Hamid Skif

 

DU HAST GEGEBEN

 

Du hast gegeben
Alles gegeben
Dir bleibt nichts mehr zu geben
Außer Deine gesprenkelten Hände
Am Ende Deiner Arme
Willst Du sie auch noch geben?
Und dann, was gäbest Du als nächstes?

 

 

DER BAUM

 

Ich war gekommen, mich an den höchsten Ast zu knüpfen
Aber der Baum kriegte Angst
Er floh vor dem Geräusch meiner Schritte
Ich habe keinen Baum mehr
An diesem Ort, wo die Menschen nur in ihrem Schatten leben
Und die Hunde im Schatten der Menschen

Wo der Wind eine Kränkung des Himmels ist
Wo der Regen die Festtage frisst

Ich setzte mich in den Sand
Aus meiner Tasche nahm ich einen Zweig Papier
Ich pflanzte ihn in meinen Schatten
Und wurde ebenso groß

Wie der Baum, der den Horizont verdeckt

 

 

IN DER TAVERNE

 

In der Taverne meiner Gedanken sitzend
Auf diesem durchgesessenen Fauteuil
Schreibe ich Gedichte, die von uns handeln
Von diesem Aufruhr in den Wolken

Ich schreibe im Dunkel, das mich vor meinem Blick schützt
Sortiere die Zwischenräume meiner Finger
Ich fotografiere den Augenblick und schenke ihm die Klarheit der Worte
Ich bin die Kerze, die in der Schwärze versinkt
Und ich sage den Passanten, die über die Schwellen meiner Tavernen treten:
Probiert den Wein der Einsamkeit
Er hat die sanfte Reife der Geister
Und den Appetit junger Männer, die den Wind in Säcke fangen*

 

 

O MEIN HERZ

 

O mein Herz
Sag nichts
Sag kein einziges Wort
Sondern gib die Worte dem Honighändler
Der durch die Straßen geht
Mit der Hand über den Brauen, um seine grünen Augen zu schützen
Und bete
Dass sie Dich nie vergisst
Dass sie jede Nacht Deinen Namen schreit
Und bete weiter
Dass sie Dir den Mondstrahl schenkt aus ihrem Körper
Bete für Dich und für sie
Bete weiter, dass sie Deine Wunden in sich drin behält
Und sie mit Balsam reibt aus ihrer Seele

 

 

HEUTE ABEND

 

Heute Abend herrscht in meinem Herz Schönwetter
Aus Lust und Laune ist eine Art Sonne eingetreten
Ich bleibe stehen
Geblendet von soviel Wärme
Und bewege mich nicht
Sehe ich aus wie jemand, der sich aufregt?
Heute Abend will ich in Deinen Armen sterben
Was hätte ich an einem so schönen Abend Besseres verdient
Als einen langsamen Tod
Der wärmt
Dich bei der Hand nimmt und wegführt
Über die steinigen Wege dieser Welt
Ich möchte im Sitzen sterben
In den Alkohol der Gedanken getaucht, zuschauend, wie Du Erinnerungen schälst
Zu Dir sprechend mit einer sanften und müden Stimme
Die sich gerade auf der Tischkante niedergelassen hat
Ich erinnere mich an die Monate, die wir am Strand verbrachten
An unsere Fluchten
Deine Wutausbrüche
Ich erinnere mich an alles und immer noch an nichts
Ich kenne den Bauplan der Welt
Die toten Winkel in den Stätten der Erinnerung
Noch immer suche ich Dich im Bilderbrunnen
Ich denke mich bis an jenen Tag zurück
Und suche Dich in der Geografie der Gesichter
Im Nebel der Plakate
Beim hellen Krachen der Gewitter
Im Lärm
Der Vertraulichkeiten aus Löschpapier
Ich suche Dich
Ein Zündholz zwischen den Fingerspitzen
Und Verbrennungen am ganzen Körper
Bei jedem Orgasmus sterbe ich in Deinen Armen
Und lebe weiter
Und ich spreche zu Dir, langsam
Und streichle
Das Fließen Deiner Haare
Das Gold, das Dein Körper aus jedem Augenblick macht
So lange ist es schon her
Dass ich Dich immer noch suche

 

 

DIESES HAUS

 

