Gesine Palmer

 

Gesine Palmer

 

(Deutschland)

 

 

 

Zeit in Limbo – das Lager als totale und unbestimmte Gegenwart

 

Ó Gesine Palmer, 2/2016

 

„‚Sie wissen ja, wie es in einem Konzentrationslager ist. Alles kommt einem abhanden. Man verliert zuerst den Bleistift, dann den Trinkbecher, dann die Füllfeder. Man verliert den Kopf, die Freunde, die Rasierseife. Warum? Die Zeit, die in einem Konzentrationslager alles beherrscht, ist die Gegenwart. Eine Überfülle von Gegenwart herrscht da. Nicht ein Spalt öffnet sich, um ein bisschen Vergangenheit oder Zukunft einzulassen. Darum verliert man auch das Gedächtnis. Man hat keine Zeit, der eigenen Eindrücke, der eigenen Gedanken, der eigenen Gefühle innezuwerden. Darum verfallen sie, kaum geboren, schon der Vergessenheit. Erinnern heißt finden. Finden kann man nur in der Vergangenheit. In der Gegenwart kann man nur verlieren. Und ein Konzentrationslager ist übervoll von Gegenwart. Zum Wahnsinn voll.…“.[1]

 

Der Wahnsinn der Lager des 20. Jahrhunderts

 

Dieser Auszug aus Soma Morgensterns Flucht in Frankreich hat mich nachhaltig beeindruckt. Er widerspricht diametral jener Suche nach Gegenwart, die mir für den jetzigen Zeitgeist typisch  zu sein scheint. Schärfen uns nicht alle Coaches und Motivatoren ein, in der Gegenwart zu leben, ganz da zu sein, den Augenblick zu ergreifen, in ihm alles zu geben? Wahnsinnig macht uns demnach das Laufen im Hamsterrad der Sorge um die bessere Zukunft – helfen soll uns dagegen ein „Innewerden“ in der Gegenwart, wir sollen, wie ein modisch gewordenes Wort sagt, mal etwas „entschleunigen“. Wenn uns hingegen die Vergangenheit lähmt, weil sie uns mit ihren schlechten Mustern gefangen hält, sollen wir nach vorne gucken. Aber wiederum nicht ohne zuvor in der Gegenwart eine Pause eingelegt und uns besonnen, konzentriert, gesammelt zu haben. Es ist uns ein bisschen schwer gefallen, aber schließlich haben wir es doch alle kapiert, oder? Also wir Intellektuellen jedenfalls, wir Durchschauer und Welterklärer, wir Grenzen-Transzendierer und Richtigmacher.

 

Zu diesen Lehren der Gegenwart verhält sich die Klage über eine „Überfülle von Gegenwart“ eher sperrig. Sie erinnert daran, dass die Wörter „Sammeln“ und „Konzentration“ im 20. Jahrhundert vor allem mit dem Wort Lager gut zusammen gingen. Die Kinderbilder der Nelly Toll, zur Zeit in der Ausstellung Kunst aus dem Holocaust im Deutschen Historischen Museum zu sehen, zeigen eindrucksvoll, wie wichtig es für die Verfolgten und Gefangenen war, aus der Gegenwart herauszuspringen. Die Künstlerin, damals als Kind mit ihrer Mutter gemeinsam versteckt, durfte nie nach draußen und musste sich ruhig verhalten. Ihre Mutter ermunterte sie, Bilder von einem anderen Leben zu malen. So sieht man grüne Wiesen, leuchtende Blumen, ein Zimmer mit Klavier und Menschen in farbenfrohen Kleidern.[2]

 

