Horst Samson

 

 

(Rumänien – Deutschland)

 

 

 

TATORT

 

Sätze liegen zerbrochen herum

Im Raum, zerknüllte Blätter, aufgeschlitzte

Wörter, blutleer. Was hat hier

 

Stattgefunden? Und das

Tatmotiv? Die Gedankenstriche bleiben

Unbekannt. In der Schreibmaschine

Steckt ein Gedicht. Das Gedicht redet

 

In Narben. Mehr sagt es nicht.

Und Augenzeugen haben Verdächtiges

Nicht gesehen.

 

 

 

TAGESSCHAU

 

Im Auge der Kamera:

Ruinen in Farbe, ausgebombte

Gesichter, Glassplitter.

 

Ununterbrochen fliegt der Tod

Für Religion und Vaterland

Aus den Gewehrläufen.

 

Im Rauch laufen Füße,

Laufen Köpfe

In die Schusslinien.

 

Einer greift sich an die Brust,

Einer dreht sich um sich selbst,

Einer fällt uns kurz auf.

 

 

 

OBDACHLOSE ZEITEN

 

Jeder Tag eine Tretmine. Von Kugeln

 

Verfolgt hetzen Träume über den Bildschirm,

Gefangengehaltene

 

Wörter, mit denen niemand spricht…

 

Auch wir sind stumm, sind weit davon entfernt

Unschuldig zu sein. Hinter der Stirn

 

Tobt der nach innen gewendete Schrei. Er ändert

 

Nichts. Leise rieselt der Tod am Ausgang

Des Jahrtausends. In dunklen Zeiten

 

Ist unter allen Streichhölzern die Liebe das kürzeste.

 

 

 

ABZIEHBILD

 

     „Sinnloses wird mit Sinn belehnt, indem der
     Sinn von Sein gerade an seinem Widerspiel,
     der bloßen Existenz, als deren Form aufgehen soll.”
          Theodor W. Adorno

 

Durch die Welt gefahren
Auf Zeitungen,

 

Zerbrochenen Schnee im Gepäck,
Fallwind,
Der die Luft vereist. Gefroren bisher

 

Für zwei
Und alles ist ein Davonlaufen
In Briefen,

 

Ein Verzögern,

 

Ist ein Verharren in der Abgeschlagenheit
Unter den glänzenden Augen
Der Dossiers
Vergilben meine Blätter,
Fallen ab und werden Ding.

 

Aber die Dinge haben ein eigenes
Leben,

 

Es öffnet sich nicht dem Blick
Der Akten.

 

 

 

SONNENFÄNGER

 

Der Anblick der Sonne heilt jeden

Schmerz. Im Osten

Meines Gehirns kehrt langsam das Grün

Zurück. Ich denke,

Allmählich streune ich

Als Virtuose durch

Den Himmel – verloren,

Im Wort. Ich spüre das

Altern, die Jahre

Verdampfen. Ich streife

Durch den Herbst, suche mich

In seinen Farben und lerne

Die letzte Lektion. Was nützt

Mir die Physik, die Quantentheorie,

Die Sprache, der Schnee, der

Unendliche

Kosmos? Ich fische leise

Im Ende eines Tages

Gehe ich mir als fetter Karpfen

Ins Netz und richte

Meine Zeit hin, begleiche die

Seit der Geburt

Offene Rechnung.

 

 

 

DAS LAND

 

Das Land hat keinen Namen, die Stadt

Nicht und nicht das Dorf. Die geduckten

Menschen, die Mörder kennt jeder, die Angst,

Den langen Arm der Geschichte.

 

Keiner erinnert sich, wie es geschehen konnte, geschah.

Eines Tages waren die Zeugen weg, alles war spurlos

Verschwunden, wie aufgelöst, sagen sie, im Äther

Verflogen, nichts wurde vermisst, kein Mensch, kein Wort.

 

Nachts glühten Gedanken, entzifferten den Tod,

Im Zwielicht pulste das Hirn, schimmerte

Wie Phosphor brannten die Augen im Kopf, die Akten,

Das Herz lag da, leer wie eine verlassene Kaserne.

