Interview mit Jean-Pierre Siméon

 

 

DIE POESIE IST TROTZ ALLEM EINE WAFFE GEGEN DAS SCHLIMMSTE MIT LANGFRISTIGER WIRKUNG UND WIE EINE UNDERGROUND ACTION!

 

 

image001

(Frankreich)

image003

 

 

RD : – Jean-Pierre Siméon, Sie sind ein Dichter, Dramatiker, Romancier, Jugendautor sowie künstlerischer Leiter des Festivals Le Printemps des Poètes. Sagen Sie uns bitte, worin bestehen für Sie die Facetten und die Einzigartigkeit der schriftstellerischen Identität, vor allem des Poeten?

 

JPS : – Sie beziehen sich auf meine vielseitigen Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen, in denen ich mich mit dem Schreiben einbringe. Das mag viel erscheinen, aber in Wirklichkeit verbindet sie die Poesie als gemeinsamer Nenner. Ich denke, wie Sie wissen, Dichter sein bedeutet vor allem ein Lebensengagement, dessen Texte auf gewisse Weise nur Symptome sind, das Zeugnis einer anderen Form, seine Existenz zu situieren, die Realität zu betrachten und die existenziellen Fragen als gesellschaftliche zu verstehen.

 

RD : – Wie leben Sie dieses Engagement?

 

JPS : – Was mich umtreibt, ist nicht dieses Engagement allein zu leben, sondern es aus politischer Sicht als gemeinsames, teilbares zu betrachten, basierend auf den, vorherrschenden Mächten entgegenstehenden Werten, eine Haltung, die, von vielen geteilt, wohl ein glücklicheres kollektives Schicksal ermöglichen würde.

 

RD: – In Être écrivain / Schriftsteller sein, erschienen 2000 bei Editions La Découverte, untersuchte der Soziologe Nathalie Heinich den Beruf des Schriftstellers. Sein Buch beleuchtet die Tatsache, dass sich der Schriftsteller, wie jeder Künstler, immer zwischen der Sorge um Authentizität und Anerkennung, zwischen jener, ein schönes Werk zu erschaffen und der Notwendigkeit es zu einem Erfolg zu führen, befindet. Für viele symbolisiert der Schreibensprozess eine existenzielle Herausforderung: ein Werk hervorzubringen, das dauerhaft sein soll und Spuren hinterläßt. Mit Jean-Marie Barnaud führen Sie die Editon Grands Fonds im Verlag Cheyne-éditeur. Aus einer großen Anzahl der von Autoren angebotenen Werke, wählen Sie für den Verlag das Passende aus. Worin besteht für Sie die Authentizität dieser Autoren?

 

JPS : – Die Aufgabe eines Verlegers, hängt natürlich von grundlegenden Richtlinien ab, die seine Auswahl definieren. Bei Cheyne, ist das erste Kriterium weder Literatur um der Literatur willen, noch Bücher zu kommerziellen Zwecken zu « produzieren »: es geht vielmehr darum, einzigartigen, anspruchsvollen Texten Resonanz zu verschaffen, die sich dem Verständnis der Welt öffnen, sowie um eine Sensibilität für die Menschen und die authentischen Dinge.

 

image004

 

RD : – Sie lehnen ab, die Phantasie des Dichters als einen einfachen Seelenzustand zu verorten?

 

JPS : – Wir verkennen nicht den Ausdruck der Seele, ohne unbedingt der Seele eine mystische Resonanz zu geben, vielmehr betrachten wir sie als Ausdruck jener menschlichen Empfindlichkeit gegenüber der allen Menschen gemeinsam Realität. Das was wir ablehnen ist das reine literarische Spiel, den sinnfreien Formalismus; wir suchen in den Texten den Ausdruck einer echten und engagierten menschlichen Erfahrung.

 

RD: – In den letzten Jahren will Literatur nicht mehr nur ein Ausdruck der Emotionen, Ideen, Formen oder des freien Spiels der Phantasie sein: gegenwärtig ist sie mehr ein Ergebnis und Reflex auf unsere Epoche, in der sich alles monetarisiert, alles gehandelt wird. Wie denken Sie darüber?

