Ingolf Broeckel

 

 

(Deutschland)

 

 

 

NICANOR PARRA – 100 JAHRE

 

 

 

 

 

 

Als ich geboren wurde starb ich/zum Glück bin ich dann auferstanden.

Parra sei Dank-, sonst hätten wir nicht diesen ältesten lebenden Dichter, der am 5.September dieses Jahres in Las Cruses sein hundertstes Lebensjahr lächelnd mit einem Glas Rotwein vollendete.

Parra wurde 1914 in der Nähe von Chillan, einer Stadt in Mittelchile, geboren und wuchs in einer sehr musischen Familie auf, aus der auch die Sängerin Viola Parra hervorging.

Bekannt wurde Parra durch sein zweites Buch, den Gedichtband „Poemas y antipoemas“, der 1954 heraus kam und die Antipoesie verkündete: „Alles ist Poesie/ außer die Poesie“. Die  Gedichte brechen mit der erhobenen Sprache, mit den Konventionen der Lyrik, mit dem großen Gesang etwa eines Pablo Neruda.

 

          Achterbahn

 

          Ein halbes Jahrhundert

          War die Poesie

          Das Paradies für feierliche Narren

          Bis ich kam

          Mit meiner Achterbahn.

 

          Steigen Sie nur ruhig ein

          Ich halte den Kopf nicht hin wenn Sie danach

          Aus Mund und Nase bluten.

 

So klingt das programmatische Antigedicht: es hebt sich von der ursprünglichen Lyrik durch die Alltagssprache ab, eine lyrische Überhöhung findet nicht statt, man spricht wie man spricht mit dem Nachbarn, nur: ironisch, radikal, illusionslos und provozierend. Dabei klingt immer ein Witz dicht neben dem Abgrund.

Parra hatte Physik studiert und lehrte, nach umfangreichen Studien und Lehrtätigkeiten  in den USA und England, Theoretische Physik an der Universität in Santiago de Chile. Seine klare und präzise Auswahl der Worte, ihren treffsicheren Einsatz im Bemühen das Wesentliche zu sagen, erinnert schon daran, wie auch die Antipoesie selbst.

 

          Gedanken

 

          Was ist der Mensch

                    fragt sich Pascal:

          Eine Potenz mit dem Exponenten Null.

          Eins

                    im Vergleich zu Allem

          Eins

                    im Vergleich zum Nichts:

          Geburt plus Sterben:

          Lärm mal Schweigen:

          Mittelwert zwischen Allem und Nichts.                                                            

 

1

Den Antipoeten hat Parra nie abgelegt: die Artefactos, kleine Verse, Sprüche oder Satzgebilde, erscheinen Ende der sechziger Jahre als neue provokante lyrische Form. Redewendungen, Sprüche und Zitate von der Straße, von Häuserwänden, Parks und Klos, aus der Werbung, der Literatur sammelt Parra auf, verändert diese leicht und verdichtet sie epigrammatisch.

 

Neue Menschen/Neuer Hunger

 

death has no future 

 

Revolution, Revolution/wie viele Konterrevolutionen/ begeht man in deinem Namen?

 

Das Los Chiles mitteilsam und zugleich kunstvoll zu beschreiben, setzt einen unabhängigen Geist voraus.

Wo die Dichter singen und tanzen/misch dich nicht ein Allende/misch dich nicht ein.

Parra entscheidet sich gegen den politischen Auftritt und für das stille Wirken. In der Pinochet-Zeit bleibt er in Chile. Als Dichter ist er natürlich bemüht, eine andere Bewertung des Sehens und all der anderen Dinge zu verbreiten als die der öffentlichen Meinung, die schnell wechseln kann wie die verkehrten Männer an der Spitze.

Gut/und nun, wer befreit und von unseren Befreiern.

Parra verschreibt sich, wie kaum ein Dichter, dem Land seiner Geburt.

Wenn er über Frauen und Männern schreibt, die Sehnsucht nach Liebe haben, sich auf Parkbänken herumdrücken, auf Friedhöfen, auf Bahnhöfen, im Stadtgerangel, über Gott und seine Stellvertreter,  Leben und Tod, setzt er die Umgangssprache so gekonnt in Verse, dass diese authentisch bleibt. Ein wichtiges Gedicht ist sicher „El hombre imaginario“ ( „Der erdachte Mann“).

