Giancarlo Micheli

 

 

 

(ITALIEN)

 

 

 

 

I. Elegie der Provinz (Elegia provinciale)

 

a)

Der Meister ist nach oben gegangen, er hat sich etwas zur Ruhe gelegt, vor dem Abendessen. Im großen Wohnzimmer sitzt Elvira, nahe am Kamin, auf einem weichen, mit Leder bezogenen Sessel, die Ellbogen auf den gemütlichen Armlehnen aufgestützt, während die Finger die Perlen eines Rosenkranzes umschließen. Durch das Fenster, vor ihr, strömt das dichte Nachmittagslicht des Sommers herein, und zeichnet einen erschrockenen Ausdruck in ihr strenges Gesicht. Fosca, die Tochter Elviras, tritt ins Zimmer.

“Mama, hör mir zu! Ich muss dir etwas wichtiges sagen.”
“Liebe Fosca, komm mir nicht wieder mit deinen Problemen mit Salvatore, denn auch ich habe meine eigenen und habe ein Recht darauf in Ruhe gelassen zu werden.”
“Nein, Mama. Das Problem liegt nicht bei mir. Jedenfalls ist es notwendig, dass du im Bilde bist. Lege diesen Rosenkranz beisete, ich bitte dich.”
“Was gibt es denn, das so schlimm wäre?”
“Also… ich weiß nicht recht, wie ich es dir sagen soll. Versprich du mir, dass du ruhig bleiben wirst und dass du deinen Verstand bemühst.”
“Nur Mut Fosca, wenn du dich weiter so anstellst, muss ich annehmen, dass du dabei bist etwas auszuhecken.”
“Also… gestern… die Doria…”
“Was hat die Doria getan?”
“Die Doria hat mich ertappt… sie hat mich mit einem Mann gesehen.”
“Wie?!”
“Hier, gestern, auf dem Zimmer oben.”
“Wie? Und mit wem hast du dich abgegeben?”
“Ich war mit Guelfo zusammen, Mama.”
“Ich will nicht, dass diese Dinge bei mir zu Hause vorkommen.”
“Bei dir Zuhause, Mama? Bist du wirklich sicher, dass dies dein Zuhause ist?”
“Was willst du sagen, Fosca? Du weißt nicht, was du sagst. Diesmal hast du etwas Schönes angestellt. Und Salvatore?”
“Salvatore ist in Genua. Das ist nicht das Problem. Nur darf die Doria nicht herumgehen und mit den Tratschweibern im Dorf plaudern.”
“Da kannst du drauf schwören, dass die das tun wird, die Schlampe. Nur um mir eins auszuwischen wird sie’s tun. Nein, sie wird es schon längst getan haben. Mit der Ciuti wird sie gesprochen haben, womöglich mit jenem Blödmann, ihrem Bruder oder mit diesem Volltrottel von Vittorio.”
“Das ist nicht das Problem, Mama. Was zählt ist, dass die Leute ihr nicht glauben dürfen.”
Elvira schweigt, versucht ihre Gedanken zu sammeln, bemüht sich zu verstehen, was hier eigentlich zu tun ist. Bei solch schwerfälligem Verlauf ihrer Überlegung werden die Finger nervös auf die Perlen des Rosenkranzes gepresst, so dass er schließlich aus der Hand rutscht und auf den Schoß ihres Rockes fällt, mitten zwischen die Knie.
Fosca ist eine anmutige junge Frau, noch keine dreißig, sie ist sich ihrer eigenen Ambitionen voll bewusst, sowie auch der Mittel, die ihr die Umstände bereitstellen, um sie zu verwiklichen. Bis zum Alter von fünf Jahren hat sie im Haus ihres Vaters gewohnt, einem Drogisten in Lucca, einem angesehenen und höchst ehrwürdigen Mann. Dabei handelte es sich um Narciso Gemignani, der erste Ehemann Elviras, deren Nachname allerdings Bonturi lautet. Beide gehörten sie der einfachen Bourgeoisie der Stadt Lucca an. Ihre Liebe war äußerst frühreif, da nämlich Elvira ihre erste Tochter mit gerademal siebzehn Jahren zur Welt gebracht hatte. Vier Jahre später, als sie mit dem jungen Giacomo zusammentraf, hatte sie schon Renato, ihrem Zweitgeborenen, das Leben geschenkt. Und das war das entscheidende Ereignis ihres Lebens. Eine blitzartige Leidenschaft und eine weibische und häusliche Schärfe waren es, die es ihr erlaubten in diesem jungen Mann, der übrigens ein Sprössling einer lokalen Dynastie von Musikern und Kapellmeistern war, in ihm also das talentierte und auf ein neues Schicksal weisendes Etwas auszumachen, dass ihn, und sie wusste es schon, bis zur öffentlichen Bewunderung führen sollte und auf die höchsten Gipfel des Ruhmes und der Bekanntheit; ja bis hin zum Ruhm, sie wusste es schon! Also zögerte Elvira nicht, ihre Ehe aufzugeben und Giacomo nach Mailand zu folgen, die Kinder des Drogisten mit in ihrem Schlepptau.
Narciso akzeptierte diese Lösung, die er übrigens auch nicht verhindern konnte. Als maßvoller und selbstbewusster Mann pflegte er gute Beziehungen zu der neuen Familie seiner Ehefrau, enthielt sich davon, Elviras Pläne je zu durchkreuzen und ging mit seiner geduldsamen Großzügigkeit sogar soweit, sich aus dem Staub zu machen. Zuerst indem er sich für die Neue Welt einschiffte, wo er sich im Handelsfach hervortat, dann indem er das Zeitliche das segnete und Elvira erlaubte, die Verbindung zum Maestro ganz legal festzuschreiben, denn ein solcher war ihr Giacomo inzwischen geworden.