 

JPS : – Was Sie von der Literatur sagen, ist nur wahr, wenn wir die zeitgenössische Manier akzeptieren, welche Literatur quasi auf den Roman reduziert. Eine Haltung, die ich nicht aufhöre anzuprangern, die ihre Ursache genau in jenem Primat der Ökonomie hat, auch in der kulturrellen Sphäre. Wie ich in meinem Essay La poésie sauvera le monde/ Die Poesie wird die Welt retten erläutere, genießt der Roman dahingehend eine hegemoniale Stellung, das er sich in das vorherrschende Schema der verallgemeinerten Fiktion integriert, denn heute geschieht jede legitime Aneignung der Realität durch die Fiktion, einschließlich der Information. Die Poesie, weil sie dieser Logik nicht folgt und grundsätzlich nicht folgen kann bleibt in dieser Hinsicht frei, natürlich mit dem Nebeneffekt, dass sie auf literarischem Feld ausgegrenzt und marginalisiert wird. Eine Literatur, die den aktuellen Zwängen widersteht, den wirtschaftlichen Anforderungen oder der Nachfrage nach Unterhaltung, ist jene, die eine poetische Funktion konserviert und manifestiert.

 

RD : – «Die Poesie ist kein Selbstzweck. Die Poesie ist ein Instrument unter anderen um die Welt zu verändern», oder «Poesie ist eine mit Zukunft geladene Waffe» – schrieb der spanische Dichter Gabriel Celaya (1911-1991). Er drückte eine fragile Hoffnung gegen alle Formen der Gefahr aus, nach Jahren der Kriege und unvorstellbaren Grausamkeiten. Was ist Poesie für Sie?

 

image006

 

JPS : – Ich denke, die Poesie sollte sich als ein Angebot an die menschliche Gemeinschaft und nicht als einsame und separate Praxis verstehen. Ich denke, die Poesie begründet eine Hoffnung in jenem Sinne, dass sie unablässig das Verständnis zur Welt öffnet, als das Feld der Möglichkeiten und damit die fügsame Unterwerfung des Bewusstseins unter alles verbietet, was dem Menschlichen entgegensteht.

 

RD : – In diesem Sinne wäre die Poesie eine semantische Feuerwaffe?

 

JPS : – Natürlich kann Poesie nichts gegen die Kalaschnikow  tun, sie wüsste auch nicht die unmittelbaren sozialen und politischen Probleme zu lösen, aber es ist immer noch eine Waffe gegen die schlimmsten Auswirkungen, eine mit Langzeitwirkung und wie eine underground-Aktion. Die Poesie hat keine unmittelbare Wirkung auf die Symptome des menschlichen Elends, aber indem sie auf das kollektive Bewusstsein einwirkt, ist sie ein permanenter Einwand auf deren Ursachen. Ich erinnere mich an den großartigen Satz von Roberto Juaroz: «Die Poesie ist ein außerordentlicher Beschleuniger des Gewissens.» Um möglichst viele an diesem Gewinn teilhaben zu lassen, engagiere ich mich beim Festival  Printemps des Poètes.

 

RD: – Wozu also Schreiben in einer Zivilisation, die sich immer weniger für die wahre Literatur interessiert und die Angst hat, ihre Poeten zu lesen?

 

image008

 

JPS : – Die Antwort liegt schon in Ihrer Frage, weil ich sagen könnte …

 

RD : – exklamatorische Befragung…

 

JPS : – … je mehr eine Zivilisation ihre Seele verliert, je mehr sie sich mit dem kollektiven Niedergang des Bewußtseins abfindet, umso mehr, um es klar zu sagen, verliert sie ihre Menschlichkeit, und umso notwendiger sind Kunst und die Dichter, das heißt, der radikalste Widerstand gegen diesen Niedergang. Aber das lohnt nur für jene, die sich durch dieses gemeinsame Schicksal betroffen fühlen, und sich mit den Konsequenzen dieses Zustands nicht abfinden können.

 

RD : – Die Dichter zur Verantwortung rufen?

 

JPS : – Das würde bedeuten, der Kunst und der Poesie eine ethische und politische Verantwortung zuzuweisen. Ich glaube, dass schon immer und in allen Kulturen, Kunst einen Einwand manifestierte, einen Gegenpol zur fatalen Neigung jeder Gesellschaft sich zu entmenschlichen, weil dem zu widerstehen Anstrengung und Bereitschaft erfordert. Es ist immer einfacher, einen feigen Kompromiss einzugehen.

 

RD: – Das einundzwanzigste Jahrhundert, komplex und kompliziert, sollte das Jahrhundert der Poesie sein?

