Gesine Palmer

 

 

(Deutschland)

 

 

 

1. Grau

 

Graue Tage werden es gewesen sein in Reval. Dunkle Tage im Winter, nachthelle Tage im Sommer, und immer das Meer an den Zehen, sobald man die Befestigung verließ. Denn eine graue Befestigung der Stadt hat es gegeben, und es gibt sie noch, das habe ich auf dem Foto im Lexikon gesehen.

Ich kenne Reval sonst nicht. Da ich nicht gerne reise und nur dann, wenn ein zwingender Grund oder eine wichtige Einladung dazu drängen, werde ich es vermutlich nicht sehen. Es wäre auch nicht viel zu sehen. Das weiß ich doch?

Es wäre wohl, aber das bleibt vorläufig im Wären. Denn das, was mein Vater macht, will ich nicht machen.

Wenn es nach meinem Vater geht, dann ist es auch nicht unbedingt Reval. Es wird eher Narva sein. Eine Hafen- und Hansestadt, kleiner als Reval, aber auch im Baltikum, als Besitz herumgereicht zwischen den nordöstlichen Staaten und Völkern. Narva oder Reval. Das ist wichtig für meinen Vater, denn an einer Stelle, wenigstens an einer, mag das auch ganz woanders sein, mag das auch 300 bis 400 Jahre zurückliegen, muss es doch einen Kontakt zur wirklichen Wirklichkeit gegeben haben. Eine Zeit, in der seine Lieblingsphantasien das Leben waren. Er ist davon ganz überzeugt, auch wenn er es andererseits nicht glauben kann, denn er weiß ja nicht, was es sein soll. Je weniger er weiß, was er da eigentlich nicht glauben kann, desto mehr muss er es beweisen.

Ich aber, ich glaube an das Grau der Tage, egal in welchem Jahrhundert, und an das Meer an den Zehen, sobald man die Festung verlässt, die in Resten noch übriggeblieben sein kann. Das Wasser kühlt die Zehen und die Füße, es verschlingt alles Glauben, brennt kalt im Unterleib.

Mein Vater scheint irgendetwas zu glauben, wenn er Wappen sieht: dass sie ihn befreien (aber wovon?), rechtfertigen (aber wogegen?), reinigen (aber wovon?), erheben (aber worüber?), was weiß ich.

Vielleicht, dass es ihn gibt, dass er in der Welt ist, denn da, durch dieses Wappen ist er bezeugt, nicht er, aber doch seine Vorfahren, wenn sie denn seine Vorfahren sind. Und sogar, dass er hervorgehoben ist, wird damit bewiesen sein, denn die Vorfahren, das ist ihm ganz wichtig, „galten als adelig“.

Da haben wir den Zweifel. Galten als. Immerhin galten sie als, wenn sie es auch vielleicht nicht wirklich waren. Sie galten als. Er gilt nicht als adelig, aber er glaubt, dass er, obwohl nicht mehr als adelig geltend, dennoch adelig sei. Das Hochfahrende dieser Annahme ist ihm peinlich, widerspricht es doch der christlichen Lehre, die sein Beruf ist: dass der eigentliche Adel in Bescheidenheit bestehe. So gedemütigt durch seine eigene Lehre und ihre Verwerfung seiner hochfahrenden Träume: braucht mein Vater den alten Adel umso dringender.

Mir spielt immer das Meer an den Zehen. Vielleicht galt das Meer an den Zehen auch den geadelten und entadelten, aber vermutlich untadeligen Vorfahren, die wohl, wenn mein Vater mein Vater ist, auch meine gewesen sein müssen. Aber wäre nicht das Meer an meinen Zehen und das wirkliche Grau der Tage in Reval und Narva und Kirrefer und Raustefer und hier und jetzt und in allen Jahrhunderten, mit Hanse und ohne Hanse, mit Halberstadt und ganzen Dörfern, wäre nicht dieses Grau in meinen Knochen, ich könnte zu glauben versucht sein, auch ich sei nur eine Phantasie meines Vaters, zur Ausgleichung dieser Kränkung oder einer anderen.

Ich will ihm seine Phantasie und seine Zweifelsucht zurückgeben, schenken, verwässern, plastisch machen, enteisen, entweisen, entreißen, dass er nicht mehr beweisen muss. Vielleicht kann ich dann selbst aufhören, seine Phantasie zu sein oder zu beweisen, dass ich nicht seine Phantasie bin. Vielleicht kann er dann endlich seine Festung verlassen, die ich, entsetzt entsetzend, an mich nähme.

Im alten Kamin, in einem Saal mit Büchern, den es doch geben muss, würde ich ein Feuer anzünden, um meine Füße daran zu wärmen. Das unablässige Wasser würde auf den heißen Ziegeln verzischen, und der Unterleib würde wohlig warm nässen. Als erstes würde ich die Wappen verfeuern, dann getrockneten Dung, Tang und Holzreste. Die geadelten und entadelten vermutlich untadeligen Vorfahren werden sicher Geschirr hinterlassen haben, Sachen zum Kaffeekochen. Und in irgendeinem anderen Raum ein großes Bett. Da werde ich.

Erwachend werde ich denken: wie schade um die alten Wappen. Und ich werde die Festung verlassen, die öden Tannen oder Föhren der Ostseeküste, und ich werde mit all meiner Strafe zu den wirklichen Palmen (unter denen man bekanntlich nicht ungestraft wandelt) an eine andere Küste gehen, wo das Meer an den Zehen wärmer sein wird.