Ähnliches gelang manchen Künstlern und Intellektuellen nicht nur in den Verstecken, sondern sogar mitten in den Lagern selbst. In den Internierungs- und Sammellagern in Frankreich (im großen Lager Gurs, aber auch im kleineren Lager Audierne, in dem Morgenstern 1940 einige Zeit festgehalten wurde) hielten sie ihre Beobachtungen und Reflexionen in Wort und Bild fest. Was Morgenstern, Frankl und andere übereinstimmend besonders beschwerlich fanden, war – neben dem Factum der Gefangenschaft und der Auslieferung an die unberechenbare Gewalt der Aufseher – die Enge im Zusammenleben mit den anderen Gefangenen. Dadurch waren sie physisch um die Möglichkeit, sich von anderen abzugrenzen, gebracht. Diese ist aber – keineswegs nur für den individualisierten Menschen der modernen westlichen Welt – für die Erhaltung eines individuellen Ichgefühls mit Geschichte und Kultur, mit Eigenschaften und Gewissen, mit Sehnsüchten und Enttäuschungen, nötig. Mit dem Zerfall des Zeitgefühls kündigt sich der Zusammenbruch der Widerstandskraft des Ich an.

 

Auch ein Flüchtlingslager ist ein Lager

 

Vor dem Hintergrund solcher Beobachtungen und Bemerkungen lese, höre und sehe ich in meiner Gegenwart Berichte aus den Flüchtlingslagern in Deutschland und Europa. Ich kann dann das Auftauchen meines Vorwissens aus diesem Hintergrund nicht verhindern, obwohl ich mich mit unmittelbaren historischen Vergleichen, Parallelisierungen gar, sicher sehr zurückhalten möchte. Gerade die französischen Lager, von denen Morgenstern schreibt, waren ja nicht ursprünglich als Vernichtungslager intendiert wie die osteuropäischen Massenmordlager. Vielmehr knüpfte man in jener völlig verwirrten Haltung gegenüber NS-Deutschland zunächst einmal an internationale Gepflogenheiten im Umgang mit Kriegsflüchtlingen und politischen Häftlingen an. Es gab seit dem 1. Weltkrieg die Einrichtung der Gefangenenlager, und es war nicht unüblich, im Kriegsfall Bürger des „feindlichen Auslands“ erst einmal zu internieren.[3]

 

Lager – nicht nur Konzentrationslager, nicht nur Lager, die bewusst zur Entindividualisierung und Zerstörung eingerichtet wurden, sondern auch solche, die nur aus Verlegenheit aufgeschlagen und mehr oder weniger kontrolliert zum Beispiel von Flüchtlingen bevölkert werden – folgen einer eigenen Logik. Es sind immer Sammelstellen für Menschen, die gerade keine feste Bleibe und keine „funktionierende Infrastruktur“ haben. In Militärlagern werden die Menschen darauf vorbereitet, in einem kollektiven Kampf zu funktionieren, in Kriegsgefangenenlagern werden sie bis zum Ende des Kriegs notdürftig verwahrt oder zur Zwangsarbeit herangezogen, in Umerziehungs- oder Straf- oder Konzentrationslager werden dafür vorgesehene Menschen von totalitären Regimes verschleppt in der ausdrücklichen Absicht, ihnen eine etwa bestehende Heimat zu nehmen, ihre Identität und ihre Infrastruktur zu zerstören, ihr Tod wird billigend in Kauf genommen oder bewusst herbeigeführt – in Flüchtlingslagern dagegen werden Menschen aufgenommen, nachdem bereits ein böser Zufall (Naturkatastrophe, Krieg, zur falschen Zeit am falschen Ort) das bisherige Leben zerstört hat. Die Absicht derer, die den Zuzug ermöglichen und regeln, ist nur gut: sie wollen erste Hilfe  leisten und die Menschen in einer Übergangszeit mit dem Nötigsten versorgen.

