Hellmut Seiler

 

 

 

(DEUTSCHLAND)

 

 

Wer ist sie?

Sie steckt sich in meine Angelegenheiten.
Sogar Bären wurden mir darauf gebunden.
Ich habe sie manchmal gestrichen.
Den Wind lasse ich mir gern darum wehen.

Sie gefällt nicht jedem.
Ich drehe von Zeit zu Zeit eine.
Trage ich sie hoch, falle ich selbst herunter.
Höchst ungern lasse ich mich daran herum.

Sie hat eine Wurzel, kann sie aber nicht
schlagen, Flügel, aber sie läuft.
Für so manches habe ich sie.
Darauf tanze ich andern am liebsten.

Gern hätte ich sie immer vorn,
doch liegt sie im Denken zurück.
Nur fassen,
fassen kann ich mich daran nie.

 

 

Brav sein

Wer nicht brav ist, sagt Christoph,
den muß man auseinandersetzen,
hat die Lehrerin gesagt.

Guck,
wie der Tommy zappelt:
Setz ihn auseinander!

 

 

Eulen

Eulen schwingen
keine Keulen;
wenn sie schwingen,
dann sich selbst
in die Luft.

Nimm ihnen die Luft
unter den Schwingen
und gib ihnen
einen Verschluß- im Anlaut:
und sie schmieren ab
und werden zu Beulen,
die Eulen.

Dann hocken
stumpf sie
auf Säulen
ohne Wolf oder Wölfin
und heulen.

 

 

Das Murmeltier

Unter Sonn- und Mondenschein ist es
schwer mit dem Leichtesten befasst,
tut es sich schwer,
etwas anderes als zu:

Spielen, albern, kaspern
mit seinen bunt gestreiften,
blitzgescheiten Murmeln,
der Zahl acht,
die es Tag wie Nacht
hoch wirft, auffängt
und wieder von vorn.

Kommt ihm ab und an,
im Auf und Ab,
eine der Wundermurmeln abhanden
– abvorderfußen –
düdelt es weiter, meine Lieben,
von da an eben nur noch mit – sieben!

Wann es denn schläft, fragt ihr, unser
unermüdliches Murmelspieltierchen?
Ich verrat es euch, verratet ihr
mich aber bitte nicht:

Wenn niemand es sieht,
murmelt es sich in seinen scheckigen Bart
und zieht, nein, nicht vom Leder –
einfach davon!

Sucht sozumurmeln das Weite
und findet es auch.

 

 

Spielplatz

Zum richtig toll Spielen,
sagt Tommy, brauch ich
einen Platz so groß wie
ein Daumenkino.

 

 

Aus Tommys und Christophs Schelmen-Liederbuch:

 

Christophs Gästebegrüßungslied
auch zum Miteinandersingen bei Geburtstagsfeiern geeignet
Melodie: bekannt, aus Schlesien

 

1. Alle Blöden sind schon da, alle Klugen, alle!
Welch ein Kichern, Schwadroniern,
Plappern, Quietschen, Deliriern!
Blödsinn will nun einmarschiern,
kommt mit Sang und Schalle.

 

2. Wie sie alle dusslig sind, flink und froh zersägen!
Dödel, Dussel, Rindvieh, Narr
und die ganze Blödelschar
wünschen dir ein frohes Jahr,
nasse Füß’ im Regen.

 

 

Aus Tommys Schelmen-Kinderbuch:

In meinem kleinen…
(Frech, indezent)

In meinem kleinen Piephahn
da sieht es lausig aus:
es wohnen drin vier Pi-i-immel
machen dir den Garaus.

 

 

 

 

www.hellmutseiler.gmxhome.de

BIO
1953 in Rupea/Rumänien, Studium der Germanistik und Anglistik.
1985-88 Berufs- und Publikationsverbot in Rumänien, seither in der Bundesrepublik.
Mitglied im VS, in der GzL und im Internationalen P.E.N.
Veröffentlichungen:
„die einsamkeit der stühle“, Gedichte, Dacia Verlag, Cluj/Klausenburg 1982;
„siebenbürgische endzeitlose“, Gedichte, dipa Verlag, Frankfurt a.M. 1994;
„Der Haifisch in meinem Kopf. Erzählungen“, Swiridoff Verlag, Künzelsau 2000;
„Schlagwald. Grenzen, Gänge“, 77 Gedichte u. Exkurse, Buch & medi@ Verlag,
München 2001;
„Glück hat viele Namen. Satiren“, Esslinger Reihe 32 im Verlag Die Künstlergilde e. V.,
Esslingen 2004;
„An Verse geheftet“, 77 Gedichte und Intermezzi, Pop Verlag, Ludwigsburg 2007;
„Padurea de interdictii“, Gedichte und Aphorismen in rumänischer Übersetzung,
Limes-Verlag, Cluj/Klausenburg 2007;
Übersetzungen:
IN: „Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart“, Edition Druckhaus,
Berlin 1998;
IN: Rodica Draghincescu: „Phänomenologie des geflügelten Geschlechts“, Gedichte, Edition
Solitude, Stuttgart 2001;
Ioan Flora:“Die Donau – leicht ansteigend“, Gedichte, Pop Verlag, Luwigsburg 2004;
Emilian Galaicu-Păun: „Yin Time“, Gedichte, Aus dem Rumänischen, Pop Verlag,
Ludwigsburg 2007;
Robert Şerban: „Heimkino, bei mir“, Gedichte aus dem Rumänischen, Pop Verlag,
Ludwigsburg 2009.

Zahlreiche Beiträge (Glossen, Literaturkritik, Lyrik, Aphorismen, Satiren, Übersetzungen, Sprachkritik) in Anthologien, Jahrbüchern, Zeitungen, Literaturzeitschriften und Tonträgern sowie (vor allem Gedichte) in englischer, französischer, griechischer, russischer, tschechischer, siebenbürgisch-sächsischer, ungarischer und rumänischer Übersetzung.

 

Auszeichnungen:
– Adam-Müller-Guttenbrunn-Preis 1984;
– Literaturpreis der Künstlergilde, Esslingen, für Prosa 1998;
– Literaturpreis der Künstlergilde 1999 (1. Preis für Lyrik);
– Stipendium des „Writers’ and Translators’ Centre of Rhodes“ als “Poet in Residence”, Mai-
Juni 2000;
– Würth-Literatur-Preis 2000 der Tübinger Poetik-Dozentur;
– Gewinner des Wettbewerbs „Lyrik in einem Zug“ des Ministeriums für Wissenschaft,
Forschung und Kunst Baden-Württemberg und der Deutschen Bahn AG 1997 und 2001;
– Reinheimer Satirelöwe 2002;
– Irseer Pegasus 2003 (Hauptpreis).

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