Ilse Hehn

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

 

 

Am Rande von Kairo

 

(Ägypten 2010)

 

Was nicht fragt sind Bilder in den 

Farben Ägyptens Finger abflammender

Bäume Frachtensegler im Strom was du

denkst ist zerkratzte Traumschlacke im

Gelächter der Sprache sie reißt

Menschenschatten nicht auf nicht

Mechanismen Tabellen Umsätze Verträge

während ich notiere wo ich bin

1. Februar 2010 zerfällt in Dinge die

Stunde sandig rauen Flugsand

Aufleuchten inmitten

von Staub

 

Sonne lässt Fetzen fliegen am

Kehlkopf angetrocknet meine Zunge der

Tag verkauft was ihm nicht gehört

zieh Leine Poesie

 

                    

 

 

 

 

Sonnengott Rê / Theben-West

 

(Ägypten 2010)

 

Wiegtest dich Gott in Sicherheit

nährtest die Barke Himmel

in deinem Widerschein der Schädel des

Menschen

Windbeutel Sandtier

man fraß dir aus der Hand

 

getilgt durch Schatten Zeit

nur dein Name blieb ungelenk aufrecht

blutleeres Zeichen ohne

Scheu berührt inmitten der heutigen Sonne

Bilder sich zurücklehnend im Stein

gegen Tageslicht betrachtet die

erstarrten Farben Braun Ocker Blau

während Bloßstellung sie einschneit wie

gequälte Zungen

 

mit einer Tageszeitung unterm Arm der

Mann neben mir bewaffnete

Soldaten ihre Abtastblicke

Redensarten aufgeteilt in Hirnhälften

flirrende Luft

Müdigkeit aufgeschminkt im Schatten

Touristenbusse

ein Stück Wüste glänzt irgendwo

als wär’s ein Schluck Wasser

 

 

 

 

 

 

Fahrt nach Abu Simbel / späte Romantik

 

(Ägypten 2010)

 

Die Sonne über uns hergeschleppt nach

Abu Simbel mit dabei bewaffnetes Geleit

 

der Tod ist eine Möglichkeit ein

Touristenbus in einem Wüstenfilm

was sprengt durch vereiste Knochen

verchromte  Haut durch die Vorstellung Leben

was krankt an diesem Samstag

der nicht mehr in die Woche passt

sowieso und Türen bleiben zu was zerrt

an verfranzten Herzmuskeln quietschende

Reifen fahren tief in den Körper 

Atemnot & Angst am Rand der schaukelnden

Wüste mit dauernder Verneinung

 

also so könnte es sein

eine Explosion ein Schuss ein

Comic ohne Fortsetzung und Fußnoten

 

 

 

 

 

 

Nekropole von Beni Hassan

 

(Ägypten 2010)

 

Maserungen des Lebens in

Ideogrammen festgehalten präzise gemeißelt

gemalt damals vor 4.000 Jahren

Stilisierung von Sinn von Welt Fragmente

gegen den Tod in hohen

Felsengräbern ihre Buntheit eine mit

Hoffnung bekleidete Leiche ein Mumientanz

Ka – geheimer Staunender

tritt aus der Bilderlandschaft sucht letzte

Überfahrt

 

der Traum der mit der Sonne

aufsteigt zu neuem Leben – ein leeres

Viereck Licht

 

zurück in Minia

Häuser drängen zusammen zwängen

sich in die Wüstenoase gleich Finger in

einen zu engen Handschuh 

jetzt sehe und rieche ich

Gewürze Currysorten Pyramiden aus

rotem orangenfarbenem und gelbem Staub

jetzt ist der Tag ein Helm aus Sand ein

Schluck Tee  Sonnenbrille  Lippenstift

eine Trockenfrucht Tinte die

auf Papierfetzen bezeugt wie

namenlos wir kodifiziert

 

 

 

 

 

 

Saqqara / Grabstätte des Kagemni

 

(Ägypten 2010)

 

Dunkelheit zieht Raum fühlt sich an wie

farblose Luft

Stille belauert das

Flechtwerk gemeißelter Linien

Leben in

Überschreitung der Schwelle

 

für Minuten

das Innere der Mastaba atmet

den Code im Stein berührt

wo Sand nicht rostet 

Gedächtnis 

Tote in ihrem Tod wie meine Wunden im

Schlaf

 

abends Großstadtnacht crazy Kairo

verzerrtes Kalkül morgen im

Schnittmusterbogen Mittwoch

 

 

 

 

 

 

Temeswar 2010

 