Aber ich kann meinen Vater doch nicht ins Graue schicken. Das Graue ist für mich, denn meine Zehen sind für das Meer gemacht. Sie vertragen es gut. Mein Vater braucht seine Festung, etwas kann er nicht einmal an seinen Zehen aushalten, und nach dem, was ich aushalten kann, fragt man besser nicht, wer das Meer an den Zehen verträgt, zählt nicht, nicht trotzdem nicht, deswegen nicht, wer etwas aushalten kann, soll das für alle anderen mittun, auch das ist wohl die Lehre, die der Beruf meines Vaters so mit sich bringt. Dafür muss jemand herhalten, hinhalten, die Zehen ins Wasser halten, und wer soll das tun, wenn nicht ich.

 

2. Damals

 

Mein Vater brauchte damals dringend eine Vergangenheit. Und zwar eine bessere, dringend. Das drängte, als es mir richtig bewusst wurde, seit mindestens 67 Jahren, wahrscheinlich schon länger.

Es war das Jahr 2000, vor 67 Jahren war 1933 gewesen. In der Familie meines Vaters herrschte eine Angst vor Erbkrankheiten des Gemüts. Aber darüber lag, dicht abdeckend, glaubensfrohe Zuversicht und die ein für allemal erlangte Vollkommenheit, auf die man in lutherischen Pfarrhäusern einen Anspruch hat.

Mein Vater lebte in einer dank der göttlichen Heilstat vollkommenen Familie mit Angst vor Erbkrankheiten des Gemüts in einer mecklenburgischen Kleinstadt, als die Deutschen sich Adolf Hitler zu ihrem Führer wählten. Sechs Jahre alt war er da. Ariernachweise konnten erbracht werden, immerhin, sowohl für seinen Vater als auch für seine Mutter, obwohl die in Kolmar geboren war, wo mancher neben Erbfeinden überwiegend Untermenschen vermuten wollte: als Tochter eines deutschen Militärpfarrers war sie dort zur Welt gekommen, Gott sei Dank, nicht selbst welsch, obwohl sie es ihrem Aussehen nach gewesen sein könnte. Schmales Gesicht, dunkles Haar, hellgraublaue Augen, was willst du. Vielleicht war ihr Gesicht etwas zu streng. Aber da war auch etwas wie ein zärtlicher Humor, hatte sich eingeschlichen, wahrscheinlich, und verschwand nie so ganz, aus ihrem Gesicht nicht und nicht aus den Gesichtern ihrer Kinder, nicht totzukriegen.

Der Bruder meiner Großmutter war Arzt. Er begrüßte die neue Regierung und trat gleich 1933 in die NSDAP ein. Er mochte keine Erbkrankheiten und kein Gesocks. Sonst war er ein pflichtbewusster Mann, nicht ungerade, hart auf seine Weise. Er hatte sieben Kinder. Seine Haare trug er auch nach dem großen Kriege noch so, dass die rasierte Strecke zwischen Ohr und Deckhaar länger war als das Deckhaar selbst. Das Wort Blut hat vier Buchstaben. Der Onkel meines Vaters war Arzt, er wusste doch darüber bescheid. Nur wirklich schien es für ihn nicht zu sein, trotz all seiner Strafe. Vielleicht irre ich mich.

Mein Vater schien mehr zu wissen. Er hat uns davon erzählt, uns seinen Kindern, mir, seiner Tochter. Er fuhr mit uns in die Gedenkstätten der Konzentrationslager, in der Idiotenanstalt sprach er von Euthanasie. Erst war es nur so ein Erzählen. Dann war es wirklich. Mein Vater wollte niemanden tadeln, das war es nicht. Aber er erzählte viel von dem, was er wusste. Als ich merkte, dass es wirklich war, wusste ich gleich, es ist für niemanden erträglich. Nicht einmal für mich. Erst recht nicht für die, deren Vorfahren es tadelig oder untadelig überlebt haben. Es ist unverzeihlich, sich ermorden zu lassen, und man muss weinen. Wie es ist, zu morden, das darf man nicht wissen wollen. Man muss froh sein, wenn man es nicht wissen muss. Die es wissen, reden nicht darüber, und ich weiß nicht, ob man ihnen das verzeihen kann.

Wir aber, die wir eine neue Vergangenheit brauchen, hätten unseren Vorfahren vielleicht vor allem die Liebe zu verzeihen, von der sie uns erzählt haben, denn in diese Liebe eingewickelt ist immer der Mord, immer.

Aus der Idiotenanstalt war inzwischen eine Einrichtung für Geistig Behinderte geworden. Manchen schien das zu helfen. Uns nicht.

Wenn man ein Wappen hätte gegen den Mord, vielleicht könnte man die Festung verlassen.

 

3. Von ganz unten

 

Der Bruder meiner Großmutter war ein Mann der Medizin seiner Zeit. Deswegen mochte er nicht den Mann, den seine Schwester geheiratet hatte. Denn dessen Mutter galt als gemütskrank. Er sagte nie, dass er seinen Schwager nicht mochte. Vielleicht wusste er es selbst nicht. Ich bin sicher, er mochte ihn nicht.

Mein Vater und seine Geschwister waren gern bei der gemütskranken Großmutter. Sie war lieb. Später lebte mein Vater für eine Zeit in Hamburg bei seinem Onkel, dem Medizinmann aus Großdeutschland, dem Bruder seiner Mutter. Er musste dafür dankbar sein, denn so konnte er doch noch studieren, was alle Männer studiert haben in seiner Familie: dass du Gottes Wort verkündigen und die Heilstat bekannt machen sollst.

