Esther Andradi

 

 

(Argentinien- Deutschland)

 

 

 

Auszüge aus

Berlin es un cuento

 (Übersetzung Renate Kroll)

 

Von Verrückten und Papageien

 

 

Sie staunte über die Architektur der Stadtviertel, die dichten Plätze und Bäume, die gedrungene und schöne Gestalt der alten Gebäude. Die Potsdamer Straße war ihr Viertel geworden, ihr Kiez, wie die Berliner sagen. – Man spricht es Kiiz aus -. Gar nicht schlecht  für den Anfang . Früher gehörte die Potsdamer Straße zu den herausgeputzten der Stadt. Jetzt teilte die Mauer deren ursprünglichen Verlauf, der einst zum Nabel Altberlins geführt hatte; und was von ihr übrig geblieben war, glich einem vom Rumpf amputierten Glied. Nichtsdestotrotz vertuschte sie diese Verstümmelungen luxuriös. Es gab Banken, Medien und Bordelle  Und genauso wie die Bank-, Scheck- und Zeitungsdepots bot der Markt auch Frauen für jeden Geschmack: Den Oberkörper mit schwarzem Leder bedeckt, die Stiefel ebenfalls aus Leder, und eine Peitsche zwischen den Zähnen. Andere wieder mit weit ausgestellten bunten Röcken aus Tüll, blonder Mähne und verfilzten Locken, Damen in maßgeschneiderten Kostümen in allen möglichen Grautönen, Seidenblusen und Perlenketten, robuste Frauen im Morgenrock und Gummilatschen, meist mit Plastiktüten in der Hand, als kämen sie gerade vom Einkaufen. Jede einzelne hatte ihre Kundschaft. Eine Halle an der Ecke mit Fenstern aus rotem, blauem, schwarzem und violettem Glas verkaufte Illusionen aus Fleisch, Plastik und Zelluloid. „Erster Sex-Supermarkt der Stadt“, versprach ein Schild. Pornofilme. Nur Mut und herein! Reizwäsche, Vibratoren in allen Größen, für alle Wünsche und Bedürfnisse. Peepshows.

 

Ein Geschäftsmann mit seinem Aktenkoffer..

Männer in allen möglichen Grauvariationen in Touristenkleidung.

Eine Frau mit Afrolook und Sonnenbrille mit weißem Rand.

Ein Mann, der sich als Frau verkleidete, die sich als Mann verkleidete.

Ein junger Student.

Halbwüchsige in Jeans und Sandalen.

Eine Greisin wie aus einem Märchen von Perrault.

Eine Blondine, bis zu den Knien in roten Satin eingehüllt mit silbernen Stöckelschuhen.

Ein Rentner am Stock mit einem Dackel. Kein Zutritt für Tiere. Hunde müssen draußen bleiben!

Ein Blonder mit Schal und offener Mähne, in Jägerstiefeln.

Ein frisch vermähltes Paar in Brautkleid und Frack.

Ein kräftiger Kerl mit dunklen Haaren und ein viel kleinerer Mann mit Bauch, Händchen haltend, mit schwarzen Sonnenbrillen.

All diese Sies und Ers gingen im Halbstundentakt in diesem Etablissement mit den bunten Fenstern ein und aus, dem ersten Sex-Supermarkt der Stadt in der Potsdamer Straße. Ab fünf Uhr morgens durchgehend geöffnet. Mimi, Zarahs Lebensgefährtin und Mitbewohnerin von Bety, studierte Grafikdesign und arbeitete stundenweise in einer Peepshow. Sich vor den Kabinen ausziehen, mit der Geilheit und Begierde der voyeuristischen Augen spielen, zwei Mark für einen schnellen Wichs. Sie sprach von ihrem Job, ihrem Stress und dem Geschäft, wie ein Seifenverkäufer. Mit Präzision, Enthusiasmus und Wehmut zugleich; mit dem Wunsch eines Tages eine Familie zu gründen, vielleicht ein Kind zu haben; oder noch besser eine oder mehrere Katzen, die Ferien zu nutzen, um Museen, Katakomben und Kunsthandwerksmärkte in fremden Städten zu besuchen. Ob sie das nicht störte, dieses ständige Sich-Ausziehen und Onanieren, für Leute, die sie durch ein Loch angafften?