 

Gleichwohl wirken die Umstände des Lagers auch hier. Und für alle, die in ihnen „zwischengelagert“ sind, gilt, was Morgenstern auf seiner Flucht treffend beobachtete: „Es ist schon so, dass die Menschen ein schlechtes Provisorium schlechter vertragen als das schlechteste Definitivum.“[1] Das erfahren die Insassen der Lager allemal – aber immer öfter hören wir von Stressfolgen auch beim Ordnungs- und Sicherheitspersonal. Es gibt ein klares Machtgefälle zwischen wartenden Flüchtlingen und in Berlin beheimateten Aufsichtspersonen: die einen sind mit den Resten ihrer Habseligkeiten und ihrer gesamten Lebenslage ihren Mitbewohnern der Unterkünfte und den Verwaltern dauerhaft ausgesetzt – die anderen kommen zum Dienst und gehen wieder nachhause. Allein dieser Unterschied bewirkt etwas bei den Menschen. Und das dadurch entstehende Unbehagen können nicht alle gleich souverän kompensieren.  Wenn Geflüchtete aus der Notunterkunft am Tempelhofer Hangar berichten, man habe zu ihnen gesagt: „Das ist ein Gefängnis, und ihr seid hier Gefangene“ – dann ist das, obwohl zur Stunde der Verfertigung dieses Textes noch nicht aufgeklärt, durchaus ein wahrscheinlicher Vorgang.[4] Sicher haben nicht alle Geflüchteten die Fähigkeit, mit dem Stress ihrer Lage so umzugehen, dass sie ihn nicht noch verschärfen – und sicher ist für die Angestellten der zuständigen Behörden die Versuchung groß, beim „in Schach Halten“ über die Stränge zu schlagen. Da wird einerseits neben den schlicht praktischen Problemen das übliche interkulturelle Befremden sein und die Angst, die jeden beim Anblick andrängender Bedürftiger befällt, mag sie auch unterschiedlich verarbeitet werden. Es gibt aber einen weiteren Faktor:  Seit dem biblischen Buch Hiob ist literarisch bezeugt, wie sehr es Menschen beim Anblick von nicht selbstverschuldetem Elend danach verlangt, doch einen Grund, eine Schuld beim Opfer einer schlimmen Lage zu suchen. Dieser Angstabwehrmechanismus und sein Zwilling, der Schuldabwehrmechanismus, bestimmen die Gefühlslage der privilegierten Europäer wohl in ihrer gesamten Debatte.

 

Bei den Geflüchteten hingegen wird, je länger das Lagerleben andauert, desto zuverlässiger jener Mechanismus einsetzen, den Morgenstern in seinem Romanbericht so treffend charakterisiert: der Verlust von Zeit- und Selbstgefühl. Wer sich noch artikulieren kann, wer noch Kontakt zu Menschen in der Heimat unterhält, ist unter ihnen geradezu privilegiert. Ein solcher Mensch wird andererseits vielleicht stärker leiden als jemand, der wirklich alle Brücken hinter sich hat zusammenbrechen sehen und sich nun mit allem, was sein persönlicher Charakter so mit sich bringt, auf das Durchkommen wirft.

 

„Brief eines syrischen Flüchtlings an Angela Merkel“

 

Sebastian Kempkens hat das Resumee eines syrischen Flüchtlings in deutscher Sprache formuliert, als Brief an Angela Merkel.[5] Der Mann unter dem fiktiven Namen Arif Abbas hat sich entschieden, nach Aleppo zurück zu reisen, wie auch immer, um wenigstens wieder bei seiner Familie zu sein. Er schildert, wie er sich schon vor dem Bürgerkrieg immer mit Deutschland verbunden gefühlt habe, ohne es zu kennen. Wer in einem Café in Aleppo etwas gegen Frau Merkel gesagt habe, hätte damit eine Prügelei lostreten können, lange bevor sie die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen schien. Die Deutschen seien ferner technologisch und ökonomisch begabt, hielten sich an ihr Wort, seien pünktlich und effizient, so hätte er gehört. Das habe ihn immer beeindruckt – und als sie angesichts der nicht mehr erträglichen Lebensumstände überlegten, wohin sie sich aufmachen könnten, hätten sie sich für Deutschland entschieden. Er wollte vorausfahren, dem Bürgerkriegsterror entkommen, für seine Familie eine Zukunft aufbauen und sie dann so schnell wie möglich nachholen in ein besseres Leben. Der Mann beschreibt, wie paradiesisch ihm Deutschland an seinen ersten Tagen in Frankfurt erschien. Wie schwierig in der zweiten Unterbringung, in Braunschweig. Und wie unerträglich, seit er in Hamburg in einem ehemaligen Baumarkt mit drei Familien (insgesamt 16 Menschen) eine kleine Parzelle dieses Lagers bewohnt.