 

 

 

HERBSTSCHLACHT

 

Der Boden am Fuße

Des Feldherrenhügels,

Er ist übersät

Mit den Leichen der

Gefallenen

Kastanienblätter.

 

 

 

ALLEGRO ASSAI

 

Ich hör den Tod

Durch dünne Adern rinnen,

Das Chlorophyll im Blatt, es wird

Vom Rost gehetzt. Ich minute draußen

Und im Draußen drinnen,

Ich sterbe wild und wie von Sinnen –

Von dir geliebt, von dir zerfetzt.

 

 

 

ES WAR KEINER, NICHTS

 

Sie haben das Licht gewürgt,

Den Himmel mit Füßen getreten

Und die Sonne lächerlich gemacht…

 

Wie könnte ich ihnen verzeihen?

 

Augen haben sie blindgestochen,

Sprache verboten, über alles

Ließen sie Gras wachsen,

 

Denn alles war verurteilt, spurlos

 

Zu verschwinden. Noch in den Schlaf

Sind sie uns gefolgt, Träume auszulöschen.

Lange haben wir gedacht, es ist ein Irrtum,

 

Aber es war keiner. Und nichts bedauern sie, nichts.

 

 

 

DENN ALLES HAT ANGEFANGEN

 

Linkisch übt der Mörder in uns den aufrechten

Gang. Das Kreuz aus Holz, ein fossiles

 

Panorama, unversehrt und himmelweit

Spricht es immer noch mit allen

 

Adern. Zyklisch treiben Leichen dahin

 

Und verräterisch rasselt die Geschichte.

Im Winde scheppern die ungezähmten

 

Fahnen. Sprache, sonst nichts, schützt

Niemandlinge auf der Flucht

 

Vor dem Drama des Tötens.

 

 

 

BLACK BOX

 

Der Himmel ist in Aufruhr,

Innen erlischt das Wort, neigt sich

zur Seite. Die Stille wird dich erwischen.

 

Der Tod bechert mit leichten Triolen

Beim Heurigen. Geschichten, Erinnerungen

Klingen nach, verklingen –

 

Der goldene Schuss des Fotographen

Trifft ins Schwarze. Belichtete Zeit, Blut

Rinnt aus der Schläfe übers Laken.

 

Die Liebenden, sie starren gläsern

Dem roten Faden nach

Ins Nichts. Dort liegen ihre Jahre

 

Dahingemetzelt, weit offene

Wunden. Darin geht das Leben

Auf und ab – verkleidet als Dirne.

 

 

 

DIE FORMEL DES KREISES

 

Zieht einer gejagt querfeldein, verlassen

Ihn die Fluchten. Ausgehöhlt, viel zu lange

In Buchstaben gehaust, gelebt nur

 

Dem losgelassenen Wort. Was nachhallt noch,

Ist Ungeschriebenes, sind die kehlige Rufe

Der Treiber, die Mündung des frühen Tages

 

Und das Knattern fallender Eicheln, jedes Mal,

Wenn der Wind sich aufbäumt. Und du witterst

Ins Büchsenlicht, nicht Mensch, nicht Wolf,

 

Umgeben von der Fäulnis feuchter Tage

Wickelst du dich fester in die Fetzen

Der Sprache. So werden sie dich finden und erlegen.

 

 

 

WEISSE STUNDE

 

I.

Eine Spinne am Abend – die Höchststrafe

 

Für uns. Vor allen Türen liegt Schnee. Den kalten Tag

Noch zur Nacht machen, sie durchleben

 

In anrüchigem Glück, jenem warmen Kleid

Für vorbelastete Wege. Frieren im Kopf

 

So als beginge man gerade einen Mord

In der Sprache, abgeschnitten

 

Von Heimat, die dir auf den Fersen

Bleibt. Nichts hilft als fliehen aus dem

 

Vergangenen, nach Torre de la Mora

Vielleicht, der Sterne und der Agaven

 

Wegen, wo imaginäre Strahlen dem Regen sonnig

Die Einreise verwehren, wo man das Zelt

 

Einfach zusammenfaltet und unter den Arm nimmt

Bevor man geht.