 

„Warum? Es ist nichts anderes als beim Radio zu arbeiten.“, sagte sie. „Du redest und redest, kommentierst und schwätz, bloß vor einem Mikrofon, und wenn du deine Sache gut machst, macht dir der Job sogar Spaß, und du hast das Gefühl, etwas zu dieser Welt beigetragen zu haben. In einer Peepshow zu arbeiten, ist ähnlich, bloß, dass man dich dabei beobachtet. Und man bezahlt dich dafür, dass du es machst, nicht wie bei dir zu Hause, oder?“

 

Zarah stimmte zu. Die Arbeit ihrer Freundin schien sie beide zu amüsieren, als sie durch die Unterwäscheabteilungen der Kaufhäuser liefen, ein paar Strumpfbänder am Körper versteckten und sich Einiges für eine vergnügliche Nacht kauften. Zarah studierte BWL und fühlte sich imstande, alles verkaufen zu können. Literatur inbegriffen. Gerade erst hatte sie erfahren, dass Bety schrieb, da durchlöcherte Zarah sie auch schon mit Fragen.

 

„Einen Roman?“, “Über Berlin?“, „Einen Krimi?“, „Einen Politthriller?“, „Einen über Spionage?“

„Einen Liebesroman…“

„Über Liebe…?“

„Ja, über Liebe und Anarchie.“

„Echt? Mach keine Witze! In der heutigen Zeit? Sicher einen Roman über Exil, Guerilla, magischen Realismus…“

„Es ist weder ein politischer Roman… noch hat er etwas mit magischem Realismus zu tun.“

„Aber womit denn?“

„ Es ist eine Abenteuergeschichte. Mit drei Frauen in der Hauptrolle, eine Dicke, eine Gelähmte und eine Alte.“

„Ist  keine Schöne dabei?“

„Doch, alle Drei sind schön.“

„Guuut…..schon möglich….aber nicht im herkömmlichen Sinne.“

„Genauso ist es. Ich schreibe keinen Roman im herkömmlichen Sinne. “

„Um Gottes willen! Gibt es denn keine Federn mehr, die schreiben, was uns gefällt?“

„Die Federn sind verweht!“, grummelte Bety schlechtgelaunt und zog sich auf ihr Zimmer zurück, womit das Gespräch beendet war.

 

Seitdem bohrte Zarah jedes Mal nach, wenn sie sich beim Frühstück begegneten: „Und…? Wie läuft es mit dem Roman?“

 

Die meisten Gebäude waren Altbauten, vierstöckig mit hohen Decken. Wo man in ihrer Heimat mehrere turmartige Komplexe für zweitausend Einwohner errichtet hätte, hatten die Berliner ein, maximal zwei Gebäude hingebaut; der freie Platz zwischen all dem Beton hatte allmählich Gestalt angenommen. Der Hinterhof, hier Hof genannt, – das H gehaucht wie das andalusische J und immer großgeschrieben, weil es ein Substantiv ist – war der Ort, an dem alle Wege zusammenkamen, sich aber nicht trennten. Erster Weg: Zu den Mülltonnen. Dort fand Bety Tag für Tag alles Nötige zum Leben. Kissen und Schuhe, Hüte, Stühle, Tische, Teppiche, Bücher.

 

„Wir bräuchten eine Schlafcouch“, sagte sie zu sich selbst, als sie davon träumte, wie es wohl wäre, mit Jan zusammen zu leben. Sie brauchte nur den Kopf zu drehen, und da stand sie auch schon. Eigenwillig, weit ausladend, einladend, ein Bettsessel in blau, mit orangefarbenen Streifen. Zwar nichts Besonders, sogar ziemlich hässlich, wenn man nach der Ästhetik ging, aber das war es, was sie sich gewünscht hatte. Seitdem, egal an was sie dachte, es tauchte im Müll auf. Zweiter Weg: Der Gang in den Keller, wo die Kohlen waren, unendliche und langwierige Argumente des Winters, dreihundert Tage im Jahr. Dritter Weg: Der Gang der Mitbewohner des Hinterhauses zum Vorderhaus. Blicke, Stimmen, Grußworte und Stille. Der Ort, an dem sich die Briefkästen befanden und an dem Bety auf irgendeine Rettung wartete, einen Brief, einen Scheck, ein Einschreiben, eine Bestätigung, irgendetwas das ihrem Leben wieder einen Sinn geben könnte, jetzt da sie die Liebe gewählt und er sie verlassen hatte. Kein Schiff, kein Land in Sicht. Ein Brief, irgendein Brief, der sie hier herausholen würde. Häuser mit einem, zwei, drei Hinterhöfen.

