Eva Ruth Wemme

 

RUMÄNIEN FÜR SIE/LA ROUMANIE POUR VOUS

 

* Der Rumäne macht mit dem Touristen einen Spaziergang durch sein Land. Sie gehen auf einen Berg und schauen auf die schöne Landschaft. Der Rumäne zeigt auf seine Klöster und auf seine Pferde und bietet am Abend warme Krautwickel an. Dann renoviert er dem Touristen ein Hotel, pflanzt an seinen Sandstrand dreißig spanische Palmen und hofft, dass sie den Winter überleben. Der Rumäne kann saure Suppe kochen, Lieder singen und Jahreszahlen aus der rumänischen Geschichte aufsagen. Er kann mit dem Touristen auch am Samstagnachmittag in ein amerikanisches Fastfood-Restaurant gehen und in die Zukunft sehen. Der Tourist macht ein paar Schritte und das Land schaukelt unter ihm wie ein Floß.

 

* Der Tourist ist in Bukarest. Er fährt mit der Straßenbahn. Es ist eine alte Straßenbahn aus Deutschland. Ihre Fenster klappern. Die Leuchte ”Wagen hält » ist außer Betrieb. Er steigt aus und steht vor großen Gebäuden, und über die Stadt legen sich die Erinnerungsbilder vor seinem inneren Auge wie Folien. Auf den inneren Bildern sind große Gebäude aus anderen Ländern und anderen Städten zu sehen. Er vergleicht die Gebäude und auch den Wald aus Antennen über den Dächern von Bukarest mit den vor dem inneren Auge schwebenden Antennenwäldern Italiens. In seiner Reise nach Bukarest befinden sich seine früheren Reisen und seine Sonnenbrillen, sein Gesundheitsbewusstsein und seine Fremdsprachenkenntnisse. Er spaziert unter dem gelben Dach von Bukarest und geht dann in eine Konditorei. Dort kauft der Tourist zwei Gläser Joghurt und sieht zu, wie eine alte Frau ihre Gabel in eine Cremeschnitte sticht und die Cremeschnitte ihre Blätterteigflügel hebt, als würde sie gleich davon fliegen.

 

 

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Photographe : Valeriu Onciu. Automne

 

 
* Der Tourist geht an Straßenbahnschienen entlang, die im Asphalt versinken wie in einem Teig. Die Villen halten ihre gläsernen, wie Lampenschirme geschwungenen Vordächer über verwitterte Stufen. Auf die Straße ragt Efeu aus den Höfen und an jedem Tor wacht ein Hund von ihren Schritten auf und bellt. Die Hunde bellen einen Kanon aus den leeren Höfen und aus den Winkeln der Straße.
Der Tourist fotografiert. Einmal schreit ein Mann sie an: ”Sekuristen! » Helga und Eva stecken die Fotoapparate in ihre Taschen und schleichen leise durch Bukarest.

 

* Abends liegt der Tourist im Bett von Frau Sandus Töchtern, die beide aus dem Haus sind. Er liegt im Bett wie Frau Sandus Töchter und Frau Sandu beugt sich plötzlich über ihn und gibt ihm einen Gute-Nacht-Kuss. Und sie redet französisch. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, in der sie Französisch lernte und schöne Möbel hatte. Frau Sandu gießt billigen Likör ein und erinnert sich an teuren Likör. Sie geht in ihrem Haus herum und heizt die Öfen und erinnert sich an den Sommer und die großen Schmetterlinge in den Stockrosen. Frau Sandu geht in die Küche und kocht ölige weiße Bohnen. Der Tourist geht aus dem Haus und zieht das Tor hinter sich zu, damit der Hund nicht auf die Straße läuft. Er darf nicht auf die Straße, weil die Nachbarin ihn mit Fischköpfen füttern will. Die Fischköpfe liegen auf dem Trottoir und schimmern.
Der Tourist kauft einen teuren Likör und Frau Sandu füllt ihn in ihre gezahnten Gläser. Der Likör beißt.

 

* Ein Tourist ist nach Bukarest gefahren. Bukarest liegt in der Walachei und ist die größte Stadt Rumäniens. Auf diesem Platz sind viele Menschen erschossen worden. Dort steht ein Kreuz. Auch Michael Jackson weiß, dass hier geschossen wurde. Michael Jackson ist nach Bukarest gefahren. Er hat sich einen Blumenstrauß gekauft. Der Blumenstrauß ist groß. Er hat sich ausgedacht, dass er auf dem Platz aus seinem Auto steigt und sich mit dem Blumenstrauß vor dem Kreuz auf den Boden kniet. Die Rumänen beobachten das große Auto und das Kreuz und Michael Jackson. Sie haben etwas zu erzählen, wenn sie nach Hause kommen. Sie sagen, da hat ein Zigeuner mit einem Blumenstrauß gekniet.

