Interview mit dem Schriftsteller Alexandru Potcoavă

 

 

(Rumänien)

 

 

Der Schlüssel oder Keimling einer zukünftigen Figur

 

Alexandru Potcoavă (geb. 1980) ist ein junger rumänischer Dichter und Prosaschriftsteller, ein frischer, funkelnder, lebhafter und intelligenter Autor, inspiriert von den literarischen Bewegungen des rumänischen Banats, aber vor allem geprägt durch seinen eigenen « Werdegang ». Frei zu sagen und zu schreiben, was ihm auf der Seele liegt, was ihn stört oder begeistert, ohne seine Kritiker und Leser um jeden Preis beeindrucken zu wollen. Alexandru ist ein unerwarteter Schriftsteller mit einem wahren literarischen Programm, ausgestattet mit einem Stil « scharf auf zwei Seiten », dessen Bücher sehr authentisch sind. Ein klares Schreiben von Metaphern und Epitheta, luzide, elastisch und agil, das nicht nur eine Kunst des «Neu-Denkens des Lebens» ist, sondern eine autobiographische Suche nach gemeinsamer/kollektiver Erinnerung. Für Levure littéraire n° 14 stellen wir Ihnen diesen europäischen Autor vor, der es verdient, international bekannt zu werden.

 

 

 

 

Rodica Draghincescu: – Lieber Alexandru, selten fragt man einen Läufer, warum er läuft, einen Musiker, warum er spielt … Andererseits werden Schriftsteller regelmäßig danach gefragt, warum sie schreiben! Können Sie mir sagen warum?

 

AP: – Liebe Rodica, ich habe keine Ahnung warum. Und um die Wahrheit zu sagen, ich finde es sogar unfair. Der Läufer könnte natürlich antworten: Ich renne um den ersten Platz in diesem Wettbewerb oder um meinen eigenen Rekord zu schlagen und möglicherweise davon zu leben». Der Musiker wiederum: Ich spiele um meine Technik zu perfektionieren und mein Talent vor immer volleren Sälen zu zeigen. Ich spiele auch, um davon zu leben. Genauso gut könnte man den Installateur fragen, warum er Rohre verlegt und den Abfluss reinigt, er würde sagen: weil ich es gelernt habe und es meine Art ist, mich nützlich zu machen. Außerdem lebe ich davon und das sogar auf anständige Weise.

Aber es ist wahr, dass es die dem Autor am häufigsten gestellte Frage ist. Als ob die Antwort nicht ebenso offensichtlich wäre, wie bei den anderen Gewerken.

 

RD: – Was hat Sie dazu gebracht, Schriftsteller zu werden? Wer hat Ihnen Lust aufs Schreiben gemacht? (Vielleicht gab es ein auslösendes Ereignis, besondere Umstände). Können Sie uns verraten, wie Sie zu Schreiben angefangen haben? Welchen Platz nimmt das Schreiben in Ihrem Leben ein und seit wann?

 

AP: – Den ersten Schreibwunsch verspürte ich mit neun Jahren. Es war während der rumänischen Revolution in Timișoara im Dezember 1989, als mich die Echos der schrecklichen Ereignisse in unserer Wohnung erreichten. Es war mir verboten worden, mich dem Fenster zu nähern, weil viele neugierige Leute auf diese Weise durch das Fenster von den Soldaten erschossen worden waren, die überall nur Terroristen witterten. Meine Eltern, die arbeiten gehen mussten, kamen mit vielen Geschichten nach Hause, die sie erlebt oder gehört hatten. Unter denen, die mich am meisten beeindruckt haben, war die Geschichte von den jungen Leuten, die auf den Stufen der Kathedrale gefallen sind. Sie hatten versucht, in der Kathedrale Zuflucht vor den Panzern des Militärs zu finden, aber da die Tore verschlossen waren, wurden sie auf den Stufen von den Maschinengewehren getroffen. Mein erstes Gedicht handelte von diesen Märtyrern und meine Mutter wollte es in der ersten freien Zeitung von Timișoara veröffentlichen. Wenn es ihr gelungen wäre, hätte ich sie als meinen literarischen Agenten engagieren können – dem Ersten und Einzigen bis heute. Aber mein Vater hat sie, aus einem Reflex der Angst, den ich damals nicht verstehen konnte, daran gehindert.