 

JPS : – Wie gesagt, ich denke, dass die Dichtung in diesem Jahrhundert in einem Europa, das sie schon vergessen hatte, eine stärkere Existenz finden wird. Gerade hinsichtlich dessen, was ich auf die vorherige Frage antwortete: sie bedient gerade in dieser desorientierten Welt, der konsumorientierten Welt der reichen Länder, ein Bedürfnis nach Sinn und Werten. Wenn die Poesie ein Einwand ist, wie ich glaube, eine Gegenströmung, so wird sie offensichtlich nie eine einhellig geteilte und gefeierte Kunst sein, sie bezieht ihre Kraft aus ihrer inneren Verweigerung. Wenn die Zurückweisung des vorherrschenden Finanz- und Wirtschaftssystems und seiner Folgen heute neue Angebote und Argumente sucht, dann kann die Poesie, ohne natürlich ein alternatives System zu bieten, auf ihre Weise den Weg erleuchten.

 

RD: – Wie können die Schriftsteller die Whistleblower sein und das Gewissen aufrütteln?!

 

JPS : – Die Rolle der Künstler und Schriftsteller, also auch der Dichter, ist es, im Zentrum des Gemeinwesens hartnäckig und kompromisslos ihre freie Sprache zu manifestieren, was jenen, die es wünschen, ermöglicht, dem deterministischen Denken und den Moden zu entkommen. Ihre Rolle ist es, öffentlich mit ihrer Arbeit Zeugnis über ihre Überzeugungen abzulegen. Selbst wenn sie die allgemeine Öffentlichkeit nicht erreichen, glaube ich an die langsame und subtile Ausbreitung der Ideen, die sie verkörpern.

 

RD: – In Ihrem Essay La poésie sauvera le monde (Nouvelle édition)/ Die Poesie wird die Welt retten (Neue Ausgabe) sensibilisieren Sie Ihre Leser auf die Dringlichkeit der Dichtung und für das Leben als Dichter. Ich zitiere: Ich meine mit Poesie nicht das charmante Ornament, das man im Allgemeinen darin sieht, sondern die radikale und kompromisslose Manifestation einer Art und Weise in der Welt zu sein und die Welt zu denken, auf allen Ebenen des Lebens, sozial, moralisch und politisch. Die Poesie bezieht sich sehr direkt auf diesen Bewusstseinszustand , spielt mit dem Unbekannten und Unerwarteten, verweigert jede Verengung des Sinns, das heißt alle Verknöcherungen, kategorischen Konzepte, feste Identifizierungen, Kategorisierungen aller Art, die das Leben verdrängen, diese ewige Bewegung, und lässt uns die Realität vermissen, so wahr, wie sie ist und so wie die Poeten und Künstler sie wahrnehmen und rekonstruieren: mit einer frechen und unendlichen Schärfentiefe . Sie sind ein engagierter Autor. Worin besteht dieses Engagement?

 

JPS : – Mein Engagement habe ich, glaube ich, in meinen bisherigen Antworten, erklärt. Ob beim Festival Printemps des Poètes, meinen Theateraktivitäten oder als Lehrkraft, besteht es darin, einen festen, möglichst koherenten Standpunkt deutlich zu machen, auch wenn er stört, überrascht oder eine Anstrengung erfordert. Sinngebendes Prinzip dieses  Engagements, ist es, das Bewusstsein des Lesers durch den Zugang zu den ungewöhnlichsten Formen der poetischen Sprache und künstlerischen Arbeiten zu erweitern.

 

RD: – In seinem Brief an Hetzel schlug Victor Hugo vor, die Menschen aufzurütteln. Scheint Ihnen, dass die Schriftsteller, die Dichter, die Künstler im Allgemeinen, besser als andere diese Mission erfüllen können?

 

JPS : – Die Schriftsteller, Künstler und Dichter sind natürlich nicht die Einzigen, die am erwecken des Bewußtseins arbeiten. Ich glaube, dass jede intellektuelle Anstrengung, jede neue mentale Konstruktion, jedes Abenteuer des Herzens und des unerwarteten Geistes zu dieser Aufgabe beitragen. Das betrifft auch die Grundlagenforschung und die Geisteswissenschaften. Aber ich glaube, dass insbesondere die Dichtung durch ihre Radikalität auf der Suche nach dem Absoluten, eine Stimmgabel inmitten aller menschlichen Emanzipation ist.