 

* Heute Morgen fährt der Tourist mit dem Zug in die Berge. Vor dem Bahnhof ruft die Frau mit den Brezeln: ”Warme Brezeln » und die Brezeln sind kalt. Sie ruft immer diese zwei Wörter. Die zwei Wörter dampfen nicht an ihrem Mund, weil auch ihr Atem ausgekühlt ist. Der Tourist steigt in den Zug, er fährt los und der Bahnhof wird still. Das Dach aus Glas wird still und fängt Papier und Laub aus der Luft. Der Zug schaukelt und der Tourist legt den Kopf an die schmierigen Lehnen. Der Tourist schläft ein, der Zug ist der Frühzug und die Abteile sind voll mit müden Menschen. Die Hauptstadt hat aufgehört, die Häuser sind jetzt kleine Hütten und die Geschichten der Hütten sind kurz. Sie sind aus Wellblech und Pressspan. Es wird hell. Man sieht Öltürme und mit Lumpen umwickelte Leitungen. Die Leitungen sind mit schwarzem Mull verbundene Beine und Arme. Sie ragen aus den Dörfern. Sie stemmen sich in die Ortschaften mit den Kindern am Bahndamm. Die Kinder sehen den Zug und winken. Dann beginnen die Berge und der Fluss wird milchig vor Kälte. Es wird auch im Zug kalt, und die Fahrgäste ziehen sich Strickjacken über. Die Männer und Frauen aus der Stadt stehen an den Fenstern und atmen die Luft aus den Bergen.

 

 

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Photographe : Valeriu Onciu.

 

 
* Rumänien ist auch ein gefährliches Land. Der Rumäne ist gefährlich und kann einem sogar etwas unter dem schlafenden Kopf hervor rauben. Hinter jedem Gebüsch kann er mit einer bösen Absicht stehen. Dem Touristen wird geraten, seine Tasche gut festzuhalten. Der Tourist geht in der staubigen Stadt herum und senkt seinen touristischen Blick, um nicht aufzufallen. Er trägt sein Geld an verschiedenen Stellen direkt auf der Haut und lässt sich unter keinen Umständen aus der Hand lesen. Dort ist ein Gebüsch. Hinter dem Gebüsch steht der Rumäne und ist ein Exhibitionist. Der Tourist schaut erschrocken weg. Rumänien ist ein Land voller Rätsel. Der Tourist muss das Geheimnis lösen.

 

* In Rumänien gibt es in jedem Haus einen Fernseher, damit Dallas gesehen werden kann. Der Rumäne hat auch Ölquellen und betreibt Bankgeschäfte. Er baut sich eine Southfork Ranch und einen kleinen Eiffelturm daneben. Die Ranch ist ein Hotel, damit auch der Tourist Dallas erleben kann. Der Rumäne hat dem Touristen amerikanische Frösche in einen Teich gesetzt. Amerikanische Frösche sind sehr groß und laut. Der Tourist steigt bei Nacht auf den kleinen Eiffelturm. Er schaut durch die von den Scheinwerfern angezogenen Mückenschwärme in die Dunkelheit der walachischen Weite. Es ist heiß und er hat in dieser schlaflosen Nacht zum ersten Mal Heimweh.

 

* Mit einem Auto fährt der Tourist durch die rumänische Landschaft. Der europäische Lastwagenverkehr hat ihm eine breite Straße vorbereitet. Auf der breiten Straße fährt er durch die einsamen Dörfer. Er besichtigt die Gänse und fährt aus Versehen eine tot. Er besichtigt auch die Pferdewagen und fährt ein Pferd um, weil der Pferdewagen kein Rücklicht hat. Er besichtigt Leute, die sich betrunken an Fahrräder klammern und denen egal ist, dass auf die Dorfstraße mit den Gruben, in die sie früher hineingefallen sind, eine Asphaltstraße ausgebreitet worden ist. Der Tourist besichtigt auch ein Loch in einem Haus, in das ein Lastwagen hineingefahren ist. Er kann in die Küche sehen, in der eine Frau Maisbrei kocht. « Maisbrei explodiert nicht », sagt das rumänische Sprichwort und weist damit hin auf die Sanftmut des Rumänen bei allen erdenklichen Schicksalsschlägen.

 

* Rumäniens deutsche Gegenden sind beliebt bei dem Touristen. Er fährt nach Kronstadt und gleich weist ihm einer den Weg in seiner Muttersprache: « Da entlang, bitte ». Das kommt ihm heimatlich vor. Der Kirchplatz sieht aus, wie in einem alten deutschen Film. Dem Touristen geht ein Licht auf. Jetzt, im Ausland und im Urlaub, darf er gerührt sein, wenn er an die deutsche Kultur denkt. Er schreibt etwas ins Gästebuch und wirft sein Geld in die Opfersäule. Endlich darf er unschuldig um sein eigenes Brauchtum trauern, das verfällt und verschwindet.