 

 

b)

“Sie wollen mir sagen, dass ich niemandem irgendetwas sagen darf?”
“Es gibt deshalb nichts zu sagen, Dorina, weil du nichts gesehen hast. Wer weiss, ob du verstanden hast… bringe jetzt jedenfalls das, was du zu tun hast schnell zu Ende und mach, dass nach Hause kommst.”
“Soll ich also die Wintermäntel in den Schrank stellen?”
“Tu was du für richtig hältst, Dorina. Sieh zu, ob du ein helles oder ein dummes Mädchen bist.”
Die Fosca drehte sich auf die andere Seite und zeigte der Hausangestellten das satte Fleisch ihrer starken Schultern, welche das hochwertige Unterkleid aus sanfter Seide kunstvoll bedeckte, das ein Produkt handwerklicher Weisheit war. Die Doria wusste nicht was zu tun war. Sie beugte sich über die Mäntel, die auf dem Bett ausgebreitet waren. Mit einer fiebrigen Geste, einem durch die Umstände bedingten Reflex, streichte sie mit dem Handrücken über den weichen Stoff und starrte auf ihre nackte Handfläche. Sogleich stürzte sie sich aus dem Zimmer heraus. Ihr Gesicht in Flammen, ihre Schläfen entbrannt, die Augen aufgedunsen, rannte sie mit nach unten gewandtem Kopf die Treppen hinunter und verschwand in der Eingangstür ohne sich umzudrehen.
Die Elvira, die sich in der Küche aufhielt, in einem Sessel am Tisch sitzend, sah sie das Haus verlassen. Sie betrachtete sie still, mit einem trüben Blick, in dem sich Stolz und Wut vermischten, doch auch eine beherzte Besorgnis, eingedenk der Zufälle und Absichten. Langsam stieg sie die Treppen hinauf, und schleppte den weiten, mit Spitzen verzierten, raschelnden Rock über die Treppenstufen.
Im Wohnzimmer ließ Giacomo die Finger auf die Tasten fallen, und aus dem Klangkasten des Klaviers heraus vibrierte eine dissonante Tonfolge, und die ahnungsvolle Stimme des Maestro setzte ironische und ernüchterte, trunkene und verzweifelte Zeichen.

 
c)