 

Nach der Revolution und der folgenden Übergangsphase hatte ich diese ersten poetischen Versuche völlig vergessen. Die Freiheit war viel fesselnder, das neue Universum aus Werbung und Zerstreuung war für einen Teenager wie mich mehr als genug. Bis ich mich verliebte. Dies führte wieder dazu, Gedichte zu schreiben, und ich veröffentlichte schließlich meinen ersten Band, mein literarisches Debüt. Dann habe ich einen sehr geliebten Menschen verloren und einen Roman geschrieben. Seither gibt es keinen Bruch mehr zwischen meinem Leben und dem Schreiben, ich habe nur im Schreiben gelebt, wie ein Sportler, der nicht nur im Stadion ist, sondern regelmäßig trainiert, einen bestimmten Lebensstil respektiert, usw.

 

 

       Kikinda Short – Das Prosa-Festival von Kikinda, Serbien

 

 

RD: – Also, momentan leben Sie davon?

 

A P: Sagen wir besser, ich lebe damit. Ein rumänischer Autor kann seine Rechnungen nicht mit dem Verdienst aus seinen Büchern bezahlen. Er muss unbedingt irgendeinen Job haben – Lehrer, Journalist, Musiker oder Klempner (es scheint, dass Läufer weniger schreiben, aber wir können nicht behaupten, dass Autoren weniger laufen). Kurzum, Schreiben wird nicht als Beruf angesehen, so professionell der Autor auch sei. Eine gewisse romantische Vorstellung vom Schriftsteller existiert zumindest noch in der Öffentlichkeit. Dies ist sein Geschäft, die Art wie er lebt, die Zeit der Ehrungen folgt posthum.

 

RD:- Haben Sie ein Schreibritual (Gewohnheiten, einen besonderen Ort, eine Atmosphäre)?

 

AP: Lange Zeit habe ich gerne in Bars und Cafés geschrieben. Das lebendige Ambiente, die umgebenden Gespräche hielten mich wach, aufmerksam, und wenn ich von meinem Blatt aufsah (damals schrieb ich noch mit der Hand), konnte ich manchmal eine Figur, eine Geste, eine Replik entdecken, die fähig war, in eine literarische Person einzugehen. Als das Rauchverbot an öffentlichen Orten eingeführt wurde, ich kann nicht ohne Rauchen schreiben, musste ich zu Hause arbeiten, wo es ziemlich schwierig war, sich an die Stille zu gewöhnen.

 

RD: – Woher beziehen Sie Ihre Inspiration? Wo finden Sie die Themen Ihrer Bücher ? Was ist die Grundlage Ihres Schreibens?

 

AP: – Inspiration ist eine Frage des Augenblicks, wenn Dir etwas durch den Kopf geht, sich mit etwas in Beziehung setzt und man schnell eine Lösung findet. Ein Auslöser, der erst nach Stunden am Schreibtisch oder während einer Diskussion zu einem anderen Thema kommen kann. Ich liebe es zu schwatzen, zuzuhören und zu beobachten, all meine Texte enthalten ein Extrakt der Wirklichkeit. Meine Vorstellungskraft ist nur ein Vermittler zwischen den Ohren, den Augen und der Hand. Jemand, der nur einen kleinen Prozentsatz kassiert, muss auch leben.

 

 

copyright: Wilhelm Gombos

 

 

RD: – Alexandru, welche Autoren waren Ihre Meister und Vorbilder? Was lesen Sie gern?