 

Ohne die Institution des Lagers – sei es auch diese vergleichsweise harmlose und humane Variante des Notaufnahmelagers für Geflüchtete – wäre er vielleicht schon auf Arbeitssuche, baute an einem Nest für seine Familie, wäre so beschäftigt, wie er es sich vorgestellt hatte, als er aufbrach. Nun unterliegt er einem gleichförmigen Warte-Alltag, in dem er täglich mehrere Stunden mit seiner Frau telefoniert, die mit den gemeinsamen Söhnen im umkämpften Aleppo ausharrt. Ihre Lage wird immer prekärer. Er hingegen muss warten – es könne Juni werden, bis sein Antrag bearbeitet sei. Sitting in Limbo – aber ohne die schönen Reggae-Klänge, die ihm vielleicht sowieso nicht gefallen würden. Diese Ungewissheit muss schwer erträglich sein. Da er ohne seine Familie hier ist, freut ihn die relative Sicherheit nicht. Da er über viele Stunden per Telefon mit seinen Daheimgebliebenen verbunden ist, bleiben ihm Zeitgefühl, kulturelle Identität und familiengestütztes Ichgefühl in einem Ausmaß erhalten, das vereinzelten Lagerinsassen schneller verloren gehen dürfte. Und so resümiert er bodenständig:

„Wir verschwenden unsere Zeit, während unsere Familien zu Hause in Lebensgefahr sind.“

 

Wer will was von wem?

 

Als hauptberufliche Textarbeiterin fragte ich mich natürlich nach der Lektüre dieses Briefes, warum er erst jetzt kommt – und was seine Wirkung so stark macht (denn auf mich wirkte er stärker als viele andere Berichte). Ich meine, es liegt an einigen gut gesetzten Botschaften. Zunächst einmal entziffert der Brief die Botschaft, die dem Flüchtling durch das Warten im Lager übermittelt wird. Sie lautet: „Wir wollen euch hier nicht. Und lasst euch bloß nicht einfallen, eure Familien nachzuholen.“ Die zweite Botschaft ist die, mit der Abbas (oder Kempkens im Namen von Abbas), der ausschließlich als besorgter Familienvater in Erscheinung tritt, antwortet. Da ist zunächst die erstaunte Frage: Warum habt ihr das nicht gleich gesagt? Und er ergänzt: „Wir Syrer sind keine Menschen, die sich aufdrängen.“ Tatsächlich hatte er diese Drehung gut vorbereitet mit der Erklärung, dass die Familie in Aleppo sich für Deutschland entschieden habe. Aus freier Sympathie! Was für eine Kühnheit! Kann er es wirklich so gedacht haben? Jedenfalls nimmt er mit dieser Behauptung das Heft des Handelns wieder an sich, setzt sich selbst nicht als ausschließlich bedürftig und hilfesuchend, sondern als seines Wertes sicheren Menschen. Nur von hier aus kann er dann auch versuchen, die Gastgeber mit Komplimenten bis hin zu einer „Sprache des Begehrens“ für sich einzunehmen. Schlägereien im Café in Aleppo, wenn jemand etwas gegen Frau Merkel sagt! Die Syrer schützen die deutsche Kanzlerin!

