Huang Fan

 

 

(China)

 

 

 

Vokabelverzeichnis

 

Wolken: Alle Arten, über diese Welt zu reden.

Stadt: Alle Mühsal, diese Welt für Spekulationszwecke zu horten.

Liebe: Die Verkörperung allen Begehrens auf Seiten des Mondes.

Polizei: Die trüben Mienen eines gewissen Monats, von ihr mitgenommen.

Moral: Das Axiom, in der Mitte des Lebens nicht zurückzudenken, so

schließen zu können auf Frau, Fron und Heiterkeit.

Lyrik: Ein Grab, von den Dichtern gerade renoviert.

Staub: Ohne Unterlaß fleißig rühren, bis vielleicht das Glück sich wendet.

Einsamkeit: Alle Stimmen sind dem Gehör ein verwundeter Vogelruf.

Freiheit: Nach der Fron die Leere, da du nicht weißt, was dein Anteil ist.

Tür: Steht sie offen, was läßt sich da noch garantieren?

Zufriedenheit: Wenn dir nichts mehr gehört, bedeuten dir Gewinn oder Verlust nichts.

Messer: Die einfachste Form eines Gespräches von Mensch zu Mensch.

Entdeckung: Den unaussprechlichen Kummer der Alten allein zur Sprache bringen.

Dialekt: Ein paar ungewirkte Wolken, unterwegs im Hirn der Dichter.

 

 

2003

 

 

 

Der Kern des Problems

 

Braune Dinge

sind in Wahrheit blaue Dinge.

Eine gelbe Liebe

ist in Wahrheit so einfach wie ein Weiß.

Ein Massaker in Rot

ist in Wahrheit ein Verrat in Schwarz.

Manch Sachtes

ist in Wahrheit erregt wie ein Bajonett.

Was in den Augen blitzt,

ist in Wahrheit grau vor Scham.

Wer mit dir prahlt,

läßt in Wahrheit seine Absicht aus.

Was aus sich sprudelt wie ein Held,

schenkt sich in Wahrheit her.

Ein O.K. ist in Wahrheit

eine müde Ablehnung.

Du und ich,

wenn auch nicht gleich,

haben in Wahrheit das Ende zu gewärtigen.

 

 

2001

 

 

 

Fledermäuse

 

Die Fledermäuse sind hier, sie sind da.

Über dem Scheitel häufen sich zahllose dunkle Schatten.

So gewinnt meine Einsamkeit schnell eine Scheide.

 

Falls ich nach oben triebe

und mit ihnen duschte,

würde ich zu einer phänomenalen Last, schwerlich vom Abendrot zu ertragen.

 

Wenn die Fledermäuse die Strahlen forttrügen,

und ich vereinsamte, so würde eine von ihnen mein scharzer Schwan.

Das Pfeifen zahllos spitzer Zähne beschleunigt meinen Blutfluß.

 

Ein Schwarm und noch ein Schwarm.

Wo ist die Hoffnung ihres Glücks?

Oder möchte eine jede von ihnen sich versuchen am Mond, an diesem Gleitbrett?

 

Ich beginne zu spüren die Wärme ihres Flatterns.

Fledermäuse fürchten einsame Fledermäuse. Vielleicht machen du und ich einen Fehler:

Wir kommunizieren nicht und sind uns doch so nahe.

 

 

2002

 

 

 

In der Mitte des Lebens

 

Der Frühling ist vom Haß zernagt, die Knochen sind voller Bißspuren,

sie haben sich ins Groteske zurückgezogen. Ein heißer Dampf.

Wie gütig ist doch jetzt mein Antlitz.

Städte, wo ich einmal war, können mir auch alle im Herzen geschliffen werden.

 

Von fernen Häfen bis zum nahen Glockenberg

sind alle Tage gleich alt.

Das Glück in meinen Armen ist auch so alt wie eine Frau von Charakter,

die mich ohne Unterlaß begrabscht…

 

Noch mehr Saaten des Frühlings wurden überflüssig.

Da mag ein großer Fluß durch meinen Leib gehen,

auch er bleibt stumm. In jungen Jahren spricht man gern vom Mond als Sichel,

jetzt aber ist er ein gutgelauntes Juwel.

Bei allen Verhören strahlt er die Menschen an…

 

 

2004

 

 

 

Der Kniegeigenspieler

 

Vergangene Tage sind Tage des Volkes, sind auch die meinen.

Es sind die Tage der wilden Blumen, selbst die von Uniformen.

Es sind die der Häfen, der Jungfrauen,

auch die der Flüsse, der Hausdrachen.

Am Nachmittag erwacht, vermag ich nicht zu sagen,

ob ich Schild bin oder scharfe Schneide.

 

Auf dem großen Platz spielt jemand Geige, seine so wehmütige Kniegeige.

Hat er Grund, mit der Giftschlange zweier Saiten Passanten zu schaden?

Sein Gesicht ruht versunken in der Finsternis alter Tage.