 

AP: – Meine Lektüre ist sehr vielfältig, jedes Buch ist eine Erfahrung. Eine des Autors und eine des Lesers. So wie ich gern mit einem Kosmonauten über die Sicht auf die Erde sprechen würde, oder mit einem Kriegsveteranen, mit einem Taxifahrer oder einem Müllmann, so wählte ich meine Lektüre aus einer großen Bandbreite. Ich kann meine Vorlieben nicht vollständig aufzählen, aber mit Sicherheit zählen Tschechow, Flaubert, Kafka, Hemingway und Hrabal dazu, die ich genossen und von denen ich viel gelernt habe.

 

RD: – Das Schreiben kann durch Wünsche, Ziele, Erwartungen definiert werden. Es kann in drei Formen unterteilt werden: fiktional, dokumentarisch oder informativ und schließlich emotional. Lieber Alexandre, Ihr Schreiben steht am Kreuzungsweg dieser drei Formen, sowohl in der Poesie als auch in der Prosa. Können Sie uns etwas über Ihre Wünsche, Ziele und Erwartungen als Schriftsteller verraten?

 

AP: – Wenn wir uns darauf einigen, dass Schreiben bedeutet, einen Text zu produzieren, Text in seiner ursprünglich wörtlichen Wort-Bedeutung weben, können wir verstehen, dass jede künstlerische Annäherung, ob in Literatur, Musik oder bildender Kunst, diese drei Elemente voraussetzt: Geschichte, Informationen und Emotionen. Sie alle gehen von einem gemeinsamen Punkt aus und teilen sich in ein System aus drei Achsen. So abstrakt oder klar eine Botschaft auch sei, sie kann dreidimensional, aber auch dimensional oder einfach eindimensional gestaltet werden.

 

RD: – Und wovon ist das abhängig?

 

AP: – Vor allem vom Empfänger. Alles was ich möchte ist, dass meine Nachricht den Empfänger erreicht. Aber dazwischen muss die Botschaft den Filter des Redakteurs, dann des Übersetzers überwinden, ein Problem, dem kein Musiker oder bildender Künstler gegenübersteht, der direkt eine allgemein verständliche Sprache schafft.

 

RD: – Und noch genauer…

 

AP: – Um genauer zu sein, würde ich zum Beispiel sagen, dass die ersten beiden die Flaschenpost ins Meer werfen, ich aber, der Schriftsteller, werfe sie hinter den Staudamm eines Flusses.

 

RD:  – Haben Sie in Ihrer frühen Jugend ein Tagebuch geführt, in dem Sie Zitate, Gedanken, Geheimnisse usw. notiert haben? Sachen, die Sie Niemandem gezeigt haben?

 

AP: – Ich führe kein Tagebuch, aber ich habe schon immer ein Notizbuch für Beobachtungen, Gedanken und Begebenheiten zur Stelle, Skizzen, die den Schlüssel oder Keimling einer zukünftigen Figur enthalten. Es kommt vor, dass ich einen Charakter aus der Geste einer Person schöpfe, der ich auf der Straße, in der Bar oder in der U-Bahn begegnete.

 

RD: – Geben Sie Ihre Texte jemandem zu lesen? Welches Feedback erhalten Sie? Wurden Sie er-oder entmutigt?

 

AP: – Gewöhnlich lasse ich meine Manuskripte vor der Veröffentlichung gegenlesen, eine Art eingeschränkte Vorpremiere. Und natürlich berücksichtige ich die Meinung jener, die ich selbst unter den Aufmerksamsten und Strengsten ausgewählt habe. Ich suche kein « Bravo! » sondern, dass sie mir die Schwächen des Textes so deutlich wie möglich zeigen. Nur solche Kritik vermag mich wirklich zu ermutigen, denn tief in mir weiß ich sehr gut, dass es etwas geben muss, das mir entgangen ist.