Ob mein Vater den Bruder seiner Mutter mochte, weiß ich nicht. Aber wenn er ihn sah oder sehen sollte oder gesehen hatte, erschien er mir immer besonders nervös. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet? Die Frau dieses Onkels war in den Erzählungen meines Vaters unangefochten lieb. Der alte Doktor schrieb ihr nach dem Krieg Briefe aus dem Gefängnis. Viel zu hart hatte man ihn bestraft. Es war doch eine Katastrophe. Er wollte sich selbst ermorden. Er tat es nicht. Lange vor Ablauf der zwölf Jahre, die er gekriegt hatte, kam er frei, wie man so sagt, und lebte und wirkte als Arzt in Hamburg bis ins hohe Alter.

Wenn mein Vater später von seiner Großmutter sprach, nannte er sie nicht „meine Großmutter,“ er sagte: „die Frau meines Großvaters“. Er sagte nicht, dass sie als gemütskrank galt. Er sagte, dass sie gemütskrank war.

Aber werden wir denn nicht weinen dürfen um unsere Kinder? Wollen sie uns wirklich zwingen, „ja“ zu brüllen zu dem dümmsten und grausamsten Tod, den ein Sohn erleiden kann? Sollen wir uns in die Brust werfen, wenn wir hören, dass der erste mit nur noch einem Bein zurückkehren wird aus dem Krieg mit dem Erbfeind, Halleluhjah zum Tod des zweiten, des Lieblings, des Kleinen, des Kindes? In die Brust mit dem Balg?!

Rückert, haha! Ich hieß die weiße Elster und bildet was mir ein, dass meine Farb in hellster Pracht war so spiegelrein. Mich hat bespritzt Franzosenblut, ich sah mich an und fand es gut, nun will ich scheckig sein?

 

10. Ambrosia

 

Vielleicht muss ich doch selbst nach Reval fahren und prüfen, ob es wahrscheinlich ist, dass das Wappen mit der Palme, das dort im Dom hängt, wirklich etwas zu tun hat mit dem Familienwappen, das mein Vater mit sich herumtrug als eine Ferne auf meinen gekippten Schultern. Da wo unser Wappen ein kleines d hat, soll dieses Wappen in Reval eine kleine blaue Kugel zeigen, ebenso auf der anderen Seite, wo das P ist. Sonst dieselbe „einfache Struktur,“ dieselbe dunkelblaue Palme auf blassblaugrauem Grund, wenn es auf einem Siegelring erscheint. In Reval! Im Ratssaal oder im Dom.

Mein Vater leitete daraus her, dass der erste bezeugte Vorfahr seiner väterlichen Linie, Achilles de Palmener, Bürger und Materialist zu Halberstadt, der erste Adelige der Familie gewesen sei. Er hatte dafür, dass Achilles als adelig galt, viele kleine Beweise. Zum Beispiel einen bürgermeisterlichen Besuch zur Taufe des ersten Sohnes in Halberstadt. Aber wenn er Materialist gewesen ist, dann war er doch nur Holzhändler oder Tischler! Mein Vater sagte, das Palmenwappen mit den Kugeln sei das Wappen derer von Fock gewesen. Das waren Balten. Adelig, ohne „galten als“. Die waren erblich belehnt worden mit den Gütern Kirrefer und Raustefer. Das sind nun wirklich schöne Namen. Die könnten mich, eine Liebhaberin der Nordsee aus Leidenschaft (aus der Leidenschaft der Nordsee, natürlich), auch an die Ostsee locken.

Man muss sich aber meines Vaters Gesicht dazu vorstellen: eine angestrengte wissenschaftliche Miene. Es geht hier um ganz Wichtiges. Diese Güter. Dieser Name. Ich. Ich bin beglaubigt. Als adelig geltend. Konzentration bitte. Zugbrücken hochklappen. Sonst kommt gleich das Meer und überschwemmt die Festung. Das Meer soll noch ein bisschen warten. Konzentration.

Er tat mir immer so leid, wenn es ihm so ging. Und so nehme ich ihm seine Geschichte ab. Er macht es mir leicht, er legt Spuren aus – und unklar bleibt nur, warum er diesen Spuren dann doch nicht weiter nachgegangen ist. Hat er nicht Unterlagen gewälzt, gegrübelt, geforscht und kombiniert? Warum dann nicht die Faktenlage wirklich klären?

Da ist etwas, das muss bittersüß schmecken wie die Götterspeise Ambrosia. Und dann hat man schließlich auch noch anderes zu tun.

 

11. Vor den Fakten

 

Man muss ja nicht gleich nach Reval fahren, dachte ich mir, und man muss sich auch nicht auf die Staatsbibliothek beschränken. So habe ich einmal, in all dem anderen, das doch immer zu tun ist, wenn man in diesem Leben auch nur annähernd so untadelig sein will wie die ohne jeden Zweifel untadeligen Vorfahren, in dieser Sache telefoniert. Am Telefon habe ich einem fremden Mann, dessen Nummer ich aus dem Internet gefischt hatte, wo er sich auswies als einer, der in Archiven zu forschen und Wappenbilder zu identifizieren versteht, den Auftrag erteilt, mir eine Auskunft zu geben.

Der Mann erwies sich mit seiner Stimme als einer, den wir heute einen „maniac“ nennen würden. Er sprach von Leidenschaft für die Heraldik. Im Internet ist er „präsent“ mit einer Adresse in der Freien und Hansestadt Hamburg. Das Gespräch machte ihm womöglich Spaß. Darauf verstehe ich mich schließlich. Ja, ich kann dafür sorgen, dass es den Menschen Spaß macht, sich mit mir zu unterhalten. Das habe ich zuhause gelernt, obwohl niemand es mich lehren wollte – vielleicht weil niemand es mich lehren wollte. Vielleicht war es einfach nur meine einzige Chance. Irgendeinen Grund findet man wahrscheinlich, wenn man etwas sucht. Das Gespräch war zunächst sogar fröhlich. Sachlich sowieso.