“Giulia… Giulia…” rief sie mit einer whispering voice, darauf bedacht nicht die Aufmerksamkeit der anderen Bewohner des Hauses zu erregen.
Nur kurze Zeit verging bis sich die Fensterdeckel mit einem nachdrücklichen hölzernen Quietschen öffneten. Giulias Kopf war es, der hervortrat, nachdem sie die Stimme der Cousine erkannt hatte, den Blick nach unten gerichtet. Das Haar im Nacken versammelt, zur Bequemlichkeit beim Schlafen zusammengefasst, doch von rabenschwarzer, großzügiger Fülle, entdeckte die wollüstige Linie der jungen Schultern. Die Gesichtshaut, weiß und mit einem Labyrinth von Sommersprossen bepunktet, die Augen versunken in einer schläfrigen Starrheit, verloren im Bild inniger Betrachtung, die Nase gerade und eng, hingezogen zu den von Taureif benetzten Lippen, wie zu heranwachsenden Blütenblättern, die purpurne Tönung der Wangen, leicht und angedeutet auf den zarten Schläfen und auf dem runden Kinn, über dem sich die Unterlippe anschloss, gerade herausragend, wie der Erker ihres königlichen, geöffneten Mundes; ihr Gesicht gemahnte an die heidnischen Gottheiten, die auf die Leinwände von Boucher, Rubens oder Jordaens gemalt wurden.
So, wie eine undefinierbare Göttin, sah sie an, wer in der elenden, verkommenen Ortschaft, einen unerfahrenen Blick hatte und sie nunmehr mit der beneideten Figur ihres Abbilds verwechselte. Und einige nannten sie schon Fotze und Dirne, obwohl sie nicht mehr als neunzehn Lenze zählte; aber viele Mädchen im Dorf waren in ihrem Alter schon mit Landarbeitern vermählt worden, und auch das war etwas, das es zu bedenken galt.
“Doria was machst du um diese Uhrzeit hier? Bist du nicht zum Dienst gegangen?”
“Nein Giulia, komm runter! Ich muss mit dir reden, sei ganz still. Gib dich nicht zu erkennen. Ich warte beim Wäldchen auf dich, aber beeil dich.”
Man hört die Glocke der Kirche von San Giuseppe, und die Schwalben, die sie hören. Es sind eilige Schreie bei Tagesanbruch. Die zwei Mädchen beeilen sich, bevor es Tag wird müssen sie wieder dort sein, von wo aus man annimmt, dass sie sich nicht wegbewegt haben. Abgestimmt in der lustvollen Schnelligkeit der Gesten, in einer Empathie, die in den Tiefen Zeiten der Kindheit reift, vor Gut und Böse, vor dem moralischen Imperativ des rechten Verhaltens, als alles noch möglich war, auch die beste aller möglichen Welten, finden sich die beiden jungen Frauen an dem Ort wieder, der seit Jahren ihren flüchtigen rendez-vous vorbehalten ist, im Schutz eines Dickichts verwachsener Steineichen an der Außenmauer derVilla Orlando. Sie kommen rasch zum Punkt, ganz ohne Umschweife.
“Rausgeschmissen hat sie mich, diese Hexe von Elvira” sagt die Doria und starrt in die klaren, wachsamen Augen der Cousine.
“Wie? Und warum?”
“Wegen der Fosca, die hab ich gesehen, im Herrenhaus, wie sie mit einem Mann im Bett lag.”
“Mit einem Mann? Wer war denn das?” sagt die Giulia, bei der die Erregung überwiegt, die diese vertrackte Geschichte weckt, die sie auch zum Anlass nimmt, ihre Cousine zu beneiden, die zur Zeugin dieser Sache wurde.
“Ich weiß es nicht, Giulia. Es war dunkel, und außerdem geht ’s mich nichts an, was interessiert mich das? Nur dass die Fosca jetzt etwas gegen mich hat und mich angreift, und die Elvira gibt ihr recht, und hat mich rausgeworfen.”
“Aber du brauchst dich nicht entschuldigen. Wo liegt denn deine Schuld, wenn Elvira ein Töchterchen hat, das eine Schlampe ist?”
“Du sprichst schnell Giulia, doch alle haben jetzt etwas gegen mich. Auch die Mama stellt sich gegen mich. Ich muss ihr die Wahrheit sagen.”
“Nein! Das Doria darfst du nicht tun, du würdest die ganze Familie in den Dreck ziehen und Sor Giacomo noch dazu, der es doch gar nicht verdient. Mit dem Giacomo muss man reden. Nur er allein kann dir helfen. Ich find schon einen Weg mich mit ihm zu treffen. Jetzt muss ich verschwinden, Doria, bevor sie zu Hause aufwachen. Geh auch du nach Hause. Wirst sehen, wir finden noch eine Lösung für diese Angelegenheit.”
Wie die Cousine es ihr empfohlen hatte, kehrte die Doria nach Hause zurück, wo sie ihr doch immer eine stärkere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und des Verstandes zugebilligt hatte als sich selbst, und auf sie verließ sie sich. Sie kehrte traurigen Schrittes und mit ehrlichen Hoffnungen, zurück nach Hause, und begab sich erneut unter den Schutz der Wolldecken. Hier, vom Atemgeräusch des Bruders Salvatore beruhigt, in einer noch völlig verschlafenen Umgebung, überkam sie eine erneuerte Schläfrigkeit und sie ließ ihr Gemüt an unbestimmten Orten umherschweifen.
Da war die Villa, wo sich der Meister und die Elvira entscheidende Kämpfe lieferten und wo sie, die Doria, obgleich sie vom Halbschlaf benebelt war, sich ein wenig stolz darüber zeigte, ihr Gegenstand gewesen zu sein, in diesen erbitterten und lautstarken Wettkämpfen, deren Handlung und Auswirkungen sich ihr erschlossen, nicht jedoch die einzelnen Wörter, gleichsam verworren in einem Brei aus Echos, aufgelöst in ein embrionales Silbendiktat oder in ein Knäuel schier unaussprechlicher Kehllaute.
Dann war da die Via di Fango, auf der sie, hier ganz genau zu erkennen, den Motor des De Dion Bouton zu erkennen glaubte, und während das Auto mit einer Angst und Respekt einflößenden Geschwindigkeit vorbeifuhr, stellten sich die Bauern auf den erhöhten Hecken auf, und mit Beifall spendenden, bewundernden Augen, wurden sie Zeugen des kinetischen Wunderwerks. Und genau so geschah es auch in jener Realität, die sich das Bewusstsein der Doria unscharf und schläfrig zusammenreimte. Gerade dann begleitete Guidino den Meister zum Bahnhof. Nach Genua musste der Meister gelangen, und von dort aus auf den Schnellzug an Bord gehen, nach Mailand, Paris und dann Calais. In London wäre er übermorgen, nach der schaukelign Überfahrt durch den Ärmelkanal, eingetroffen, beim ersten Licht des anbrechenden Tages.

 

 

d)