 

RD: – Ob in Ihren Gedicht- oder Prosa-Büchern, Ihre Schriften zeigen eine narrative Zeitlichkeit, großartige Erzählungen mit schlagendem Herzen à la Mauro Fabi, Carlo Bondini, Andrea di Consoli, die schöne Geschichten hervorbringen, mannigfaltige Poesie, zynisch und melancholisch zugleich, gegen den Strich gebürstet. Niemals sind Ihre Leser gelangweilt. Wie in der amerikanischen Poesie haben die Charaktere in Ihren Büchern alles Traumhafte und Unbewusste. Rührt dies aus Erfahrung oder ist es einfach ein Bedürfnis aus Liebe zu Ihrer Kindheit und Ihrer Vergangenheit mit den Anderen?

 

AP: – So realistisch und zynisch es auch ist, der Mensch kann sich nicht vollständig bis zum Ende kontrollieren. Daher der Kontrast zwischen dem, was das Wesen will und glaubt und dem was es in bestimmten Momenten erlebt, in denen es sich, eingezwängt, dem Träumen hingibt oder in spielerische, infantile Zustände gleiten lässt. Im Traum ist der Mensch ein Anderer, und am Ende seiner Träumerei zögert er einen Moment, nicht wissend, ob er einen Schritt vorwärts oder zurück gehen muss. Danach trinkt er seinen Morgenkaffee und geht zur Arbeit. Das gleiche geschieht, wenn er spielt. Man ist versucht zu glauben, dass er spielt, von Nostalgie durchdrungen, während und weil er sich an seine Kindheit erinnert. Aber nein, in diesem Moment ist er wirklich ein Kind. Nostalgie fängt ihn nur, wenn er sein Spiel beendet und seinen Text fertig geschrieben hat.

 

RD: – Ihre Poesie zeigt sich als narrative Beugung und Ihre Prosa als explodierte Erzählung. Ihr Schreiben repräsentiert einen Teil der Wahrheit, der einem ganzen Leben oder einem bestimmten Moment Ihres Lebens entspricht, wie eine Fotografie, die in einem Moment X aufgenommen wurde. Sie erwecken eine innere Welt, deren wiederauferstandene Stimmen Sie wiederbeleben, und eine andere, äußere, lebendig und laut, mit einem konkreten Bezug zur Realität. Wie ein Kämpfer an der Front der Erinnerung. Keine Angst vor den verminten Feldern des Vergessens. Ihre Feder im Dienste der zeitlichen Anti-Minen. In wessen Namen?

 

AP: – Zuerst in meinem eigenen Namen, weil es meine Pflicht und mein Recht ist, wenn nicht meine Freiheit, aus der Welt zu wählen, was mich gerade interessiert. Ich kann ein Bild von 1900 betrachten und beschreiben und gleichzeitig das Geräusch vorbeifahrender Autos in meiner Straße hören. Alles wird zu einer Overlay-Ansicht und Jahre später werde ich mich erinnern, dass ich dieses alte Foto betrachtet habe, auf der Suche nach der verborgenen Geschichte in den Augen eines Vorfahren, während draußen der Lärm von nervösem Hupen tönte. Niemals werde ich in der Lage sein, diese beiden Handlungen zu trennen, auch wenn beide nur imaginiert wurden, weil ich jetzt kein Foto ansehe, kein Hupen höre, sondern ein Interview gebe.

 

RD: – Ich sehe… Im Gedicht « marinescu » aus ihrem letzten Buch « Eines Tages werden wir uns nicht wiedererkennen » schreiben Sie:

 

Seit ich klein war trug ich Jeans ich hörte

die neuesten Platten aus dem Ausland

Ich verbrachte meine Kindheit über einem Keller

voller staubiger Flaschen gefüllt mit saurem Wein

Erdöl für die Rattengiftlampe

all das durcheinander gemischt erhielt ich was

ich bereits auf das Etikett geschrieben habe – Acid Dance

ich bin mit fünfzehn aus dem Haus geflohen.

 

In jedem Ihrer Gedichte porträtieren sie mindestens eine Figur. Es sind Spiral-Porträts, die jeden guten Leser von Poesie umwerfen. Darüber hinaus sind Ihre Bücher auf fabelhafte Weise von seltsamen Charakteren à la Bukowski bevölkert. Aktanten, die uns nicht gleichgültig lassen, die auf Ihr Talent des lyrischen Magnetisierers oder mnemischen Bildhauers zurückgehen. Sie selbst transformieren sich in Ihren eigenen Charakter, einen Alex, der überall nach der P(r)oesie von Tod und Leben sucht. Dieser Alex ist von weitem gesehen, einer von ihnen … liege ich falsch?