Aber sprichst du mit den Menschen über dieses Thema, ereilt sie bald eine eigenartige – oder vielleicht eher eine gemeine – Sorge: Sie sind besorgt, du möchtest hier in deinem Forschen dem Wunsch folgen, dich über andere zu erheben. Mit zwei Buchstaben, mit einem D und einem E, beide betont klein geschrieben und vor den Namen eines oftmals ziemlich großen Baumes gesetzt. „Das ist ja meistens ein Versuch, sich groß zu machen“ sagte der Mann am Telefon mit einer Stimme, die mir gleich nicht mehr ganz so gut gefiel. Wenn einer mir so etwas sagt, weiß ich sofort, dass der Aufwand, den ich treiben müsste, um den so aufgerissenen Abgrund zu überbrücken, unermesslich ist. Ja sicher, sagte ich. Hätte am liebsten auf Englisch gesagt: What else is news. Ohne Fragezeichen, sehr ausdrücklich ohne Fragezeichen, denn wenn du das sagst, willst du eigentlich nichts mehr wissen. Du sagst es nur, wenn dir wieder einmal jemand als höchst bedenkenswerte neue Einsicht an den Verstand bringen möchte, was du von klein auf gehört hast, zum Beispiel: „Dass DU DEN KOPF NICHT HEBEN SOLLST!“

Ich säße nicht in meinem Sessel, ich wanderte nicht mit dem Telefon umher in meinen Räumen und spräche mit dir, Bürschchen, wenn ich nicht viele viele Jahre meines Lebens damit zugebracht hätte, aus allem diesem und vielem mehr dennoch das zu heben, was von meinem Kopf übrig ist, hätte ich sagen mögen – und ich sagte es natürlich nicht. Ich stellte auch nicht bloß, was ich von meinem Vater tief zu wissen glaubte: dass er zerrissen war zwischen der ehrlich gefühlten Pflicht zur Demut und dem ebenso ehrlichen Wunsch, das allzu Lächerliche der notorischen Kränkung und Selbstverkleinerung, die das Luthertum, wie er es kannte, ihm anempfahl, wenigstens im Gefühl des Adels zur Kenntnis zu bringen und ein wenig aufzuheben. Ja was, will ich ihn sagen hören, soll denn der Lohn für die Mühen der Selbstverstümmelung, die wir dem Jesulein und seinen oft wenig liebenswerten Verkündern zu schulden vermeinen, wirklich erst im Himmel auf uns warten? Man würde mich gescholten haben, wenn ich diese Frage als seine ausgesprochen hätte. Er selbst würde alles getan haben, um sie mir auszureden.

Aber das Tier, das in dieser Frage durch und durch sie umkam, es war vielleicht das Liebste, was er uns allen zu geben hatte. Zum Weinen blieb, wie es gestorben ist, und hat so viel hinterlassen, worüber man Tränen lachen kann: schon in den ersten Geschichten vom Sprechenlernen des kleinen Jungen, die seine Mutter aufgeschrieben hat, entzückter, als man es ihr zutraute, denn diese, ich sagte es schon, galt doch, obwohl in Kolmar geboren, als eine harte Preußin.

Alles dieses aber konnte ich dem Heraldiker nicht erklären. Ich wollte mich auch nicht rechtfertigen, nein, für einmal nicht diese Plage. Ich erteilte den Auftrag, punctum.

Danach zog ich, wie ich es mir angewöhnt hatte, die Pfeile wieder aus dem Hirn. Kleiner, gemeiner Mann, dachte ich, und schämte mich gleich. Du hast Angst dass ein anderer groß sein und sich daran freuen könnte? Ha, sagte ich noch einmal, nun laut, denn ich war allein, ha, Bürschchen, ich hebe meinen Kopf, und weißt du warum? Weil ich mich freue, wenn einer groß ist, auch wenn ich es selbst nicht bin, darum! Es half mir, für eine Minute oder zwei. Denn er hatte doch damit gar nichts zu tun.

Mein Vater aber in seinen späten Jahren träumte von Reval und Narva im Nordosten und von Massadah im Südosten, und wenn er so träumte von Festungen gegen das Kleine und Gemeine, dann konnte er nicht mehr kommen durch die Gässchen hinab zum Meer, denn die Gemeinheiten hielten ihn auf, vermischt wie sie waren mit den erhabenen Forderungen der in Erinnerung und Überlieferung natürlich immer großen und untadeligen Vorfahren.

Was mein Vater tat, wollte ich nicht tun. So habe ich lange keinen Gebrauch von Festungen gemacht. Lieber dachte ich über das Streben nach. Manche Menschen, wollte ich denken, finden sich klein und streben dennoch oder deswegen nach Großem und Schönem. Andere finden sich klein und streben danach, dass alle anderen auch klein seien. Sie scheinen ernsthaft zu glauben, dann würde es ihnen – ihnen allen – besser gehen. Für lange kann man unter diese gezwungen werden, dachte ich, wenn man keine Festung um sich weiß, die vor ihnen schützte. Wer aber zum Meer will, muss der denn nicht jegliche Festung verlassen?

Johlendes Gelächter.

Wegdenken willst du dich? Wer redet hier von Wollen? Ja. Weg denken musste ich mich schon, das Meer immer hart an meinen Zehen. Doch schaute ich mich immer wieder um.