T. eine Stadt wirre Ver

flechtungen das Wort nicht auf

gehoben vermisst ein

Grinsen bedingungslos grau

Regen herrscht wo sonst Hitze im

Mai zehn Autos weggeschwappt rücklings

gepokert gegen den Fluss hinter der

Kathedrale hat jemand Hoffnung

 

in Szene gesetzt

Gleichgewichtsperspektive

 

von bitteren Fäden durchsetzt das

Gestengeflecht über Sprache hinaus

ein Netz aus Brand

wunden Nabelschau verdrießlichem Teig

Gesichter ohne Wasserlinie selbst

Piktogramme verkrustete Stunden aus

gebreitet Spekulation kratzt Zahlen

schwemmt als Sturz

bach die Zuständ lose

verschnürt in die Bega ihre

Angst keiner riecht

 

ein Clown in mir mascara-wach

 

 

 

 

 

 

Florenz I. / Jenseits des Arno

 

(August 2007)

            

         „Die Glorie dessen, der mit seinem Finger

          Bewegung schafft, durchdringt das All und gleißt

         An einer Stelle mehr und sonst geringer.“

                                     Dante, Paradies, I. Gesang. 1-4

 

 

Oltrarno

                                              gegen 15 Uhr riechst du die

Hitze des Tages der Arno kippt

seine Spucke über den Rand fasst Fuß am Ufer hier

schmeckt es nach Katzenpisse glühender

Luft in die Ecke getrieben platzt Romantik an

Wänden des Borgo San Jacopo Besenginster kehrt

unter Brücken Geschichte 1944 gesprengt danach neu

errichtet in alter Form nur Ponte Vecchio – eine

Mundhöhle randvoll mit Gold ohne Antwort unter der Zunge                                         

Costa di San Giorgio rollt zur Festung Belvedere die

scheint zu brennen eine

                                    TV-Szene wird eben gedreht mit

jungen Männern bauchtief im Rapp Geruch von

Sand vertrocknetem Gras Papiertüten scharren im Kies mein

Blick an einer Plastik vorbei Frauenakt schöntoter

Stein geht über die Fototapete der Stadt das 

dürstende Weichbild umliegender

Hügel der Himmel darüber mit fiependem Atem ich

                                                    wechsle den Kamerawinkel

 

die Sonne bläst ihre letzten Funken fährt

dem Tag durch den Rachen Tod zieht sich zurück ins

Halbdunkel von San Miniato von Santa Felìcita von 

Altartafeln und Fresken kriecht das Grisaille dir durchs

Aug hinter die Stirn dann geht das Licht

                                       

                                  Abend ein grauer Baum lehnt

an Stille in Kirchen zerkrümmeln gottäugige Bilder irgend –

jemand erinnert klebt zink-silberne Blätter in seinen Dante

               

 

                                   

 

 

 

Florenz II.

 

(August 2007)

   

den Zünder suchen unter der Haut

zu verstehen das Erinnerte Hölle Fegefeuer Paradies

unter Dantes verzinktem Lorbeer

 

längst hat die Stadt uns vergessen

undeutlicher Rest wir grauer Belag

flache kleine Wellen über staubigem Stein Touristen

Akrobaten auf der Piazza della Repùbblica zu ihren

Füßen das Stundenglas aus Jetzt und Sofort Münzen darin

Taschenhändler am Rand der Szene Algerier vielleicht versprüht

vom Leben durch den Abend wie Fledermäuse werden

sie huschen ihre Angst anwachsende Spirale

um uns verkrusteter Glanz Domfassade daneben Giottos

Campanile angepflockt in der Hitze Kühle der Schläfe – das

                              Baptisterium weißgrüne Hirnströme Geometrie 

vor dem Palazzo Vecchio Kopien nackte

Sieger Bühnendekoration Hochzeitsgäste ausgeblichen unweit

lümmelt Ponte Vecchio auf  Sommer poliert darunter 

                             Arno im Schlamm das Gesicht nach unten

                  

kaum vernehmbar die Funksignale der Farben in  Kirchen

den Uffizien Bilder panzerverglast von Checkpoints bewacht

Dantes Haus schattengestreift Piazza Santa Maria Novella

entzündet durch Licht im Bahnhofsrevier Postkartenverkäufer

Nutten einige Bäume Tristesse des Ortes

                                 

nach 23 Uhr fällt der Abend in sich zusammen

über uns das Gesicht der Stadt abgeschminkter Himmel aus

ihrer Mundhöhle linst wir erreichen

Piazza Santa Elisabetta Hotel Brunelleschi steigen in den

byzantinischen Turm hohlen Kolben aus Stein sechstes

Jahrhundert Nacht schneit uns ein

                                       traumverstümmelt ganz von dieser Welt

 

Es ist nicht der Tod der uns schreckt

 

 

    

 

 

 

Florenz III.