Giacomo hatte einen ruhigen Schlaf, verdunkelt durch ein um sich greifendes Vergessen. Am darauffolgenden Morgen brach er auf, in Richtung des Pariser Triumphes, zur ersten Aufführung der Tosca, an der Opéra. Es wurde ein Erfolg. Beifall zum Beschluss eines jeden Aktes und spontaner Bühnenapplaus nach der Gefängnisarie und nach der von Scarpia; der Meister war in den siebten Himmel von Euterpes Ruhm aufgenommen worden, stürmisch gefeiert und vom Publikum hoch gelobt.
Doch was geschah, in der Zwischenzeit, in der zugewachsenen Ortschaft der Wilderer?
Die Elvira hatte sich dazu durchgerungen, das Eingreifen einer Autorität einzufordern, der gegenüber sie selbst in Ehrfurcht erstarrte und in die Knie ging. An einem Herbsttag, mit unerbittlichen Regengüssen, wenn der Himmel, von hohen Winden gepeitscht, im Begriff zu sein schien, als ein schreiender, richtender Epilog über die nunmehr kahlen Felder zu fegen, über die Rieselfelder und die Dämme, gegen die verzerrten Reihen der Zirbelkiefern und die fernen Aufstellungen der Pinien, die ihre erhobene Haarpracht in den wirbelartigen Windböen schwenkten, da entschloss sich die Elvira, die Ungnade aller Elemente in Angriff zu nehmen. Sie musste ihre ehelichen Bund retten, damit Harmonie wieder alleine herrschen und der familiäre foedus nicht zerstört würde. Die Rotzige musste beiseite geschafft werden; verscheuchen sollte man sie, so wie es der kalte Wind scheinbar mit allem tun wollte, was sich seiner Wucht in den Weg stellte. Und so wickelte sich Donna Elvira sorgfältig in ein Wolljäckchen ein, bewaffnete sich mit einem Schirm und machte sich auf den Weg.
Um beim Herausgehen keinen Anlass für Verdächtigungen zu geben, benutzte sie die Hintertür, die zur Abstellkammer führte. Behutsam ging sie leichten Fußes hindurch, damit nicht einmal Guido, der in der Werkstatt nebenan herumhantierte, es bemerken würde.
Sie war endlich draußen, in offenem Kampf gegen wild gewordene rafales und raining winds. Der Schirm verformte sich eckig, wölbte sich, blieb stecken und funktionierte nicht mehr, die Streben wurden verbogen und stöhnten, doch sie, mit ihrem festen und unzerstörbaren Handgelenk, hielt ihn zurück. Bald Widerstand leistend und bald wieder, indem sie sich ziehen ließ, gelangte sie in die Nähe des Gemeindehauses von San Giuseppe, vor das Haupttor der Pfarrei. Sie hob den schweren, bronzenen Türgriff an, der mit einem dumpfen Schlag zurückfiel, sich verlor und in dem beherrschenden Lärm eines Donners unterging. Sie wiederholte das Klopfen mit stärkerem Eifer. Nach einer ausgiebigen Wartezeit, die von anderen äolischen Lauten und blitzgleichen Zusammenstößen umringt war, trat die Haushälterin aus der Flügeltür heraus, eine Alte mit einem gelbsüchtigen, verrunzelten Gesicht. In geübter Manier führte sie die wohl bekannte Dame in die Gemächer mit widerhallenden Deckenbögen. Der Priester gesellte sich nur wenig später zu ihr, ganz außer Atem rieb sich die kleinen Hände mit den kurzen und breiten Fingern. Eilig begab er sich an seinen Schreibtisch aus Nussbaumholz, vor welchem man die Elvira in einen scharlachroten Polstersessel hatte hinsetzen lassen, die Raute der hohen Lehne mit Nieten versehen. Die Elvira saß ohne ihre Schultern anzulehnen, die Brust unruhig nach vorne gebeugt, die Hände vergebens auf den Armlehnen nach Ruhe suchend.
“Liebste Signora Gemignani. Wie geht es unserem Sor Giacomo? Welche berühmte Persönlichkeit kann sich unsere arme Ortschaft unter so vielen bescheidenen Landarbeitern und rohen Wilderern zuschreiben. Es spendet dem Herzen Trost, zu wissen, dass, in unseren traurigen Gefilden, jemand die Schätze des Geistes pflegt. Sie ahnen nicht, was für eine Erleichterung mir dieser Gedanke bedeutet, wenn ich jeden Tag mit den Geständnissen der rohen Seelen der Landleute zu schaffen habe. Von dem neuen Drama, an dem der Meister zur Zeit arbeitet habe ich gehört. Man sagt, es sei eine äußerst moderne Geschichte, ja gänzlich vorurteilslos… tja… ich kenne ihn gut… ich weiß, in seinem Innersten wohnt die Gnade. Ich runzele da nicht die Stirn, wie einige Wohlmeinende das tun, auch unter unseren bekanntesten Mitbürgern” Don Giuseppe sprach wie ein Wasserfall, in einem sintflutartigen Schwall, und die Elvira wandte sich ihm zu, bestrebt dieses überlaufende und ausweichende Fabulieren in Schach zu halten.
“Giacomo geht es gut, danke. Zu Hause vertrauen wir alle auf seine Umsichtigkeit, Don Giuseppe, doch es ist nicht um über Giacomos Arbeit zu sprechen, dass ich mir erlaubt habe herzukommen und sie zu stören. Es geht um eine weitaus unangenehmere Angelegenheit.”
