Harald Groehler

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Leute, was sich so ändert!

 

Die Sonne scheint. Ein herbstlicher Tag war, ich wusste wieder einmal nicht, was ich heute, Sonn­abend, machen sollte, ich langweilte mich. Es liegt daran, dachte ich, dass ich zu wenig telefo­niert habe. Oder dass ich nicht mit den richtigen Leuten te­lefonierte.

Denn als ich später mit der Frau Hertel einen Haarschneidetermin vereinbarte, bekam ich schon mehr mit. Ich nahm den Termin wahr, im Familys Hauptstadtschnitt Hairstylingnoch heute –; und mich zu langweilen, das wurde mir ausgetrieben. Die Frau Hertel fährt in der U-Bahn, die über‘n Kotti geht, nur noch mit Nothammer; immer jetzt. Diese Frau Hertel nimmt also in ihrer Handta­sche jedes Mal einen siebenundzwanzig Zentimeter langen und dreihundert Gramm schweren Eisenhammer mit. Den hat die ständig bei sich. Um sich im Notfall aus der Bahn herauszuhäm­mern.

„Da ist doch“, sag ich, „schon ein Spezialhammer neben den Fenstern angebracht.“

„Nicht bei jedem Fenster“, sagt die Friseuse mir. „Kann ja auch sein, dass sie mich nicht zu einem Hammer hinlassen.“

Sie?“

„Die neuen Ausländer oder weiß ich wer. Ach, ich will nicht weiter drüber sprechen.“

„Wieso nicht?“

„Nicht mit Ihnen.“

Und lieber schnibbel schnibbel weiter mit den Haa­ren. Sie gehe auf Nummer Sicher. Mit dem Hammer wird sie notfalls die Scheibe zertrümmern.

„Ich hab nur gefragt“, sag ich.

„Ja. Aber wie. Da weiß ich schon.“

„Sei’n Sie doch nicht auch noch gegen mich so. Sie wa­ren doch früher nicht so überempfindlich.“ Da­mit bring ich die Frau Hertel schnell zum Aufjaulen. Andere ne­ben mir in den Bedienungsstühlen werden aufmerk­sam, langweilten die sich zu Hause auch? Auf jeden Fall schnappe ich jetzt auf, dass die Frau weiter links von mir seit neustem ein Reizgassprühgerät mitnimmt. Um sich gegebenenfalls Platz schaffen zu können, und die Betreffende hat nicht nur das Tränengas da­bei, sondern noch eine Schutzbrille. Die führe sie mit, falls sie plötzlich von wem geblendet werde. Ob das nicht übertrieben sei, sage ich. Dadurch provoziere ich aber nur, dass mir die Frau im Sessel rechts, eine Frau, die ich schon ein Jahr kenne, ihre zwei Ohropax präsentiert. Ekelhaft gewordne Ohropaxstöpselchen. Und übertrieben sei das längst nicht, sondern gut gegen Böller. Sie habe genug, seit genau neben ihr drei Afrikaner einen Böller losgeknallt hätten. Sie tue sich jedes Mal in der U-Bahn Ohropax-Wachs in die Ohren, auch wegen eventuellem Explosionskrachen; exakt so, sagt sie. Und sie kümmere sich jetzt auch noch um eine Atemschutzmaske, so eine, wie Bauarbeiter oft eine vor der Gusche hätten; ob ich wüsste, wo ein Atemmundschutz zu bekommen sei? Ein Mundschutz sei umso wichtiger, wo doch jetzt bald die ganzen Flüchtlingsmassen da sein würden. Sie gebe auch schon keinem mehr die Hand.

„Wieso das denn?“ sage ich. Wütend – ich –; wie wenn sie meine Hand schon im Leeren stehen gelas­sen hätte.

„Es kann sich ja da ‘ne Krankheit übertragen. Sie Schlauberger.“

Das sei schon immer so gewesen; „warum haben Sie’s denn bisher nicht vermieden? … Den Hän­dedruck?“

„Es kann ja was von einem Syrerflüchtling oder Bootsflüchtling übertragen werden, und was weiß ich denn, ob Sie schon einem Nordafrikaner die Hand ge­geben hatten. Kann ich nicht wissen. We­nigstens werd ich die Ansteckungsgefahr mindern.“ Sie zuckte auch bei ihrer Friseuse mit der Hand zurück, als sie fertig geföhnt war und die Friseuse ihr, einer Stamm­kundin, freundlich-vertraut die Hand hinstreckte, … die Friseuse hatte vielleicht nicht alles so genau ver­folgt. „Einfach eben“, sag­te die Kundin noch mal zu mir, „aus der Sorge, mich anzustecken.“

„Ja“, sage ich – sagte ich boshaft –, „die Indianer haben sich auch angesteckt bei den Europäern. Aber umgekehrt: an den Europäern! Als die Europäer zu ih­nen in Massen kamen in den Jahrzehnten nach Ko­lumbus“, und die Indianer seien dann reihenweise ge­storben; Grippe zum Beispiel. Damit hatte ich meine Nachbarinnen erst recht gegen mich. Die Frau vor mir, die sich eine Stumpffrisur schneiden ließ, bückte sich unter der Schere des Friseurlehrlings weg, klappte ih­ren Kurzrucksack auf und zog ein veritables Beil her­aus.

„Das hab ich mit seit einem Monat. Sind Sie jetzt still? Es ist schon so viel passiert, mir reicht’s, ich als Frau will mich auch wehren.“

Zwei Frauen fanden das gut mit der Axt, zwei Frauen, darunter die eine Friseu­se, fanden, es ging zu weit. Deshalb wur­de die Beilbewehrte von mir abgelenkt und ich war aus dem Schneider. Aufgewühlt blieb ich. Und ich pulverte dann noch los: ich hätte das alles nicht im Rucksack, keinen Mundschutz, keinen Atem­schutz, ich hielte es für neurotisch großstädtisch und eventuell schon für psycho­pathisch. „Sie dre­hen ja da ganz durch.“

Sie sei aber Diplompsychologin, sagte die nun rechts von mir Sitzende, und sie könne mir verra­ten, neurotisch sei das durchaus nicht.