Ich bin in diesem Haus geboren

Es kam mir so klein vor bei meinem letzten Besuch

Ich muss daran denken, als wäre es meine Mutter

Ich spreche zu ihm
und das so traurige Haus gebietet mir fernzubleiben

Es ist nicht gut, sagt es, die Geister zu besuchen, die in Häusern spuken

Wo
Dichter geboren werden
die verdammt sind
den Papierhändlern ihre Seele zu verkaufen

 

 

AUFBRUCH

 

Ich habe mich davon gemacht, querfeldein
Bergluft roch ich
An einer Wegbiegung
Sah mich ein Mufflon kommen und legte sich ohne Furcht auf einen Stein
Ach!, sagte es mir: Ich gehe nicht weiter
Vor Dir habe ich keine Angst
Du hast Dein Leben mit Rennen verbracht, Du bist müde
Setzt Dich, und reden wir
Erzähl mir vom bitteren Gebräu der Trennungen
Sag alles, ohne Auslassungen
Stell Dein Leid
Auf diesen Stein
Spuck das Gift der Rache aus
Lies das Buch der im Sturm
Gefangenen Einsamkeiten
Jede dieser Seiten kann unsere Zuflucht werden
Genau darum sind wir Brüder

 

 

DIE TISCHE

 

für Elisabeth Wolffheim

 

1

Aus dem verfluchten Dunkelbaum
Aus einem Splitter zerkleinerter Tränen
Dröhnt der Lärm des Galopps
Werdet ihr Euch morgen auf das Grab der Wölfe stellen
Die den Königsvers singen
Werdet ihr mich besuchen in meinen Holzfestungen
Oder unter den Wellen meiner Ängste
Bin ich unter meinem Schattenpanzer
Mensch oder starrköpfiges Tier
Oder bin ich die Nachahmung eines Lieds
Ein Gedicht über einen Schrei ohne Schreienden
Ich möchte Euren Worten glauben
Und aus jedem einzelnen Eure Seele keltern
Ich bin weder unterwürfig noch bereit, die Bande unseres gegenseitigen Versprechens zu zerschneiden

 

2

Ich freue mich über eine gehörte
Und wieder verlernte Stimme
Aus der Sprache der Singgräser
An den Ufern der Elbe
Beim Morgengrauen sehe ich die Schiffe
Auf meinem Blatt vorüberziehen
In den Straßen stoße ich die Karren
Von unter Wortresten begrabenen Völkern
Mein Blick streichelt
Einen stillen Moment unter seiner Morgenglasur
Ich bin der Eisenbahner
Der Mann, der beim fröstligen Morgenlicht
Mit den aufgeschlitzten Nächten kämpft
Der Unbekannte, der am von der Not gedeckten Tisch
Trinkt
Ich bin der Indianer
Der blinde Falke
Ich bin Eure in den Gassen der Werbeplakate
Versunkenen Träume
Ich bin, unter dem Mantel der Lügen
Die Seele des Hunds, der weint, und auch des Bären
Ist Euch in der Wüste Deines Lebens je
Die Leuchtschlange begegnet, die aus einem Stern
Ein Floß macht
Einen Sturm
Und Euch die Tür der gischtenden Visionen öffnet
Ich sage:
Jede Stunde bringt Dir eine Hand ihre Ernte an Küssen
Jede Stunde gibt ein Körper sich deinem Streicheln hin
Jede Stunde öffnet sich das nasse Tagebuch
Der Erinnerungen
Jede Stunde spricht ein Buch von Geistern
Jede Stunde zählst Du die Strahlen
Die sich aus meinem Lebensgefängnis stehlen
Ich sage weiter:
Fremder auf der Erde
Halte den ersten Moment Deines Lebens hoch
Renne
Fang den Funken
Versteck ihn in Deiner Tasche
Senk Deine Wimpern über ihn
Lass ihm keine Chance zu entwischen
Es ist Dein Leben, das Du verteidigst
Und ihr, meine Freunde, sagt mir:
Von welchem Leben redest Du?
Ist es der Wind, der die Blätter in den Bäumen aufrichtet?
Ist es dieser weinende Bengel?
Dieser Händler, der sich heiser schreit?
Wir kennen vom Leben nur seine Erniedrigungen
Und die kleinen Mühen, die sich ihr Glück eingestehen
Schleifen sich ab auf den karieszerfressenen Zähnen der Zeit
Wir sehen um uns herum nur Nacht
Eingenäht in gestickte Taschen
Und Karikaturen, die unsere Engelshäute zittern lassen
O Freunde
Flieht weit weg vor Euren Ängsten
Zerreißt den Wind
Den Regen
Gebt ihnen zu essen, damit sie Sonne werden
Flieht weit weg
Es gibt fruchtbarere Landstriche für Träume
Als die mit gebrochenen Worten übersäten Straßen
Es gibt Städte, die sind Städte nur für Euch
Es gibt offene Türen in allen Herzen der Welt
Tretet ein in diese Häuser
Nehmt diese Hände in Eure
Pflanzt hier einen Jasminschössling
Eine Orangenblüte
Freut Euch, dass Ihr ihren Gesang hört
Und deckt den Tisch, um zu lernen
Denn es gibt Tische, die uns lehren
Und solche, die verlernen
Es gibt Tische, an welchen man Hunger hat
Und solche, an welchen man Lust hat
Nie mehr Hunger haben zu müssen