“Sprechen sie nur, Donna Elvira, in den Grenzen meiner bescheidenen Möglichkeiten bin ich bereit Ihnen und dem Sor Giacomo jeden Dienst zu erweisen, auch eingedenk der Freundschaft, die mich mit ihrem armen Vater verband”, sagte Don Giuseppe, wobei er sich auf seinen Sitz zurückzog, derart, dass bereits die Grenzen zwischen Priesteramt und bürgerlicher Verantwortung markiert waren.
“Also, Sie wissen doch von dem Laster, dem sich Giacomo hingibt, ungeachtet jener guten Gefühle, die ich, trotz allem, nicht bereit bin abzustreiten… jenes Laster, das so oft die Festigkeit unseres ehelichen Bundes bedroht hat… dieses Problem mit den Frauen. Also, es ist von neuem vorgekommen… und diesmal mit einer Dienerin, Hochwürden. Ich schaffe es nicht mehr, all diese Überschreitungen zu ertragen… ich…” und die Elvira, ihrer ursprünglichen Entschlossenheit verlustig geworden, schien jetzt der Ohnmacht nahe, da ihre zurechtgelegte Rede jetzt ausgegangen war und ihre Augenlider herabsanken, die eben noch fest an die des Prälaten geheftet waren.
“Nur Mut… Donna Elvira, beunruhigen sie sich nicht, ich bin hier und will das Mögliche tun um ihnen zu Hilfe zu kommen” und der Prälat umkreiste den großflächigen Schreibtisch, um sich schließlich an der Seite der bestürzten Elvira niederzulassen, wobei er ihr seine winzig kleine Hand über die abfallende Schulter legte.
“Versuchen sie doch mir das zu erklären” hob er wieder an, und ließ seine Stimme auf einen tröstlicheren, süßeren und bezähmenden Ton rutschen. “Nicht etwa aus Neugierde, doch ist es wohl angebracht, dass ich auch die Einzelheiten erfahre.”
“Es ist die Doria, das Töchterchen von der Ciuti, dieser Zuhälterin… und Giacomo hat eine Affäre mit der… mit meinen eigenen Augen habe ich sie gesehenn, Don Giuseppe. Und sie, die ausschaut wie eine kleines aufgestecktes Heiligenbild, sie ist eine Schlange. Wir haben sie zu uns nach Hause genommen als sie noch ein Püppchen war, wie ein eigenes Kind haben wir sie behandelt… und sie, so also zahlt die mir das zurück.”
“Dies ist eine schlimme Anklage, Donna Elvira. Die Doria ist ein Mädchen, eine reine Seele, sie hat noch gar keine Männer erfahren. Man muss der Sache auf den Grund gehen. Ich will nicht glauben, dass Giacomo derart unvorsichtig und bar jeder Gottesfucht ist… niemals würde er sich zu einer solch niederen Tat herablassen.”
“Ich habe sie selbst gesehen, mit meinen Augen, am anderen Abend, versteckt hinterm Haus. Sie wollen mir auch nicht helfen, Hochwürden… nicht einmal sie wollen mir noch helfen’… an wen soll ich mich bloß noch wenden, wenn nicht einmal sie mir mehr helfen wollen?”
“Gewiss will ich ihnen helfen, Donna Elvira. Um ihnen meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen, eröffne ich ihnen auch, dass mich die Kunde darüber erreicht hat, dass die Doria freigestellt wurde.”
“Das war das Mindeste, was ich machen konnte… doch gereicht hat es nicht… es muss mehr getan werden. Sie, Herr Kurat, sie müssen mal mit der Ciuti sprechen. Man muss diese Verführerin von meinem Giacomo fernhalten… soll sie doch eine Zeit lang nach Genua umziehen, zu ihrem Bruder Rodolfo… soll sie doch fort!”
“Vielleicht, Donna Elvira, wäre es angebracht ein wenig im Voraus nachzudenken, bevor man Entscheidungen trifft, die man dann bereuen muss, meinen sie nicht?”
“Nein, Don Giuseppe… Sie verstehen nicht! Ich bin verzweifelt. Alles habe ich der Familie zuliebe erduldet… aber mit einer Dienerin… das ist eine zu große Schmach.”
“Versuchen sie doch sich zu beruhigen, Donna Elvira. Ich verstehe sie… aber ich rate ihnen Vorsicht walten zu lassen.”
“Sie insistieren also… sind sie auch gegen mich” und Elvira schüttelt erregt den Kopf, und je bitterer ihre Bestrafung war, um so weniger nahm sie diese als echt wahr und intakt blieb allein ihr Vorhaben, den Kuraten zu überzeugen, ihre Entscheidung gutzuheißen.
“Ich habe ganz und gar nichts gegen sie. Ich werde versuchen alles Mögliche zu tun, werde zur Emilia gehen, um mit ihr zu sprechen und werde sehen wie sich die Angelegenheit bereinigen lässt. Jetzt gehen sie aber nach Hause, Donna Elvira, gehen sie… versuchen sie sich schlafen zu legen… und vertrauen sie insbesondere auf das Sterben Christi des Erlösers und der Jungfrau. Das Gebet ist der Zufluchtsort der reinen Seelen, Donna Elvira. Ich lasse Attilio rufen, damit er sie mit dem Fuhrwagen zurückbegleitet” sagte der Kurat mit fürsorglicher Umsicht.
“Nein, ich danke ihnen. Machen sie sich keine Umstände, ich werde zu Fuß gehen.”
“Etwa bei diesem eisigen Wind!?”
“Machen sie sich keine Umstände… ich vertraue auf ihre Fürsprache… und auf Christus und auf die Heilige Jungfrau.”

