Eva Förster

Foto : Alexander Schippel

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Vom Weg ab

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Eltern und meinen Sohn

 

“Gefühle, die ihn  nicht bezwangen, traten erst gar nicht in Erscheinung. Sie gingen ihm entweder ans Leben oder an ihm vorbei.“

Thomas Hardy:  „Am grünen Rand der Welt“

 

 

 

 

 

 

 

Auszug

 

Immer wieder auf den Organismus Wohnung

der noch lebt und atmet, schwitzt und ärmlich schön ist.

Greif mir Montag mit viel Kraft die Möbel

Mittwoch die Maschinen,

zieh sie raus, die

Nerven, Sehnen, Muskeln

Stecker, Kabel, Stangen,

reiß am Schluss

mit letzter Kraft

das Hirn noch raus,

die Stifte und Papier.

So entbein und kränk ich sie,

die alte Bleibe

lass den Kummer dort

den Staub den Schweiß

den alten Lebenstraum

Entwurf, Entwurf, Entwurf,

und schau nach vorn

ins Leere, Helle, Leise.

 

 

 

 

 

 

 

Kindheit auf dem Dorf I

 

Anett, die Kinderfreundin auf dem Land,

und ich, wir spielen häufig in

der Loggia, diesem Unraum ihres

großen, feuchten Hauses,

denn dort liegen unsre Puppen

riecht es auch nach alten Daunendecken,

mürben Eierplätzchen

und es liegt ein Rattenkönig da

aus Bändern in verwaschnen Farben,

daran Schlüssel, rostig.

Einst erschoss sich einer hier am Weiher

Anetts Vater wars oder auch nicht.

Die Dahlien schreien fest den Himmel an

das Geißblatt traut sich kaum zu ranken

und der Bruder meiner großen Freundin

war im Kornfeld und fand eine Ratte

schleudert sie am Schwanz herum,

während Violett, die größte Schwester

mit ganz weißen Armen in die alte Wanne

greift aus Zink und mir die Egel auch und

kleine Frösche zeigt.

Die Nachbarin, sie hats vollbracht,

der Hahn, geköpft, rennt seiner Wege

schlaff hängt sein roter Kamm vom Hackklotz.

Die Abendsonne macht den Mais

ganz heiß vom eigenen Geruch

am nächsten Tag

da warten wieder die verbeulten Räder

und wir fahren an den See,

der Grund wird voll von Karpfen sein und Aalen.

 

 

 

 

 

 

 

Kindheit auf dem Dorf II

 

Ein Lindenblatt kommt von

der Kirche her geflogen

legt sich auf den heißen Teer

und liegt noch heute da.

 

 

 

 

 

 

 

Kindheit auf dem Dorf III

 

Ich trat, dem Samstagsunterricht entkommen, ins kleine Zimmer, das grün dunkelte.

Ich öffnete den Fensterladen, der weit aufsprang  –

Fliederduft verband sich mit dem Moderduft des alten Hauses.

Die Uhr, die nahm ich ab um die Erinnerung an Pflicht zu tilgen;

das Zifferblatt nach unten, auf dem Schleiflacktischchen lag sie.

Ich nahm ein Kleid und zog es an und kniete mich auf Erbsen nieder, ungekochten,

um zu büßen.

Dann kam sie.

Alice schüttelte Medusenlocken, sang mir Per Elisa, trotzig, Schmollmund, Stimmenwut, ließ Schönheit regnen auf das blasse, blonde Ding aus Angst und Sehnen.

Ein Gewitter streifte schon den Nussbaum, die Straßen waren staubig, bis die ersten Tropfen fielen und es roch nach etwas, das der Liebe ähnlich war.

 

 

 

 

 

 

Mein Fremder

 

Graue Häuser

überschmal

und hoch,

gebaut auf schrundem Stein.

 

Ich suche meinen dicken

Bruder oder Freund

und treffe einen,

der mir schaudernd sagt,

 

der ungeheure Koloss liebe alle:

Mann Frau

Frau und Mann und Mann

sowie all jenes was dazwischen ist.

 

Im Steindickicht

möcht ich verloren sein,

dort wo er lebt,

herrscht Anthrazit, er ist der Herr der Panzer.

 

 

Chant Parisien

 

 

Nur weil mein Bruder oder Freund

so rosarotes Fleisch hat,

lebt die Szenerie,

ich trete ein.

 

Er sitzt

im Kreise seiner Lieben:

die Dichterin ist dort, der Andere

der Tänzer und ein Tunichtgut.

 

Ich frage mich

ob ich das will

des Baals nicht Einzge sein

und leben wie der Gott uns schuf.

 

Dann, bleich, verzieh

ich mich,

die grauen Wände

werfen hin und her

 

sich fremde Lacher zu

mir nach

aus einem einzig

offnen Fenster.