 

II.

Stummes Nachtbild. Aber von innen leuchten

Die Wellen unten am Strand. So schön, als wären sie

 

Nicht von dieser Welt. Doch wir fliehen

Aus dem Gespräch, fliehen aus dem Haus,

 

Quer übers Feld dem Neuberger Wäldchen

Zu. Da holt uns der Schnee ein und die Äste

 

Der Tannen hängen gleich mächtig schwer

Dem Erdreich zugeneigt. Liebste, sag ich,

 

Ich rieche den Tod. Aus dem Himmel wirbelt

Uns Dunkelheit entgegen. In einer weißen Stunde

 

Durchschreiten wir das Auge des Nachtjägers.

 

 

 

MITWISSERSCHAFT

 

in Erinnerung an Paul Celan*

 

In den Gärten brennen

Die letzten Birnen und Gott entkleidet

Reihum die Bäume. Der Tod, sagt Tolstoi,

 

Ist zu Ende. Und wir kehren zurück,

Nach Hause, in unsere fremde Erde, basteln

Geschenke an die Aufmerksamen. Der jüngste Tag

 

Bleibt eine fixe Idee, eine kalte

Schulter des Abends. Stille schlägt uns

Ins Gesicht vor dem Abgrund der Wörter,

 

Mit denen ich eben noch sprach.

 

 

———

*„Gedichte, das sind auch Geschenke – Geschenke an die Aufmerksamen.

Schicksal mitführende Geschenke.“ (Paul Celan – Brief vom 18. Mai 1960, an Hans Bender)

 

 

 

ZUGANG ZUM MEER

 

     In Erinnerung an Cornelius Retting

 

     Und der Geist hob mich empor,

     und ich hörte

     hinter mir ein Getöse wie

     von einem großen Erdbeben,

     als die Herrlichkeit des Herrn

     sich erhob von ihrem Ort.

     Und es war ein Rauschen

     von den Flügeln der Gestalten,

     die aneinander schlugen … Da

     hob mich der Geist empor und führte mich

     weg.

 

     Ezechiel, Kap.3, 12-14

 

Sie hatten nicht gesündigt, laut gelebt

Vielleicht. Und sie hätten sich warnen lassen.

 

Das Meer aber fackelt nicht lange,

Eine Welle aus Lärm und Energie

 

Bricht sie gewaltig

An diesem Tag – wie Streichhölzer,

 

Spült sie weg von diesem Planeten

In die Endlichkeit der Trabanten.

 

Die Figuren im Strudel

Schlagen um sich, rudern verzweifelt

 

In entseelter Zeit. Gerne würden sie im Chaos

Noch einmal beten, denn sie sind auch

 

Nicht gottlos, und nicht abgewendet wie der Herr

Von der Gerechtigkeit –

 

Statisten, sagen wir unter Tränen, Stellvertreter

Schlimmstenfalls nur eines beiläufigen Lebens

 

Schuldig. Und nichts als Fußnoten, wie wir

Wissen, der Willkür und des Zufalls,

 

Versfüße jetzt im Universum,

Menschlein, denen Gott eine bleischwere Hand

 

Auf die Schulter gelegt hat,

Einfach nur so.

 

 

 

TESTAMENTARISCH

 

Alle enteignet der Tod

Auf den letzten Seiten des Buches,

 

An dem jeder schreibt. Getroffen

Horchst du in die Zellen,

 

Es geht nicht mehr, nichts mehr geht

Wie es ging. Die Schönheit, siehe da, sie wirkt

 

Von außen perfekt und ist doch tief innen

Defekt, verwelkt oder schon fort und am Ende

 

Ihrer Traurigkeit angelangt, genau wie wir,

Niemandlinge, die mutig flüchten durch Zeiten und Gezeiten

 

In sich umher wie ein Haufen verirrter Helden,

Seltsame Uranusmonde, die sich bewegen jenseits

 

Der stabilen keplerschen Bahnen – Helden ohne Ufer,

Die kein Land und Himmelsstrich mehr braucht.