 

RD : – Einige Autoren definieren das Schreiben als eine Art Therapie, andere als eine Verwirklichung des eigenen Selbst, bis hin zur Identifizierung des eigenen Lebens mit diesem Schreiben. Multiple Berufsfelder, multiple Fäden in ihrer Seele, multiple Kompetenzen, Monsieur Siméon, wie organisieren Sie im Alltag das Schreiben, das Leben eines Autors und ihre Lehrtätigkeit?

 

JPS : – In meinem Fall ist das Schreiben sicherlich keine Form von Therapie oder ein Mittel der Selbstverwirklichung. Es ist lediglich die beste Art jenes Engagement zu leben, von dem ich spreche. Wie bereits gesagt, meine vielfältigen Funktionen basieren alle auf der Poesie : sie sind nichts anderes als Varianten desselben Strebens und einer Lebensintensität, die allein unser Dasein auf der Welt rechtfertigen.

 

image009       La Mayotte 2012

 

RD : – Vielen Dank für dieses Plädoyer zugunsten der Poesie, die uns rettet und uns verbindet!

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Biographie

 

Der Dichter, Romancier, Dramatiker und Kritiker Jean-Pierre Simeon wurde 1950 in Paris geboren. Als Professor für Moderne Literatur lehrt er an der Universität von Clermont-Ferrand, der Stadt, in der auch seinen Wohnsitz hat.

 

Er ist Autor zahlreicher Poesie-Bände, von Romanen, Kinderbüchern, vierzehn Theaterstücken, einem Essay über das Theater und einem über Laurent Terzieff, Essays über die Notwendigkeit der Poesie, besonders die Essays Aïe un poète ! und La Vitamine P.  Gleichermaßen ist er als Übersetzer tätig (aus dem Deutschen Die Winterreise von W. Müller, aus dem Englischen Foley  von M. West, sowie Gedichte von Carolyn Carlson).

 

Mit Christian Schiaretti gründete er das Festival Les Langagières an der Comédie von Reims und ist zukünftig assoziierter Dichter am Théâtre National Populaire in Villeurbanne. Daneben unterrichtete er bis 2010 am ENSATT in Lyon, seit 2012 Theaterschreiben an der Fakultät für Politikwissenschaft.

 

In Clermont-Ferrand gründete er 1986 die Woche der Poesie, war Mitglied des Poesie-Beirates am Centre National du Livre, und schrieb Literatur- und Theaterkritiken für die Zeitung l’Humanité.

 

Er war Berater der Mission für Kunst und Kultur des Nationalen Bildungsministeriums und Mitglied des Redaktionsbeirats mehrerer Zeitschriften. Mit Jean-Marie Barnaud gibt er zudem die Sammlung «Grands Fonds» im Verlag Cheyne Editor heraus.

Seit 2001 ist er künstlerischer Leiter des Festivals Printemps des poètes in Paris.

Sein Text für das Theater, Et ils me cloueront sur du bois/ Und sie werden mich ans Holz nageln,  wurde auf dem Festival de La Chaise-Dieu im August 2014 aufgeführt; bereits 2009 wurden Philoktet und Le Testament de Vanda / Vandas Testament  gespielt, jeweils am Odeon-Theater Europa, in einer Inszenierung von Christian Schiaretti, mit Laurent Terzieff und am Théâtre du Vieux-Colombier, mit Sylvia Bergé in der Regie von Julie Brochen.

Außerdem war er bei France Culture Produzent der Sendung  Géographie du poème.

 

Seine Poesie-Bände erscheinen seit mehr als 20 Jahren im Verlag Cheyne éditeur. Für sein dichterisches Schaffen erhielt er u.a. die Preise Théophile Briant (1978), Maurice Sceve (1981), Antonin Artaud (1984), Guillaume Apollinaire (1994) und den Großen Preis des Mont Saint-Michel  (1998). Für seine Sammlung  Lettre à la femme aimée/ Brief an die geliebte Frau über den Tod  erhielt er den Prix Max Jacob (2006) sowie den Internationalen Poesie-Preis Lucian Blaga in Cluj/ Rumänien (2010). Seit 2014 ist er Jury-Präsident des Prix Apollinaire.

 

JURNALISTIN: Rodica Draghincescu

Übersetzung : Jörg Becken (Berlin)

 

 

 

 

 

Articles similaires

Tags

Partager