Inka Bach

 

Foto: Werner Henn

 

(Deutschland)

 

 

 

verkehrt

 

an den Rändern fault die Stunde

welche Angst, welch bleich Gesetz

durch die Straßen heulen Hunde

Gift vermählt sich mit Geschwätz

unsichtbar macht es die Runde

umspannt uns eng mit seinem Netz

 

trägt Schatten ohne Namen

droht uns mit dem Wind

Höllenmohn und Schlangensamen

Todesaugen suchen blind

was wir selbst erfunden haben

wer wohl unsere Feinde sind

 

 

 

Die Weltbürger

 

Sie ziehen weiter

zeigen würzig Bart und Zunge

in der Karibik in Frankreich

In Poznan in der Kindheit sind sie zuhaus

die Weltbürger die Ziegen.

 

Sie ziehen weiter

zähe Nomaden

sie recken sich

zu afrikanischen Tänzen

Zickzackzeichen auf dem Fell.

 

Sie ziehen weiter

Zaungäste

ziehen über die Dorfstraße

und meckern

über die Zäune.

 

 

 

auf dem Weg

 

der erste Schritt

geräuschlos

leichte Last

das Glas gibt nach

quer durch Nichts und mich

schwerelos

ein Königswort

hinüber hinauf und hinab

und weiter ins Dort und Fort

sorglos

verlor ich den Schlüssel

 

der letzte Schritt

hinter den Spiegel

leere Augen

Eis und Licht

namenlos

ein Sterbenswort

über Türme Brücken und Hügel

es ist genug

ein Engel ohne Flügel

sprachlos

besucht mich ein Psalm

 

 

 

Betreten verboten

 

Vor den Schienen im Grunewald,

Güterbahnhof,

hatten wir nachts

Freundschaft geschlossen, dort

suchten wir das Schild,

die Schleuder, das Schwert

und gleisfern Familiennamen.

Am Tag stand ich allein dort,

fand kein Schild,

vertrieb mich der Bahnwärter.

 

 

 

Kindheit in Dresden

 

Wachsen nicht Waffen, Ruinen

hell glänzend, hellgrün.

 

Reden wir nicht über das Blaue Wunder,

nicht über den Wilden Mann und das Grüne Gewölbe,

nicht über den Weißen Hirsch und Semper,

über Zwinger und August,

all seine vielen Kinder und Bilder.

 

Reden wir über die schlafende Venus

der Großmutter, die über dem Ehebett,

reden wir über die Pioniereisenbahn,

über Kaffee im Schnee, die Vogelwiese

und die Stufen hinab zum Strom.

Über heitere Pioniertücher

beim Twist im Waldbad,

Sahne und Ziegenmilch und Stachelbeeren.

Die Großmutter ruft nach mir.

In Klotzsche, unter zersprengten Brücken

hell glänzend, golden spielt die Sonne

mit Sandstein.

 

Wachsen nicht Waffen, Ruinen.

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Kurzvita

Inka Bach ist 1956 geboren und in beiden Teilen Berlins aufgewachsen.

Sie studierte Germanistik und Philosophie, Promotion. Arbeiten für Film, Theater und Fernsehen. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Theaterstücke, Kolumnen und Gedichte. Von 1986 bis 1989 lebte sie in Paris und New York. 1998 war sie Stadtschreiberin in Rheinsberg, 2002 in Erfurt, 2004 in Amsterdam, 2012/13 Burgschreiberin in Beeskow/ Brandenburg, 2013/14 Baldreit-Stipendiatin in Baden-Baden. Sie erhielt weitere Stipendien und Preise.

 

Inka Bach hat zwei Kinder und lebt als freie Autorin in Berlin.

 

Letzte Veröffentlichungen u.a.:

„Glücksmarie“, Roman, Transit Verlag Berlin 2004;

„Der gemeinsame Weg“, Gedichte“, Aphaia Verlag Berlin 2008;

„Der Schwester Schatten. Eine Szenerie nach Trakl“, Theaterstück, UA Berlin 2010, Kaiser Verlag Wien;

„Aufzeichnungen aus dem Untergrund“, Theaterstück, UA 2012 Berlin;

„Im Ohrenland des Krieges“, Hörspiel, SWR 2014;

„Kunst, Kaviar und Kamelien“, Baden-Badener Kolumnen, Rendezvous Verlag 2014

 

 

Foto:  © Volker Gerhard

 

 

 

http://www.literaturport.de/Inka.Bach/

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