„Aha, Psychologin“, entfuhr es mir leider in der Rage. „Na da – »

„Ach so! Das beliebte Vorurteil gegen die Psychologen –. Und da wollen Sie uns hier Vorurteile anhän­gen? Nicht wahr, vielen Dank.“

„Ich habe“, sagte ich, „noch keine Explosion krachen hören.“

„Na freu’n Sie sich. Andre haben. Wollen Sie erst mal in Fetzen gerissen werden?“

Ich verzichtete darauf zu sagen, dass ich durch Wachsklümpchen auch nicht davor geschützt wür­de; ich hatte meine Haare jetzt top gescheitelt bekommen und ging. In Zehlendorf oder in der S 1 dahin, wurde mir von der Psychologin nachgerufen, könnte ich jede zweite Frau fragen; „die haben Nothammer und Reiz­gassprüher, die kümmern sich zur Zeit um den Klei­nen Waffenschein. Die ha­ben diese Sa­chen total schon“. Und ein anderer Kunde: „Wären sie ja auch dumm sonst.“ In dem Friseursalon wa­ren jetzt viele aufgebracht.

 

 

 

Die zweite Welt

 

Aber die Hauptpersonen, wo blieben die? Sicher, die waren im Anmarsch. Das Radio, Fernse­hen, Smartphone, In­ternet ließen das niemanden bezweifeln. Sie projizierten mir die Hauptperso­nen direkt vor die Nase. Projizierten? Oder, stellten ne­ben mich? Das ist ein Unterschied. Mit Unterschie­den hält man sich nicht mehr gern auf. An Realitätsunterschiede, o je!, den­ken immer weniger. Au­ßerdem: es sind ja schon viele Türken da, im berlinischen Kreuzberg seit fünfzig Jah­ren, in Neu­kölln. Türken und Araber auch schon lange im Wedding. Altemigrierte und deren Kinder, und manchmal nimmt man Notiz voneinander. Ich laufe im Prenzlauer Berg auf der unschuldigen Raumerstraße an einem Grüppchen junger Ausländer vorbei, einer hat mich vielleicht schon einen Tick eher gesehen. Der eine von den türkischen Jungs weist mit einem seitlichen Kopf-Schwenk zu seiner Gruppe herüber, ein Siebzehnjähriger, und redet mich an, „hörn Sie, die will nicht meine Frau werden“, er weist mit der Kopfbewegung auf eine noch jüngere. Die sitzt da auf der Rückenlehne einer kurzen Holzbank. Die anderen stehen. Ich kenne niemanden von ihnen. Aber derart werd ich schon mal in eine zweite Welt hinein­gerissen. Das ist die Mitwelt. Am Vormittag passieren so manche Sachen nie; jetzt ist Abend. Der, der mich angeredet hat, dreht sich seiner Clique wieder zu.

„Tja, so was kann vorkommen.“ Sag ich zu ihm. Ich mime also Gelassenheit. In Wahrheit bin ich gewaltig verdutzt.

Der Junge noch: „Und, jetzt was?“

„Das wirst du doch mir nicht in die Schuhe jetzt schieben?“; ich war auch etwas verunsichert. Wollte er sich womöglich gleich auf mich stürzen? Er mur­melt irgendetwas; ich verstehe nicht das geringste. Er hatte vielleicht auch nicht meinen Ausdruck begriffen. „Na ja“, sag ich weiter noch, „immerhin sitzt sie ja schon mal neben dir, auf eurer Bank.“

Das ist die Bank vor dem Kinderspiel­zeugladen. Ein Haus da­nach ist Kneipe, sie sind aber bei dem Spielwarenge­schäft.

Ich biete ihnen mit Erfolg aus meiner Lakritz-Packung an.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kurz-Biografie:

 

Der Autor Harald Gröhler ist geboren in Jelenia Góra (früher: Hirschberg) und aufgewachsen in Nordbayern. Wilde, teils hochriskan­te Trampfahrten durch ganz West- und Südeuro­pa und bis nach Klein­asien. Studi­um der Philosophie, der Psychologie in Göttin­gen, Kiel, Köln. Literaturkritiker (vor allem für den WDR und für die F.A.Z.), da­nach freier Buchautor. Gröhler hatte Gastprofessuren (Literatursoziologie) bisher an 2 Staats-Universitäten in USA inne (Texas; New Me­xico). 18 Buchveröffentlichungen bis jetzt (da­von drei Titel in 2. Aufl.). Neustes Buch: Samobójczyni / Eine Selbstmörderin (Erzählungen, polnisch und deutsch zweisprachig), Neisse Verlag, Dresden, und ATUT, Wrocław 2015. Einzelne Texte Gröhlers sind in bis jetzt 10 Sprachen übersetzt wor­den. Gröhler ist un­ter anderem Mitglied des deut­schen P.E.N.-Zen­trums. Er bekam ver­schiedene lite­rarische Preise und Stipendie­n, z.B. UNESCO-Stipendium Baltic Centre Visby, Schweden. Er erhielt auch den Verdienstorden der Bundesre­publik Deutschland. Gedich­te von ihm wur­den vertont, ein Gedicht als Videoclip verfilmt. Gröhler ist aufgeführt in 5 verschiede­nen Who’s Who’s. Er lebt in Berlin.

 

Siehe auch

 

wikipedia.org/wiki_Harald Gröhler

 

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