 

 

 

DER LETZTE ZUG

 

Vor langer Gleiszeit

Mitten auf toten Schienen,

 

Du weißt das, wir hielten

Im zerbrochenen Land,

 

Sahen Köpfe fliegen und

Fliegen auf dem verirrten

 

Beispiel. Die Farbe Grau stank

Zum Himmel und war über allen

 

Tagen. Der letzte Zug fuhr

Bei strömendem Leben.

 

 

 

EDOMS NACHT

 

     Je t’apporte l’enfant…

     Stephane Mallarmé

 

Die Spitze des Zirkels

Im Tod. Du ahnst den Kreis,

Die Geologie des Verrats

Bis in die Nerven

 

Zellen. Im Lichtkegel flattert

Das Herz. Schweigen tropft aus

Dem Lande,

Und Blut. Was noch

 

Brennt in der Nacht

Ist flackernder Mohn,

Was noch blieb von Edom

 

Sind Silben im Hirn

Und Folterblumen,

Die wuchern ohne Lärm.

 

 

 

RUMANIA BY NIGHT

     für Ludwig Fels und Guntram Vesper

 

Unaufhaltbar

Wächst in den Wörtern

Der Tumor. Am Zwetschgenschnaps

Halten wir uns

Fest: Fremd

Sein in der eigenen

Haut! Angst vor

Und das vergriffene

Land – Mord

 

In zahlreichen

Auflagen! Menschen

Verschwinden wie

Der Duft

Von billigstem

Eau de Cologne.

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Horst Samson  geb. 1954, im Weiler Salcimi (Baragan/Rumänien), Lehrer, Journalist, war Redakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“ (Bukarest) des Rumänischen Schriftstellerverbandes und Sekretär des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ (Temeswar) der Schriftstellervereinigung Temeswar (Rumänien) von 1981 bis zur Auflösung des Kreises (Oktober 1984). 1985 mit Publikationsverbot belegt, 1986 von der Securitate mit Mord bedroht. Er emigrierte 1987 zusammen mit anderen Schriftstellern der Temeswarer Autorengruppe (Richard Wagner, Herta Müller, Johann Lippet, William Totok, Helmuth Frauendorfer) aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland, lebt heute in Neuberg, bei Frankfurt am Main.

 

Veröffentlichte neun Gedichtbände, zuletzt „Was noch blieb von Edom“ (1994) und ,,La Victoire. Poem” (Lyrikedition 2000, München; Hrg.: Heinz Ludwig Arnold), „Und wenn du willst, vergiss“ (Pop Verlag Ludwigsburg, 2010); „Kein Schweigen bleibt ungehört“, 2013, Pop Verlag Ludwigsburg.

 

Gedichte in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften („Sinn und Form“, „Akzente“, ,,Das Plateau”, ,,Litfass”, ,,Die Horen”, „Matrix“, „Bawülon“ etc.).

 

Mitherausgeber: Salman Rushdie: „Die Satanischen Verse“, Artikel 19 Verlag; „Pflastersteine.  Literarisches Jahrbuch des Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises“, Temeswar/Rumänien.

 

Herausgeber „Heimat – gerettete Zunge. Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien“, 2013, Pop Verlag Ludwigsburg.

 

Mehrere Literaturpreise: (u. a. Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes 1981; Preis des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ Temeswar 1982; Stipendiat des Deutschen Literaturfonds Darmstadt 1988/89; Nordhessischer Lyrikpreis 1992 der Europa-Akademie Eschwege, der Stadt Eschwege und des Werra-Meißner-Kreises; Förderpreis des Lyrikpreises Meran/Italien 1998); 2007 ausgezeichnet für „Das schönste deutsche Delfingedicht“ von der Gesellschaft zum Schutz der Delfine, der Zeitschrift „Das Gedicht“ (München) und Rewe-Touristik.

 

Gedichte des Autors wurden ins Englische, Französische, Rumänische, Schwedische, Serbokroatische und Ungarische übersetzt.

 

Mitglied im Internationalen P.E.N.  – seit 2006 Generalsekretär des « Internationalen EXIL-P.E.N. Sektion Deutschsprachige Länder ») und Mitglied im VS.

 

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