Das Streben nach geadelten und entadelten und ganz gewiss untadeligen Vorfahren, es war eine Verkrampfung, oft peinlich. Irgendwann, da war schon lange alles vorbei, begann ich noch die Verkrampfung zu lieben. Vielleicht hatte gerade diese Verkrampfung mich, die immer glaubte, den Vater schützen zu müssen, am Ende geschützt vor der gemeinen Peinlichkeit, ein Mensch zu werden, der andere klein zu sehen wünscht. Nur dass man selbst völlig ungeschützt ist, wenn man diesen Wunsch wirklich nicht hat. Das haben sie mir so nicht beibringen wollen. Aber schließlich musste ich es lernen als eine Lehre über die Wirklichkeit. Im Grunde lernte ich es schon in der Schule: Am besten ist, du hast den Wunsch, andere klein zu machen, und verleugnest ihn. Etwas weniger gut ist, du hast ihn, verleugnest ihn nicht, sondern stehst dazu. Wirklich schlecht aber ist es, wenn du den Wunsch, andere klein zu sehen, wirklich nicht mehr hast. Wer nicht mehr sagt, mein Vater sagt du sollst nicht töten, ich aber will töten und mich dabei gut finden, der ist schon verloren: Wer sagt, ich will nicht töten, den töten die anderen. So ist es auch mit dem Kleinmachen. Wer es an anderen nicht tun will, wird es an sich selbst erleiden. Die Lehre meines Vaters besagt, dass wir es just so wollen sollen. Wie hätte ich ihm das verzeihen sollen?

Irgendwann, als mein Vater schon tot war (hoffentlich schon vorher), habe ich es verstanden. So weit du eben gerade verstehen kannst, immerjetzt. Irgendwann habe ich verstanden, dass meines Vaters Traum von Adel und einer Herkunft aus dem baltischen Judentum zusammengehörten im Protest gegen das Schicksal, das dem nicht erspart bleibt, der nicht töten will. War nicht in seiner Sehnsucht nach Adel, der gekränkt worden sein musste, wenigstens ein Wunsch nach Stärke und Größe trotz allem? Wonach sonst sollte man denn streben, wenn nicht nach einem helleren Licht, woher immer es auch kommen mag? Ja, sagte ich schließlich, man soll danach streben, und trotzdem nicht das Meer vergessen, wenn es möglich ist, wenn das denn möglich ist.

 

28. De Palmener

 

Die aufbrachen in Reval, die hatten schon zwei Kinder, die hatten noch zwei Kinder, so wollte ich es mir denken. Geboren hatte die Frau wohl mehr, aber es hatten nicht alle überlebt. Angeblich nahmen sie solche Tode nicht so schwer in jenen Jahren, konnten sie sich doch nicht leisten. So hatte ich es immer gehört. Lass also den Handel nicht recht gelaufen sein, das Schutzgeld zu hoch, die Wirtschaft dürftig, eine schlechte Ernte, ein paar Wolfsrudel im Winter oder im Sommer, die ein paar Schafe zu viel rissen, schon wurde es nicht mehr so. Dazu die Räuber, die Kriege, die schlechte gesundheitliche Versorgung, das konnte den treuesten Knecht umhauen. Finstere Zeiten, natürlich. Noch wenn einer alle Privilegien genoss, kamen die Ärzte doch kaum über das Schröpfen und Palavern hinaus, und wenn eine Frau im Kindbett starb, war das für einfachere Leute nun einmal schlimmer, als wenn ein Kind starb. Was ein weiteres Kind nicht aß, das kam den anderen zugute, was aber eine Frau nicht tat, das musste doch wer anders tun. Auch ich brauchte die Frau noch, Achilles sollte mir nicht mutterlos bleiben und nicht ohne Schwester. Die Frau aus Milch und Honig habe also den Tod kleiner Kinder überlebt, der alte Ambrosiaster dieses Überleben der Frau als Glück gepriesen – damals durften sie das noch, selbst die Päpste hatten andere Sorgen. Die Frauen aber, wenn sie ein Kind verloren, ich glaube, sie weinten trotzdem und auch dann, wenn sie die anderen Sorgen ihrer Angehörigen teilten.

Der Schwedenkönig unterdessen kam und nahm. Einer seiner Hauptzwischennehmer war der Ritter von Fock. Von Fock hatte es lange erwartet. Die Güter Kirrefer und Raustfer, die fehlten ihm noch. Du kannst ein Verlangen entwickeln nach fremdem Gut, das wusste schon die Bibel. Vielleicht war es eine ordentliche Übergabe. Vertrieben waren die Palmbaums dennoch, und sie hatten nicht viel, das sie mitnehmen konnten, nicht einmal mehr einen guten Namen oder ein brauchbares Wappen, denn der Ritter von Fock mochte das ihre gut leiden. Es half ihm, ein Zeichen zu setzen gegen den Zweig seiner eigenen Familie, mit dem er bitte nichts mehr zu tun haben wollte, das waren ja Raufbolde und Judenfreunde, wir hingegen.

Man möchte meinen, die Palmbaums meines Vaters in ihrem Aufbrechen zum Meer hin, hatten, wenn sie waren, wie ich sie mir vorstelle, andere Sorgen als ausgerechnet den Namen oder gar eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, aber Marie wüsste es vielleicht besser: Es kommt doch vor allem an auf die Gedanken, dass du den Kopf nicht heben sollst, dass die Gedanken recht sind und dass du jedem Tier einen Namen geben sollst.

Ich habe nie einem Tier seinen Namen gegeben, wenn ich kam, hatten sie immer schon Namen.