 

 

CHEZ NOUAR

 

Hier haben mir Pino und David
Ihre Pergamente gereicht
Aus einem Exil ohne Tür
Und ohne Notausgang
Ohne andere Haltestelle
Als ein leeres Glas, das auf die Liebe wartet

Was wissen Sie schon von der Liebe
Wenn Sie noch nie ein leeres Glas gewesen sind?
Ich lebe in der seltsamen Stunde, aus der die Stille stammt
Jede Stunde werde ich roher
Einfacher in diesem Fremdlingskleid aus den parfümierten Einsamkeiten der Sonnenaufgänge

Falls mich morgen die Nacht umhüllt
Falls das Ineinander der Blätter und der Erde
Mir ein Leben gibt
Werde ich hier oder anderswo weiter leben wie ein Weg
Ein Zweig
Eine Flasche
Die darauf wartet, dass das Glas leer ist
Damit sie ihm
Erneut zu trinken geben kann

 

 

MASSLOSIGKEIT

 

Ich erntete Schwärme von Schauderwellen
Den sämigen Honig der Blicke und Schreie

Ach, diese Schreie aus den Grotten der Zärtlichkeit
Und die Kratzer auf den Steinen der Erinnerung

Ich habe das Zeichen des Baums gepflanzt
Habe meine Arme zu Ästen gemacht
Und die Zunge, der listige Kavalier
Hat mir geholfen, Grenzen zu überqueren
Und Lippen
Sie hat mir Pinsel geschenkt, um die Sonnen
Meiner Winter zu vergolden

Ich bin der abgesetzte König
Der Felder mit den Galgen des Exils

Brückenkraut unter den Füßen
Von denjenigen, die vergessen
Dass ihr Leben ein Obolus ist, der Zeit vor die Füße geworfen

Ich verkünde
Dass der Abend ein Wächter ist
An der Leine der Kerkermeister des Unglücks

Ich bin aus einer Sturmnacht geboren
In der Kartonschachtel
Wo die Träume
Der Stäbchenmenschen sterben

Wie einfach ist das Dichten auf den Straßen der Abwesenheit

Die Busse sind voller Träume
Die aus den Brüsten entweichen

Auf dem Pflaster liegen so viele Wünsche
Die ich nur aufheben muss
In meine Bücher packen
Und sie auf die Bank bringen
Damit sie sie meistbietend verkauft

Ein Nougathändler erwartet nichts von den Dichtern
Die Propheten haben nie Nougat gekauft

Ich handle besser mit Wind
Oder mit Regenschirmen

Ich habe schon
Strümpfe verkauft und Ketten
Und Duralex-Teller und lauter Schätze
Die ich aus meinen Taschen als armer König zog

Ich stolpere entlang den Ufern der Nacht
Von Bar zu Bar suche ich
Die Schließung des Tages
Einen Hund
Eine verletzte Schwalbe, um ihr Worte zu flüstern
Von nach Kanakien ausgewanderten Kavalieren

Ein Leben, das durchquert werden will
Städte
Und Berge, die rauschen
Dichterschreie, erstickt von den Lumpen, die sie tragen

Nougathändler
Diktatoren und Bordellbesitzerinnen lieben keine Dichter
Die Dichter
Haben als Geld
Nur den Dreck aus den Minen der Nacht

