Heike Fiedler

 

 

(Schweiz)

 

 

 

Da sass er auf dem Stuhl vor dem Fenster und schaute auf Nichts oder in nichts hinein, wie es heisst, wenn man Unerklärliches zu definieren versucht: Was ist denn los? Nichts. Dabei ist es nicht so, als wäre das Nicht nichts, als hätte es keinen Inhalt. Immerhin hat es einen Namen und damit eine Bedeutung. Es war also weder irgendein, noch ein bestimmtes Nichts, auf das er blickte. Auch hätte er ebenso aufstehen können und gehen, hinaus in das Vor vor dem Fenster, hätte teilhaben können an der Welt, an der sein Blick haftete. Doch er sass auf dem Stuhl.

 

Währenddessen um ihn herum der Raum. Es war Sonntag oder Montag oder ein anderer Tag in seinem Leben. Er telefonierte schon lange nicht mehr, denn er glaubte, er habe nichts zu sagen. Wen interessierte es schon, daß er all dies nicht tat, was man machte, um etwas zu haben. Selbst die Wände des Zimmers waren leer. Kein Regal, kein Schrank, kein Tisch. Hier ist nichts, bis auf ihn und den Stuhl und das Draussen. Von Zeit zu Zeit wechselte er die Wohnung, zog in eine andere Stadt. Er sammelte Nichts, was collecting the nothingness, in Städten, in denen er nichts zu tun hatte, in Wohnungen, die nichts gemeinsam hatten, ausser dem leeren Zimmer und dem Davor vor dem Fenster und dem einen Stuhl in der Welt.

 

Wohin er auch ging, sa’ er face à rien, während die Menschen um ihn herum ihre Leere füllten, die eben schon lang nicht mehr leere Leere, geprägt von Erfolgs- und Familien(ge)schichten, vertikal angehäuft. Er dagegen bewegte sich auf einer horizontalen Linie, ordnete die Markierungen nebeneinander an, eben nicht so, wie es die Vertikalität der Fülle verlangte. Wer glaubte ihm schon, wenn er lächelte und sagte, es ginge ihm gut und dann all ihre Fragen verneinte, die Fragen nach Kindern, Beruf, einem Haus oder gar einem sportlichen Wagen. So sagte er dann schlicht Es geht und spürte oft ein Zaudern in seinem Gegenüber und die üblichen Fragen blieben aus, sei es aus Verlegenheit, sei es, weil die Menschen wussten, dass eine Antwort ihre Zeit in Anspruch nehmen würde und Zeit wollten die meisten nicht verlieren, besonders, weil es nichts Interessantes  mit) zu teilen gab oder weil sie in Eile waren und das waren die meisten eben meistens.

 

So änderte er eines Tages, beinahe ohne es beabsichtigt gehabt zu haben, die Antwort auf die Erkundigungenen nach seinem Wohlbefinden und das kam nicht selten vor, denn irgendwie hoffte jede und jeder auf eine Veränderung seiner Lage. Er sagte weder gut noch es geht, er sagte jetzt Ich langweile mich und diese Antwort wirkte wie eine Bombe. Darüber wunderte er sich. Lag es an dem Wort ? Er sass auf seinem Stuhl, öffnete den Mund, zog die Zunge leicht nach hinten gewölbt aufwärts gegen den Gaumen, ließ sie schnell nach unten fallen und verschloss den vorderen Rchenraum. Der Laut klang fast nasal, das lag an dem n zwischen a und g, darin lag der Unterschied zwischen lag und lang.

 

Beim Erproben der zweiten Silbe biss er sich versehentlich in die Unterlippe, bevor die Zungenspitze gegen die obere Zahnreihe stiess und der Buchstabe i seine Mundwinkel auseinanderzog, als läge das i quer dazwischen. Tatsächlich hatte das Wort langweilig eine besondere Physiologie, doch mochte die Wirkung kaum allein daran gelegen haben. Wer sprach das Wort schon so ausgiebig gedehnt.

 

Vielleicht lag es an dem Ich, das er ins Spiel gebracht hatte, erwartete man wenn überhaupt einen einfachen, unverbindlichen Dativ, wie in mir geht es gut. Ja, hatte wohl ein Zuviel an Subjekt eingebracht, sich gar mit einem verpönten Wort verbunden, daran mochte es liegen. Er sagte noch einmal zu sich selbst Ich langweile mich und brach in ein lautes Lachen aus. Es schallte beinahe in dem leeren Raum. Er lachte, beugte sich dezent und kurz nach vorne und schlug mit der Hand auf den rechten Oberschenkel. Er lachte und war glücklich, sich gerade wiedergefunden zu haben, zumindest nicht verloren zu sein, in der Stille um ihn herum.  Die Stille, die immer größer wurde, denn wer sich langweilte, hatte kein interessantes Leben. Darauf dachte er zumindest aus den Reaktionen der anderen heraus schließen zu können, wenn sie sich in gesellschaftlichen Gesprächen, als er noch daran teilnahm, von ihm abwendeten, zumindest sich ihm nicht mehr zuwendeten, ihrerseits vertieft in Diskussionen über dies und jenes, über Dinge, die ihn nicht betrafen, mit Betonung auf ihn.

 

Vor dem Fenster färbte sich währenddessen der Himmel, weitab färbten sich die Blätter der Bäume. Der Regen lief an der Fensterscheibe herab, manchmal blendete ihn die Sonne. Er dachte an Dinge, die er machen könnte, täte er sie. An Sprachen, an Musik, an Filme. Er könnte sich stundenlang filmen, einen Film über Langeweile drehen oder über sich, eine Autobiographie. Zwei Stunden lang still auf einem Stuhl, zum Fenster hinaus blickend. Ins Nichts, auf das Treiben, das Leben. Die Kamera würde zu seinen Augen werden oder wären sie die Augen, die ihn beobachteten oder sollte er darüber schreiben?

 

Dann fiel ein Tropfen auf seinen Kopf. Er vergewisserte sich mit der linken Hand, dass sein Gefühl der Wirklichkeit entsprach. Er fühlte die Feuchte auf seinen Haaren und blickte nach oben. Kondenstropfen hingen an der Decke und tropften in großen Abständen hinunter. Warum gerade jetzt? Und warum überhaupt? Er stand auf, holte einen Lappen, stellte sich auf den Stuhl und wischte sie ab. Daran hatte es gelegen, hatte er beim dem Gang in ds andere Zimmer bemerkt. An dem Wasser, das seit einer Weile in dem Kochtopf kochte, denn er hatte Teewasser aufgesetzt. Nun war das Wasser im Topf leider verdunstet. Er öffnete das Fenster und setzte sich auf den Stuhl zurück.

 
 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Heike Fiedler, geboren 1963, ist in Düsseldorf aufgewachsen. Sie studierte Germanistik, Slavistik und Politologie an der Universität Genf. Die Autorin und Poetin Heike Fiedler lebt in Genf.

Sie arbeitet auf den Gebieten Montage, Performance, Installation, Video und Interventionen im öffentlichen Raum.

Bibliographie

Articles similaires

Tags

Partager