 

AP: – Alle diese Charaktere haben wirklich existiert – und sie existieren immer noch – aus Fleisch und Knochen. Personen mit einer Identitätskarte, Familie, einem Beruf usw., deren Geschichten ich gehört habe. Jeder Mensch versteckt tief in sich eine Geschichte, ist ein potentieller Charakter, eine Möglichkeit. Nebenbei gesagt, jedermann kann sich heute einen Blog oder Account einrichten (um sich zu « sozialisieren » wie man sagt!). Das einzige Problem, das hier auftaucht – ähnlich übrigens dem, welches das Tagebuch, von dem wir vorhin sprachen, aufweist – ist, dass sowohl der Blogger als auch der Tagebuchschreiber in gewisser Weise Heuchler sind. Sie überlegen, was wir über sie denken werden, und zensieren sich selbst, um anderen zu gefallen. Während ein Schriftsteller den Vorteil hat, (mehr oder weniger) aufrichtig unter dem Schutz gewisser Masken, d.h. seinen Figuren zu sein.

 

RD: – Alexandre, was ist ein gutes Buch für Sie? Ein guter Roman? Ein guter Gedichtband? Welches berühmte Buch würden Sie gerne schreiben und warum?

 

AP: – Für ein gutes Buch sterbe ich vor Ungeduld, es zu lesen. Ich konnte noch nie eines meiner eigenen Bücher in Ruhe zu Ende lesen, weil ich plötzlich Lust hatte, es neu zu schreiben. Ich würde kein berühmtes Werk diesem Regime unterwerfen wollen, aber auch meine nicht mehr, weil ich meinen Frieden mit ihnen gemacht habe – sie repräsentieren mich sehr gut, im Grunde genommen für die Zeit meines Lebens, und sie noch einmal zu bearbeiten wäre ein Massaker oder hieße sie überhaupt nicht mehr schreiben. Sie haben das Glück, bereits veröffentlicht zu sein, sie haben nichts mehr mit mir zu tun.

 

RD: – Sie haben zwei Jahre in Paris gelebt und in Ihrem Buch «  Ce a văzut Parisul / Was Paris gesehen hat » (Editura Herg Benet) führen Sie Ihre Schritte durch die Geheimnisse der Stadt des Lichts. Wollten Sie die Spur der großen Schriftsteller wieder aufnehmen, die wie Albert Camus, Ernest Hemingway, James Joyce, Francis Scott Fitzgerald, Paul Celan, Eugène Ionesco oder Emil Cioran in der französischen Hauptstadt lebten und über sie schrieben? Oder war es nur Ihr Versuch, Paris durch Ihre Feder zu beleben und zu verjüngen.

 

AP: – Wenn Sie so wollen, ist Paris wie der Rorschach-Test, man sieht darin das, was man in sich selbst sieht. Ich bin dort gelandet, weil meine Frau dort ihren Master in Redaktionspolitik machen wollte. Während ihrer Studien und Praktika bei den Verlagen Seuil, Plon und Gallimard suchte ich nach Jobs. Obwohl ich Französisch spreche, fand ich nichts, nicht einmal das Wenige, das Orwell hatte. Mein einziger Erfolg war eine öffentliche Lesung in der Buchhandlung Shakespeare&Co, jener Buchhandlung, die die Zukunft zahlreicher Vorkriegs-Autoren wie Joyce beeinflusst hat, der sonst niemals seinen Ulysses hätte veröffentlichen können. Abgesehen davon blieb mir nur herumzulaufen, denn die Bars, in denen Hemingway trinken konnte, ohne sich zu ruinieren, sind jetzt Touristenfallen geworden, mit entsprechenden Preisen. Also kaufte ich mir lieber einen Bordeaux in einem Supermarkt und kostete ihn auf dem Friedhof Père Lachaise, schlenderte vorbei an Proust, Apollinaire und Morrison, bevor ich mich, ein wenig abseits davon, niederließ.