 

„Stell dir vor, dass du hineingegangen bist und nicht mehr herauskommen kannst…Was wäre wenn die Hinterhöfe sich vermehren würden, noch während du sie durchquerst, wie eine Krebszelle, die gegen jeden chirurgischen Eingriff resistent ist. Und je mehr man sie verstümmelt, desto mehr wächst sie.“

„Stell dir das einmal vor“, hatte Martin zu ihr gesagt.

 

…………………………….

 

 

 

In jenem Hof hörte sie sie zum ersten Mal herumschreien. Die obszönen Beleidigungen waren an alle Nachbarn gerichtet, an die aus dem vierten und fünften Stock, die aus dem dritten Stock und die aus dem Erdgeschoss.

 

– He, ich spreche mit dem Idioten der da unten schläft…! – schrie sie, während sie mit einem Nudelholz gegen den Fensterrahmen schlug.

– Ihr Schwachköpfe, Zwerge, Spinner, Hurensöhne, Betrüger, Diebe, Mafiosi!

 

Die Tage wurden immer kürzer, der Winter hielt Einzug, es war kalt und sie brüllte bei offenem Fenster. Die Schreie prallten im Hof ab, aber niemand antwortete. Normalerweise ging sie egal zu welcher Zeit laut polternd die Treppe hinunter, vorzugsweise jedoch um Mitternacht herum.

 

Sie sah sie mit ihrem etwas kürzeren linken Bein mehrmals den Hof überqueren. Nacht für Nacht hallten ihre Schreie und Streitereien gegen die Welt wider, schnarrte sie Unannehmlichkeiten durch das offene Fenster und das bei dieser Kälte. Ein um den Kopf gebundenes Tuch hielt ihre Haare zusammen und ließ ihr Gesicht unverhüllt. Gerötete Wangen, graue Augen, ein rundes Gesicht und ungefähr siebzig Jahre alt. Ein bisschen korpulent und von ihrer Statur her eher klein.

 

– He, du Mädchen da! – brüllte sie aus vollem Hals.

– Wer? Ich? – antwortete die auf ihrem Nachhauseweg überraschte Nachbarin verblüfft.

– Ja, Sie meine ich! Oder ist hier etwa sonst noch jemand im Hof?

Danach ließ sie eine Tirade von obszönen Beleidigungen auf sie niederprasseln.

 

An einem Nachmittag hörte sie ihre großen lärmenden Schritte die Treppe herunter hasten. Sie klopfte an ihr Fenster und sagte dabei etwas, das sie nicht verstand.

– Da ist jemand.

Bety schaute sie an, verwirrt.

– Ich warte darauf dass er zurückkommt, – sagte sie.

 

– Ich habe alles für ihn vorbereitet, – betonte sie. – Den Tisch, das Bett, das Zimmer, die Zahnbürste.

 

Bety lud sie auf einen Kaffee ein. Sie war überrascht, schüchtern, ohne genau zu wissen, ob sie annehmen oder besser hinauslaufen sollte.

– Wann ist er denn weggegangen? – Hielt die Novelista sie auf.

– Ich weiß es nicht, er ist einfach noch nicht angekommen.

 

Also wartete auch sie. Wir alle warten auf etwas, dachte Bety sich. Laut Tao bis die Leiche des Feindes durch deine Haustür getragen wird.

 

– Ich habe Schreie im Hof gehört… – bemerkte sie, während sie den Kaffee einschenkte.

– Ja, das war ich… – antwortete sie entschieden.

– Und warum? Haben Sie sich über jemanden geärgert?

– Ich führe Selbstgespräche, weil ich niemanden habe, mit dem ich mich unterhalten kann. – Erklärte die Blonde, während sie ihre Kaffeetasse zum Mund führte.

 

Bety war beeindruckt. Tage zuvor war sie bei einem Laden stehen geblieben, der Haustiere verkauft und nur wenige Häuserblocks entfernt liegt. Sie hatte die kraftvollen Farben eines Aras vom Schaufenster aus bewundert, es gab nichts Besseres als Tiere, um der Einsamkeit zu entkommen, davon war sie überzeugt, doch die Dame konnte sie weder mit einem Hamster noch mit einem Kanarienvogel zufrieden stellen, sie brauchte etwas Überzeugenderes, etwas, das ihrem Charakter entsprach.