Dann musst du dich auch auf Reisen immer mit einem Namen vorstellen, erst auf dem Schiff, dann an den Postkutschenstationen und in den Wirtshäusern. Mit Eselskarren fuhren sie auf vertrautem Gelände, früher hatten sie Kutschen gehabt. Die Pferde aber und die schon etwas schäbig gewordenen Kutschen waren längst in den Besitz derer von Fock übergegangen. Auch die Esel würden in Reval im Fockschen Besitz enden, die Karren wohl auch.

Du willst mich unter dem Teppich hervorziehen, und unterbrichst mich und hörst mich nicht an, wenn ich wirklich mal etwas sage? Niemals, sage ich dir, stammte mein Heinrich von solchen ab, nie und nimmer, das sage ich dir.

Da bat ich sie, vielleicht mir auch einmal zu zu hören. Gütig wie sie war, tat sie es natürlich, strich nur manchmal nervös mit ihren kühlen Fingern über die Oberflächen meiner Schreibutensilien oder seufzte auf, wenn ich zu ungeduldig die Sätze übersprang, in denen irgendwer aus der lieben Ahnenschaft vom ewigen Leben sprach oder von dergleichen.

Du interessierst dich einfach für die falschen Dinge, mein Kind, das ist nicht gut.

Da sagte ich, ich glaube, ich weiß es besser. Ihr ovales Gesichtchen mit den schwefelhellen Augen verschattete sich gleich tiefer. Pass auf, sagte ich da, wir machen es wie meine wissenschaftlichen Kollegen, okay? ‚Okay, okay,’ spottete sie, du redest wie Willing, aber dann hörte sie mir wieder zu. Also ich sage den Leserinnen und Lesern (so machen wir es heute), alles was wahr ist, verdanke ich dir, alles was falsch ist, geht auf mein Konto oder das des Fälschers, wäre das in Ordnung? Da verschwand sie, und ich durfte einstweilen weiter schreiben.

Wenn mein Ambrosius meines Vaters wirklich mit seinen Eselskarren und seiner Familie am Hafen angekommen ist, wie ich es hier erzählt habe, muss er dort von manchem noch erkannt worden sein. Es kannte ihn der Weber mit dem Bart, es kannte ihn die Frau mit der Minze und der Fischhändler am Eingang der Fischergasse, es erkannte ihn der SchmuckSchmuggler, der stets geflohen war, solange Ambrosius noch Aufsicht zu führen hatte über die Ordnung von Handel und Hanse, und noch so mancher, der in keine Burleske oder Pittoreske passen möchte. Die kleine Tochter vergrub ihr Gesicht an der Brust des Vaters, als sie an dem Weber vorbeikamen, natürlich, aber bald musste sie es wieder in das Treiben wenden, es war doch zu schön und lustig nach den öden Zeiten auf dem Lande, meinst du nicht? Dem belgischen Kapitän de Doppeler gab der enthauste Hausvater eine ordentliche Summe Geldes, einen guten Teil dessen, was er gerade noch besaß. Damit war der Handel, vorbereitet durch Empfehlungsbriefe und Botschaften vom Meer her, perfekt, was sollte ich mich damit groß aufhalten; ich wusste wohl, dass es so einfach nicht getan war.

Der Belgier aber war ein guter Mann. Hatte immer flämische Tuche nach Reval gefahren, nun fuhr er zurück nach Flandern, das Schiff beladen mit Pech und Wachs für deutsche und belgische Kunden, ein bisschen Bernstein und ein paar Fuder Holz, was weiß ich. Für die Bündel und Ballen der kleinen Familie fand sich ein Platz, es würde gehen. Die Frau schaute sich nicht sehr verstohlen um, die war selbstbewusst und aus gutem estnischen Hause, hatte ihren Namen schon lange gebüßt, aber ihren Mut und Schneid behalten, wir wären nicht auf diesem Schiff, wenn ich nicht entschlossen gehandelt hätte, sagte sie sich, und warf sich in den Rücken, wenn jemand vom Land her sie scheel ansah – sie würden es verlassen, dieses schnöde Land, immerhin, etwas erleben.

Auf dem Weg nach Brügge sollte das Schiff in Lübeck Station machen, um die Vorräte aufzufüllen und Wachsladung zu löschen. Dort wollten auch Ambrosius und die Seinen von Bord gehen mit Ware, die weiter ins Inland gebracht werden musste, bis in die Hansestadt Halberstadt. Auf Flusskähnen würden sie fahren, dann wieder mit Eselskarren oder Ochsenkarren oder Pferdewagen, was er auch immer bekommen würde, landeinwärts Richtung Harz. Dem Kapitän gefiel die Frau, wer wäre ich, dieses kleine Vergnügen ihm und ihr vorzuenthalten? Ich ließ ihnen also, was überall gleich ist: das kleine Ausruhen im Anblick einer Halsrundung, das freundliche Aufleuchten beim Klang einer Stimme und wohlgefällige Blicke auf Hände und Ohren, Zehen eher nicht. Dabei hatte ich über die Zeit wenig Zimperliches gelesen und machte mir oft Vorhaltungen, weil ich sie allzusehr formte nach meinem Bilde, wenn auch flüchtig genug. Am genauesten konnte ich mir noch die Kinder vorstellen.

Als das Schiff ablegte, kroch das namenlose kleine Mädchen zur Mutter auf den Schoß und zupfte am Bändchen ihrer Haube, bis die es ihr verwehrte, indem sie das Händchen festhielt. Da sprang das Kind bald wieder fort, um gemeinsam mit dem Bruder zwischen Fässern und Ballen, Kübeln und Kisten, Segeltuch und Männerbein herum zu klettern. Kühner werdend bestaunten sie die dicken Tampen aus der Nähe und berauschten sich am Geruch der See wie am Geschrei von Möwe und Mann und Maus. Nicht alle Matrosengesichter sahen gutmütig aus, und die Mutter hatte das Mädchen vorsorglich in Jungenkleider gesteckt. Es wird dir das Leben auf dem Schiff leichter machen, hatte sie gesagt, und das Mädchen fand es gut. Vielleicht sahen sie Schweinswale prusten und springen.