 

 

          Der erdachte Mann

 

          Der Mann den ich mir erdacht

          lebt in einem Landhaus das er sich erdacht

          umgeben von Bäumen die er sich erdacht

          am Ufer eines Flusses den er sich erdacht

 

          an den Wänden die er sich erdacht

          hängen alte Bilder die er sich erdacht

          voller Risse und Kratzer die er sich erdacht

          von Ereignissen die er sich erdacht

          die geschahen in Welten die er sich erdacht

          an Orten und zu Zeiten die er sich erdacht

 

2

          jeden Tag Tage die er sich erdacht

          steigt er Treppen hoch die er sich erdacht

          tritt auf den Balkon den er sich erdacht

          um die Landschaft zu betrachten die er sich erdacht

          ein Tal das er sich erdacht

          umgeben von Bergen die er sich erdacht

 

          Schatten die er sich erdacht

          kommen den Weg entlang den er sich erdacht

          stimmen Lieder an die er sich erdacht

          beim Tod der Sonne den er sich erdacht

 

          und in den Mondnächten die er sich erdacht

          träumt er von der Frau die er sich erdacht

          die ihm ihre Liebe gab die er sich erdacht

          verspürt er wieder den gleichen Schmerz

          das gleiche Vergnügen das er sich erdacht

          und wieder schlägt das Herz

          des Mannes den ich mir erdacht.

 

 

Parras ständiger Kampf gegen die Mittelmäßigkeit und die Provinzialität ist eine der Ursachen für seine Antipoesie.

Antipoesie: Masken gegen Erstickungsgas.

Er  sieht gerade „das Poetische“ als größte Gefahr für die Poesie.

Erwarten Sie nichts Konkretes von mir/ich bin nicht gekommen die Bibel lächerlich zu machen/noch der Mona Lisa einen Schnurrbart anzumalen/ein halbes Dutzend Knaller zur Explosion zu bringen/genügt mir.

Immer wieder sucht er neue Wege in der Poesie.

In den 80er Jahren wendet er sich angesichts der globalen Zerstörung der Natur der `Ökopoesie` zu.

Gute Nachrichten:/Die Erde erholt sich/ in 1000000 Jahren/Was verschwindet /sind wir. Und am Ende des Gedichts `Der Christus von El Qui verteidigt sich mit Händen und Füßen` heißt es:„…Sozialisten und Kapitalisten/vereinigt euch/bevor es zu spät ist…“

 

Die Bedeutung von Parras Werk innerhalb der chilenischen, aber auch der süd-amerikanischen Dichtung ist außerordentlich groß. Auch in den USA sind schon die frühen Antigedichte  von William Carlos Williams, Allen Ginsberg und Lawrence  Ferlinghetti übersetzt worden. Hans Magnus Enzensberger und Nicolas Born u. a. übertrugen ihn ins Deutsche.

Im Jahre 2011 bekam Nicanor Parra die höchste Literaturauszeichnung der spanisch sprechenden Welt, den Cervantes-Preis. Mehrfach wurde er schon in der Vergangenheit von unterschiedlichen Universitäten für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen.

 

3

          Ars poétique

 

          Du silence avant toute chose

          et tout le reste est musique

          moderne

 

 

 

I.B., April 2014

 

Bem.:

 

Die Gedichte  „Achterbahn“, „Gedanken“ und „Der erdachte Mann“ sowie die Artefactos sind Übertragungen von mir. Die Interlinearübersetzungen dazu besorgte Brigitte Klose.

 

 

 

Anmerkung:

 

Ingolf Brökel, geb. 1950, lehrt Physik an der HTW Berlin, Lyrik und Essays. Zuletzt erschienen „den  nachfahren“(2014) und „minimals“(2014), demnächst: Poesiealbum 313 (2014).

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über Nicanor Parra:

http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/chile/nicanor-parra-wird-100-der-chilenische-dichter-19093.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.amazon.de/Ingolf-Br%C3%B6kel-Poesiealbum-313/dp/3943708136

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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BIO:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ingolf_Br%C3%B6kel

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