 

– Was halten Sie von einem Papagei? – schlug sie ihr vor.

– Ein Papagei?! Und wer soll sich um ihn kümmern? Nein, nein, das ist das Lustigste, was ich je in meinem Leben gehört habe – entgegnete sie. Frau Schmidt war in jungen Jahren Friseuse gewesen, ihr Mann war im Krieg umgekommen, sie erhielt keine Rente, aus irgendeinem Grund den Bety nicht verstand, das Alter hatte sie in dieser riesigen Wohnung überrascht, in der sie kein Geld hatte um die Heizung zu bezahlen und es kalt war. Kalt. Verrückt vor Kälte. Wut. Von den Plastikvorhängen ihres von Feuchtigkeit triefenden Badezimmers aus hatte sie einen schwarz gekleideten Mann herauslaufen sehen.

 

– Wo genau denn? – forschte Bety nach, während sie den letzten Schluck Kaffee austrank.

 

– Er kam hier entlang, ich hab ihn gesehen, – beharrte sie – Deshalb habe ich an ihr Fenster geklopft. Ich will ihn haben, ich werde ihn wieder mit zu mir nach Hause nehmen.

 

– Kommen Sie, wir werden die Wohnung Schritt für Schritt überprüfen, bis der Verdammte wieder da ist wo er hingehört. – Sie redete ihr nach dem Mund. – Und was hatte er an? Er war also angezogen wie ein Schornsteinfeger?

 

Und sie guckten unter dem Bett nach und hinter dem Kühlschrank, im Ofen und in den Schränken, in der Speisekammer und auf dem Heizgerät.

 

– Nichts. Er ist vorerst noch nicht gekommen – bestätigte Die Schriftstellerin sehr ernst.

Sie glaubte ihr. Sie trank den Kaffee, aß die Plätzchen, danach nahm sie eine Suppe zu sich und schließlich kamen die Nachrichten im Fernsehen.

 

– Ich werde auf ihn warten, beharrte sie. – Wenn ich in meine Wohnung gehe, werde ich ihn nur wieder vermissen – murmelte sie.

 

Die Novelista hatte nichts dagegen. Von da an war Frau Schmidt für sie die Verrückte der Papageien. Sie wurden Freundinnen, Kameradinnen, vereint bis zum geht nicht mehr. Betys Persönlichkeit erforderte dies. Sobald sie sie brauchte, suchte sie sie wieder auf. Sie stellte sich hinter den Badezimmervorhang und machte Geräusche. Die Verrückte der Papageien erschreckte sich nicht. Aber sie schrie weiter aus ihrem Fenster heraus.

 

– Es ist nichts Persönliches, – behauptete sie – Es ist nur, damit die anderen wissen dass ich da bin.

 

 

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BIO

 

Esther Andradi ist Schriftstellerin. Sie lebte in verschiedenen Ländern und pendelt zwischen Berlin und Buenos Aires. Geboren wurde sie in Ataliva, einem kleinen Dorf in der argentinischen Pampa. Nach dem Studium der Publizistik in Rosario wanderte sie 1975 nach Lima in Peru aus, wo sie als Reporterin, Kolumnistin und Chefredakteurin tätig war. Seit 1983 unterrichtete sie Spanisch in Berlin, führte Interviews für die Deutsche Welle, schrieb Drehbücher für Fernsehen und Rundfunk-Features, wurde Mutter. Sie hat Chroniken, Erzählungen, Mikrofiktionen, Gedichte und Romane veröffentlicht. Ihre Erzählungen sind in zahlreiche Anthologien in verschiedenen Sprachen eingegangen. Ihre Essays über Kultur, Migration und Erinnerung erschienen in Amerika, Spanien und Deutschland. Sie hat die Gedichte von May Ayim ins Spanische übersetzt, gab die Anthologie VIVIR EN OTRA LENGUA (In einer anderen Sprache leben) heraus und stellte die Literatur von Lateinamerikanern, die in Europa schreiben, vor. Ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt, unlängst ins Isländische.

 

 

http://www.andradi.de/de/biographie/

https://www.klakverlag.de/

 

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