschieht aus der tiefen Überzeugung, daß die Dichtung (Worte) und Kunst (visuelle Kunst), aber auch Musik… mit der Poesie zusammengehören. Unsere Bücher sind mehrstimmig.

 

Ich habe eine Reihe „Kunst und Resonanz“ aufgelegt, die einen Dichter, einen Maler, einen Musiker verbindet um gemeinsam für das gleiche Buch zu arbeiten, in welches wir eine musikalische Partitur drucken oder eine CD beilegen. Wir vereinen unterschiedliche Kunstformen.

Wir organisieren auch Ausstellungen in unserer Buchhandlung-Galerie, häufig begleitet von musikalischen und poetischen Lesungen.

 

RD : – Männliche / weibliche Schriftsteller in der zeitgenössischen Poesie. Der Verlag Caractères räumt Dichtern und Schriftstellern beiderlei Geschlechts den gleichen Raum ein. Kann man sagen, dass Frauen in den anderen Verlagsprogrammen etwas vernachlässigt werden? Vor kurzem las ich in Libération einen Artikel zu diesem Thema (über das Machotum einiger Verleger und der Verantwortlichen, die Schullehrpläne konzipieren).

 

NG :- Ich für meinen Teil nehme jeden Text von einem Mann oder einer Frau mit dem gleichen Interesse an. Es ist die Qualität, die in jedem Fall zählt.

Ich veröffentliche demnächst ein dramatisches Gedicht, einen Monolog einer Frau mit ihrem Alter Ego, einem Mann, mit Musik und Szenographie… Es werden drei Versionen gedruckt, weil es drei verschiedene Künstler inspirierte.

 

RD : – Da Sie Ehrengast der Levure littéraire n°13 sind, deren Thema Sein oder Teil des Ganzen sein ist, ein Thema, das ihnen wie ein Handschuh paßt, wie würden Sie diese Frage beantworten?

 

NG : – Ja, das Thema passt sehr gut zu mir. In der Tat sind wir Teil eines Ganzen. Ich schrieb vor langer Zeit dieses Gedicht:

„Tier der Erde / ich kehre zurück zu meiner Familie / Stein Pflanze Vogel / für die Initiationsreise / der einmaligen Wiedervereinigung“ (Les chemins du nom / Wege des Namens, 1977).

Der Sinn des Lebens ist die maximale Ausdehnung, des positiven Einflusses, der Verschmelzung mit dem ganzen Universum, von dem wir nur ein Teil sind, wie zur Rechtfertigung für dieses Geschenk, das uns mit dem Leben gegeben wurde.

 

RD : –  Möchten Sie dieses Gespräch mit einem Gedicht beenden, einem Manifest eines Dichters, den Sie veröffentlicht haben?

 

NG : Strahlen

„Alles ist ein Fächer

Bruder: öffne die Arme

Gott ist der Punkt »

 

       Federico Garcia Lorca, Suite des miroirs (Serie von Spiegeln, Éditions Caractères, 1951)

 

       Nicole Gdalia und Gao Xingijan, Editions Caractères, Paris 2016

 

Und ganz aktuell, von Gao Xingjian, Nobelpreisträger des Jahres 2000, von dem ich das komplette poetische Werk herausgebe, ein kurzes Gedicht :

 

Denken

Denken

lodert im Feuer

beruhigt sich im Wasser

schwebt in den Wolken

hört sich im Herzen„

(Irrender Geist meditative Gedanken, 2016)

 

                                                                            Malerei von Gao Xingjian

 

 

 

Journalistin : Rodica Draghincescu (Frankreich)

 

 

 

 

 

 

 

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BIBLIOGRAPHIE :

 

Nicole Gdalia, geboren in Tunis, nach dem Studium an der Pariser Sorbonne wurde sie Journalistin, Dichterin, Bildhauerin. Doktor der Literatur-, Kunst- und Religionswissenschaft, Forscherin am CNRS, unterrichtete sie an der Neuen Sorbonne und der Ecole Pratique des Hautes Etudes (5. Section). Sie hatte den ersten Lehrstuhl der UNESCO/CNRS für interkulturellen und interreligiösen Dialog inne.

 

Seit dem Tod ihres Mannes Bruno Durocher (1996) führt sie die Geschäfte im Verlag Editions Caractères. Nicole Gdalia hat das wunderbare kulturelle Engagement dieses Verlagshauses wieder aufgenommen und weitergeführt. Im Jahr 2017, feiern es sein 67-jähriges Bestehen, Möge ihm ein langes Leben beschieden sein!

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