 

Aber das Lager sagt ihm ja, trotz aller in ihm versammelten Hilfsbereitschaft, etwas anderes. Es sagt: Wir sind die Geber, du bist der Nehmer. Wir haben viele Werte, die du haben willst. Ob du nebenbei auch noch einen Wert für uns hast, ob wir uns die Mühe machen, dich als „Bereicherung“ (ein in aller Regel völlig unreflektiert heraustrompetetes, im Grunde furchtbares Wort) anzusehen, entscheidet sich für uns nach Aktenlage, und erst, wenn überhaupt geklärt ist, ob du hier Schutzrecht genießt. So ist das in dieser Notlage. Es wissen auch alle. Wer in Not um Aufnahme ersucht, ist bedürftig. Wer etwas zu vergeben hat, ist mächtig. Um die andringenden Menschenmassen nicht mächtig werden zu lassen, müssen wir sie folglich im Sinne der Erhaltung  unserer Souveränität bedürftig lassen. Dieser Logik folgt das gesamte Asylverfahren – und das ist nicht einmal verwerflich, denn selbstverständlich dienen die geographischen Grenzen auch der Erhaltung eines Gewaltmonopols, das im Dienste eines klar umgrenzten und nur dadurch artikulationsfähigen Staatsvolkes steht und die einzelnen Mitglieder vor der möglichen Gewalt aller anderen schützt.

 

Es ist dennoch – und letztlich gerade im Sinne der Erhaltung unserer Souveränität – unklug, die Menschen zu lange im Wartestand zu lassen, wie dieser Brief eindrucksvoll zeigt. Dieser syrische Mann muss wirklich gehofft haben, hier willkommen zu sein und gleich zupacken zu können – sich also der Gastfreundschaft als würdig zu erweisen. Glauben wir das mal. Dann hat ihn die Verfügungsgewalt der Behörden zur völligen Untätigkeit und zur Unmündigkeit verurteilt. „Das Schlimmste an dem Camp hier ist, dass es uns entmündigt,“ schreibt er. „Wir dürfen in unseren Parzellen nicht einmal entscheiden, wie wir die Bettlaken aufhängen, um einen eigenen kleinen Bereich zu haben. Wir dürfen keinen Besuch empfangen, wir dürfen nicht selbst kochen. Wir sind erwachsene Männer!“

 

Dieses Selbstbewusstsein will er retten. Darum hat er sich zur Rückkehr in seine vom Krieg zerstörte Heimat entschlossen. Wenn seine Familie es ohne ihn hierher schaffte, würde er die Wartezeit vielleicht durchhalten. Aber ohne ihn schaffen sie es nicht. So kann er hier nicht länger warten. Schreibt er. Wie er den Rückweg konkret ausmalt – bis hin zur Frage, ob Schlauchboote wohl auch in die andere Richtung über das Mittelmeer fahren –  das tut richtig weh. Und  die ganze Zeit schwingt in dem Text die Hoffnung mit, wir könnten ihn doch noch aufhalten wollen. Wir könnten ein Interesse daran haben, jemanden wie ihn nicht abzuschrecken, sondern so schnell wie möglich in eine sinnvolle Beschäftigung zu bringen, damit er hier mit seiner Familie zur Entwicklung des Landes beiträgt. Tatsächlich zielt sicher eine Strategie des Briefes auf die skeptischen Pragmatiker unter uns, die durch neue Bürger ein demographisches Problem lösen wollen. Was weiß er vom Unterschied zwischen einem Einwanderungsgesetz, das gezielte Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte erlaubt, und dem Asylrecht, das wirklich dem Schutz von Bedürftigen dient, bis diese wieder in ihre Heimat zurückkehren können, das, mit anderen Worten, wirklich ausdrücklich auf eine Wartezeit ausgelegt ist, die endlich sein soll?

