Inka Bach

 

Foto: Werner Henn

 

(Deutschland)

 

 

 

„Glücksmarie“. Roman

(Auszug)

Transit Verlag 2004

 

 

Herbert stand nun mitten in der Nacht glücklich entlassen als Oberleutnant der Reserve in Potsdam auf der Straße und wußte nicht, wie er zurück nach Berlin kommen sollte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als auf dem Vorortbahnhof im Regen auf den ersten Zug zu warten. Am selben Tag noch ging er in die Frauenklinik und wurde nach einem kurzen Gespräch, es dauerte keine halbe Stunde, eingestellt, einfach, weil es eine Reihe freier Stellen gab. Nun war er, wovon er geträumt hatte, Assistenzarzt bei einem Chef, der sich weltweit einen Namen gemacht hatte mit Arbeiten zur Prophylaxe und Früherkennung des Gebärmutterkrebses.

 

Es herrscht Ärztenotstand, man braucht dringend ausgebildete Ärzte nach dem Krieg. Deshalb werden auch Naziärzte bis auf ganz wenige Ausnahmen übernommen. Aber auch das reicht nicht. Schon die Nazis haben die Studienzeiten für Ärzte verkürzt. Die neuen Mediziner aber bekommen jetzt ihre Approbationen und Facharztausbildungen erst recht nachgeworfen. Und sie werden zum Teil von alten Nazis ausgebildet. Es waren mehr Ärzte Mitglieder der NSDAP als Lehrer oder Richter, und auch viele Hochschullehrer der medizinischen Fakultäten in Berlin sicherten sich ihre Karriere mit Hilfe der Parteizugehörigkeit. Die Alliierte Kommandantur hat zwar im November 1945 für das geteilte Berlin verfügt, es dürften keine Lehrkräfte beschäftigt werden, die Mitglieder der NSDAP waren. Dadurch werden die Universitätskliniken zu Entlassungen gezwungen, und auch die Chefärzte der Frauen- und der Augenklinik erhalten im Januar 1946 mit sechsunddreißig anderen Wissenschaftlern und Ärzten ihre Entlassungsschreiben. Aber alle Kündigungen bis auf drei werden schon zwei Tage später wieder zurückgenommen. Man müsse unterscheiden zwischen aktiven und lediglich nominellen Mitgliedern der Nazi-Partei, heißt es. Auch die Ordinarien der Frauen- und der Augenklinik können wieder ihr Amt aufnehmen. Damit ist die Entnazifizierung abgeschlossen.

Woher einige der Präparate stammen, an denen die Studenten zu sezieren lernen, fragt sich damals noch niemand.

 