 

 

e)

Dann kam es Doria so vor, als sei ihre Cousine dort, gerade neben ihr, diesseits der Wand, und als spräche sie zu ihr und äußere jetzt deutlich vernehmbare Sätze:
“Gestern Nacht haben wir uns geliebt, draußen im Pinienwäldchen. Sor Giacomo liebt mich, und er möchte mich nach New York mitnehmen. Und wir sagten noch, was für eine blöde Zicke du doch bist, wie du für unsere Liebschaften nur die ungelegene Dritte spielst. Und wir haben gelacht… gelacht…”.
Von diesem abschätzigen Satz kletterte auf dem Baum von Dorias Sinnen ein sarkastisches Grinsen empor, unbändig und verletzend; mit der Beweglichkeit eines Affen kletterte es hinauf und löste sich in einem angespannten Schauder. Getrieben von einer unbewussten physiologischen Dynamik, die eine Fortführung jenes Schauders in der Handlung war, stellte sich die Doria auf die Füße. Torkelnd lief sie auf den Schrank zu, der in der Wand gegenüber ihrem Bett eingebaut war.
Sie durchschritt das Zimmer mit einer hinkenden, mechanischen Gangart. Sie ließ die Schranktür über die quietschienden Scharniere rollen und begann im Innern zu wühlen. Sie fuchtelte mit fieberhafter Aufregung mit den Armen herum, wobei sie hölzernes Spalier und stapelweise Tücher umstieß, dazu den Werkzeugkasten Rodolfos, die Gläser eines alten Services und lauter vergessene Kleinigkeiten, die, wer weiß wie lange schon, dort liegen geblieben waren. Das Wahnhafte ihrer Bewegungen verwandelte sich, bei ihrer düsteren Wahrnehmung, wie in eine ermüdende Aufruhr inmitten einer klebrigen Flüssigkeit, die allem auf leidvolle Art standhielt. Ganz zerrüttet hob sie schließlich einen Glasbehälter auf, auf dem ein Papierschild angeklebt war.
Die Doria nahm die unscharfen Buchstaben wahr, mit denen das Etikett von Hand beschriftet worden war, ferner ihre eigenen Finger, die sich jenseits der Aufschrift, in das Gefäß hineinwarfen, hinabgezerrt wie durch ein träges Gewicht.
Sie holte eine Kompresse hervor, körnig und farblos; dann weitere, solange bis sie mehr als die Hälfte ihrer Handfläche besetzten. Sie führte sie in die Nähe ihrer Augen und das Dunkelbraun der Iris trübte sich in einem Zerlaufen der durchnässten und schlammigen Schichten und still standen ihre Pupillen, wie erschrockene Neumonde. Ein Peitschenhieb durch die Wirbelsäule drückte ihren Kopf hinter die Schultern zurück, als sie die offene Hand auf die Lippen presste.
Die Kompressen kullerten hinunter.
Doria schreckte auf, steckte sich zwei Finger in den Rachen, und beugte sich inzwischen ganz überstürzt wieder nach vorne. Sie hielt sich auf ihre Knie gestützt, der Rumpf zwischen die Beine gerammt.
Von Anfang an von Schrecken erfüllt, lockerte sie gewaltsam ihre Schultern; sie versuchte die Luft anzuhalten, um nach Hilfe zu rufen, doch der Schrei zerbrach ihr in der keuchenden Brust. Sie stürzte auf eine Seite und mit einem Schenkel stieß sie gegen das Glas, das sie kurz vorher auf den Boden abgestellt haben musste. Sie spürte einen Stich in den Unterarm, auf dem ihr Gewicht jetzt ruhte. Sie gewann ihr Gleichgewicht zurück und blickte zum Boden. Sie erkannte die ganze Ansammlung der gläsernen Bruchstücke unter dem eigenen Körper. Sie spürte nichts. Dann brannte etwas in ihrem Magen, eine Art Stechen wegen der Übersäuerung. So stieß sie einen verzerrten Schrei aus und die Helfer rannten ins Zimmer, verlangsamt und taumelnd bei dem verflossenen Anblick der Doria.
Rodolfo krempelte an der Türschwelle stehend seine Ärmel hoch und sein heulendes Flehen gelangte wie eine zerschlagene Welle zu seiner Schwester.
Der Doktor, durch die Emilia unterstützt, legte die Doria aufs Bett ab. Inzwischen überreichte ihr die zitternde Hand Don Giuseppes die Glasscherbe, an der das Etikett haften geblieben war. Doktor Giacchi las auf dem Etikett: Korrosives Sublimat. Er wandte sich der Emilia zu, die mit tonlosen Augen mal ihn, mal die Doria ansah, dann stürzte er sich ohne zu zögern ins Vorzimmer, wo er seine Tasche liegen gelassen hatte. Mit unkontrollierten Bewegungen wühlte er darin. Das Brechmittel, das hier Not tat, war nicht zu finden.
“Versucht ihr, dass sie sich übergibt, ich fahre nach Viareggio um ein Medikament aus der Apotheke zu besorgen. Wir dürfen keine Minute verlieren” sagte er, wobei er die Jacke überwarf und stürmisch nach draußen eilte.
So sprang der Doktor in ins Gehäuse seiner Kalesche und spornte die Pferde an. Das eine schwarz, das andere weiß, hatte er sie im Laufe des letzten Herbsts auf der Messe von Camaiore erstanden. Er hatte sie auf einem mehr schlecht als recht auf lehmigem Boden hergerichteten Gehege, sich aufwärmen sehen und, obschon sie ihm in diesem Umfeld volksnahen Markttreibens zu Gesicht gekommen waren, hatte er sie sogleich als vortreffliche Tiere eingestuft, jedes Preises würdig. Die Eleganz ihrer würdigen Haltung hatte ihn in hohem Maße beeindruckt und seine Phantasie war, kindlich erregt, zum Mythos des platonischen Phaidros zurückgekehrt. In der Folge hatte er dem weißen den Namen καλός, dem schwarzen den Namen κακός gegeben.
Jetzt, da er das Pferdegespann mit umsichtiger Härte anspornte, lenkte ihn ein spielerisches Element von lästigen Erwäungen ab, hinsichtlich des verzweifelten Schicksals des Mädchens. Um hoffen zu können, sie noch zu retten war es unerlässlich, dass sie sich innerhalb von drei Stunden nach Einnahme des Quecksilberchlorids übergeben könnte. Wenn er nicht rechtzeitig zurückkommenn könnte, würde die Doria sterben müssen, und zwar nach einem schrecklichen Todeskampf, der bis zu einer Woche andauern könnte. Die Säure und die Quecksilbervergiftung ließen nichts anderes zu. So sehr ihn die verzweifelte Lage betroffen machte, die rhythmischen Vibrationen des Fahrgestells des leichten Fuhrwerks, das sich zu dem kieseligen, von Platanen gesäumten Weg hinabsenkte, lenkten ihn ab. Und der bittere Zufall mäßigte bei der Erregung der Hand, die die Zügel festhielt, sowie der Augen, brillants de vitesse, auf die vorübereilenden Meilensteine gerichtet. Er nahm sich zusammen, auf dass das mäßigende Pferd seinen Galopp ohne Aussetzer fortsetzte und die Kalesche profitierte davon und erfuhr eine gottgewollte Beschleunigung. Gleich darauf warf er einen Blick auf das beherzte Pferd und gab diesem einen wohl plazierten Schlag mit dem rechten Riemen. Er hatte das Gefühl, Herr über die eigene Bahn zu sein und war zuversichtlich was den guten Ausgang seiner eiligen Fahrt betraf.
Gerade in diesem Augenblick kam das weiße Pferd unvorhergesehen von seinem Weg ab und die Hufen stießen mit den Sprunggelenken des ungestümen Pferdes zusammen, das darauf reagierte, indem es aufs heftigste nach seiner Seite hin ausbrach.
Die Räder quietschten und die beiden Tiere fielen auf eine Seite zu Boden und führten den Wagen in eine verheerenden Drehung um die eigene Achse. Mit einem berstenden Stöhnen brach das linke Vorderrad auseinander. Der Doktor flog von seinem Sitz und, bemüht sich an den Stangen festzuklammern, purzelte er ein Stück vorwärts, das ihm äußerst lang vorkam, ganz getreu seinem verunfallten Fahrzeug.