 

Und gerade indem er diese rechtlich und politisch durchaus bedeutsamen Feinheiten, die im wohlverstandenen Eigeninteresse eines jeden Staates diskutiert werden dürfen und müssen, ignoriert, doch einen Punkt: Er macht uns klar, dass durch dieses Lagersystem die Besten, die erwachsensten, die verantwortlichsten, die, die wir hier womöglich wirklich brauchen könnten, uns trotz ihrer verzweifelten Lage frustriert den Rücken kehren werden. Während sich diejenigen, die weniger fein empfinden, weniger stolz sind und weniger darauf bedacht, für ihre Familien etwas aufzubauen, vermutlich nicht nur mit den Schlepperbanden besser arrangieren, sondern generell schneller Anschluss an die Kreise hier finden dürften, die wir nicht so sehr gern sehen, aber schon seit Jahrzehnten als „Parallelgesellschaften“ und „kriminelle Clans“ im Lande haben. Das sagt er freilich nicht ausdrücklich. Damit würde er nämlich die ganz Blauäugigen unter seinen Unterstützern gegen sich aufbringen.

 

Was tun?

 

Ein kurioser (und die Unterschiede zwischen Einwanderungsgesetz und Asylrecht ebenso wie die Gewaltfrage völlig ignorierender) Vorschlag zur Lösung des Problems kommt neuerdings von Ulrike Guérot und Robert Menasse. In einem Interview im Deutschlandfunk[6] erklärte Guérot, es wäre doch eine gute Idee, wenn die Geflüchteten wie seinerzeit die europäischen Emigranten in Amerika ihre eigenen Städte bauen. Aleppo in Brandenburg, so ähnlich wie New York am Hudson Bay. „Wenn Sie ein Flüchtlingscamp bauen und die Leute darin alleine lassen, dann wandelt sich das innerhalb von sechs Monaten in ein Camp [ich nehme an, hier hat sie sich versprochen und meinte ‚eine Stadt’], und zwar von ganz alleine, weil die Menschen einfach wieder die Soziokultur ihrer Stadt abbilden.“ Ich muss zugeben, ich habe selbst mal so gedacht. Als die Zahlen noch überschaubar schienen, als der deutsche Volkszorn noch nicht so hochgekocht war, als ich noch den Eindruck hatte, es gäbe eine europäische Anstrengung in der Sache und außerdem eine ernsthafte Nahostpolitik, die den Namen verdient, als ich noch nicht so viel über die kriminellen Parallelgesellschaften in meiner unmittelbaren Nachbarschaft im Schöneberger Norden von Berlin wusste. Der Volkszorn allein hat mich nicht davon abgebracht, und auch nicht die mich selbst abstoßenden marodierenden Horden in meiner Berliner Straße. Ich habe in dieser Hinsicht die Unterscheidung zwischen Kriminellen und Nichtkriminellen immer für völlig ausreichend gehalten. Ich habe es nur, gewissermaßen zur Vorbeugung gegen rechtsradikale deutsche und gegen Kriminalität von ebenfalls faschistischen oder faschistoiden oder nur kleinkriminellen Migranten, für klüger gehalten, gedacht, sie nicht zu lange in Lagern in Untätigkeit zu halten, sondern ihnen schnell die Möglichkeit zum Lernen und Arbeiten und zum Aufbau kultivierter Identitäten neben anderen zu geben. Ich dachte, irgendwann würde man eben „zum Syrer“ zum Arzt oder zum Friseur gehen wie heute schon in den Stadtteilen, in denen es mit der Integration recht zwanglos geklappt zu haben scheint. Und sie würden von hier aus dazu beitragen, dass auch in ihren Heimatländern der Aufbau besser klappt, wenn die jeweiligen Warlords in einer Art Westfälischen Friedens für den Nahen Osten leidlich befriedet sind.