 

 

       Öffentliche Lesung – Buchhandlung Shakespeare & Co, Paris

 

 

RD: – Und Montparnasse?

 

AP: – Ich war auch auf dem Montparnasse bei den Gräbern von Ionesco, Cioran und Brancusi, aber ich bevorzugte Père Lachaise. Dort bei einer Gruft, schlief eine Weile ein frisch eingewanderter Immigrant aus der UdSSR, der Schriftsteller Andreï Makine, heute Mitglied der Académie Française.

 

RD: – Was findet die Öffentlichkeit an Neuem in Ihrem Buch? Und vor allem, warum dieser Titel? Gewöhnlich sagt man, « Das, was Paris noch nicht gesehen hat! »

 

AP: – Ich wählte diesen Titel gerade deshalb, weil Paris hätte sehen können, was ich in diesen Geschichten erzählte. Auch wenn die Stadt begrenzt von den Ufern der Seine, Rive Gauche / Rives Droite, begrenzt ist, unterscheiden sich links und rechts nicht so deutlich, wenn es um Menschen, Meinungen oder Möglichkeiten geht. Inspiriert von realen, möglichen oder wahrscheinlichen Tatsachen sind in diesen Texten Charaktere versammelt, die in der täglichen Routine verankert sind. Sie kommen in eine Situation, die den Rhythmus durchbricht, und die Konfrontation mit dem Ungewöhnlichen und Anderssein verursacht unvorhersehbare Reaktionen, die den persönlichen Hintergrund in einem anderen Licht erscheinen lassen oder ein ungeahntes Potential zeigen. Das Ergebnis löst die Handlung oder vergrößert die Dilemmata und bleibt in den meisten Fällen für Interpretationen oder Vervollständigungen durch den Leser offen.

 

RD: – Was loten Ihre Pariser Texte also aus?

 

AP: – Die vielfältige und multikulturelle Metropole als Bühne oder Rahmen nehmend, auf den ersten Blick politisch korrekt wie eine Touristenbroschüre, untersuchen meine Texte viele soziale, ethnische und historische Tabus, stellen Interpretationen und Positionen einander gegenüber, ohne den Anspruch, das Thema zu erschöpfen.

 

RD: – Du schreibst auf die Umschlag-Klappen der Sammlung « Eines Tages werden wir uns nicht wiedererkennen« , dies, wie eine Ars poetica:

 

Art poetica Miete Manifeste

Nekrologe und andere Genre

Ich glaube an meine Freunde und sie

glauben an das was sie wollen

trotzdem

im Rückspiegel

beobachten mich Leben und Tod

haargenau

solcher trinkt-ohne-Durst

Arm in Arm in der Mitte des Weges

während ich mich davon entferne

mit hoher Geschwindigkeit

und mir ist es egal wer vor mir zieht

endlos

setzt sich die Linie fort

 

AP: – Das ist richtig. Ich denke, jeder von uns hat eine Geschichte zu erzählen und für jede Geschichte gibt es mindestens einen Leser, der sie weiterspinnen, sie tragen kann. Das Wichtigste ist, sie zu erzählen und auf den Weg zu bringen.

 

RD: – Was sucht die Poesie der Welt in Ihnen? Und umgekehrt.

 

AP: – Um es einfach auszudrücken, ich versuche mich selbst zu verstehen und zu verstehen, was die Welt von mir erwartet. Wir versuchen uns anzupassen und auf unsere Art einzubringen.

 

RD: – Ein französischer Romancier, Serge Joncour, meinte in einem Interview für Le Figaro, dass « das Leben eines Schriftstellers nicht mehr wie früher Träumen macht! ». Ich habe den Eindruck, dass in Rumänien die Dinge anders laufen. Sie sollten mehr darüber wissen.