 

(August 2009)

für H.S.

 

unser Fernsein miteinander am Rand möglicher

Wälder mit Adern durchzogen wie Blätter

löwenköpfig die Stadt ein Sarg aus piatra dura

 

                                            Liebende aus echtem

Marmor ohne die Gnade der Wärme

des Bettlers abgewetztes Fell

an den Brüchen spielt das Licht mit

                                            verirrten  Hautflüglern

                  

für einige Stunden schlägt die Sonne Rad

kocht Gelb über unseren Lungen versiegelt mit Kupfer

die Risse. du meidest schmale Gehsteige dein

leises Schnaufen in der Hitze ein viel zu

großes Tier im Asphalt  das

                                   Aug eine Baumöffnung 

                                                                 atmet nervös

 

der Arno führt Holz

                                   Regenzeichen

ein brauner Wasserfaden – verdunkelter Schutz                                                                 

Einsamkeit von Monaden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

______________________________

 

 

 

 

ILSE HEHN Ilse Hehn ilse hehn ILSE hehn ilse

iLsE hEhN IlSe HeHn ilsehehnilse ILSE HEHN

 

 

Ilse Hehn (geb. in Rumänien/Banat) ist deutsche Schriftstellerin und bildende Künstlerin.

Absolvierte die Hochschule für Bildende Kunst in Temeswar.

Lebt seit 1992 in Deutschland / Ulm, wo sie als Dozentin für Kunst tätig ist. Vizepräsidentin des Exil-P.E.N. Sektion deutschsprachiger Länder.

 

Hehn veröffentlicht Lyrik und Prosa. Ihre Gedichte wurden ins Rumänische, Russische, Serbische, Ungarische und Japanische übersetzt.

 

Als bildende Künstlerin – Ausstellungen in Rumänien und Deutschland.

 

Mitgliedschaften

–                      P.E.N. International

–                      Rumänischer Schriftstellerverband

–                      Europäische Autorenvereinigung „Die Kogge“

–                      „European Writers’ Congress“

–                      Künstlergilde Esslingen

 

Auszeichnungen

–                      1988 – Literaturpreis „Adam Müller-Guttenbrunn“ ( Temeswar)

–                      1988 – Deutscher Kinderbuchpreis für „Ferien – bunter Schmetterling“ (Bukarest) 

–                      2001 – Literaturstipendium der Stadt Salzwedel

–                      2001 – „Inge Cernik-Förderpreis“  für Lyrik (Freudenstadt)

–                      2003 – I. Preis für Lyrik,  Künstlergilde (Esslingen)

–                      2004 – Prosa-Literaturpreis, Künstlergilde (Esslingen)

–                      2006 – Ehrendiplom des rumänischen Schriftstellerverbandes, Filiale Temeswar

–                      2007 – Deutscher Literaturpreis „Nikolaus Berwanger“ für ihr Buch „In zehn Minuten reisen wir ab…“(Temeswar)

 

Werke

–                      So weit der Weg nach Ninive. Gedichte. Kriterion Verlag, Bukarest/Rumänien 1973.

–                      Flußgebet und Gräserspiel. Gedichte. Facla Verlag, Temeswar 1976.

–                      Du machst es besser! Kinderbuch. Ion Creangä Verlag, Bukarest 1978.

–                      Ferien – bunter Schmetterling. Kinderbuch. Kriterion Verlag, Bukarest 1978.

–                      Das Wort ist keine Münze. Gedichte. Kriterion Verlag, Bukarest 1988.

–                      In einer grauen Stadt. Gedichte. Hestia Verlag, Temeswar 1992.

–                      Die Affen von Nikko. Gedichte. Übersetzung ins Rumänische von Constantin Gurau und    Lucian Alexiu, Hestia Verlag, Temeswar 1992.

–                      Den Glanz abklopfen. Gedichte und Collagen von  I. Hehn, Hess Verlag, Ulm 1998.

–                      Im Stein. Gedichte. Czernik Verlag, Hockenheim 2001.

–                      Lidlos. Gedichte. Holzer Verlag, Weiler im Allgäu 2003.

–                      Mein Rom – Wortbogen. Prosa. Esslinger Reihe 35, 2005.

–                      In zehn Minuten reisen wir ab. Prosa und Lyrik sowie Malerei, Collagen und Graphiken  von I. Hehn. Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar 2006.

–                      Randgebiet. Gedichte und Graphiken von I.  Hehn. Billingue Ausgabe: Japanisch-Deutsch, japanische Übersetzung – Mieko Schöder. Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar 2010.

 

www.ilse-hehn.de

 

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