 

Original: Giancarlo Micheli, Elegia provinciale (Elegie der Provinz), Baroni, Viareggio 2007.
a) Cap. II, pp. 18-20; b) Cap. V, pp. 32-33; c) Cap. VIII, pp. 53-55 ; d) Cap. X; pp. 72-75; e) Cap. XXXIII, pp. 214-217.

 

 

 

 

II. Indien des Westens (Indie occidentali)

 

a)

Als sie nach Hause kamen hielten sie sich an der Hand, die Arme gegenseitig umschlungen, zu leichten Schritten beschwingt, und zumeist durch gegenseitiges Sich-suchen ihrer Augen abgelenkt.
Aurelio starrte auf das Mädchen, das seine Braut war; er starrte sie an und umfasste sie mit männlicher Haltung im meergrünen Augenlicht, wo sie sich, wie in ein dichtes Kornfeld hineinwarf, im Dorf, in den Feldern; und dort verharrte sie, vor den karminroten Tropfen der Mohnblumen, unbewegt in der staunenden Extase der wahrhaftigen Sinne, wieder und wieder, mit dem ländlichen Aufblühen von amours enfantines, die Furche gemessener Scham überschreitend, wie sie hinter den dunklen Röcken der Bauerngroßmütter erlernt werden kann. Der Wind hatte sie entführt, es war derjenige unter den winterlichen Meerwinden, der in seinem Hexenwirbel Schafherden und Wölfe mit sich reißt und sie weit fort treibt, jenseits der blauen Berge. Sie waren mit der Mitgift aus schönen Leinentüchern losgezogen, die die Hausfrauen aus den Schubladen der Kommode hergerichtet hatten, so dass ein einziger, starker Lavendelduft die Reinheit der Hymenäen berauschte, und die Pfirsichblüten sie umringten und ein goldträchtiges Frühlings Erwachen der Geschlechter. Amerika stellte Wohlergehen und einen aufscheinenden Glanz dar, ein errungenes Recht durch die Alleen üppiger Freude zu ziehen, angrenzend an Paradiese englischsprachiger Götter. Dann war die Bar, gepachtet bei Sor Clemente, an der Reihe gewesen, jener großzügige Saal mit der gut gefüllten, knatternden Registrierkasse und den Bechern voll durstiger Heiterkeit, worin sich ausgewiesene Persönlichkeiten befanden, Italiener, aus dem Süden oder aus dem Veneto, aber auch Deutsche und Slawen aus East Village, und ebenso Juden. Lauter aufrichtige Menschen waren es, die das Lokal frequentierten, Leute, die wußten, was sie taten.
Beinahe rannten sie entlang der Fifth Avenue, Aurelio und Erminia, beflügelt und wie entführt von jenem ursprünglichen Wind.

 
b)

Weniger als eine Woche fehlte noch bis zum Tag der Aufführung des pageant, als Eugenia zusammen mit einer dichten Schar Arbeiterkinder aufbrach. Sie verabschiedeten sich durch die Zugfenster, und lehnten sich befremdet und ernsthaft hinaus, überwältigt durch den wütenden Lärm der Lokomitive, durch das beschleunigte Verschwinden der wohlbekannten Gesichter, die ihnen vom Bahnsteig aus nachsahen, bis schließlich, am Ende des Gleises, nichts anderes mehr, als ein mechanisches, federleichtes Schlängeln von Dampf zu sehen war. Die eiserne und rauchende Wolke stürzte sich kopfüber auf die Bucht zu, und die Kinder fanden sich tief in ihrem Inneren wieder, stellten sich eines neben das andere, ganz vorsichtig. Schüchtern sprachen sie miteinander, und bedienten ausgiebig gegenseitiger Grobheiten, wobei sie gesprochenes Englisch mit einer Diasporasprache aus italischen, germanischen oder slawischen Worten abwechselten. Nichtsdestotrotz konnten sie einander verstehen.
Die kleine Eugenia ging ein besonderes Vertrauensverhältnis mit einem deutschen Jungen ein, der gerade mal ein paar Jahre älter war als sie, und der ihr mit großer Aufmerksamkeit zuhörte, während er mit dem Zeigefinger der rechten Hand an sein kurzes, lockiges Haar fasste, an die Nase oder an die Ohren. Eugenia erklärte ihm, dass es auch ihr gefallen hätte, als Schauspielerin zu arbeiten, sich auf der Bühne zu zeigen, doch die Revolution war viel wichtiger. Hinsichtlich dieses Punkts stimmten die Überzeugungen der beiden Jugendlichen überein, so dass sie, für die gesamte Dauer der Reise, Gefallen daran fanden, sich auszumalen, wie schön und wie abenteuerlich das Leben der Revolutionäre sei, und legten sich selbst waghalsige und gefahrenreiche Rollen zurecht, in heldenhaften und ruhmreichen Abenteuern.

