Elke Heinemann

 

 

(Deutschland)

 

 

 

I

 

Es war einmal, kann man oft und leicht sagen, aber in diesem Fall ist es wirklich wahr, es war einmal. Und dann noch einmal. Und dann noch einmal. Und immer so fort.

 

Es war einmal, dass ich im Traum einen Mann sah, er war klein und grün und hatte eine große Nase. Er war der Mann meiner Träume. Ich konnte ihn keiner anderen Frau unterschieben. Es war unmöglich, eine Protagonistin zu erfinden, die mir glich und an meiner Stelle von dem Mann träumte. Der Traum hatte mich ausgewählt, als wäre er ein altes Märchen, und in dem Traum gab es ihn, den Mann meiner Träume.

 

Er war nackt und sein Geschlecht war genauso groß wie er selbst. Er war grün und knorrig wie ein vermooster Olivenbaum nach hundert nassen Wintern. Wenn er sich umdrehte, was er selten tat, verwandelte er sich in ein duftendes Blumenbouquet. Er überreichte sich mir selbst, verwelkte und verwandelte sich zugleich in ein goldenes Herz. Das goldene Herz stieg hoch auf in den Himmel, bis es der Sonne zu nah kam und zerplatzte. Denn es war mit Luft gefüllt, nicht mit Liebe, wie ich es mir in meinen Träumen einzureden versucht hatte.

 

Der Mann war nicht nur der Mann meiner Träume. Er war auch der Mann meiner vielen durchwachten Nächte. Er lag an meiner.

 

 

 

II

 

An keinem besonderen Tag wie diesem versuchte X., sein Ich zu vergessen und mit ihm die Last der mir-meiner-meines-meine-mich-Beziehungen, die Geschichte und die Vorgeschichte seines Ich, die Suche nach ihm, die Versuche, es zu verändern, zu verbessern, zu optimieren, die Sehnsucht, von ihm glücklich gemacht zu werden oder es beglücken zu können. Nichts davon war gelungen. Aber auch das Vergessen wollte nicht gelingen. Also beschloß X., sein Ich zu ermorden. Allerdings stellte sich die Frage, wie er sein Ich ermorden könnte ohne zugleich sich zu ermorden. Daraufhin sagte X., dass er ein anderes Ich an die Stelle seines eigenen Ich setzen wolle. Dieses neue Ich erhält einen Namen, ein Geburtsdatum, eine physische Erscheinung und eine Geschichte, und nichts von dem hat etwas  mit dem alten Ich zu tun. X. ist der Erschaffer, der Besitzer und der Betrachter des neuen Ich. Aber er wird es nicht an seine Stelle setzen, denn X. ist froh, kein Ich mehr zu haben. Pfeifend zieht er seines Weges, weiter und weiter fort von dem alten und dem neuen Ich.

 

 

 

III

 

Ich habe mein Gesicht verloren. Das habe ich schon mal irgendwo gelesen. Aber so, wie es dort gemeint war, meine ich es nicht. Ich sehe mich auf einem Foto, das lange Haar fällt über Schultern und Rücken, die Hände sind über den Hüften verschränkt. An der Wand, auf die ich zu starren scheine, hängt eine weltkugelrunde Collage aus Fotos, die an Seilen aufgeknüpft sind wie Marionetten oder Gehenkte. Vor mir die verdrehten Augen, die aufgerissenen Münder, ein behaartes Stück Haut, der Nabel in der Bauchfalte, Finger streicheln wildes Haar, Zähne in einem Ohrläppchen. Die Titten, Schwänze, Ärsche und Mösen. Meine verdrehten Augen, meine aufgerissenen Münder, meine Zähne sehe ich nicht, ich sehe nicht meine streichelnde Hand, meinen nach hinten gebogenen Hals. Vergessen die Begierde, unvermeidlich die Ohnmacht. Vor mir die Zärtlichkeit und die Gewalt. Vor mir die Liebe. Vor mir die Andere.

 

 

 

IV

 

sie will ihn inwendig sie will in ihn hineinkriechen wie ein tier in die schützende höhle sie will dass alles in ihm ihr platz macht sie will dann durch seine augen in die welt schauen hallo zur welt sagen mit seinem mund sie will seine zunge unter seine zähne schieben sie will seine hand geben irgendjemandem der gerade vor ihm steht sie will seine erektion spüren inwendig wie sich sein schwanz verhärtet wie er in irgendjemanden der gerade vor ihm liegt hineinstößt sie will die sein in die er hineinstößt und sie will er sein der in sie hineinfährt sie will keine trennung mehr nie mehr ich bin du du bist ich sie will endlich auch ein innen haben sie will ein innen sein sie will sein innen sein

 

er will nichts von dem das sie will er will sie nicht innen er will sein eigenes innen sie ist im außen zu sehr im außen dass er nicht merken könnte dass sie nichts mit seinem innen zu tun hat er will allein sein auch zu zweit auch wenn er in sie hineinstößt ist er nicht eigentlich in ihr er ist in einer befriedigungsmaschine die er sich selbst zurechtlegt ein orgasmusapparat der zu seinem schwanz gehört.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kurzvita

 

Elke Heinemann wurde in Essen geboren. Nach Magisterab-schluss und literaturwissenschaftlicher Promotion an der Freien Universität Berlin, Besuch der Henri-Nannen-Schule für Journalismus in Hamburg sowie längeren Aufenthalten in Paris und London lebt sie als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin, dem Deutschen E-Book-Award in der Sparte « Fiktion » und dem Stipendium als writer in residence der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran. Sie hat Romane und Monografien veröffentlicht, Kurzprosa, Hörspiele und Radio-Features, auch war sie an intermedialen Projekten beteiligt und von 2015 bis 2016 Kolumnistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 

Weitere Informationen, Leseproben, Presse, Kontakt:

www.elke-heinemann.de

 

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