Ein besonderer Fall ist Professor Hermann Stieve, Ordinarius am Anatomischen Institut und weltberühmter Anatom und Embryologe. In der Nazizeit hatten sich Studenten über Professor Stieve und seine Willkürentscheidungen in Prüfungen, über seinen rüden Umgangston beschwert. Da sich die Klagen häuften, wurde ihm 1943, allerdings erst nach längerem Zögern, vom Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaften ein Verweis ausgesprochen. 1947 beruft er sich auf diesen Vorfall, erklärt sich deswegen zum Widerstandskämpfer, er habe nämlich “seit dem Jahr 1933 bis zum Zusammenbruch stärksten Widerstand gegen alle Maßnahmen des Nationalsozialismus geleistet” und “sei aus diesem Grund dauernd bekämpft worden”. In seiner Personalakte taucht außer dem lapidaren Vermerk auf diesen kleinen Verweis wegen selbstherrlichen und despotischen Verhaltens nichts auf. Allerdings hat Professor Stieve unter dem nationalsozialistischen System die besten Voraussetzungen für seine Forschungen gefunden, mit deren Ergebnissen er auch nach dem Krieg als Koryphäe gilt. Professor Stieve und sein Anatomisches Institut erhielten, wie er selbst 1952 bekundet, in den Jahren 1939 bis 1945 nicht mehr und nicht weniger als 269 Körper von hingerichteten Frauen, meist politische Häftlinge aus dem Zuchthaus Brandenburg und aus Plötzensee, die er später als Kriminelle darzustellen versucht. Professor Stieve ließ die Leichen in der Anatomie sezieren und zu Lehrzwecken anatomische Präparate anfertigen. Er war aber noch aus einem anderen Grund besonders an weiblichen Leichen interessiert, die schon Sekunden nach der Strangulierung, im Eiltempo, so frisch und so warm wie möglich, zu ihm auf den Seziertisch gebracht werden sollten. Die Henker wußten Bescheid über sein Forschungsthema – die Fertilität, die Fruchtbarkeit der Frau. Sie legten extra für ihn Menstruationskalender der zum Tode Verurteilten an, informierten ihn telefonisch über die anstehenden Hinrichtungen, so daß er wählen konnte, welche der Leichen er als besonders wertvoll für seinen Forschungszweck erachtete, und führten die Hinrichtungen, jedenfalls in einigen Fällen, nach seinem Wunsch an einem gewissen Tag des Zyklus aus. Tod auf Bestellung. Tod nach Kalender. Menschenkörper für wertvolle Untersuchungen, die auf andere Weise nicht möglich gewesen wären. Ein Hitleranhänger und deutscher Professor in der Schweiz beklagte sich denn auch: “Hier bekomme ich nur Leichen aus Altersheimen. Meine Kollegen in Deutschland dagegen können täglich bestellen, was sie wollen, junge Mädchen und Frauen, ganz nach Wunsch!” Professor Stieve wollte nachweisen, daß Schockerlebnisse, wie zum Beispiel die Bekanntgabe eines Hinrichtungstermins in wenigen Stunden, bei einer Frau einen Eisprung außerhalb des Zyklus, eine parazyklische Ovulation, auslösen kann. Professor Stieve, der wie ein Doktor Faustus der Medizin im schwarzen Samtmantel auftrat, öffnete die Leichen noch am selben Tag der Hinrichtung, untersuchte sie auf den Eisprung und erbrachte den Nachweis, daß eine Frau nicht nur, wie sein Konkurrent Hermann Knaus behauptete, zwischen dem 11. und 17. Tag des menstruellen Zyklus befruchtet werden kann, sondern zu jeder Zeit, sogar während der Blutung. Daß die Keimdrüsen des Menschen durch Angst und Schrecken geschädigt werden; daß bei der Frau schwere Uterusblutungen auftreten können, nervös bedingte “Schreckblutungen”. Damit sei auch erwiesen, daß die Gebärmutter unter dem unmittelbaren Einfluß des Nervensystems stehe. Der Widerstandskämpfer Stieve veröffentlichte seine Ergebnisse 1944 im Zentralblatt für Gynäkologie und erregte damit viel Aufsehen. Ein Mediziner erinnert sich an die damals einberufene Gynäkologentagung, auf der die Teilnehmer “nicht nach der Ursache des plötzlichen Todes der Probandinnen zu fragen gewagt” haben. “Wir, die Studenten von Professor Stieve, erkundigten uns in der Vorlesung danach. Er wies uns auf die Strangulierungen am Hals der Toten hin. Danach haben auch wir nicht weiter gefragt.” Professor Stieve wurde schließlich mit seinem Nachweis der parazyklischen Ovulation weltberühmt und wie so viele andere nie belangt.

 

Warum will Herbert Frauenarzt werden? Er könnte auch Herzchirurg werden, zum Beispiel, Herzchirurgie ist das Thema seiner Doktorarbeit, aber er wird Frauenarzt. Warum wird ein Mann Frauenarzt? Der Mann, der die Frauen liebt, operiert gern, und am allerliebsten macht er die Radikaloperation, die Totale, bei der der Frau Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden. Ein Teil des Körpers wird eliminiert, um das Ganze zu retten. Sie habe dann keine Chance mehr, sagt er, an Unterleibskrebs zu sterben.

