Elke Cremer

 

 

(Deutschland)

 

 

 

vorlauf

 

im vorlauf aller wege

rückwärts nach rom

spur der steine

liegen gleise blind in gräsern

bodengeländer eines marsches,

im sucher des nachtsichtgeräts

zeigt die infrarotstrahlung

das kommende futur

geflickte zunge

nächster track

 

 

 

augenladung, spot

 

mesopotamisches schilfgrün / spot / mattierte

puderquasten / bemalte augenmulden trichter

in schlick getarnt das salvengeschütz / ton-

 

und tausende sind krepiert

 

tafeln auf sende- zeltplätzen / heller gedreht / spot

wattierte stiefel sinken in mehrdünige netzhaut /

rostrot unterlaufen auf sonne gepeilt / leuchtfeuer

 

und du kannst sie nicht mehr unterscheiden

 

zielen auf / stationen entlegener zeltpartien neben

verwitterten göttern / ur und mohn kapseln ver-

sprengter ladung / spot

 

und jeder, der dich ansieht, ist dein feind

 

 

 

Wellen

 

Dass tagelang Wölfe umherstrichen

in ihren Fängen

die kolorierten Bilder ihrer selbst

bis das ausgreifende Denken im Galoppieren Zisternen füllte

 

Eine rostige Blume aus Eis am Fenster siehst du

das Tier Großstadt mit Zähnen aus Baggern und

Blechspielzeug die Zündkerzen rußen bis das Schweben in

Erdschwere versank in Zeichen voller Schneereste eisgrau

lackiert auf Zinkplatten die

Topographie der Tage voller gezackter

Straßen und Blicke über Schultern wie die von Verfolgten

sich einbrennen und Datenspuren löschen beim Nachhause-

Weg in ein Würfelsilo Hochhausghetto dritter Stock und blinde

Wände voller stummer Tapetentüren in ein unkämmbares

Waldgelände Federstrich aus

Kriegsschutt Müllbergen und

Schlittenfahrten vor

Legionären und Absperrzäunen eine Baracke mit Jeeps

die französischen Lieder und betrunkenen Prostituierten

 

In diesem Schnee öffnete ich die verklebten Augen

vor Zollhäusern auf einer faden

planierten Piste voller Kunststücke auf Rollschuhen und Fahrradsätteln

und Rasenschachplätzen öffnete ich meine eisverklebten

fröstelnden Finger zum ersten Mal

 

 

 

schöneberger elegie

 

der himmel geht in lumpen

zwischen ölbohrinseln gasometer

und fleischigen autoreifen

müde blumenkübel zu zerschneiden

 

vom mond aus betrachtet

sind die zimmer deiner entkleideten tischlerei

weiche linien hängender gärten

in denen düfte zirkulieren

wo wir bei tagundnachtgleiche

wiesenschaumkraut polieren

den mond im kopf im mond verloren

in blassen astgabeln schaukeln

uns gegenseitig lauschen

und nachts unsere baumwipfel tauschen

 

 

 

linien aus bienen

 

und das präzise einfädeln einer wortreihung

in die silben des straßenverkehrs

das zeigen einer sommerhandfläche

linien aus bienen aus grashalmen straßenbahnschienen

bis sogar die paletten

sich vom staub abheben

das schimmern einer rückwärtsdrehung

als ob die gestrige erinnerung festzuhalten

helfen könnte dass sogar die paletten

sich abheben vom staub

der vergrößerten stadt

am morgen

 

 

 

 

 

 

 

 

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Elke Cremer, geboren in Ludwigshafen, studierte Literatur und Musikwissenschaft in Freiburg, München und Florenz. Tätigkeiten im Verlag sowie in der Erwachsenenbildung beim Volkshochschulverband Baden-Württemberg. Seit 2013 lebt und arbeitet sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Lyrik, Essays, Prosa und verfasst Hörfilme für die „Deutsche Hörfilm“.

Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (allmende, Versnetze, Berliner Anthologie, …).

Romanisten-Stipendium des DAAD, 2011 Lyrikförderpreis der GEDOK Heidelberg, 2012 Literaturstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg.

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