 

Original: Giancarlo Micheli, Indie occidentali (Indien des Westens), Campanotto, Udine 2008.
aus: a) Cap. I , p. 17; b) Cap. LII, p. 209.

 

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Antonio Staude

 

 

 

 

 

 

 

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Nota biografica

Giancarlo Micheli è nato a Viareggio il 3 febbraio 1967. Si dedica alla scrittura, in versi e in prosa, da circa vent’anni. Ha pubblicato il suo primo racconto (Fucking fist, Viareggio 2004) nella collana Jazz Mediterranea per l’editore Baroni. Per lo stesso editore alcune sue poesie sono presenti nella silloge di poeti versiliesi L’ora d’aria dei cani (2003), nella quale si raccoglie parzialmente il frutto del lavoro del gruppo omonimo (letture pubbliche di testi poetici, con accompagnamento musicale e videoproiezioni). Ha collaborato alla realizzazione della mostra-evento La vita agra – l’arte del resistere dal 1943 al 2003 (Viareggio 2003, Massa 2004). Dal 2003 ha partecipato alle iniziative dell’associazione culturale BAU, che promuove la produzione e la distribuzione dell’omonimo contenitore di arte e cultura contemporanea. Nell’autunno del 2004 è stata edita la sua prima raccolta di versi (Canto senza preghiera, Baroni). Ha partecipato a varie edizioni della rassegna nazionale di poesia Altramarea, ideata e diretta dal poeta e filologo Angelo Tonelli. Alcuni suoi versi figurano nelle antologie della rassegna, Altramarea – poesia come cosa viva (Campanotto, Udine 2006) e Atti di Altramarea e Argonauti nel Golfo degli Dei (Arcipelago, Milano 2010), nonché sulle riviste Poesia di Crocetti, Isla negra, The waters of Hermes, Pagine, NLE, Il Convivio. Altri suoi testi sono comparsi sulle riviste Zeta, La Mosca di Milano, Alleo, Erba d’Arno. Nel febbraio del 2007 è stato pubblicato il suo primo romanzo, Elegia provinciale, per i tipi della collana Mediterranea di Mauro Baroni editore. Sempre nello stesso anno ha curato, per l’Associazione BAU, la pubblicazione del libro Percy B. Shelley – il cuore e l’ombra viva (Pezzini, Viareggio 2007), raccolta collettanea di testi e riflessioni sulla poetica del poeta romantico inglese. Nel marzo 2008 è stata pubblicata la sua seconda raccolta di versi, Nell’ombra della terra (Gabrieli, Roma 2008). Nel settembre 2008 è stato pubblicato il suo secondo romanzo, Indie occidentali (Campanotto, 2008), cui è stato conferito il Premio Internazionale di Poesia e Letteratura “Nuove Lettere” (XXII edizione, 2008). Nel gennaio del 2010, è andato in stampa il nuovo romanzo La grazia sufficiente (Campanotto, 2010). Nel 2012, il suo saggio Thomas Mann il Nutritore, è stato inserito nel volume collettaneo Il Mito nel Novecento letterario (Limina Mentis, Monza 2012) e, in questo medesimo anno, verrà pubblicata la sua raccolta di versi La quarta glaciazione (Campanotto, 2012).
Ha compiuto vari lavori di traduzione di testi letterari, tra i quali una versione (ad oggi inedita) della raccolta Le grand jeu (Gallimard, 1928) del poeta francese Benjamin Péret.
Ha pure realizzato alcuni video operando ibridazioni dei formati e delle fonti luminose in direzione di una ricerca di realismo lirico (La realtà è quello che è?, 1996; L’amour fou, 1997; La terra desolata, 1997; Rendering, 1998; Res accendent lumina rebus, 2001; Impressioni n.16 (all’interno del Laboratorio Cinema del Comune di Viareggio, 2002); La colpa della troia è che i porci la pagano, 2002; Il sangue sulle spighe, 2003; Memoria e resistenza, 2004).

Coltiva passioni non inessenziali nel teatro e nel cinema. Nel 2004 ha lavorato, assieme a Paola Lazzari e a Pierfrancesco Biasetti, alla messa in scena dell’atto unico Parti di guerra (testi di Giancarlo Micheli, musiche di Antonio Agostini) e del monologo La confessione (interprete Paola Lazzari, testi di Sandro Luporini e Giancarlo Micheli). Nel 2009 ha seguito la regia del monologo Elegia provinciale (tratto dal romanzo omonimo; attrice Paola Lazzari, musiche Antonio Agostini).

 

 

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