 

* Der Tourist liebt in der Fremde das heimatliche Bild und, das hier und da mit einem Teller Sauerkraut und Würstchen aufgebrezelt ist. Er trägt den Teller an seinen Tisch und sieht sich um. Da ist auch Radu mit seinem landestypischen Namen und einer Flasche Pflaumenschnaps. Der Tourist muß auch einmal kosten und mit der schweren Zunge das schwere Wort für das Gebräu aussprechen. Tzuica. Er kauft Radu eine Flasche ab. Kaufen ist eine gute Möglichkeit, sich einem Land und seinen Menschen freundlich anzunähern. Da, sieh mal, wie Radus Frau einen Sack Paprika nach Hause trägt, um für den Winter einzukochen. Er wird Radu und seiner Frau eine Karte schicken, wenn er wieder daheim sind und sich erinnert.

 

 

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Photographe : Valeriu Onciu. Monter…

 

 
* In Simonas Gästehaus darf der Tourist das Brunnenwasser nur zum Waschen nehmen. Simona gibt ihm eine blaue Plastikschüssel und gelbe Seife. Im Herbst bin ich zum Brunnen gegangen, sagt sie, und im Wassereimer lag eine ertrunkene Ratte. Jetzt ist das Wasser vergiftet. Wir trinken aus dem Brunnen der Nachbarn. Der Tourist wäscht sich. Er schöpft kaltes Wasser aus dem Eimer und heißes Wasser aus dem Kessel auf dem Ofen. Das kalte Wasser ist still, das heiße Wasser dampft und ist weiß vom Kalk. Er mischt das weiße Wasser mit dem durchsichtigen. Simona gießt ihm das Wasser über den Kopf. Das Wasser fließt warm durch die Haare am Nacken.

 

* Der Tourist geht mit Simona zu einer Beerdigung. Frau Schuster ist 80 geworden und gestorben. Sie ist vom Dach gefallen, als sie dem Truthahn nachgestiegen ist. Der Truthahn heißt Fritzi und fliegt über die Dächer in die Nachbarhöfe. Simonas kleiner Sohn sieht sie auf dem Totenbett liegen. Man hat ihr das Kopftuch abgenommen und ihre Zöpfe sind zum ersten Mal zu sehen. Er hält einen Apfel an ihren Mund, von dem sie nicht abbeißt. Simona und der kleine Sohn sehen aus dem Küchenfenster über den Rand des Dorfes auf die Schlehenbüsche. Der Tourist sieht auch aus dem Fenster. Auf dem Weg ist ein dunkler Fleck, da gießt Simona jeden Tag den Eimer mit dem Schmutzwasser aus. Im Schmutzwasser ist auch der Kaffeesatz aus den leergetrunkenen Tassen. Der Kaffeesatz trocknet auf dem Weg und die Leute sagen: Simona hat wieder Gäste aus Deutschland.

 

* Es ist spät und der Zug fährt mit der stickigen Luft in den Abteilen zur Grenze. Der Tourist sitzt mit geschlossenen Augen und versucht, der Unterhaltung im Abteil zu folgen. Er hat von von dem Mann mit Hut ein Osterei bekommen, das ein Blättermuster trägt. Die Frau des Reisenden hat dafür Pimpernellenblätter, eine Damenstrumpfhose und rote Zwiebel verwendet. « Christus ist auferstanden », sagt der Reisende. « Er ist wahrhaftig auferstanden », sagt der Tourist. Eine Frau gibt einem Soldaten ihre Butterbrote. Der Soldat lehnt ab. Aber er muss sie nehmen. Er sieht aus dem Fenster. Enescu ist ein großer Komponist Rumäniens und Eminescu ein großer Dichter. Der Reisende summt eine Melodie und sagt: « Das ist die rumänische Rapsodie von Enescu. » Der Reisende sagt eine Gedichtstrophe auf: « Sei dieser Gruß mein Abschiedswort, heut, wo wir beide scheiden; ich nahm mir vor, dich immerfort zu meiden…“ Das ist Eminescu! Auf Wiedersehn Rumänien!

 

* Der Reisende zwinkert. Der Tourist fährt nach Hause.

 

 

INFO/FOTO :

Valeriu Onciu, jeune photographe/journaliste qui vit à Bucarest (Roumanie).
Valeriu Onciu. Junger Fotograf/Journalist. Er lebt in Bukarest.
http://valeriucostin.blogspot.com/

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