Ich schreite durch diese Welt mit vorgehaltener Hand
Den Stillemachern entgegen
Den Tangotänzern, die erklären
Dass ihr Körper eine Sucht ist ohne Heilmittel

Ich bin der ausgemusterte Tangotänzer
Am Ende eines Krieges
Der nie stattgefunden hat

Beim Morgengrauen
Erschrecke ich die Hühner
Auf dem Markt der Übertreibungen

Ich bin ein Revolutionär, wenn Sie verstehen, was ich meine
Aber haben Sie keine Angst
Nur ich selbst zittere bei diesem Wort
Alle meine Kriege wurden verloren, als die Sonne ans Fenster klopfte
Ich bin weggegangen, um auf den Brücken zu sterben
Ein dürftiges Kraut, unter dem ich die der Nacht gestohlenen Freuden versteckte

Das Leben ist ein Obolus, unter die Stiefel der Zeit geworfen

 

 

DIE LIEBE

 

Die Liebende mit den aufgelassenen Haaren sagt zum Zeitungshändler: Erzählen Sie mir
das Neuste von der Liebe
Schenken Sie mir den Wein der Befriedigung
Sagen Sie der Welt, dass ich liebe
Erzählen Sie den schlafübertünchten Arbeitern
Dass ich noch ganz frisch bin
Meine Liebe ist so groß, dass die ganze Welt davon duftet
Der Zeitungshändler kriegte Angst
Noch nie hatte er ein solches Geständnis gehört
Er öffnete die Zeitung und entdeckte die Liebe
Sie war eine Morgenbiene
Auf der Blüte eines Zitronenbaums

 

 

FLÜCHTLING

 

Ich werde warten müssen, bis in den Fluren der Stadt
Der Tag verstummt
Bis die Dunkelheit ihren Rock über die Dächer geworfen hat
Um das Gehen neu zu lernen
Dann werde ich den Mauern
Die Wärme meines Körpers anbieten
Ich werde noch einmal anfangen, die Stadt zu bauen
Um zu leben
Ich werde von Straße zu Straße gehen
Die von den Lippen der Liebenden gefallenen Sterne auflesen
Auf der Suche nach einer Tür mit der Aufschrift:
Der Fremde ist ein Mensch, der vorübergeht
Dann werde ich langsam verschwinden
Das Nichts wird ans Tageslicht treten und ich stoße endlich den Schrei aus
Der in meiner Brust schläft
Und die Sonne der Erinnerung wird wieder leuchten
Auf meiner Flüchtlingshaut

 

 

IM MORGENGRAUEN

 

Im Morgengrauen erwacht die Rundheit des Tages

Noch immer schlafe ich im aufgeblätterten Bett
Du streichelst mich und erzählst von der Nacht, die durch das Fenster flog
Ich öffne die Augen
Sehe, wie es Träume regnet
Dann leere ich den Wasserfall Deiner Liebkosungen

Im Morgengrauen erwacht die Rundheit des Tages

Ich rieche den Duft von Kaffee
Die Bohnen schimmern unter meinen Lidern
Dein Geruch zeugt von der Wahrheit unablässigen Liebens
Das chaotisch ist und lärmend und zart

Ich liebe Dich im aufgeblätterten Bett

Und schlafe noch immer

 

 

MEDELLIN

 

Die Dichter sind gekommen
Die Stadt ist von blau überspannt
Unter dem Himmelstuch
Hebt ein Dichter seine Faust
Und von seinen Fingern regnet es Sterne

Die Kinder schlafen in den Armen ihrer Mütter

Auf dem Platz
Trinkt eine Armee
Ganz still
Die Wörter
Die aus der Hand des Dichters rinnen

 

 

SCHREIBEN

 

Ein Lied schreiben, das die Zeit nicht verbrennen kann
Ein Gedicht schreiben über die ewige Liebe
Was wäre einfacher

Hier das Rezept:
Steigen Sie in einen Bus
Stecken Sie in die Tasche einen hübschen Mädchens einen Brief
Der zum Schmetterling wird
Der Schmetterling fliegt davon
Alle Jungen rennen ihm nach
Auch der Fahrer
Sie sagen dem Mädchen:
Glaubst Du an Zauberei?
Sie wird mit den Schultern zucken
Nehmen Sie ihre Hand und hauchen Sie drüber
Der Bus wird zu einem Strand
Dann fliegen Sie davon, nachdem Sie in allen Sprachen JE T’AIME
In den Sand geschrieben haben
Sie macht Ihnen ein Zeichen auszusteigen
Sie tun’s
Ganz langsam
Und legen sich mit Eleganz
Auf Ihre alten, von Einsamkeit zerknitterten Laken