 

 

 

 

 

 

 

Bindungen

 

Heute fiel Narziss in seinen Spiegel,

kalt ist es und nass,

dort wo er ist,

und seine Mutter treibt heran,

die blonde, sanfte,

wenn sie könnte,

schaute sie verzweifelt.

An ihre Haut da schmiegt sich Froschlaich,

Wasserläufer turnen auf der Nase.

Der Vater, Rumpelstilz,

er springt am Ufer auf und ab

es brennt, er brennt, die Lunten überall

die heilge Wut

sie hat ihn übermannt

denn nun ist er allein.

Ihm schauen nur die Augen

all der Füchse zu

die sitzen still mit ihren Läufen

in den Fallen

und die Hauben strahlendschöner Pilze

leuchten ohne Mitleid.

 

 

 

 

 

 

 

Neue Heimat – Winter

 

Buddhaschwer sitzt sie auf ihrem Sofa

bei jedem Atemzug bewegen sich die Massen

rollen auf und ab wie Wellen an den Strand

sie kann die Kinder kaum begleiten,

jeder Gang fällt schwer.

Kinder machen könnt ihr und sonst nix

das hat der Fahrer dieses Busses

heut gesagt, Hartzvierschlampe noch angefügt

und hat doch nicht gewusst, wie ihr die Liebe gut tut,

wie ihr Neuer losmacht

streichen, bauen, Schrank, Regal, das tat

der junge Tischler,  fünfundzwanzig Jahr

und auch in Lohn und Brot.

Meingott, ich sag dir doch, ich hatte nicht gedacht

dass Kinder echt so stressen können,

wollte mehr vom Leben –

ich doch auch hat sie gesagt

und draußen vor dem Haus schlich dann ein alter Golf davon

auf leisen Rädern, lag doch tiefer Schnee,

bedeckte alles, Schmutz im Schnittgerinne

Flaschen, Hundekot und Zigaretten.

Die Bäume stehen weiß bis auf die Stämme,

die Vögel groß und schwarz,

mit ihren Krallen Mustermaler ohne Konkurrenz.

Es war so still und weiß wie ewiglanges Krankenlager

die Menschen trugen ihre dicken Jacken,

trotteten herum mit dieser vielen Zeit

die hier geduldig auf sie wartet.

Warm ist es im Netto,

still lockt der Ponyautomat

kein Kind hier hat das Pony sich bewegen sehen.

 

 

 

 

 

 

 

Neue Heimat – Sommer

 

Buddhaschwer sitzt sie auf ihrem Sofa

bei jedem Atemzug bewegen sich die Massen

rollen auf und ab wie Wellen an den Strand

sie kann die Kinder kaum begleiten,

jeder Gang fällt schwer.

Kinder machen könnt ihr und sonst nix

das hat der Fahrer dieses Busses

heut gesagt, Hartzvierschlampe noch angefügt

und hat doch nicht gewusst, wie ihr die Liebe gut tut,

wie ihr Neuer losmacht

Streichen, bauen, Schrank, Regal, das tat

der junge Tischler,  fünfundzwanzig Jahr

und auch in Lohn und Brot.

Meingott, ich sag dir doch, ich hatte nicht gedacht

dass Kinder echt so stressen können,

wollte mehr vom Leben –

ich doch auch hat sie gesagt

und draußen vor dem Haus schlich dann ein alter Golf davon

es stinkt der Müll im Schnittgerinne

es ist zu warm für Straßenkehrer

heiße Wege, Autodächer strömen Fieber aus,

das süße Lindensperma klebt

sehr lüstern auf dem Lack und auf den Scheiben

Kinder lachen Hunde bellen Roller hoppeln

auf dem Kopfsteinpflaster und

die Straße ist fast dörflich schmal –

das Unkraut sieht gar Land zwischen den Steinen

die großen schwarzen Krähen teilen sich

das Feld mit Spatzen und mit Tauben

Himmel hoch ein Flugzeug drauf

und Deutschlandfahnen

Fahnen aus den Mündern dürrer Männer

die um acht schon in dem Netto stehen

und böse sagen: komm, beeil dich, Mädchen,

Kartenzahlung dauert uns zu lang

und auf dem Laufband liegt ein Sixpack Bier –

sie habens eilig, dennoch ist

die Wartezeit ihr Freund

und auch des starren, buntgelackten Ponys.

Kein Kind hier hat es sich bewegen sehen.

 

 

 

 

 

 

 

Picknick am Wannsee

 

 

 

Bürgergesang

 

Ich bin ein Mann

ein Ehemann und guter Arzt

bin groß und schlank,

so schlank, dass es beim Zusehn weh tut

bin perfekt und sollte etwas, ein Gramm Fett

mich zu entstelln versuchen,

lauf ich los, ich lauf und lauf und lauf

werd wieder ich: der Richard

oder auch der Manfred.

Perfektion tut auch ein wenig weh

wie das, was immer wieder kommt

von selbst, durch mich, durch meinen eignen Arm.

