Florian Sendtner

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

 

 

Wehe den Urhebern dieses Krieges!

 

 

Das Grauen, das die Vögel in Hitchcocks gleichnamigem Film verbreiten, gründet darauf, daß sie etwas tun, was sie realiter eben gerade nicht tun, jedenfalls in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nie getan haben: sie rotten sich zusammen und attackieren den Menschen, der sich trotz all seiner zivilisatorischen und technischen Raffinesse kaum dagegen zu wehren weiß. In Wirklichkeit sind speziell Krähen und andere Rabenvögel zwar ausgesprochen intelligent (wie zuletzt von Josef Reichholf und Cord Riechelmann vorgeführt), diese „rabenschwarze Intelligenz“ (Reichholf) geht aber in eine andere Richtung, als Hitchcocks Klassiker unterstellt. Die konzertierte Kriegsführung gegen den Menschen stellt die biologische Realität auf den Kopf. Es war immer nur der Mensch, der den Rabenvögeln den Krieg erklärt hat, regelrechte Massaker sind historisch verbürgt, etwa 1688 in London, und noch heute wird schon mal ein alter Stadtpark abgeholzt, nur um eine Saatkrähenkolonie zu vertreiben (so geschehen 2012 im bayerischen Erding).

Das Grauen geht nicht von den Krähen aus, sondern vom Menschen. Und diese Kriegserklärung hat angesichts des uralten Zusammenlebens zwischen Mensch und Rabenvogel etwas von einem Pogrom: da kündigt die eine Seite der anderen nach jahrtausendelanger guter Nachbarschaft die Freundschaft und sinnt auf Ausrottung. Genau das ist es, was „eine schlanke Dame“, die jeden Tag „mit einer umfangreichen Tüte unter dem Arm“ eine Krähenkolonie auf einem Friedhof füttert, in Katarina Botskys „Krähendämmerung“ erlebt. In der 1935 im „Simplicissimus“ erstmals veröffentlichten Erzählung stimmt einfach alles, angefangen von der Beschreibung der Krähen, die nicht nur „klug“ und „zutraulich“ sind, sondern auch ihre Wohltäterin erkennen und grüßen („sogar außerhalb des Friedhofs“) – die Fähigkeit von Rabenvögeln, menschliche Individuen zu erkennen bzw. zu unterscheiden, ist durch zahlreiche wissenschaftliche Experimente nachgewiesen – bis hin zur organisierten Wut, mit der die Krähenbrut schließlich von der alarmierten Feuerwehr mit der Wasserspritze aus den Nestern katapultiert und die Nester von der Leiter aus mit Beilen heruntergeschlagen werden. Die Perspektive wechselt dabei unmerklich von der krähenfreundlichen Dame zu den Krähen selbst, wobei dem Erzähler schon auch mal ein kleiner sentimentaler Ausrutscher passiert („fort von den Menschen, die ja doch grausam waren“) in seiner ansonsten sehr eindringlichen und dichten Beschreibung eines Geschehens, von dem normalerweise eine nüchterne Zeitungsmeldung berichtet.

„Die Krähendämmerung“ ist die Titelgeschichte einer von Martin Völker herausgegebenen Anthologie von dreizehn Erzählungen der unbekannten Königsberger Schriftstellerin Katarina Botsky (1880-1945), mit der diese „Ausnahmeerscheinung der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts“ (Völker) nun endgültig wieder aus dem Vergessen auftaucht (2012 war bereits eine erste Sammlung von Erzählungen unter dem Titel „In den Finsternissen“ erschienen). Ohne daß die sorgsam und liebevoll zusammengestellte und mit informativem Kommentar und ergiebigem Nachwort des Herausgebers versehene Edition (Elsinor Verlag) auf der gigantischen Ersten-Weltkriegs-Welle reitet, ist sie ein exzellenter Beitrag zum „Jubiläum“, denn viele Erzählungen kreisen um den 1914 vom Zaun gebrochenen Krieg – wenn sie nicht direkt im Auge des Orkans verortet sind. In dem im September 1914 im „Simplicissimus“ erschienenen Text „Krieg“ folgt auf die Mobilmachung, die eine Kleinstadt in Ostpreußen jäh überfällt, unmittelbar das apokalyptische Grauen der Schlacht, das ohne jede Stilisierung und Glorifizierung vor Augen geführt wird. 1915 und 1937 wird „Krieg“ erneut gedruckt, bezeichnenderweise ohne das emphatische Fanal am Ende: „Wehe den Urhebern dieses Krieges! Die Gefallenen werden sie des Nachts in ihren Träumen überfallen, und ihr Ringen mit ihnen, ihr Ringen mit Legionen blutiger Schemen wird gefährlicher sein als jedes auf Schlachtfeldern.“

Der Band bietet aber auch Texte von einer dunkel funkelnden Komik (etwa „Konkurs“), wie man sie von anderen expressionistischen Prosaautoren wie Alfred Döblin oder Carl Sternheim kennt. Wohl auch einer der Gründe, warum Katarina Botsky vergessen wurde: Satire, die über humoristisch-fromme Späße hinausgeht, wurde für eine „schriftstellernde Dame“ als wenig schicklich erachtet. Ob sich das hundert Jahre danach geändert hat, wird sich am Verkaufserfolg der „Krähendämmerung“ zeigen. Dem Berliner Literaturwissenschaftler Martin Völker, der gelegentlich auch gut besuchte Botsky-Lesungen veranstaltet, ist auf jeden Fall sehr dafür zu danken, daß er diese „sedimentierte Literatur“, die sich am Grund abgelagert hat und vom Lesepublikum wie von der Wissenschaft vergessen wurde, wieder gehoben hat. Katarina Botsky ist eine echte Entdeckung.

 

 

 

 

 

 

 
 

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Florian Sendtner ist U-Boot-Experte im Regensburger Donauhafen,

Landtagskorrespondent der Bayerischen Staatszeitung,

Übersetzer und Verfasser schöngeistiger Literatur, Biberbeauftragter für Ostbayern,

Spezialreporter der Papst- und Heimatpostille Mittelbayerische Zeitung,

Waldarbeiter bei der Lichtung, Mitglied des Sachverständigenrats für Froschkreuzigungen,

weißblauer Girlandendreher bei Konkret und Grabredenschreiber bei Titanic.

 

https://www.freitag.de/autoren/mollnitz82/katarina-botsky-kraehendaemmerung
http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/katarina-botsky/kraehendaemmerung
http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/katarina-botsky/martin-a-voelker/in-den-finsternissen

http://das-blaettchen.de/2014/07/ostpreussische-angst-29500.html
http://www.elsinor.de/4.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Katarina_Botsky

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