Horst Landau

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Anfangen. Atmen.

 

Anfangen! Endlich anfangen! Der Stimme einen Raum geben, einen Resonanzkörper. –

Da ist doch etwas, das sich artikulieren möchte, nach Gestaltung drängt. Noch lässt es sich nicht fassen, noch entzieht es sich. Doch wenn ich die Augen schließe, ist es da, fordert mich auf, wartet.

Was genau es ist, vermag ich nicht zu sagen. Noch nicht. Es hat mit mir zu tun, mit meinem Leben – doch nicht mit dem „Lebens-Lauf“, nichts mit dem, was in einer Biographie stehen könnte, nichts mit all den Geschichten, die sich immer dazwischen drängeln, zwischen mich und „Es“, die sich vordrängeln, so, als wären sie das Eigentliche, was sie aber nicht sind, nicht wirklich.

Was aber ist es, das Eigentliche, das Wirkliche?

Wird es mir gelingen, dorthin zu gelangen, zum eigentlichen Kern, zum Kern dieser,  meiner Wirklichkeit? – Wenigstens für einen Moment, einen Augenblick? –

 

Doch, ja, es gibt diesen Augenblick. Es gibt ihn, seit ich denken kann: den Augenblick, wo ich ganz bei mir selbst bin, alterslos. Den Augenblick, wo mein ganzes Leben ausgebreitet vor mir liegt, Vergangenheit und Zukunft nicht unterschieden; alles ist Gegenwart

 

Da ist dieser Kindheitsaugenblick: ich habe soeben eine dieser langwierigen, schwächenden Kinderkrankheiten überstanden, wahrscheinlich Masern. Ich habe einen dunkelblauen Pullover an mit rotweißen Manschetten und stehe auf einer Terrasse. Die Sonne scheint; es ist Frühling, wahrscheinlich Mai, und ich merke, dass meine Kräfte wiederkommen. Ich schließe die Augen und blicke durch die geschlossenen Lider in die Sonne – Wärme auf meinem Gesicht. Alles ist rot, ein intensives, ins Orange spielendes Rot. – Ich stelle fest, dass ich atme. Ich kann den Atem anhalten. Ich kann auch bewusst ganz tief atmen. Ich stelle mir vor, dass es gesund ist, tief zu atmen und atme eine Weile ganz besonders tief. Man soll in die Brust atmen, habe ich gehört, und ich versuche, tief in die Brust zu atmen. Es geht auch, aber irgendwas ist dabei nicht ganz richtig: der Bauch geht erst ein Stück mit – dann springt er plötzlich zurück, und wenn ich dann weiter einatme, ist die Brust auf einmal zu voll, und ich muss wieder ausatmen.

Wie kompliziert das ist! – Ich bekomme Angst, etwas falsch zu machen, denn es kribbelt auf einmal so merkwürdig in meinen Fingerspitzen: wenn ich jetzt das Atmen vergesse, werde ich dann umfallen und sterben?

Aber dann überlasse ich mich einfach der Wärme, verfolge, wie mein Bauch sich vorwölbt ohne mein Zutun – und wieder zurück geht: etwas in mir atmet. Ich kann es beeinflussen, aber ich muss es nicht. – Im Gegensatz zu meiner Brust atmet mein Bauch ganz von alleine, was ein bisschen komisch ist aber auch beruhigend.

Das Kribbeln in den Fingerspitzen lässt nach. – Ich versuche, nichts zu denken, mich ganz dieser Wärme, dem Licht zu überlassen, das meine Lider durchflutet, mein Gesicht und nach und nach meinen ganzen Körper. Ich merke, dass meine Atmung um so tiefer und ruhiger wird, je tiefer diese wohltuende Wärme in mich eindringt. Es ist wunderbar. Ich muss nichts tun. Es atmet in mir. Es lebt in mir. Es ist da in diesem Augenblick, der ganz mir gehört, in dem ich ganz bin!

Und ich weiß, dieser Augenblick wird wiederkommen. Ich blicke zurück und voraus: dieser Augenblick, dieser Augen-Liederblick ist – immer!

 

Und er kommt wieder: neben einer Frau!