Ambrosius aber, kaum waren sie in See gestochen, fing wieder das Grübeln an. Weg und Wasser und ein unbekanntes Ziel, wie hätte er nicht grübeln sollen? Je weniger er tun konnte, desto mehr stand es ihm bevor, türmte sich wie Wellen. Nur das Meer selbst erschien ihm nun, da er mit den anderen zusammen auf dem Schiff war, weniger gefährlich als in der Stube oben in Raustfer, denn es langte hier nicht bis an den Himmel. Allerdings sprang es manchmal über die Reling, zeigte die weißen Schaumzähne und die Tiefe seines nassen Rachens, und die Luft war Tag und Nacht fast so salzig wie das Essen. Manchmal wurde ihm schlecht und schwindelig, aber jedesmal riss er sich für den Moment zusammen. Umsichtig darauf bedacht, alles ihm entgegengebrachte Misstrauen und Vorurteil zu ignorieren, besprach er mit seiner Frau, wie es weitergehen solle.

Der Kapitän, dem eine gebildete Gesellschaft wohl gefiel, saß oft mit ihnen zusammen. Die Dunkelschönen und Protestantenfreunde unter seinen Auftraggebern hatten ihm gesagt, er solle sich der Familie ein wenig annehmen. Ein ferner Freund aus Gent hatte heimlich ein kleines Schutzgeld bezahlt, sagte nicht schon der ungetauft gebliebene alte Weise Rabbi Mosche ben Maimon, du sollst einem Bedürftigen helfen? Erhaben ist es, ihm Geld in die Hand zu geben, erhabener aber, wenn er nicht einmal weiß, dass du es bist, der ihm hilft, und die Krone der Zedaka ist, wenn du ihm hilfst, auf die eigenen Füße zu kommen nach einem Fall. So sind sie, die Dunkelschönen, hatte der Kapitän gedacht, und seine Skepsis für sich behalten vor der Abreise.

Nun aber, zwischen Reval und Lübeck, gefiel ihm seine Pflicht täglich besser. In die sehr munteren Augen der Frau und das mürrische Gesicht des Mannes sagte er schon am ersten Abend, Ihr solltet einen neuen Namen haben. Lasst euch nieder, wo man euch nicht kennt. Macht euch noch unterwegs ein neues Wappen. Werdet Belgier, die sind angesehen in aller Welt. Ambrosius wurde unwillig, verstecken sollten sie sich wieder, was für eine Idee. Schnell legte die Frau ihre milchige Hand auf seinen Arm und rieb unter dem Tisch ihr Bein an seinem. Etwas besänftigt verfing sich Ambrosius für einmal nicht in Erklärungen, sondern sagte, etwas möchte noch zu erkennen sein vom Namen meiner lieben Eltern, ob das möglich sei. Ich habe doch nicht darüber zu befinden, lachte der Kapitän, es ist ein Rat, ich mein’s gut mit euch.

Im Weiterreisen spannen sie die Geschichte aus und drehten den Namen hin und wider, van der Palmen, Palmboom, Palmers, sie ließen nichts aus. Die Frau aber wollte eine Erinnerung an die Reise, wenigstens an den Namen des Kapitäns eine Anlehnung, warum nennen wir uns nicht einfach de Palmener, es scheint mir besonders belgisch zu klingen, Ambrosius gefiel es.

Das alte Wappen, das er noch bei sich hatte, änderte er nur ein wenig. An die Stelle der Sonnen für die Güter setzte er links ein „d“ und rechts ein „P.“ Was hat es auf sich mit eurer großen Freiheit, fragte er wohl den Kapitän, und schaute schon wieder auf die Wellen. Ihm fehlte die Nordsee nicht. Er hatte sie nie gesehen und würde sie nie sehen. Die Ostsee wollte er noch dieses eine Mal überqueren und dann vergessen. Als das Wappen fertig war, mag ihn ein kleiner Stolz befallen haben. Es ist schön schlicht, sagte seine Frau, enttäuscht. Es wirkt fast adelig, sagte der Kapitän, betont fröhlich. Wir müssen uns an unseren neuen Namen gewöhnen, sagte Ambrosius, und das kleine Mädchen plapperte ihn schon einmal vor sich hin, Jemima oder Ketziah oder Keren-Happuch de Palmenerdepalmenerdepalmener und so weiter. Es war, wenn ich ehrlich war, nicht so ein wahrscheinlicher Name. Als die Frauen in Deutschland selbst Namen hatten, auch in unserem Stammbaum, da hießen sie ein bisschen anders: Katharina Elisabeth de Palmener, geboren am 11. Juli 1671, erste Tochter und zweites Kind von Petrus de Palmener, wer will das wohl glauben!

