Hedi Schulitz

 

Hedi Schulitz

 

(Deutschland)

 

 

 

Romanauszug: „Die Schattenfrau“ Lindemanns Bibliothek, Karlsruhe 2014

 

 

 

Hedi Schulitz2

 

Ende des 19. Jahrhunderts soll die junge Margret Fiar das Erbe ihrer musikalischen Vorfahren übernehmen und Pianistin werden, doch der Tod beider Eltern zwingt das Mädchen dazu, sich zunächst um ihre Existenz zu kümmern. Als Gesellschaftsfräulein kommt sie ins mondäne Baden-Baden und schließlich nach Paris….Dort nutzt sie die Gelegenheit zu einem Vorspiel im Salon der Mme de Latour …

 

 

Kaum hatte ich meinen Namen gehört, durchfuhr es mich wie ein Blitz. So sehr ich den Augenblick herbeigesehnt hatte, so sehr wäre ich jetzt am liebsten weggerannt. Margrète, sagte ich zu mir, jetzt gilt’s! Ich verbeugte mich und lächelte, mit unbestimmtem, ins Weite schauendem Blick. Als ich die Augen senkte und mich dem Flügel zuwandte, streifte ich für den Bruchteil einer Sekunde Madame de Latour. Sie schien sich zu sonnen in der ungeteilten Aufmerksamkeit, die man auf mich richtete. Hatte man etwas Besonderes zu erwarten? Hatte die Gastgeberin etwa eine Entdeckung gemacht? Ich war dankbar, dass ich mich endlich setzen konnte. Du musst souverän sein, sagte ich mir, sie sollen nicht merken, wie aufgeregt du bist. Einen Moment lang horchte ich in die Spannung des Raumes hinein, in dem außer dem Rascheln eines Kleides oder dem unterdrückten Hüsteln eines Gastes nur Stille herrschte. Der Gedanke daran, dass man womöglich hören

könnte, wie mein Herz schlägt, trieb mich zur Eile an. Du musst anfangen, Margrète, fang’ endlich an. Meine Auswahl war ohnehin getroffen. Die Hände auf den Tasten schaute ich zur Ablage hin, wo das Notenheft aufgeschlagen war. Doch vor Aufregung wandelten sich die Noten in einen Schwarm schwarzer Mücken,

der mir vor den Augen herumtanzte. Es war sinnlos, sie einfangen und lesen zu wollen, ich musste die Noten aus meinem eigenen Repertoire hervorzaubern. Als ich den ersten Ton anschlug, schien der Bann gebrochen. Die Töne stellten sich ein, wie von allein zogen sie andere in den Raum. Sie vollführten Sprünge, hüpften oder jagten einander. Es floss nur so aus mir heraus. Die Töne gehorchten mir und ich gehorchte ihnen. Auf wundersame Art und Weise fühlte ich mich eins mit der Musik. Ich hatte mich ausschließlich

für Chopin entschieden, wahrscheinlich weil er mir am vertrautesten war. Ich weiß noch genau, dass es etliche Etüden waren, eine Nocturne und ein Bolero. Weil ich ohnehin fast immer die Augen geschlossen hielt, hatte ich alles aus dem Gedächtnis gespielt. Entsprechend begeistert war das Publikum. Es dankte mir mit einem schmetternden Applaus. „Mademoiselle, Sie waren großartig!“, hörte ich. Und jemand sagte: „Wir hoffen, Sie beim nächsten Salon wieder hören zu dürfen! Wir sind sehr, sehr gespannt!“ Worauf die Dame des Hauses mir zunickte und mir damit zu verstehen gab, dass dem wohl bald so sein würde. „Und außerdem“, fügte sie an die Gäste gerichtet hinzu, „lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl unserer jungen Pianistin. Sie ist just heute

16 Jahre jung geworden.“ Danach trat sie auf mich zu und sagte: „Mademoiselle, wenn Sie einverstanden sind, können Sie gern bei mir als Gesellschaftsdame bleiben.“ An diesem Tag hätte ich die ganze Welt umarmen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

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