Nach einer Ausdehnung, einer Explosion von Lust – ist er da, dieser Augenblick! –

Die Frau ist bereits eingeschlafen. Er hört ihre ruhigen, tiefen Atemzüge – und unwillkürlich passt sich sein Atemrhythmus dem ihren an, während hinter seinen Augenlidern das Nachbild ihres Gesichts aufleuchtet, umflossen von Haar… oder die sanfte Linie ihrer Hüfte… oder…

Langsam sickert Leere in ihn ein. Oder Fülle. Beides ist eins: Fülle der Erfüllung, gesättigt von Bildern, die sich allmählich auflösen, strudelnd in die Tiefe der Bewusstseinsleere – der Leere – der völligen Leere —

 

Und wieder ist da dieser Augenblick! – Ich sitze in einem kleinen, runden Plantschbecken; bei mir das Kind. – Es füllt ein Förmchen mit Wasser und begießt damit sein Bäuchlein. – Eine Plastikente neben uns im Wasser ist seitlich umgekippt. Das Kind richtet sie wieder auf. Sie kippt wieder um. Geduldig richtet das Kind sie wieder auf.

Wieder schließe ich die Augen: Sonne auf den geschlossenen Lidern, rot, ins Orange spielend – wieder das Kind – das Kind mit dem Kind – angekommen im Zentrum der Welt – ganz bei sich selbst.

 

Doch auch dieses zentrale Gefühl, des Ganz-Bei-Sich-Seins, ganz bei mir selbst – löst sich wieder auf:

Immer wieder die Fragen, das Suchen; Aufbrüche ins Unbekannte, Fahndung nach Worten, nach Sätzen, die das Eigentliche umkreisen, das wirkend Wirkliche zu benennen suchen, das Wesen

 

Anfangen! Endlich anfangen! Atmen (leiser werdend):

 

Ein – aus — ein – aus — ein – aus

 

 

 

Traumaroma.

 

Bücherblättern

im Bachstelzenschlag

Träge vertrieben

Tag um Tag.

 

Buchgebunden

und trugdoldenschwer

Blaublume – Trauerfallfalter –

 

Trag’ den Traumtag

und bleib’ und schweig’:

 

Blüte, verblühte

vom Blutbuchenzweig

Trudelt den Schlagfluss hinunter.

 

 

 

Traumpoem.

 

Nirgendwo – keine Spur

Allenthalb Fährten;

Über die Hüteschnur

Quer durch die Gärten.

 

Todeskampf, Lebensstress

Kriege um Frieden;

Alle zu-gleich indes

Sind wir verschieden.

 

Mondenstaub, Harfenklang

Niemandes Trauer

Löschen im Abgesang

Regen und Schauer.

 

 

 

 

 

 

 
 

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BIO

 

Horst Landau, Jahrgang 1937.

 

Horst Landau (* 11. Dezember 1937 in Düsseldorf) ist ein deutscher Schriftsteller und Lyriker.

Landau studierte von 1957 bis 1962 Zahnmedizin und erhielt seine zahnärztliche Approbation. Im Jahr 1964 folgte die Promotion und im Jahr darauf der Wehrdienst als Stabsarzt, der sieben Monate dauerte. Bis 2001 war er in einer Zahnarztpraxis tätig.

 

Seine ersten Veröffentlichungen hatte er 1969 und 1972 in der Reihe Lyrik heute im Deutschlandfunk, ehe 1972 (Das Orakel) und 1974 (Mit Näglein besteckt) zwei seiner Hörspiele im Saarländischen Rundfunk gesendet wurden. Es folgten die Lyrik-Bände Zweifaltigkeitstexte (1975) und Schädelstadt(1983).

 

1986 veröffentlichte der Klett-Verlag Das Orakel als Audio-Kassette (ergänzt um einen didaktischen Text für die Sekundarstufe I).

 

Weitere Veröffentlichungen: Das verschwundene Haus (Erzählungen, 1987), Die Invasion (Erzählungen, 1994), Befremdliche Befindlichkeiten (Gedichte, 2002) und Wenn Dornröschen erwacht (Roman, 2008).

 

Horst Landau ist seit 1973 Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und seit 1991 in der Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge.

 

Darüber hinaus veröffentlichte Horst Landau Texte in über 100 Anthologien und Zeitschriften.

 

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