Elke Heinemann

 

FOTO © Heidi Scherm

 

(Deutschland)

 

 

 

morgen

morgen. viel zu früh, um anzufangen. wieder einschlafen. dann anfangen. aber was anfangen. anfangen, sinn zu stiften mit dem stift. anfangen, sinn zu stiften mit den wörtern. anfangen, sinn wieder herzugeben. dann wieder sinn stiften mit dem stift. dann wieder sinn stiften mit den wörtern. dann wieder sinn hergeben. dann wieder anfangen. aber was anfangen. dann wieder einschlafen. viel zu früh, um anzufangen. morgen anfangen.

 

morgen

morgen oder heute

oder heute morgen

oder heute

 

heute

heute morgen

heute oder

morgen

 

morgen

heute morgen

morgen oder

heute

 

also

los

so

los

also

los

störung

gescheitert bei dem vergeblichen versuch die störung zu beseitigen  eine normalität zu erzwingen die geschichte neu zu erfinden eine biografie zu entwerfen zu der liebe gehören sollte als positive erfahrung als schritt auf dem richtigen weg kein straucheln kein fall nicht ohnmacht nicht sprachverlust und doch ist es als gehörte diese biografie zu einem anderen leben als wären die mit ihm verbundenen protagonisten schauspieler eines stückes dessen text noch erfunden werden müsste

 

 

 

Verwandte

 

Sie sitzen einander gegenüber, fragen sich, was in den vielen Jahren geschehen ist, in denen sie einander nicht gesehen haben, etwas, das sie in den Gesichtern der anderen lesen könnten, sie sehen, dass sich die Gesichter der anderen verändert haben, sie sind anders als damals, vor vielen Jahren, als sie alle einander ähnlich waren, sie fragen sich, ob sie in den Gesichtern der anderen lesen können, was mit ihnen selbst geschehen ist in den vielen Jahren, in denen sie die anderen nicht gesehen haben. Diese Frau kann den Blick nicht abwenden von dem Faltenkreis, in den sich das Auge ihrer Kusine zurückzieht, wenn sie lacht, jedes Mal, wenn die Kusine lacht, werden ihre Augen unsichtbar, übrig bleibt nur der Kreis aus Falten, zu dem sich das ganze Gesicht zusammen zu ziehen scheint. Wenn die Kusine nicht lacht, entspannt sich das Gesicht, aber der Abdruck der Faltenkreise bleibt auf der Haut zurück. Dann lacht sie, die Augen verschwinden, ihr Gesicht ist ein Faltenkreis. Lachen, Faltenkreis, die Frau sucht vergeblich nach den Augen der Kusine, die ihren eigenen Augen nicht ähnlich sind, sie glaubt, ihre eigenen Augen ähneln den Augen des Großvaters, die Augen der anderen den Augen der Großmutter. Jetzt ist wieder der Abdruck des Faltenkreises in dem Gesicht der Kusine zu sehen, die Großmutteraugen, das Großmuttergesicht, das sich über das Gesicht der Kusine wölbt. Der Faltenkreis, in dessen Tiefen die Großmutteraugen hocken mögen. Der Faltenkreis, in dem sie vergeblich nach den Großmutteraugen sucht. Der Faltenkreis, in dem die Großvateraugen vergeblich die Großmutteraugen suchen. Da bemerkt die Frau im Zentrum des Faltenkreises die Augen der anderen, die den Augen der Großmutter nicht ähneln, die an kein anderes Mitglied der Familie denken lassen, die wie die Augen einer Fremden wirken, einer Frau, die sie noch nie gesehen hat. Und plötzlich wirken auch die anderen Verwandten wie Fremde. Bevor sie den Raum verlässt, blickt sie zurück. Die anderen sitzen da, lachen, erkennen die anderen wieder, werden erkannt nach all diesen Jahren.
Mädchen

Sie ist sechs, und es gibt einen Moment in ihrem Leben, in dem sollte sich alles ändern. Jetzt, denkt sie, springt. Mit beiden Füßen zugleich. Über die unsichtbare Linie, über die Grenze, die da irgendwo sein muss. Das ist der Tod. Sie hat ein einziges Mal eine Tote gesehen, die Großmutter, bleich, puppenhaft geschminkt, sie lag auf Kissen und Decken, unter Blumensträußen und Kränzen, viel Weiß mit Dunkelgrün. Man hatte ihr gesagt, dass die Großmutter tot sei und daher nie mehr aufstehen werde. Das ist der Tod, denkt das Mädchen. Man muss nie mehr aufstehen. Wie oft hat es sich seitdem den Tod gewünscht! Fast jeden Morgen, wenn die Mutter das Bettlaken von seinem Körper reißt, in das es sich tief hinein gedreht hat. Und so springt das Mädchen. Mit beiden Füßen zugleich. Und überlebt. Vielleicht will es eines Tages Extremsportlerin werden. Vielleicht sehen wir es dann im Fernsehen wieder. Das wäre doch spannend, oder?

 

 

 

Traum LXXXVIII

 

Ein Glashaus in einer nächtlichen Landschaft, es ist erleuchtet, in ihm ist ein Mann zu sehen, der gerade zu einer Frau spricht. Vielleicht bin ich diese Frau. Ich frage mich, welche Geschichte die beiden miteinander verbindet. Da zieht die Geschichte vorbei, riesig, schnell, viel zu schnell, um sie aufzuschreiben. Ich träume den Traum noch einmal. Auf der dunklen Wiese steht das beleuchtete Glashaus, in dem die Geschichte eines Mannes und einer Frau spielt, langsam, zum Mitschreiben. Aber ich schreibe nicht mit. Ich erwache. Und habe die Geschichte vergessen.