 

Ich halte mein Geschlecht in meiner Hand

es ist so warm und samtig

und sieht gerade aus wie so ein Spatz,

der aus dem Nest gefallen ist,

bläulich, rot und auch ein bisschen braun.

Doch – wenn er singt!

Wenn er erst singt,

gedopt vom Duft der Lilien

und der ersten Sonne

wie er sich aufregt, aufreckt, richtet

in der schönsten Langsamkeit, erblüht

 

und spuckt –

verfällt und

hinlegt sich,

so samtig  klein

ein bisschen braun und blau und rot.

 

 

 

 

 

 

 

Cupido, weiblich

 

Sie schießt den Pfeil mir

in den Arm

der Ärmel blutet voll

aus weiß wird rot

und sie, sie kommt

heran und lacht mich aus

das süße Kind

mit brauner Haut

in grünen Ärmeln

aus verblichnem Samt,

sie lacht, erklärt mir:

heut trink ich dich leer

dann werfe ich dich weg,

wie den Pokal

der nichts mehr nützt.

Du brauchst den Heiler nicht,

es ist das Ende.

 

 

 

 

 

 

 

Prophezeiung 2008

Für Amy Winehouse

 

Soulröhre, Diva

nennen sie dich,

gedankenlos, und

lichten dich ab

deine Pickel

Wunden

Zahnlücken

deine Verzweiflung

besoffenes Heulen

Lallen Stolpern

immer weiter

immer weiter,

bald hast Du ihn

den Fluss zum Hades

überquert

in Bausch und Bogen

mit Crack und Sperma

im zarten Leib

Engel auf Koks

man riechts beim

dich anschaun

du hast dich lange

nicht gewaschen,

nach drei Drinks

ist dir inzwischen schlecht

aber der Schnaps

hat doch immer geholfen

The show must go on

und dann die Titel

auf den Zeitungen –

Du singst. Du kannst es.

Andere hatten es doch

viel viel

schlechter, Amy

sicher Daddy

doch die Leere ist zu groß.

Nur der

geile

fette

Tod

kann mich ganz füllen.

 

 

 

 

 

 

 

Musik

 

Als ich gesungen habe

hatte ich die Stimme eines Kindes

und wurde jung

sehr fest im Fleisch

wie eine halbgeschlossne Hyazinthe.

 

 

 

Die Sängerin Barbara

 

 

 

Barbara

 

Wie der Trauerfalter

der zum letzten Mal die Flügel schließt

senkst du die Lider

wanderst in die große Stille.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar nützliche Daten

 

Alice (*1954), italienische Popsängerin. Per Elisa war einer ihrer Erfolgstitel.

Amy Winehouse (1983 – 2011), britische Sängerin, das Gedicht schrieb ich kurz nach Erscheinen des Songes Rehab und habe es nach ihrem Tod überarbeitet.

Barbara (19301997), französische Chanson-Sängerin und –Komponistin.

 

 

 

 

 

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Vita

 

1968 in Berlin/Prenzlauer Berg geboren

 

1986 Abitur

 

1986 – 88 Arbeit am Berliner Ensemble (u.a. Dokumentation „Untergang des Egoisten Fatzer“ von B. Brecht, Brecht-Zentrum)

 

1988 – 95 Studium der Theaterwissenschaft und Romanistik in Berlin und Paris (1990)

und Assistenz bei Joachim Herz an der Semperoper Dresden

seit 1995: Autorin für Hörfunk und Zeitung, auch: Theaterdramaturgie, Programmhefte, Öffentlichkeitsarbeit

 

2000 Geburt des Sohnes

Einladung zum Autorinnenforum Berlin-Rheinsberg September 2004

3. Preis in der Kategorie Deutsche Sprache bei: Féile Filíochta/International Poetry Competition

Januar/Februar 2007/8 Schreibwerkstatt in Leipzig (Schreibwerkstatt Radio, Medienstiftung der Sparkasse Leipzig, Mitteldeutscher Rundfunk)

 

2009 Erster Lyrikband „Weit Gehen“ im Verlag Hans Schiler Berlin erschienen

Lesungen im Buchhändlerkeller in Charlottenburg, in der Dannenwalder Kirche am Weg, im Kulturhaus Mitte etc.

2011 Gedichtauswahl in deutscher und arabischer Sprache im Sammelband „dOrt“, Gedichte, von Fouad el-Auwad und Lesung in Bonn

 

2012  Zweiter Lyrikband „Vom Weg ab“ im Verlag Hans Schiler erschienen

 

Regelmäßige Arbeit im Hörfunk (Features, Essais), ein Stundenhörspiel: „Die zweite Frau“ (MDR)

 

In Arbeit: der dritte Lyrikband, geplant: weitere Lesungen

 

 

www.eva-foerster.de

 

 

 

 

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