Harald Groehler

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Ein Fund

 

Die Vogelscheuche

ist umgesunken,

und sie sieht nun endgültig

nach nichts anderm als

einem Menschen aus. Also wie ich.

 

Mitten auf dem Felde

flach darnieder

ich.

Das Feld mag höckerig sein; zerrissener Plan.

Erst hab ich mich gar nicht erkannt;

sehr unangenehm, mein Dezemberfund.

 

 

 

Bäckerei, mit Azubi

 

Was meine Freundin

von mir

die ganze Nacht lang im Ohr hatte,

hurra ich

bin tückisch

tück!

So hol ich mir glücklich

Glück.

 

Ein echter

Ohrwurm und dazu gemein.

 

Die Chefin, die jede Kundin anlacht

und mit Lackfingernägeln

den Puder vom Stollen schabt.

 

 

 

Oberhalb der Funi

 

Ich kriege von meiner Tochter Sand geschenkt.

Also einen nennenswerten Anteil des Weltalls.

Meine zweijährige Tochter läuft im Freien.

Die Madonna del Sasso sieht ihr beifällig zu.

Die richtige Muttergottes ist das trotzdem nicht;

sondern deren schiefersteinbeschwerte steinplattengedeckte Kirche,

und ich muss mir die Madonna selber lebendig hauchen.

Bin ich es, der sie lebendig macht,

dann kann sie auch zu meiner Tochter her schauen,

so weit; bis Köln.

 

 

 

Das Windauge

 

Was der Wind bewegt,

den unteren Fensterflügel.

Aber das ist

schon nachher,

ich sitze nicht weit von der Herrentoilette.

Der Fensterflügel,

ich muss mich mit dem plagen

oder ich muss durch die Scheiben hindurch sehn.

Wie sonderbar alles ist; dass die Luft

einmal herströmt

und einmal weg,

nach dem Beispiel meiner Gedanken,

wieder ein murriger Steuerungsablauf des Ichs

und infolge des Ichs.

Geschmackloserweise

esse ich noch eine Trüffel,

Praline,

vor dieser Toilette.

 

 

 

Eidolon mit Atompilz

 

Personen, die in einem

Flugsimulator

saßen, dürfen danach

vierundzwanzig Stunden kein Flugzeug mehr steuern.

Auf der Brücke steh ich,

und diese Brücke

montierten sie

aus Brettern

und verborgenen Schrauben. Mancher

glaubt bei der Brücke auch

an nicht sichtbare Balken;

sie ist eine Traumbrücke, denn überall –

wohin ich mich wende –

sind Löcher aus ihr herausgefault,

durch die ich und jeder

hindurch fallen kann.

Aber die Brücke berührt kein Traum, sie

 

läuft in Rummelsburg über den Fluss,

und wie viel sind schon hinuntergekollert,

achtlose Träumer zuerst, zur

falschen Zeit Hölzerne, Schlaftrunkne,

Flieger?

Der Fluss versickert für dreißig Minuten;

wäre das Flüsschen,

denk ich

bös stürzend,

doch wenigstens rein! – wenn schon die Hölzer

schimmlig zerpickt.

 

 

 

Durchpowern

 

Susan aufwärts!

Was sie sich vornimmt,

wird von ihr außerdem

immer pünktlicher durchgezogen.

New times!

Von ihr, und manchmal von ihren Kollegen.

Die Projekte hämmert sie für bestimmte Momente fest.

Ein Spatz, ein Regenwurm, ein Zeisig, die stören.

Genau aus den Ferien muss sie

diesen Rechtsstreit weiter verfolgen,

und so zieht sie unterwegs das iPhone

aus der Manteltasche.

Mit AppleWatch lässt sich das

nach einer Stunde noch einmal fester knoten.

 

Susan atmet durch.

Selbst Smaragde, Topase,

nein braucht sie nicht.

Die Gegner und vor allem die Partner haben

die Termine zu halten.

Grün gelb, beißt sich – wäre aber zeitnah –,

sie verzichtet auf grün und gelb.

Susans Pläne sollen endlich funktionieren.

Wartezeiten? Spielräume? Bezeichnet sie als „Gewäsch“.

 

Eine kleine Auszeit könne man ja

schließlich verlangen,

so piepst die Gegenseite aus der Armbanduhr und quietscht

der Gegner, der Herr von Schweinitz.

 

Freilich, Susans Tische sind nach wie vor voll mit

CD-ROMs, sogar Zetteln,

ihre Schrankfächer mit USB-Sticks, mit Wäsche,

ihre Hocker und Regale mit Hosen, mit

Wäsche, Zeitungen, mit einem Rock.

Man beachte da die Vielzahl von Wäsche.

Die blöden Terminsachen,

eigentlich will sie nur Platz.

Höchstens Kontozubuchungen, dafür ist noch Platz.

 

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Harald Groehler

Geboren in Jelenia Góra (Polen), aufgewachsen in Nordbayern. Trampfahrten (auch hochriskanter Art) durch Südeuropa und Kleinasien. Studium Psychologie. Literaturkritiker (auch bei der FAZ), auch Pressefotograf, seitdem freier Schriftsteller. Langjährige Mitarbeit bei der französ.-deutsch. Zeitschrift „documents / Dokumente“. Gründete die „gruppe intermedia®“, die 2 Jahre öffentlich auftrat. 1 Jahr Mitglied einer literarischen Jury. Gröhler hatte Gastprofessuren an 2 Staatsuniversitäten in USA. Bisher 19 Buchveröffentlichungen (darunter die 7 Gedichtbände „Das verdoppelte Diesseits“, „Die Ville“, „Das Mineral der Romantiker“, „Wortheimat“, „Schlafgestört . Wytracony ze Snu“ [dt – poln], „Mitlesebuch 122“ [2 Auflagen], „Der Sprung durch den Teich. Die Metaphysik der Gedichte“), auch 2 Bücher über den deutschen Bundesnachrichtendienst. Einzelne Texte Gröhlers sind in bisher 10 Sprachen übersetzt worden. Gröhler ist u. a. Mitglied der Kogge und des deutschen P.E.N.-Zentrums, auch von der union des poètes & Cie (französisch). Verschiedene lit. Preise (3 davon für Lyrik); zuletzt 2010 der 1. Preis des Inge-Czernik-Lyrik-Förderpreises; u.a. wurde Gröhler gewählt zum Literarischen Paten des (jugendlichen) Literaturpreisträgers Bergkamen. Er bekam u.a. auch den 1. Preis Sparte Drama beim „NRW-Autorentreffen“; mehrere Aufenthaltsstipendien, u.a. das UNESCO-Stipendium Baltic Centre Schweden (Visby). 1991 erhielt Gröhler den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Gröhler ist aufgeführt in 11 verschiedenen Who’s Who’s. Er lebt in Berlin und Köln.                                                                    

 

wikipedia.org/wiki/Harald_Gröhler 

 

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