Wenn nicht ein blöder Seitenhieb gegen die mögliche Herkunft meines Marranen meines Vaters dabei gewesen wäre, hätte ich gesagt: das kommt mir spanisch vor. So suchte ich mehr in der Stille. Auf meinen Zügen durch die Welt der Archive, Bibliotheken und Elektronen fand ich den Namen de Palmener nirgends. Eine größere Familie mit dem Namen de Palmenaer gab es noch, als ich mich umsah, das waren Katholiken in Ostbelgien, bekannter Stamm in einer deutschen Enklave nahe der Grenze, dunkelschön, wie es schien, hauptsächlich. Auf meine schriftlichen Anfragen wegen ihrer Herkunft antworteten sie nicht, vielleicht lag es am Adel, vielleicht daran, dass er ihnen fehlte, vielleicht hatte es einen anderen Grund. Mein Ambrosius meines Vaters aber sollte mir frei sein vom Verdacht der Selbstadelung wie von dem Fluch der Entadelung durch einen baltischen Ritter. Ob ersehnt, wie von meinem Vater, oder mit argwöhnischer Missgunst betrachtet wie vom Heraldiker, es war in dem Gedanken der Adeligkeit in diesem Falle eine Verkrampfung, die ich dem alten Ambrosiaster nicht auch noch aufbürden wollte nach allem.

 

 

 

 

 

 

 

 

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VITA

Dr. phil. Gesine Palmer ist Gründerin und Inhaberin des Büro für besondere Texte in Berlin Schöneberg.

Als Religionsphilosophin und Beraterin bietet sie in diesem Berliner Dienstleistungs-Unternehmen folgendes an:

Ethik- und Kommunikationsberatung

Vorträge, Radiobeiträge, Essays http://www.gesine-palmer.de/buero-fuer-besondere-texte/analyse.html

– Analysen, Redenberatung, Moderationen

Trauerreden

Als freie Autorin arbeitet sie außerdem seit Jahren kontinuierlich an philosophischen und literarischen Texten zu aktuellen und historischen Fragen. Vieles können Sie elektronisch und digital oder in Buchform erleben. Von anderem haben Sie mehr, wenn Sie persönlich dabei sind.

Wenn Sie sich für Themen aus einem der angegebenen Arbeitsbereiche interessieren, einen Artikel in Auftrag geben, eine Veranstaltung mit einer kompetenten und kommunikativen Sprecherin gestalten wollen oder an einer Lesung aus dem Werk interessiert sind, können Sie sich auf den folgenden Seiten weiter informieren und gegebenenfalls einen Termin vereinbaren.

 

Veranstaltungen Frühjahr 2014:

Am 25. April umd 20.00 Uhr lasen Thomas Treupl und Gesine Palmer in der Galerie Gondwana Texte zum Thema 100 Jahre Erster Weltkrieg. G. Palmer las das 31. Kapitel aus ihrem AchillesromanT. Treupl, Opernsänger, Bestatter, Immobilienmakler, unterbrach mit markanten Auszügen aus den Werken von Stefan Zweig und Arnos Schmidt.

Am 15. April 2014 Podium « Religionsfreiheit als europäischer Wert? » mit der HSS und dem Forum Brussels International in Brüssel.

Am 9. April 2014 folgte, nach der Vernissage von Alen Lichtwandels Bildern um 19.00 Uhr um 20.00 Uhr eine Lesung in der Galerie Gondwana aus Achilles. Ein Roman von Heldentum und Wahnsinn. (ISBN-Nummern und Preise für die verschiedenen PoD und E-Book-Ausgaben des Buches finden Sie unter dem Menupunkt Bücher [Pfad: Arbeiten und Publikationen]). Dort gibt es auch einen Link zu einem Probekapitel. Und hier können Sie den Anfang hören.

Am 2. April 2014 durfte ich im Hayek-Club in Berlin zur Frage: « Wie viel Religion verträgt ein liberales Staatswesen? » vortragen und diskutieren. Es wurde eine lebendige Diskussion, nicht zuletzt dank der kontroversen Einwendungen von Marie-Luise Schwartz-Schilling.

The book « Fallen » has been presented on March 28th 2014 at 8.30 pm in Buchhändlerkeller Berlin. It was a great success, thanks to all those whowere involved. Part of it is my first English Short Story (click the link and find an MP.3-File). More about the story.

Ein Wort zu einer neueren Publikationspraxis:

Unter dem Menüpunkt Arbeiten und Publikationen können Sie sich immer über die neuesten Texte informieren. Die Zeit der kostenlos einsehbaren Essays ist allerdings begrenzt. In der nächsten Zeit wird ein Essay nach dem anderen in ein « E-Short » verwandelt – eine Technik, für die ich sehr dankbar bin. So können die Beiträge fpr einen sehr geringen Obulus von E-Book-Usern heruntergeladen werden. Sie sind damit immer noch leichter zugänglich als in Fachzeitschriften oder Sammelbänden. Und sie bringen mir das Gefühl, dass ich nicht nur umsonst arbeite. Ich bin sicher, das wird Ihnen gefallen. Sie sind noch nicht überzeugt? Dann hören Sie doch mal in das « Pilotprojekt » hinein: « Gesundheitsdienst an Haus und Gatten » gibt es inzwischen als E-Short. Es war zuerst ein Beitrag zu einem Essay-Wettbewerb. Dann zu einer Festschrift zur Emeritierung von Christoph Türcke. Und nun ist es mit der freundlichen Erlaubnis der Herausgeber der Festschrift eben mein erstes E-Short.

Sonstiges: Zusätzlich zum üblichen Menüpunkt CV gibt es ein short resume in English.

Ein Video mit GPs Beitrag zur Konferenz « Rosenzweig for Beginners » (Belgrad, Juni 2012) finden Sie hier. Von dort finden Sie auch weiter zu den anderen Beiträgen zu dieser Konferenz.

GP ist Mitglied der Redaktion von Ästhetik und Kommunikation und « Admin » der Redaktion für Facebook. Über aktuelle Neuerscheinungen und Veranstaltungen können Sie sich also hier informieren.

 

 

http://www.gesine-palmer.de/

http://www.gesine-palmer.de/fileadmin/pdf/cv.2013.pdf

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