 

Heute denke ich nicht mehr so. Ich glaube immer noch, dass wir sehr hölzerne Vorstellungen von Integration haben – die eine erfrischende neue Sicht der Dinge gebrauchen könnten. Ich finde es immer noch absolut irre, den Zusammenprall der Welten durch Lagerbildung – gar durch die Verwandlung solcher Lager in Dauereinrichtungen – organisieren zu wollen. Und ich finde es immer noch unsäglich, auf die Not geflüchteter Menschen mit fremdenfeindlichen Ressentiments zu antworten. Ich glaube aber nicht, dass wir, wenn wir unsere eigene Ordnung (das von Guérot und Menasse für viel zu selbstverständlich gehaltene „gemeinsame Rechtsdach“) noch lange erhalten können, wenn wir einfach die Grenzen weit öffnen. Unsere Stärke können wir nicht mit anderen teilen, indem wir sie völlig preisgeben. Sondern für unsere Stärke gilt im großen Stil dasselbe wie für die Ichstärke der einzelnen Menschen: sie ist nur zu erhalten und produktiv zu machen, wenn sie ein Minimum an Abgrenzung und gewachsener Identität gewährleistet. Wo wir das preisgeben, leisten wir der Verwandlung der ganzen Welt in ein großes Bürgerkriegsgebiet mit angrenzenden Flüchtlingslagern Vorschub – anstatt ihr entgegen zu arbeiten, solange wir dazu noch die Ressourcen haben.

 

Was nicht erst der Brief von Abbas und Kempkens offenbart, ist doch, dass in den Ländern, aus denen Menschen zu uns fliehen, völlig falsche Vorstellungen darüber herrschen, was sie hier erwartet. Während zugleich in unseren dafür zuständigen Politik-Abteilungen eine gewaltige Ratlosigkeit darüber vorherrscht, wie mit den Umbrüchen im Nahen Osten außenpolitisch umgegangen werden kann. Und mir scheint, es ist Zeit, darüber anders zu kommunizieren als entlang der Gesinnungsgrenzen, die unsere behäbige Meinungsordnung vorzuschreiben scheint.

 

Aktivität statt Agonie fördern

 

Die Fragestellung dieser „Camp“-Nummer bietet einen willkommenen Anlass, auf einige elementare menschliche Probleme, die mit der Flüchtlingskrise ans öffentliche Bewusstsein gespült werden, noch einmal anders zu reflektieren. Indem sie die Aufmerksamkeit darauf lenkt, was das Lagerleben mit den einzelnen Betroffenen auf allen Seiten macht, wie sehr es die kulturschaffenden und kulturerhaltenden Fakultäten in den Menschen beschädigt, öffnet sie zugleich den Blick dafür, welche Maxime unser Verhalten zu den Flüchtlingen und auch bereits zu den Ländern, aus denen sie kommen, leiten muss:

 

Wir müssen für sie und für uns in einem noch ganz anderen als dem öffentlich stets beschworenen Sinne Zeit zurück gewinnen: aktive Zeit. Ein Bewusstsein von Zeit. Ein Bewusstsein davon, dass man in der Zeit etwas tun und die Zeit für etwas nutzen kann. Das klingt nach einer sehr abstrakten Maxime. Aber wenn man sie in allen möglichen Detailüberlegungen einsetzt, wird man bemerken, dass sie ganz andere Perspektiven eröffnet als sie dem Denken in Kategorien vom Lostreten, vom Verschieben und vom Verhindern von massenhaften Migrationsbewegungen in den panischen Sinn kommen. Es zeigt sich, dass sie auch den im besten Fall albernen Debatten über „Grenzen schließen“ oder „alle Grenzen Abschaffen“ den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Sie könnte uns dazu ermuntern, die Probleme richtiger einzuschätzen und die Kraft der Migrationsbewegungen produktiv zu nutzen: eingedenk der Vergangenheit, planvoll in der Gegenwart und mit Sinn für eine bessere Zukunft.

 

 
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[1] Soma Morgenstern, Flucht in Frankreich, Lünebrug 1998, S. 289.