 

 

 

Traum CCLXVII

 

Ein Jahr vom Leben aussetzen. Als wäre es eine Erfindung. Eine Folge von Fotografien. Umarmungen, Verletzungen. Nichts anderes ist auf diesen Aufnahmen zu sehen. Die Bereitschaft, etwas mit sich machen zu lassen, das man nicht will. Der Mann steht auf, geht fort, die Frau bleibt, notiert etwas oder nicht. Das Leben könnte enden, wenn man in der Lage wäre, es zu führen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kurzvita

 

Elke Heinemann wurde in Essen geboren. Nach Magisterabschluss und literaturwissenschaftlicher Promotion an der Freien Universität Berlin, Besuch der Hamburger Henri-Nannen-Schule für Journalismus sowie längeren Arbeitsaufenthalten in Paris und London lebt sie als Schriftstellerin in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie hat zwei Romane veröffentlicht, zwei Monografien, überdies unter anderem Erzählungen, Essays, Prosa- und Audio-Miniaturen, Hörspiele und Hörfunk-Features, auch hat sie sich an intermedialen Projekten beteiligt. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Weitere Informationen, Leseproben, Pressestimmen: http//:www.elke-heinemann.de

 

Ausgewählte Auszeichnungen:

 

1994        Stipendium des Berliner Senats im Künstler-haus Schloß Wiepersdorf

1999        Förderpreis zum Literaturpreis Ruhrgebiet

2000        1. Preis Floriana Biennale für Literatur (A)

2002        Esslinger Bahnwärter-Stipendium für Literatur

2005        Auszeichnung beim 1. Literaturpreis des Freien Deutschen Autorenverbandes

2006        Finalistin der ARD in der Kategorie „Hörfunk-Feature“ beim Prix Italia

2008        Hörspiel des Monats Juni der Deutschen Akade-mie der Darstellenden Künste

2009        Finalistin beim Limburg-Preis für Literatur

2012        Alfred-Döblin-Stipendium, Akademie der Künste Berlin

 

 

www.elke-heinemann.de
info@elke-heinemann.de

 

 

 

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Auswahl Pressestimmen 

 

KISS OFF. Bestseller in Echtzeit, Edition Nautilus, Hamburg 2008, brosch., 112 S., Abb.

Elke Heinemanns provokanter Roman « Kiss OFF » macht Stimmung gegen Kommerzialisierung. Die Berliner Literaturkritik, 25.06.08

Temporeich, kurzweilig und mit selbstironischem Witz vorgetragen und erstaunlich trickreich erzählt. Konkret Literatur Nr. 33, 2008/2009

Kunst meets Frauenroman: unkonventionell und innovativ, postmodern, irrwitzig und ironisch, konsum- und sozialkritisch, feministisch und frisch – das alles ist « Kiss Off ». Elke Heinemann hat ein außergewöhnliches und bemerkenswertes Buch kreiert! AVIVA Online-Magazin für Frauen, 18.11.2008

Lesen Sie doch zur Abwechslung einmal nicht den brandneuen, ultimativen, verstörendsten, sanftesten oder berührendsten, sondern den maßlosesten „Bestseller“ der Saison. Goon. Magazin für Gegenwartskultur, 01.12.08

Der Spielplan. Ein Liebesroman, Edition Nautilus, Hamburg 2006, geb., 128 S., Abb.

Im Debüt der Berliner Autorin Elke Heinemann dreht sich zwar alles um die Liebe, statt weich gezeichneter Romantik verbirgt sich hinter dem Etikett aber eine böse Geschlechter- und Gesellschaftssatire. Der Tagesspiegel, 05.04.07

Wunder finden nicht statt bei Heinemann. Aber das Wunderbare an ihrem Roman ist, wie sie scharf ironisch Kunstfiguren, zusammengesetzt aus dem statistischen Durchschnitt, gegeneinander antreten lässt. Volltext. Zeitung für Literatur, 6/Dezember-Januar 2006

Einen tollen Roman hat Elke Heinemann da geschrieben, in dem sich Platitüden zur Geschlechterfrage und ein vollkommen wahnwitziger Plot gegenseitig die Köpfe einschlagen. Susan Geißler, junge Welt, 04.10.06

Ihr kleiner, eigenwilliger Roman ist, obschon ästhetisch und intellektuell anspruchsvoll, boshaft und hochkomisch. Gernot Krämer, Deutschlandfunk – Büchermarkt, 13.09.06

Heinemann beherrscht den Jargon der Sozialwissenschaften, eignet sich deren System, Gesellschaft zu analysieren an, um daraus einen Roman zu schlagen, dem momentan nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen ist. Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, 12.08.06

Die Damen heißen nach Frauenzeitschriften. Und was Elke Heinemann mit ihnen inszeniert, ist ein Diskursroman. Elmar Krekeler, DIE WELT, 22.04.06

Heinemann lässt nicht nur die derzeit gängige waschlappige Vornamenliteratur deutscher Jungautorinnen deutlich hinter sich, sondern macht sie gleich mit zum Teil der Satire. Sebastian Domsch, Die Tageszeitung, 25./26.03.06

Elke Heinemanns « Spielplan » wurde schon vor Erscheinen mehrfach ausgezeichnet. Zu Recht – eine wortwahnwitzige Verulkung von Geschlechterkampf, Kinderwunsch und Fernsehshow. Facts. Das Schweizer Nachrichtenmagazin, 02.03.06

Einer der originellsten Romane der letzten Zeit, boshaft und komisch bis zum Abwinken. Literatur in Essen, März/April 2006

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