Falls es sich ausgeht, möchte ich,

daß auch meine Tochter ihre beiden Ohren spitzt.

 

Ja, ich spüre nun, sein Mienenspiel gehört der Vergangenheit.

Er hofft auf kein neues Leben mehr. So wie kein naßgeweintes

Zündholz Funken schlägt, gerieben am Heute.

Die Vergangenheit ist eine Träne nun, nichts fängt sie auf.

Selbst Topfblumen fürchten, sie könnte sie vom Staub befreien.

 

Wie fern ist Vergangenes vom Gegenwärtigen?

Haben neue Zuhörer mit Händen hinter dem Rücken die große Liebe gefunden?

Ach, der emsige Kniegeigenspieler hat mit seinem Lied einen Hang gebaut.

Ich steige eifrig hinauf und gleite alsbald hinab.

 

 

2003

 

 

 

Langzeichen und Kurzzeichen

 

Langzeichen eignen sich zur Heimkehr, Kurzzeichen eignen sich eher zum Vergessen.

Langzeichen tragen unsere Ahnen zu Grabe, Kurzzeichen sind die letzte Ruhe von Banketten.

Langzeichen sind wie Berg und Fluß, selbst ihr Stäubchen will gesammelt sein.

Kurzzeichen sind wie ein Ranzen, der nur Schulbücher wahren mag.

Langzeichen haben viele Flügel, machen aber kein Getöse.

Kurzzeichen sind zügellos, sie wollen nur auf flachem Land unter beliebigen Akten sein.

Langzeichen aber stützen Nomen und Adjektive in ihrem langsamen Gang.

Kurzzeichen schaffen nichts als Hochgeschwindigkeitszüge mit Verben zum Spezialgebrauch.

 

Kurzzeichen können sprechen, Langzeichen gleichen bald verwitterten Inschriften.

Kurzzeichen spotten, Langzeichen kommen im Etuikleid daher, auf gebundenen Füßen,

mit den falschen Wimpern der Republikzeit.

Kurzzeichen erklären die Stille, die Weise von Langzeichen für unangemessen.

Sie erkären die Muttermale in ihrem Angesicht für Zeichen des Glücks.

Langzeichen ziehen im Gespräch den Oberkörper vor,

Kurzzeichen träumen gefangen vom Unterleib, so geschäftig,

so wenig wählerisch. Sie gleichen dem Dunst und stellen sich nicht an.

Langzeichen glauben an die Geduld. Wer sich anstellt, entwickelt eine gute Axt,

schreibt ein gutes Stück Philosophie.

 

Einem Zeichen, beschnitten wie ein Baum, bleiben nichts als Wunden.

Einem Zeichen öffnen sich mit einem jeden Strich mehr die Wege,

die vergangene und die künftige Welt. Anders als einem Kurzzeichen,

ganz dem Heute ergeben.

Schau, das Kurzzeichen hat die schwerste Last längst dem Langzeichen überlassen,

es fürchtet, von der Lust verworfen zu werden.

Doch es weiß nicht, was auf Langzeichen verwittert, ist den Augen ein Wohlgefallen.

Die Stille der Langzeichen ist auch ein berührendes Lied.

Zwischen Langzeichen und Kurzzeichen

erscheine ich wie der letzte Mitwisser, der Tag und Nacht die Last der Geheimnisse trägt.

 

 

 

 

 

 

 

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Bio

Huang Fan

 

Geboren 1963 in der ländlichen Provinz Hubei, ist Huang Fan ein führender Schriftsteller von Prosa und Poesie, bekannt für sein unerschütterliches Zusammenspiel von chinesischen Gegenwartsfragen mit trockenem Humor und dunkler Lyrik. Zu seinen Prosa-Werken gehören die Romane Das elfte Gebot, Die schwimmenden Farben, Bis die Jugend verschwindet, die Kurzgeschichtensammlung Der Mädchenschullehrer und die Essay-Sammlung Chinese Wander. Seine Poesie-Sammlungen in Chinesisch umfassen Elegien aus Nanjing und Ausgewählte Gedichte eines Jahrzehnts. Sein Roman Das elfte Gebot wurde in Sina.com.cn literarischen Abschnitt als Serie abgedruckt, er erreichte über 3 Millionen Leser und wurde als einer von zwei « must-read » Romanen für Jugendliche empfohlen. « Mittelalter » war in Einhundert Gedichte für hundert Jahre der modernen Poesie enthalten, und der Herausgeber von United Daily News nannte ihn den interessantesten Festland-Dichter für das taiwanesische Publikum. Zu seinen Preisen zählen der Goldene Preis für Kurzgeschichte, der Pekinger Literaturpreis für Poesie, der Biennale China Houtian Kultur- und Kunstpreis 2009-2010: Roman, der Fanncao Biennale Top Ten für Poesie und der Jinling Literaturpreis für Poesie. Die Werke von Huang Fan wurden ins Englische, Italienische, Deutsche, Griechische, Französische, Japanische, Farsi und Koreanische übersetzt.

 

 

Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin

 

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