 

AP: – Ich stimme dieser Aussage zu. Offensichtlich für ein bestimmtes Publikum und für eine bestimmte Sorte von Autoren, die ihre Werke im Auftrag des Autors veröffentlichen und die auf FB gerne das Wort « Poet » an ihren Namen hängen, ist eine gewisse romantische Vision des Autors noch da. Aber ich habe noch nie einen wirklichen Autor getroffen, der sich vorgestellt hat als: Ich bin X, Schriftsteller. Und ich würde mich auch niemals so präsentieren. Ich ziehe es vor zu sagen, dass ich frei bin und dass ich danach lebe.

 
RD: – Was ist interessant und schön an deinem Leben als junger, aktiver Autor, der in der westlichen Hauptstadt Rumäniens, in Timișoara lebt?

 

AP: – Wie gesagt, ich arbeite als Buchhändler. Ich kenne mich mit Büchern aus, ich meine Bücher, die ich nicht umschreiben würde, manche Bücher höchstens noch einmal lesen. Und dieser Job erlaubt es mir vor allem, unentschlossenen Kunden ein Buch zu empfehlen, das meiner Meinung nach zu ihnen passt. Ich beginne mit Fragen ihre Interessen freizulegen, bis ich den Titel finde, der am besten funktioniert. Und wenn ich merke, dass die betreffende Person mir vertraut und den Laden glücklich mit den Büchern unterm Arm verlässt, habe ich das Gefühl, meine Aufgabe erfüllt zu haben. Ich fühle mich dann über dem Autor, dem Herausgeber und dem Leser.

 

RD: – Das klingt alles wunderbar. Bevor ich mich bei Ihnen bedanke, stellen Sie bitte eine letzte Frage, eine auf die Sie wahrscheinlich lange gewartet haben, und die von den Journalisten nie gestellt wurde. Und antworten Sie gleich darauf.

Der « Journalist »: – Obwohl ein Läufer, ein Musiker oder ein Klempner sich ohne Zögern zu dem bekennt, was er ist, warum vermeiden Sie zu sagen, dass Sie ein Schriftsteller sind?

 

AP: – Weil es zu einem Interview ausarten könnte. Und während ich mich in der Poesie und Prosa noch gut durchschlage – denn schließlich schreibe ich diese Texte, für deren Verständnis sich der arme Leser den Verstand zerbrechen muss – habe ich doch andererseits, wenn ich nach Gründen und Erklärungen gefragt werde einfach Lust, auf natürlichste Weise mit der Schulter zu zucken.

 

 

       FILTm – Internationales Literaturfestival in Temeswar, Rumänien

 

 

RD: – Danke, Alexandru.

 

AP:  – Ich danke Ihnen auch vielmals!

 

 

Übersetzung : Jörg Becken

 

 

 

 

 

 

 

 

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Geboren 1980 in Timișoara/ Temeswar (Rumänien). Nach dem Literaturstudium an der West-Universität arbeitete er zeitweise als Journalist, derzeit als Buchhändler.

 

Publikationen

 

alexandru potcoavă iar bianca stă -n alex/ alexandru potcoava und bianca wohnt in alex , Poesie, Marineasa Verlag, Temeswar, 2001

 

Pavel şi ai lui/ Pavel und die seinen, Roman, Brumar Verlag, Temeswar, 2005

 

Şoimii patriei trebuie să fie întotdeauna veseli!/ Die kleinen Falken des Mutterlandes müssen immer glücklich sein!, Roman, Tracus Arte Verlag, Bukarest, 2011

 

Ce a văzut Parisul/ Was Paris sehen konnte, Kurzgeschichten, Herg Benet Verlag, Bukarest, 2012

 

Într-o zi nu ne vom mai recunoaște/ Eines Tages werden wir uns nicht wiedererkennen, Gedichte, Max Blecher Verlag, Bistrița, 2016

 

Seine Texte wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien in Rumänien, Ungarn, Serbien, Kroatien, Deutschland, Italien und Israel veröffentlicht.

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