 

 

DER KATER SCHLÄFT

 

Das Buch liegt geöffnet auf dem Tisch
Der Kater tut, als schlafe er
Er sinniert über ein schlecht verdautes Kapitel nach
Die Nacht ist ein Herbst, der sich leise nähert
Der Kater
Streckt sich
Betrachtet die Flamme
Er sagt sich, dass es gut wäre, eines Tages die Kerze zu fressen
Um nicht mehr so viele Bücher lesen zu müssen
Die ihm die Mäuseträume verscheuchen

Die Bücher
Sind das Schlimmste, wenn man ein alter Kater ist
Allein in einem Haus

 

 

MEIN LAND

 

Mein leeres Land dort weit weg
Das mich auf der Türschwelle hat stehen lassen
Mein elfenbeinleuchtendes Land
Im Dämmer verwaister Träume
Und brennender Erinnerungen
Ich sehe Dich jede Sekunde
Und es macht mich rasend,
Dich nicht mehr im Arm halten zu können

 

 

DEIN GEHEIMNIS

 

für Mokhtar

 

Vertrau die schlafenden Geheimnisse nicht der Achselhöhle an
Nicht dem Regen, der durch die Rinnen der Sorglosigkeit läuft
Vertrau sie nicht dem Vagabunden an
Der um die Bäume streicht, die in den Straßen Deiner Irrgänge stehen
Biete sie nicht den gelackten Schuhen der Nacht an
Behalt sie tief in den Taschen, die ihnen eine dürftige Wärme spenden
Auch wenn es nur eine Träne ist
Die Du von Deinem Mantel tupfst
Von der Kälte zerfressen, die auch an Deinem Verstand nagt
Niemand weiß, wie viel Dein Geheimnis kostet

 

 

HEUTE MORGEN

 

Die Tropfen singen ein Wiegenlied
Auf dem geschälten Mantel des Tages
Die Blätter fallen auf die Dächer
Ich trinke meinen Kaffee, auf dem Fenstersims sitzend
Die Zeitung liegt geöffnet auf dem Tisch
Draußen schwingen die Leute ihre Regenschirme
Kinder eilen langsam
Es ist Zeit für ein Schläfchen
Heute Morgen wird niemand mit den Geistern reden
die bei mir wohnen

 

 

SOMMERSCHMERZ

 

Der Winter hat seine Zähne in Deinen Körper geschlagen
Der Sommer hat Dir eine alte Haut hingeworfen, damit Du Deine Wunden bedecken kannst
Die Sommer sind die Jahreszeiten, auf welchen die Krallen ihre Blutspur ziehen

Du hast Dich auf die Böschung gesetzt
In den Sand wolltest Du ein Schicksal zeichnen
Jetzt sitzt Du hier, im Geschwätz der Straßen
Schwärzt Seiten eines Tagebuchs ohne Titel
Redest wie ein Mönch im Sturm

 

 

ICH KOMME

 

Die Hände voll vom Blut der Tage
Komme ich und klopfe an Deine Tür
Die von einer anderen Hand träumt
Von einem anderen Schritt
Die träumt
Deine Tür träumt pausenlos von einem andern
Und dann gehe ich hindurch mit einem von Bitternis beschwerten Schritt
Ich komme immer wieder und Deine Tür öffnet sich
Verwirrt von meiner Hartnäckigkeit
Sie weist mich nicht zurück, Deine Tür
Auch Deine Hand nicht
Und nicht Dein Busen
Sie tun so, als warteten sie
Sie spielen mit mir
Lauern
Spähen
Hoffen
Kommt er, dieser leichte Schritt?
Kommt er heute Abend oder morgen?

 

 

TAGE WIE DIESER

 

Es gibt Tage wie diesen oder jenen
Tage, an denen es Kummer regnet zwischen den Gleisen
Und Tage, an denen man daran sterben möchte, kein Fluss zu sein
Kein Stein

 

 

Übersetzung: Andreas Münzner

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