Ingolf Brökel

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Auszug aus dem Tagebuch

„Das vorletzte Semester“

 

 

13.04.15

 

Schon um  6Uhr wach. Lektüre ‚Die Schlacht‘ von Müller. Warum, weiß ich nicht.

 

Mittags dann im Auto die LPG-Straßen lang, Sonne, 16 Grad, über Mehrow nach Altlandsberg. Richtig rumgekutscht. Spaziergang zur Wesendahler Mühle, die alten Wege: ich bins zufrieden.

Nach dem Tee zusammen mit U. ins Bett: dauert eben alles etwas länger als früher. Schön eingeschlafen, schön aufgewacht.

 

Bis 22Uhr noch Klausuren nachgesehen. Eine Flasche  Villalta…

 

vorletztes semester

 

auf meinem tisch

liegen verschriebene seiten

die zukunft

ging in klausur

ich habe zu korrigieren

übersehe nun vieles

gebe ihr den glauben

sie wäre zu 50%

richtig

ich habe zu tun.

 

 

 

14.04.15

 

Beginn des Sommersemesters. Einsicht in die Klausuren vom 2.Prüfungszeitraum in meinem Büro. Es kommen die vom dritten Versuch, d.h. die vom letzten, d.h. die vor der Exmatrikulation stehen, d.h. die gibt es nicht mehr, d.h. nur noch theoretisch, d.h. Prüfungsamt und Fachbereichsverwaltung haben sich eingeschaltet, d.h.  sie warnen mich vor einem Versehen, d.h. ich sollte nicht auch noch einen Fehler machen, die Fehler der Studenten würden schon reichen!

 

 

 

15.04.15

 

Nach der vielleicht 1000. Vorlesung war es wie immer. Sie endete fast auf die Sekunde genau, war systematisch im Aufbau, klar im Inhalt, sicher im Vortrag. Danach das Klopfen, wie immer 6s. Jeder mittelmäßige Schauspieler hätte das auch fertig gebracht. Das ist es. Es fehlte der Makel, der Makel vom Fach, das gewisse Suspekte, das kleine Unerklärliche auch in der Stimme.  Aber dafür war es nun zu spät.

 

Ich träumte von K., der mir als Junge entgegenkam: schmächtig, kurze Hosen, Kniestrümpfe, aber ohne Haare und mit Schnurrbart. Er brachte mir auf einem Tablett ein Heft: bitte, mein Alterswerk. Als ich danach greifen wollte, wurden die Hefte mehr, K. immer kleiner, die Haare wuchsen ihm immer länger. Am Ende, etwa Kindergartengröße, sah er aus wie Mick Jagger aus den Sechzigern mit einem Menjoubärtchen, ein kolossales Alterswerk jonglierend.

 

 

 

16.04.15

 

Ein früher Blick in den Garten: viel zu liberal. Was wachsen möchte, kann hier wachsen. Und schön geheimnisvoll ist alles allemal. Es gibt bei mir kein Unkraut, keine Zucht und Ordnung. Die Gärten der Nachbarn dagegen-: einer stammt von Stalin, der andere von Mitterand.

Hole mir die Sommerreifen  in der BMW-Niederlassung ab. Sehe über eine Stunde dem Radwechsel sorgenvoll entgegen. Diese kleinen flotten Renner und der  Riesenapparat , der den Service verwaltet: noch einen Cappuccino?!

Hetze mit völlig verstelltem Sitz zur Hochschule, eingestellt für einen Liliputaner-, was sind das für Menschen!?

Vorlesung: Bewegung im Mehrdimensionalen. Schaffe es gerade so. Etwas müde und eher zufällig komme ich in den Hörsaal, verschütte noch meinen Kaffee. Staune dann manchmal selbst, was ich da entwickele.

 

 

 

17.04.15

 

Wieder das Gespräch mit J.. Physik ist für ihn alles. Über siebzig und immer noch im Hörsaal. Man kriegt schnell mit, wer aus der Theorie kommt und wer vom Experiment: Prüfstein Lyrik!  Jeder theoretische Physiker kommt damit gut klar, weil er mehr Phantasie braucht als ein Lyriker. Die Experimentalphysiker können mit dem Wort Phantasie nichts anfangen, schauen betroffen zu Boden wenn sie einen Theoretiker sehen und machen Witze wenn sie Lyrik hören.

 

Ich träumte, ich sollte in einem Physiklabor auf den Namen „Konstant“ getauft werden. Ich aber wollte den Namen „Const.“. Es gab eine rege Diskussion zwischen Laboringenieur und mir über den Namen, wobei ich auf „Const.“ beharrte, bis die Personalleiterin erschien und einen kurzen Wortwechsel mit dem Laboringenieur hatte. Anschließend sagte mir der Laboringenieur: ich solle ein Buch schreiben mit zwei Abbildungen.

 

 

 

18.04.15

 

Treffen mit  E. im „Wronski“. Wir sprechen über  die Verwendung von Worten in  Gedichten. Ich halte es da mit Brecht: beim Schreiben ist mir jedes ungewöhnliche Wort suspekt.  Er wägt ab, tolerant in allen Beziehungen, beneidenswert.

 

Am Abend Gespräch über die 60er beim Geburtstag von T.. Ich meine, ziemlich ernst alles damals: ernste Literatur, Kunst, Musik ! Flog, kurz vor dem Abitur, einmal aus dem Theater in Senftenberg, nur weil ich an einer Stelle laut gelacht hatte.  Immer nur lehrreich, kein Vergnügen. U. setzt mir Ingo Insterburg  entgegen.  Aber war das nicht in den 70ern…? Im Hintergrund die Stones zum x-ten Mal  ‚The Under  Assistant West Coat Promotion Man‘ .

 

 

Auszug aus  dem Tagebuch „Das vorletzte Semester“  von Ingolf Brökel  (unveröffentlicht)

©Ingolf Brökel

 

 

 

 

 

 

 
 

____________________________________________

 

Vita:

 

Ingolf Brökel, geb. 1950 in Sauo bei Senftenberg. Lehrt Physik an einer Hochschule in Berlin. Lyrik, Essays, Szenische Lesungen.  Zahlreiche Gedichtbande und Hörbücher. Zuletzt  Ingolf Brökel Poesiealbum 313,2014, Zündplättchen oder nach 49 ( Kindheitspoem), 2016 und Nicanor Parra Parra Poesie (Auswahl und Übertragung: Ingolf Brökel), 2016.

 

www.PalmArtPress.com

Articles similaires

Tags

Partager