[2] http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/toll.asp

[3] Audierne – nahe Quimper und Finistére am Atlantischen Ozean gelegen – war in den Räumen einer alten Fischkonservenfabrik untergebracht und nur die dritte Station von Morgensterns französischem Lagerleben. Zuvor war er im Stade de Colombes und im Stade Buffalo interniert gewesen. Das waren Sport-Stadien, die zu Internierungslagern umfunktioniert worden waren (und heute wieder als Sportstadien in Betrieb sind). Interniert wurden politische Flüchtlinge, Ausländer, Juden, Sozialisten und Faschisten, einfache Menschen und Intellektuelle. Sie alle fürchteten die Grobheiten der französischen Wachleute, aber noch viel mehr fürchteten sie (abgesehen von den wenigen wirklichen Nazis, die auch interniert waren und gläubig auf „Befreiung“ durch die Deutschen hofften) den Vormarsch der deutschen Wehrmacht und die Übergabe der Lager an die Deutschen. Vgl. dazu ausführlich das vorzüglich recherchierte „Nachwort des Herausgebers“, a. a. O., S. 365-431.

 

[4] https://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2016/02/vorwuerfe-gegen-security-tempelhof-hangars.html

[5] „Allah entscheidet, wann der Tod kommt. Aber wenn er kommt, sollten wir bei unseren Familien sein“. ZEIT Nr. 9, 18.2.2016, S. 54.

[6] http://www.deutschlandfunk.de/integration-lassen-wir-fluechtlinge-eigene-staedte-nachbauen.694.de.html?dram:article_id=346590
 

 

 

 

 

 

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VITA

 

Dr. phil. Gesine Palmer ist Gründerin und Inhaberin des Büro für besondere Texte in Berlin Schöneberg.

 

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– Ethik- und Kommunikationsberatung

– VorträgeRadiobeiträge, Essays http://www.gesine-palmer.de/buero-fuer-besondere-texte/analyse.html

– Analysen, Redenberatung, Moderationen

– Trauerreden

 

Als freie Autorin arbeitet sie außerdem seit Jahren kontinuierlich an philosophischen und

literarischen Texten zu aktuellen und historischen Fragen. Vieles können Sie elektronisch und digital

oder in Buchform erleben. Von anderem haben Sie mehr, wenn Sie persönlich dabei sind.

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wollen oder an einer Lesung aus dem Werk interessiert sind, können Sie sich auf den folgenden

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Unter dem Menüpunkt Arbeiten und Publikationen können Sie sich immer über die neuesten

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für die ich sehr dankbar bin. So können die Beiträge fpr einen sehr geringen Obulus von E-Book-Usern

heruntergeladen werden. Sie sind damit immer noch leichter zugänglich als in Fachzeitschriften oder

Sammelbänden. Und sie bringen mir das Gefühl, dass ich nicht nur umsonst arbeite. Ich bin sicher,

das wird Ihnen gefallen. Sie sind noch nicht überzeugt? Dann hörenSie doch mal in das « Pilotprojekt »

hinein: « Gesundheitsdienst an Haus und Gatten » gibt es inzwischen als E-Short. Es war zuerst ein Beitrag

zu einem Essay-Wettbewerb. Dann zu einer Festschrift zur Emeritierung vonChristoph Türcke.

Und nun ist es mit der freundlichen Erlaubnis der Herausgeber der Festschrift eben mein erstes E-Short.

 

Sonstiges: Zusätzlich zum üblichen Menüpunkt CV gibt es ein short resume in English.

 

Ein Video mit GPs Beitrag zur Konferenz « Rosenzweig for Beginners » (Belgrad, Juni 2012) finden Sie

hier.

Von dort finden Sie auch weiter zu den anderen Beiträgen zu dieser Konferenz.

 

GP ist Mitglied der Redaktion von Ästhetik und Kommunikation und « Admin » der Redaktion

für Facebook. Über aktuelle Neuerscheinungen und Veranstaltungen können Sie sich also

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