 

Totalexstirpation: (lat. exstirpare – ausrotten); op. Entfernung eines ganzen Organs od. Organsystems.

 

Herbert schätzt den ganzen Einsatz, schätzt es, wenn es um Leben und Tod geht. Total. Er wäre nicht gern eine Frau, sagt er. Als Frau könne man so viele schreckliche Krankheiten bekommen. Im Gegensatz zum operativen Teil der Gynäkologie, sei die Geburtshilfe ein eher langweiliges Feld. Die Frauenklinik verfüge nicht über Ultraschall- und Kardiotopographiegeräte, Geräte, mit denen man Wehen und Herztöne automatisch ableitet. Mit Mühe und Not hat der Chefarzt ein Ultraschallgerät aus dem Westen besorgt, ein einziges für die ganze Klinik, aber auch das ist schon Schnee von vorgestern, sagt Herbert. In die Bedienung muß sich erst jemand einarbeiten. Er wollte das nicht, er hielt wie der Chef nicht viel von der Geburtshilfe. Die modernen Geräte sind in Westberlin entwickelt worden und wir leben hier wie hinterm Mond, sagt Herbert. Ihm sind von seinem Temperament her die kompliziertesten Fälle die liebsten, und generell gilt: Eine normale Geburt gibt es nicht. Und Hebammen sind dumme Hühner. Er hat zu ihnen eine ganz besondere Beziehung: Verachtung.

Auch bei einer Geburt geht es manchmal um Leben und Tod. Hartnäckige Fälle, die sich an die Arbeit des Kinderkriegens, ein Dutzend Gebärende im Kreissaal dicht nebeneinander, ans Schreien und Toben und Atmen machen, fährt man kurz an. Beherrschen Sie sich!  Die Frauen brauchen endlich doch alle medizinische Hilfe, Kaiserschnitt, Zange, Wehenmittel, Narkose. Schwangere sind Kranke, sagt Herbert. Die Neugeborenen auch. Bei den kranken Müttern schweben sie in großer Gefahr. Sie müssen weggebracht und ärztlich versorgt werden. Zu ihrem Besten. Die Sterblichkeitsrate der DDR, so der Auftrag, soll fürs Renommee im Ausland so niedrig wie möglich gehalten werden. Dafür ist voller Einsatz gefordert. Hausgeburten sind nicht üblich. Mütter, die stillen wollen, nennt Herbert Milchkühe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kurzvita

Inka Bach ist 1956 geboren und in beiden Teilen Berlins aufgewachsen.

Sie studierte Germanistik und Philosophie, Promotion. Arbeiten für Film, Theater und Fernsehen. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Theaterstücke, Kolumnen und Gedichte. Von 1986 bis 1989 lebte sie in Paris und New York. 1998 war sie Stadtschreiberin in Rheinsberg, 2002 in Erfurt, 2004 in Amsterdam, 2012/13 Burgschreiberin in Beeskow/ Brandenburg, 2013/14 Baldreit-Stipendiatin in Baden-Baden. Sie erhielt weitere Stipendien und Preise.

 

Inka Bach hat zwei Kinder und lebt als freie Autorin in Berlin.

 

Letzte Veröffentlichungen u.a.:

„Glücksmarie“, Roman, Transit Verlag Berlin 2004;

„Der gemeinsame Weg“, Gedichte“, Aphaia Verlag Berlin 2008;

„Der Schwester Schatten. Eine Szenerie nach Trakl“, Theaterstück, UA Berlin 2010, Kaiser Verlag Wien;

„Aufzeichnungen aus dem Untergrund“, Theaterstück, UA 2012 Berlin;

„Im Ohrenland des Krieges“, Hörspiel, SWR 2014;

„Kunst, Kaviar und Kamelien“, Baden-Badener Kolumnen, Rendezvous Verlag 2014

 

 

Foto: © Volker Gerhard

 

 

 

http://www.literaturport.de/Inka.Bach/

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